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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-18 · Heft 356 (18.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 356 (18.1.1920)
Date
1920-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Giir?»l<»eittptar: ßir'ris KM- Pränumeration»« preise: iitui Bit» kvhole« fnfctt .xpeditiv«, 2. BeM, Tabor« fhrnfte 1 biS U, oder in einer _ Vrrslhleitzstelle «Trafik): Monatlich.. Krone» 1«,- Ätertcljährlich .. Uv- Mit Pokwersmld für Wir» irnk . Oesterreich; Mouailtch .; Krone» 18.— .Ttchecho-Glowakerr Monatlich .. Kronen 9.- «ierteljührltch „ SV.- t» tschechU'slowartschcrDähnmg . Polru und Ungarn: Monatlich .. Kronen 18.— m entsprechender WÄrung drl 'betreffenden Landes renrr 9f«f«niyn»riat Vreis 50 Hell» Pränumeration»» preise für Dentschlandr , - Monatlich . . . Mark A-* Monatlit?^/A«mr» au JtaNenr Monatlich .... Lire 8*^ Monatlich^^.^rankS ».-- Nedattlou«.Admr»iHr«tkra W ten,S. Bal.,LaborstrL—». Delephonee Administration 4408?,. Redaktion 4»S1». ab 6 Uhr abend- Nr. 16301 Postsparkasfenlonto löO.fiSS Nr. 356 Wien, Sonntag, den 18. Jänner 1920 2. Jahrgang Präsident Paul Deschanel.; . — 7. Wi e n. 18. Jänner. , 4. Der neue Präsident der französischen Republik heisst nichtCIemenceau. sondern Parst Deschanel. Kr ist der zehnte Präsident, der Republik und stand schon vor sieben Jahreil aus der Kandidatenliste für dieses hohe Amt, als ihn sein Freund Clemenceau plötzlichnominierte, um ihm bei dem Uebergewicht Poincares eine schmerzliche Niederlage beizubringen. Nun ist Deschanel für die nächsten, sieben Jahre zum Leiter Frankreichs bestellt Worden, während Clemenceau, alt .und verbraucht, ins private Leben znrückrreten muß, nachdem er noch eben erst als der künftige erste Repräsentant seiner Nation genannt, und gestürzt worden war.- Der Kampf, der in Mter Stunde ansgebrochen ist, war kurz und heftig. Aemenceau, der alte. Ministertöter, istdiesmal seinem ■ Hegrissn Brianderlegen, der in letzter Stunde als'Königs-) Mcher äüftiat und als Meister parlamentarischer Technik feinen -Kandidaten,durchsetztes. - - . * Die riesige Stimmenzahl, -die Deschanel auf sich vereinigt hat' — von- 889 Stimmberechtigten gaben 734 jhren' Zejtel -fiiv ihn ab — ist wohl zunächst aus die eigentümliche.Situation zurückzuführen, die der VorstoßgegenDlemenceau - vorgestern geschaffen hatte.- In die Parteien der neuen Kammer war eine, grenzenlose Verwirrung gekommen. Clemenceau, "Sei: die Attacke Vriands unterschätzthat, zögerte mit einer klaren Stellungnahme, .hielt die Kandidatur bald aufrecht,- bald PL. er sie zurück/ Seine persönliche Unbeliebtheit.tat dann das.ihre,, urn Radikale, .Sozialisten, Klerikale und die Blockparteien zu'.einigen.' Man muß bedenken, daß Clemeneeaü, der eiserne, rücksichtslose,Politiker, der sich beim Vo'lk wegen seiner suggestiven. Kraft, seines Redner-, talenteS. und wegen seines unbeirrbaren Glaubensan oey^SLeg„enl.er.grenzenlaseis Popularität:.erfreute, in der- Kammer M..-Hz, :verMDsten^DolstWy.5zHÜe,-' Ex hät^ pur. Parteigänhöt gehabt, abex Me' einen'.Freimdl Wie alle großcn Männer, geht auch'Clernencean ernsain seiner Wetze, nachdem er die große ' Stunde seines Lebens erreicht hat, den großen,, restlosem Sieg über'Deutschkünd.'.Der junge'Arzt, der als Vezirksvorsteher.in Paris den Einmarsch Wilhelms des.Ersten. mitansehen, die Schrecknisse der Kommune miterleben wüßte,.der"zwischen oer nach Bordeaux geflohenen Kammer und'den Sozialisten vergeblich zu vermitteln Versüchte, hat das Seine dazu getan, die Revanchidee immer.von neitem zu beleben, mit Poincare zusammen die Wunde immer frisch ruch blutend zu erhalten, bis der Elsaß wieder zu Frankreich zurückkehrte. - Aber die Politik des Hasses hat sich im Augenblick ihres Triumphes erschöpft,. Frankreich ' steht am' Ziele feister Wünsche, aber es ist durch den Krieg erschüttert, hat' furchtbare Opfer an Blut und Geld gebracht,' seine schönsten und reichsten Landstriche' inl Nordpn. sind zerstampft und verarmt. Frankreich muß an den Frieden lmd den Wiederaufbau denken und . dazu ist der erste Schritt wohl bie Abkehr von seiner bisherigen Stellung. In dieser Stimmung hat es dem Mann, der' es zun,.' Diego führte, den Dank dadurch bewiesen, daß es seiner Partei die Mehrheit in' der. Kammer sicherte. Aber ihm die Führung des Staates für' die.kommenden'.'stehen' Jahre,-die Jahre des Mangels sein werden, anvertrauen, dazu konnte sich Frankreich nicht Verstehen,, wenn , es nicht die' Feindschaft mit' Deutschland ' verewigen und das. -tachegefühl in Deutschland zu einer schmerzlichen Intensität ansstacheln wollte. Und. deshalb konnte der Schlag, den Aristide Briand,. der immer als Freund. )er- Versöhnung galt, gegen best Tigdr stihrte, gelingen. Der neue Präsident hat. es verständen, in.allen' lagern Liebkind zu seln.ünK!Mbst!Wn, ^.Er ist .ein Mann' des Salons, ein! tonangebender Mtzgänt, der . über istnsenöundein Dinge hübsch.zu .Mildern und geistreich zu schreiben versteht. Er ist für die'„Gloire" eingetreten und für den Friedem Er hat nationalistisch und dann gleich sozialistisch gesprochen und selbst im Kriege, der' kn Frankreich fast noch mehr als im wilhelminischen Deutschland ein scharfes, deutliches' Credo forderte, ist Deschanel ein; unbeschriebenesBlatt geblieben. Den, harten, jchroffen, scharfkantigen Clemenceau' trat ein rundlicher, farbloser, abgeschliffener Charakter entgegen ein Mann, der -vielleicht hoffentlich — auch die Stimme Deutschlands hören und verstehen'wird. Deschanels Wahl leitet sine neue Epoche in der Geschichte Frankreichs, ein. Sein Vorgänger Poincare, ein Kind des Elsaß, kam ins Elysee mit dem entschlossenen Willen, die Freundschaft mit Rußland auszubaucn und Verbindungen zu allen Staaten an-nknüpfen, die sich durch Deutschlands Größe und sein Origes Säbelrasseln. bedroht alanbtrn. Er 'ist in freu Deschanel Präsident der französischen Republik. Paris, 17. Jänner. (Funkspruch.) Paul Deschanel ist zmn Prüsidenteu der französischen Republik gewählt worden. Dis Wahl Deschanels znm Prü'fidenten der Reprrbttk erfolgte mit 734 von 889 Stimmen. Clemeneeau scheidet ans dem - politischen Leben. 'Paris, 17. Jänner. (Havas.) Den BLättern. zufolge wird Clemeneeau aus,dew poMifchsn Leben scheide« und seine polemische Feder nicht mehr SetaLigen. Gr wird nächste Woche nach La Tranche ahreiserr, wo er seine Memoiren über den Krieg zrr schreiben begimtS« wird. ‘ Paris» MMnner.' (HavaZ. VerWtct eingrtroffcn.)' Noch der Probcal»stimmnng M, die. Präsidentenwahl richtete Clemenceau ' stvtz der.drmgmden Bitten der-Minister, seine Kandidatur ans-- ^echi'ustrhalten, an1 destVölMWen der ßtationalversaürmlung.. öcon'B o ü r'g e ö i S, 'ein^Schrechen, worin es httßt r Ich erlnnbe rpie,- Sie zu verständigen,-, -daß ich meinen F r e nn den' die ,E r l a u,b n i s e n t z i e h i, meine K a n d i-d a t u r j f H r d i e P r ä s i d e n t sch a f t d e r N e p u b' l \ t a u sz.n stell e n - und daß ich, .. .wenn sie sich darüber hinwegsetzen und iür mich 'die Mehrheit erlangen-würden, das so verliehene Mandat-.nicht annehmen würde.' Deutsche Stimmen zur Niedsrlage Etemeneeans. Berlin-, 17^ Jämm> (Trl-Komp.) Das.„Berliner Tage-- ööiti"; st^reiSt . M'PräßdKltjchastsw.ahl steich und M - NiKderlägs--Clenience1N!L 'iverdePD«^/imUrankveich)/'emep ' andere P'olitiEtr'eihclu' WLreHcmenceän Präsident nndMlllemnd. sein Ministerpräsident geworden,, '.dann hätte die.nationale Ge-' sühlspolitik fortgedarmt. M werde eine andere Nuance, ein' anderer Ton, ein Nebergang vom rein Gesöhlspvülischin. zum Realpolitischen. kommen, wenn auch vorläufig noch nicht mehr zn erwartm sei. . Krieg gezogen und Hat ihn dank Clemenceans fabelhafter Geschlossenheit, siegreich beendigt. Aber . der russische Freund' ist inzwischen zum Femd geworden. Die Verbiindeten haben alle Hände voll, mit deneigenen Sorgen unh.so mutz Frankreich allein in einen neuen Abschnitt < seiner Enkwilflung eintreten, als. eine Rasse, die sich, dem Niedergang" zuzuwendch, scheint. Auch Frankreich kann > nur'gesunden, wenn es sich dem Frieden Zuwendet und zur Freuttdschafk' Mt" dem ganzen Europa zurückkehrt.^ Wenn Präsident Deschanel dieses Ziel erreicht, dann ist : der gestrige Tag ein; guter für Frankreich gewesen, . Ei« HEes IkhrhunLLrL. - - ' ' ' l. W i e u. 13. Ianmr. Vor fünfzig Jahren hat Bismarck im Spiegelfaal des Königsschlosses von Versailles'das deutsche Kaisertum proklamiert.Aus einem schwbren und blutigen Krieg war als erste Frucht die Einigung des Reiches unter preußischer Führung gereist ' und was am 18. Jänner 1871 unter der jubelnden Zustimmung her ganzen deutschen. Nation auf. dem Boden Frankreichs. von den Führernder deutschen Politik' getan wurde, schien einem Werk Al, gelten, das: der Ewigkeit trotzen sollte.- Cider, der Vielgereiste, sieht nach je 300 Jahren aus einer Wüste eine volkreiche Stadt entstehen, die sich dann wieder zur Wüste wandelt, aus der später ein Meer wird. Es scheint, als ob der Zeitraum von 500 Jahren zu weit gegriffen ist, umso große Ver-. Änderungen zu erklären. Ein halbes Jahrhundert hat genügt, den Vau, den Bisnmrck mit-Blut und Eisen er®; richtet hatte, zu zerschmettern "nd Deutschland znr wehrlosen Beute der Feindschaft der ganzen Welt zu/erniedrigen. In diesem halben Jabrhundert hatte Deutsch- - land seinen wirtschaftlichen Aufstieg vollendet, stand. politisch in der ersten Reihe der über die Geschicke der Welt entscheidenden Mächte ,md stürzte plötzlich in die Tiefe, als es, von Uebernnlt erfaßt, nach der Weltherrschaft greifen wollte. Die Bundesgenossen, die es in den Krieg mitgerisfen hatte, rasten neben ihm in den Abgrund, Oesterreich-Ungarn ist von der Karte verschwunden, Bulgarien ein Spielball in den Händen seiner Nachbarn unddie Türkei zu einen, Scheindasein verurteilt, dem die Siegerstaaten jederzeit den Garaus machen können. Aber auch die Siegerstaaten sind von dem Wirbel, der Kriegsschuld erfaßt worden, auch ihnen, bleibt die ge« roaltige soziale und politische Umwertung nicht fernem Deutschlands Gegner von einst, die französische Republik, ringt mühsam mit der Not, England ist aus einem Gläubiger der Welt zu einem Schuldner geworden. Italiens wirtschaftlicher Ban schwer bedroht. Nur Amerika steht aufrecht und seine kapitalistische Kraft ist so knisgereift, das; sie in Wahrheit die Herrschaft über die Welt anfricbten will. Die Völker des alten Kontinents babe,r in diesem halben Jahrhundert allzuviel von Deutschland gelernt, sie haben sich von seinen nult* tarift,scheu und imperialistischen Tendenzen in ihrer Entwicklung bestimmen lassen und ihre Politik darauf ein»,, gestellt, die deutschen Gewaltmethoden nachzuahmen.. - s : Der Krieg, der Europa bis zur Ausblututtg seinen physischen und materiellen Kräfte getrieben hat, wäre, wie wir aus den Enthüllungen der letzten Zeit erfahrenkonnten. zu vermeiden gewesen. Es hat ein paar Männer/, in Europa gegeben, die sich dem kommenden Unglück entgegenstellten und die eine mündliche Auseinandersetzung der Staaten anstrebten, um den Konflikt zwischen^ Oesterreich und Rußland in gegenseitiger Aussprache bei-, zulegen. Daß der Versuch mißlungen ist, ist nicht' die Schuld der Männer, die den Krieg verhindern wollten^ sondern die Schuld der Stimmung, in der ganz Europas damals befangen war. Man glaubte nicht, an dest Frieden. Die / besten Köpfe. Europas hielten den Zu-! sammenstotz der Mächtegruppen für unvermeidlich. m\tü; ihre Tätigkeit erschöpfte ^ich darin, ihn zu verschieben und mit der Schuld an der großen bewaffneten Ab-! rechmmg eine spätere Generation zu belasten. Hätte England im. Juli 1914 erklärt, daß es zu einem Krieg: nicht kommen dürfe und nicht kommen könne, so wäre vielleicht in Petersburg und - in Berlin ein etwas!; kühleres Urteil zutage getreten und man hätte die Brand«- .^Wex..iN..WiEW.'KMlchest'-än die Kette legen können^ Dast Wer^EMM MW Mne Politik - von. den Gene/ rälen^ und Admirälen beeinflussen ließ, daß e§ in fcesy entscheidenden Stunde seine Absicht aussprach, mit rnjden Krieg emzutreten, hat die Unrettbarkeit der Sftua^ iion herbeigeführt und das Schicksal der Menschheit für fünf Jahre der eisernen Hand des Krieges überantwortet. Denn Englands Haltung war eine Unterstützung der hetzerischen Agitationen Berlins, wo man den Wirt», schastlichen Wettbewerb der beiden Nationen schon seik langem in politische Feindschaft umgefälscht hatte, und! eine Verstärkung der chauvinistischen Unterströmungen in Rußland und Frankreich. Die giftige Saat, die durch ein halbes Jahrhundert lang in Deutschland nicht von dem deutschen Volk, wohl aber von denen, die sein V^r-i trauen erschlichen hatten, ausgestreut worden war, überwucherte die ganze Welt und warf ihre Keime'bis an die entlegensten Ufer. '; Aber diese Saat will das Vlutmeer des Krieges überdauern. Die Psychose des Krieges wirkt.noch immer und die Völker lassen überall noch immer jene Elemente an der Leitung der Geschicke, die sich zun, bewaffneten Frieden bekennen und den Gedanken des Völkerbundes» der Verfassung per Menschheit zu einem Zerrbild karikieren. Man will einen Völkerbund schaffen, - in dem die Besiegten nicht sind. Man spricht von der. Versöhnung der Völker und schafft Friedensverträge, die ein Hohn auf den Frieden sind. Man spricht von dem . Selbstbestimmungsrecht der Völker, anerkennt es aber nur für r^je Sieger.. Die Mentalität des Krieges herrscht noch immer. Die Staatsmänner, die den Frieden schassen wollen, entstammen den alten Systemen der - Gleichgewichtspolitik und der Geheimwirtschast; die Völker-Heftchen für sie nicht aus Einzelpersonen, sondern sind Objekte der Politik, die sie wie tote Dinge hin und her. schieben will. Die Völker wollen den Frieden, sie haben niemals einen Krieg angestrebt, weil sie wissen, daß das Nend des Krieges doch nur . sie selbst trifft. Aber sie verharren noch imMer dabei, sich ihrer-Macht zu begeben und ihr Schicksal in die Hände einiger weniger zu legen,- deren überlegener Gewandtheit sie blind. vertrauen. . Die Völker verstehen es nicht, daß mit. den< alten System auch die alten Methoden und die alten Männer-fallen müssen, die den Appell an die Gewalt für ein politisches Mittel halten. Die Völker verkehren miteinander nur durch die Träger eines mit Blutschuld' beladenen Systems. Wenn heute nicht Diplomaten und Generäle, sondern die arbeitenden Menschen zu ein» ander reden könntenso wäre es möglich, dem Unglück £5^5^61^^ und die FriedenZverträge zu beskitige»» die eine Schande für die Welt find. Aber das halNl Jahrhundert, das am 18. Jänner 1871 mit Gewalt belt aminen hat, dnö sich unter fortwährenden RüfiunL?,^

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