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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-15 · Heft 353 (15.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 353 (15.1.1920)
Date
1920-01-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jänner. ■ Man ist rn Rom besorgt! /Der Krieg hat der katho- When Kirche nichts Gutes gebracht. Er ist ohne, afto gegen sie geführt worden. Er hat an ihrem alten, erhabenen Riesenbau barbarisch gerüttelt, und nun verspüren die feinnervigen, scharshörenden römischen Priester ein Zittern im Gebälk... Sie prüfell, wägen und Rechnen und finden zum Schluß, daß die' katholische Kirche -licht zu den gewinnenden Siegern gehört. Fünf Jahre -var sie in schmerzhafte Ohnmacht geschlagen. Sie konnte ihre Stimme, die sonst allgewaltig über die Weiten des Weltalls schallte, den Allernächsten nicht hörbar machen. Wieder und wieder und immer vergeblich hat der Herr her Kirche getrachtet, ins Getriebe des großen Schlachtens tzrnzugreifen. Hier Frankreich und Belgien, dort Oesterreich, Ungarn, Bayern und die Rheinländer; gute, treu und lang bienende Sohne der römischen Mutter haben gegeneinander gewütet und waren taub für den Ruf, der von Rom her klang; ihnen war das Wort,'das vom heidnischen Washington, vom puritanischen London und vom protestantischen Berlin erging, heiliger Befehl. So wars im Krieg und jetzt ordnen die Ketzer Wilson, Lloyd George und der Kirche ungeratenster Sohn Clemeneeau die Welt. Und wie sie ordnen! Im Obersten Rat hat kein Priester Platz, ganz anders wie auf den großen Friedenskongressen von anno dazumal, wo der feine Kopf des päpstlichen Delegaten nicht fehlen durste. Apostolische Majestäten haben sie weggejägt, Deutschland fünf. Millionen katholischer Seelen ans dem Wunden Leib Gerissen und so die Macht des preußischen Protestantismus unendlich gesteigert. Sie haben ein Wetttribunal, den Völkerbund, eingerichtet und dabei Rom ausgeschlossen. Polen und Ungarn, wo anspruchsvolle Aristokxcrten ein katholisches Gottesgnadentum etablieren wMtzn mb dafür vom Heiligen Stuhle alle möglichen Unterstützungen für ihre verwegenen^ choMfchen AbentMr tzerläiitzen werden, sind ein magerer Profit. Man ist rir Rom besorgt! ...Immerhin sind das mehr äußere Leiden urrd die Kurie wußte schon mehr als einmal, Bedrängnis, die von draußen kommt, klug abzuschwächen. Kommt Zeit, Lpmmt Rat, man ist im Vatikan besorgt, aber nicht verzweifelt. Da bricht eine neue Schreckenskunde schwer herein: Daß katholische Tschechien steht in Flammen, Priesterrevolle! Ein Priesterkongreß, von ganz Böhmen beschickt, hat mit großer Majorität beschlossen, Rom nicht nur den Gehorsam, sondern jede Gemeinschaft zu kündigen. Er hat das Eheverbot für Priester und die lateinische Messe abgeschafft und das „Los von Rom" dekretiert. Er hat vom Heiligen Stuhle keine Zugeständnisse und Konzesfiönchen erbeten, hat nicht nach Gewissensfreiheit, Lockerung des harten Regimentes. Frei- We der Forschung, Wissenschaft und Deutung gewinselt ünd modernistisch gesäuselt, wie die Kirchenneuerer der letzten Jahrzehnte. Mit harten Fäusten haben die tschechischen Geistlichen der Kirche ins heiligste Innere gegriffen. Die Ehelosigkeit des Priesters ist die Urquelle der römischen Macht. Sie entrückt ihre Diener dem zermürbenden Alltag, den niedrigen Sorgen und der erstickenden Wärme des Schlafzimmers und der Kinderstube. Sie wehrt von ihm die Dertraickichkeit männlicher Schicksalsgenossen ab und erweckt' hingebende Ehrfurcht und kindliches Zutrauen bei Frauen und Jungfrauen. Sie macht die Kirche zur absoluten Gebieterin über die Zeit und die Kraft ihrer Knechte, sie braucht mit niemandem zu teilen. Hhre Allgewalt steht und fällt mit der Ehelosigkeit ihrer Diener. Nun rennen in Tschechien Vielhundert Kleriker mit Köchinnen, Wirtschafterinnen, Basen und Mündeln zum Traualtar. Die Eile gilt aber nicht der Frau, sie gilt der Kirche. Man will nicht so rasch in die Arme der Köchin als aus dem Schoße der Kirche hinaus. Es ist ein rascher Abbruch aller Brücken. Auch die lateinischen Meßbücher haben sie weggeworfen. Die den Gläubigen unverständliche lateinische Sprache des Gottesdienstes ist der zarte Schleier, welchen die katholische Weisheit zwischen die Gottheit und ihre Anbeter hernieder gesenst hat. Er macht nicht unsichtbar, er rückt nur die heiligen Bilder in gutberechnete Entfernung, welche die Formen schöner und weicher macht, welche das grobe Sehen zum wonneschauernden?fhnen werden läßt. Der Schleier ist zerrissen. Diese Kirchenrevolte ist auch so ganz anders, als alle früheren.. Empörung gegen die Kirche ging vordem von einzelnen, trotzigen Eiferern im Priestergewande ans, welche das Volk erst anfrühren lmifttcn. Der fromm rasende Pöbelhqufe hinter dem geistlichen Märtyrer war das Symbol M KöÄeÄrrr.UGr.. 2» LMMen ghA Mt HM VM Einstellung des Stratzenbahnverkehres ab Freitag. Sperrung aller Theater, Kinos unk Vergnügungslokale. — Betriebseinstellung der städtischen Elektrizitätswerke. Das Staatsamt für Handel rmd Gewerbe, Industrie und Bauten hat gestern nachmittags dem GemerndsraLspräfidiuw rrütgetertt, datz infolge des Streiks der Bahnarbeiter in Deutschland und der Bergarbeiter in Ostrau dieKohlen- Lieferungen aus diesen Revieren gänzlich ausbleiben werden. Da nun auch die polnische Regierung die Ausfuhr de« Kohle nach Oesterreich eingestellt hat, sind mir auf dis geringen KohleneinlLufe aus Nordwestböhmen angewiefru, wovon infolge des Bedarfes der Bahnen und der verschiedenen Approvisioniernngsg e w e r b e nur ein kleiner Bruchteil übrig bleiben wird. Das StaatsamL machte deshalb darauf aufmerksam, datz der Betrieb der städtischen Elektrizitätswerke auf das unumgänglich nötige Minimum, nämlich die sparsamste Versorgung dev Stadt mit Licht und der Approvisionierungsbetriebe mit Kraft, eingeschränkt werden mutz. Es wird deshalb schon von Freitag angefangen der Straßenbahnverkehr gänzlich und die Kraftlieferung bis auf die erwähnten Äpprovifion i e r u n g s g c w e rbe eingestellt fv e r d e n, desgleichen dev Betrieb der Theater, Kinos und B^rgnü|ung slokal e. Eine diesbezügliche Verfügung der Behörde wird im Laufe des heutigen Tages erwartet._ Die politische Lage in Wien kritisch? Frankreich rmd England befürchten einen Umsturz. Paris, 14. Jänner. Die Agönee Havas meldet: Auf Grund der nach Paris und London gelangten Nachrichten aus Wien, welche die Dortige politische Lage als kritisch dar stellen, haben die Vertreter Englands und Frankreichs Instruktionen erhalten, sobald sie es für nötig erachten, zu erklären, daß jede Änderung des bestehenden Zustandes bei der britischen und der französischen Negierung die ungünstigste Beurteilung finden würde. gleichgültig abseits und die Priester machen die ganze Arbeit und machen sie erschreckend gründlich. Leuten, welche das tschechische Volk und seine Priester kennen, ist das Ereignis nicht ganz unerwartet gekommen. Das Verhältnis dieses Volkes zur katholischen Kirche war immer ein ganz eigenes, durch die Nüchternheit, völkische Energie und die Unterdrücktheit der fähigen und vorwärtsstrebenden Nation sehr bedingt. Die Tschechen haben immer eine erstaunlich große Zahl von Geistlichen geliefert. Aber keine Anwärter auf höchste Kirchenwürden, keine adeligen Sprößlinge, denen eine glänzende Karriere winkte, nur jüngere Söhne von Bauern und Handwerkern, mittlere Beamte und Diener im Kirchenstaat, welche nie vom Volke wegkamen. Der Tscheche suchte im geistlichen Stand nicht zuletzt die Versorgung, vor allem aber eine soziale Stellung, die es ihm ermöglichte, seinem Volke besser zu dienen. An den national agitierenden tschechischen Staatsbeamten konnte der feudale deutsche Zentralismus leicht heran, aber an den agitierenden tschechischen Geistlichen nicht, dafür lebte man ja im klerikalen Oesterreich. Der praktische Sinn der Tschechen, hatte diese Blöße des Feindes bald ausgespäht. Hieraus wird erklärlich, daß dieses absolut nicht klerikale Volk immer eine übergroße Zahl von politischen Vertretern im geistlichen Gewände heransgestellt hat. Allerdings haben sich diese Vertreter iuuner zuerst als Diener schreS Volkes, und nur darrn mrd yram Äs 2tet> fechter kirchlicher Interessen betrachtet; ungleich b'«ti geistlichen Politikern der Deutschen, welche vor allem den Zwecken der Kirche dienten und in diesem Dienst nicht selten in einen Gegensatz zur eigenen Nation ge-j rieten. Der tschechische Geistliche hat nie ein Hehl darauf gemacht, daß ihm sein Volkstum zühöchst steht und auH sein Kirchendienst dem Volke gilt, nicht Nom. Nun, dck sein Volk frei ist, beweist er durch die Tat, daß er nun« mehr die Verbindung mit Rom als zwecklos ansieht. | Die katholische Kirche muß die Lostrennung großes tschechischer Volksteile als harten Schlag empfinden, demH sie verliert einen der wichtigsten Posten im Slawentum^ Sie ist jetzt auf kleine slawische Volksreste beschränkt^' aus Kroaten und Slowenen, und noch auf Polen,, toi sie sich vornehmlich auf eine dekadente Adelsklasse stützet muß, welchfür das große Slawentum ganz bedeutungs^ los ist. Die Loslösung von. Rom wird aber auch dens Tschechentum noch schwere Stunden bereiten. Noch stehh ' die katholische Macht gewaltig da und wer leichtfertig gegen sie anrennt, rennt leicht ins Verderben. Noch. wurzelt der Katholizismus in vielen tschechischen Herze« und in fast allen slowakischen. Die junge Republik isi heute von zwei katholischen, ihr nicht sonderlich gut ge^ smnten Nachbarn flankiert, von Polen und Ungarn. Rom wird gewiß nicht versäumen, polnische und ungarische Minen springen zu lassen und das tschechische Staats wesen wird es bald empfinden, was ein Kampf gegen Nom bedeutet. Der tschechische Kirchenstreit tyzrd d«8 Wett noch beschäftigen._ r Die Emanzipation von der „Alliance"^ Bereits während des Krieges war verschiebentlirÄ. das Gerücht verbreitet, daß die Alliance Jsraelite Uni-*, verseile ihr orientalisches Schulwerk liquidiere und 'hrij Anstalten den einzelnen Gemeinden übe.'geben habe^' Diese Nachricht war zweifellos verfrüht, vielmehr habe»k gerade in jüngster Zeit Vorkommnisse wie in Damaskus gelernt^ daß die Alliance ihre Schülmission nicht «m? nicht aufgegeben hat, sondern sie mit vermehrtem EiDl!. und mit verstärkter Tendenz zur Französisierung dev Orienljuden fort setzt, seitdem die politische Entwicklung in Syrien und Palästina ihr die Möglichkeit dazu gibts Dagegen mehren sich die Anzeichen dafür, baß voM anderer Seite her sich Kräfte regen, die zu einem bigen vollständigen Fiasko der Schulpolitik der Alliancss führen müssen, indem die Orientjnden selbst sich gegvt die systematische Assimilierung durch die Erziehungs^ institute der Alliance wehren. Sehr bezeichnend hier», für ist die Tatsache, daß die große jüdische Gemeind^ in Saloniki, die bisher eines der Hauptbetätigungs^ selber der Alliance Jsraelite Universelle gewesen ish, es letzthin offen ausgesprochen hat, daß sie nicht länges mehr diesem System ausgesetzt sein will und daß sdi! die Forderung der nationaljüdischen Schule mit allenE Nachdruck erhebe. j Diese Emanzipation von der Alliance ist eines! der bedeutendsten und erfreulichsten Zeichen für dag Erstarken des nationalen Gedankens unter den Sephar« dim. Um das ganz würdigen zu können, muß man wissen, welche zentrale Rolle die Schulen der Alliancrr im Leben des Salonikier Judentums gespielt habe«.' Fast die ganze Jugend dieser einzigartigen jüdische« Großstadt hat ihre Erziehung und Ausbildung in de« Alliance-Schulen erfahren, in Schulen, die in alle« technischen Dingen vorzüglich waren, deren Lehrer etwas, leisteten und denen es um so leichter war, ihre Zöglinge ganz in den Bann zu ziehen, den sie nicht alZ jüdische, sondern als französische Institution aus-' zuüben wünschte. Denn es ist sehr lange her, daß sich die Alliance als etwas anderes gefühlt hat, als ei« Glied in, der ausgezeichneten französischen Schuö» Propaganda im Orient. Vom Standpunkt des franzK» fischen Staates aus gesehen, konnte eS kaum eine« wichtigeren Faktor, seiner Penetration pacifique", eine« besseren Vertreter seiner kulturpolitischen und damit seiner kommerziellen Interessen, eine wirksamer« Missionsanstalt für den französischen Gedanken gebe« als die Alliance. Die patriotischen Alliancejuden habe« vielleicht am allerwirksamsten in der Welt den Satz propagiert, daß jeder Mensch zwei Daterlättber habtzs sein Geburtsland und Frankreich. J Man muß unter der Salonikier jüdischen Jugentz; gelebt haben, um zu wissen, wie stark di« Assimilatio« an Frankreich ging und welche ungeheuren Sympathiealles unter den Sephardim besaß, rvaS französisch war. Daneben war für jüdisches Denken und Empfinde«^ nur so viel Raum wie bei den hochassimilierten fam» zösischen Juden selbst. Und da es begreiflicherweik

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