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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-13 · Heft 351 (13.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 351 (13.1.1920)
Date
1920-01-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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&Lttint*ttnpiav: Preis SO Heller Prännmerattonspreife: «ienr Zum ALholeu tn de» «Spedition, 8. Vezirk, Tabor« ßraße 1 bis 8, oder in einer Berschleißstelle (Trafisj: Monatlich .. Kronen IS.— Mierteljahrlich „ »«.- Mil Postversand iür Wim und Oesterreich r Monatlich .. Krone« 13,— Nchecho-Slowakei: Monatlich .. Krone« 9,— Bierteljävrlich »» SV.— ln tschecho^lowanscherWSHrun-?Polm and Ungarn: onatlich .. Kronen 18.— entsprechmder WSHrung deS tetrestmde» Lande« «ner Wtttuwwmvum Preis SO Helles PrS««merattom>B Steife für Dentschlandr Monatlich . . . mm Frankreich r Monatlich. . . Frank» au* Jtalimr v Monatlich .... Sic» Stf-t Monatlich^.^!»ranr» N edaktion «. Sldminiftratto^ Wten,S.Bez.,TaborstrUl-S Telehhoner Administrativ«» 4493?». «edaktion 43319J ab 8 Uhr abend» «r. 1688W Postsparkaksenkontv Nr. 351 Wie«, Dienstag, den 13. IKnner 1920 2. Jahrgang Amerika will helfen. —v W i e n, 13. Jänner. Die Prager Verhandlungen haben bisher nur ein politisch wertvolles Ergebnis gebracht. Sie haben die Voraussetzungen zur Bildung eines engeren Verhält« nisses zwischen den Nationalstaaten geschaffen und das Mißtrauen zwischen der österreichischen und tschechischen .Republik hinweggeräumt. Wirtschaftlich ist bis zur Wunde freilich so gut wie, gar nichts erreicht worden. Insbesondere in der Kohlenfrage konnte eine Besserung .nicht erzielt werden. Die tschechische Regierung erklärt, an einen Export erst dann schreiten zu können, wenn der Inlandsbedarf gedeckt ist. Dies stand bei der allge». meinen Situation in der Tschecho-Slowakei zu erwarten. Aber--die Verhandlungen sind noch nicht beendet und wenn auch an Tatsächlichem, sofort Greifbarem nicht viel zu hoffen ist, so sind doch Anknüpfungspünkte festgestellt worden, die eine Besserung in späterer Zeit er« möglichen können. Inzwischen kommt aus Washington die Meldung, der Schatzsekretär Glatz habe dem Kongreß die Erteilung Mn Krediten an die notleidenden Gebiete Europas vorges.Iag.'n. Er habe erklärt, für Oesterreich. Polen und Armenien genügten 100 Millionen Dollar bis zum Herbst; man werde dem großen Garantiefonds eine Milliarde Dollar entleihen, um Europa zu helfen, abgesehen von der' erwähnten, Oesterreich, Polen und Armenien einzurämnenden Lebensmittelaushilfe. Der Wortlaut dieser Erklärung ist nicht ganz klar: man kann sie dahin deuten, daß eine Milliarde im ganzen flüssig gemacht wird, wovon Oesterreich, Polen und Armenien 180' Millionen erhalten, man kann aber auch annehmen, daß außerhalb der Milliarde für die „weiteren Bedürfnisse der europäischen Länder" 150 Millionen'Nahrungs- Mid- Armenien bestimmt Teil dieser 150 Millionen rechnen, doch dürfte es die Lebensmittelversorgung bis zum Herbst gesichert haben. Es-handelt sich also, wie man sieht, lediglich um einen Nahrungskredit, den der- Lebensmitteldiktator Hoöver aus Menschlichkeitsgründen energisch gefordert hat, der Oesterreich das kranke Kind Europas nannte. Aber diese menschlichen Motive reichen doch nicht aus. um Oesterreich-der Arbeit wiederzugeben, um seinen Bewohnern dos demütigende Bettlerbewußtsein zu nehmen: ebenso-wie die für Polen und Armenien gewidmeten Summen hinter der Notwendigkeit weit Zurückbleiben.. ' Amerika kann helfen und es ist schon viel erreicht, wenn die in der Oeffentlichkeit bisher bestandenen widerstrebenden Strömungen einer anderen menschlicheren Auffassung Platz machen. Aber Amerika kann nur einen Teil des Elends beseitigen. Was nötig ist, wäre die Mobilisierung des privaten Kapitals für Europa. Die stacitliche Finanzverwaltung kann aus tausend Gründen an einer großangelegten Hilfsaktion nicht teilnehmen, da sie eben nur der Beauftragte der Nation ist. Das Kapital aber, das überall in der Welt große Aufgaben gelöst, weite Gebiete der Kultur erschlossen und mit den Kullurguellen verbunden hat, kann, richtig per» wertet und in der Voraussicht auf eine weite Zukunft angewendet, die Maschinen in Mitteleuropa wieder in Gang bringen und die in Apathie und Verzweiflung versinkenden Menschen wieder an Arbeit , gewöhnen, ihnen das Vertrauen zikr eigenen Kraft wieder bringen. / Aber diess amerikanische Hilfe würde nur ein Lustschloß sein, wenn sie nicht politisch durch eine Neu« sormulierung des Friedensvertrages gestützt wurde. Wenn Oesterreich seine sämtlichen Einnahmen als Kriegsentschädigung abführen muß, so kann es 'andererseits dem Ausland keine Garantien für eine spätere Rückzahlung der.Kredite leisten. Oesterreich ist freilich nur ein kleines Land, ein geringer Teil des großen durch den Krieg aufgeworfenen und durch die Friedenskonferenz verwirrten Problems Europa: Die ReparationSkommission. die bisher nur zum Teile gebildet werden konnte, soll nach dem aufgestellten Plan keine Vertreter der besiegten Staaten oder auch nur der Neutralen umfassen. Kann sich eine solche Körperschaft ein Bild' der tatsächlichen Kräfte der besiegten Länder formen? Kann sie die vielen psychischen Strömungen verstehen, die heute in ihrer Gesamtheit als Politik anzusprechen sind? Die Köm- Mission würde die zu kontrollierenden Länder von vornherein als Kassagnellen behandeln, aber ihre Bevölkerung, ihre wirtschaftliche Organisation nicht in die Berechnung ziehen. Hier mutz Wandel geschaffen werden, weil sonst der Zusammenbruch unabwendbar wird und die Ententeländer nickit einen Heller an Entschädigung erhalten .könnten. Es liest in Merk JMMe« Ser Die jüdische Welthttfskonferenz. Am 7. März in Zürich. Z ü r i ch» 12. Jänner. (Tel.-Komp.) Wie die Tslsgraphen-AüforMatton meldet, beschloß die jüdische Delegation der Friedenskonferenz die Ähhaltunft einer jüdischen WelthUfsKonserenz am 7. Mürz in Zürich. Dsutßchlands kritische Lsge. Berlin, 12. Jänner. (Tel.-Komp.) Außer einigen wenigen Pariser Nachrichten finden sich in der heutigen Berliner Presse keine Auslandsmeldungen. Dies ist eine Folge der Telephön- und Telegraphenstörung im rheinisch-weftphälischen Industriegebiete, die durch Sabotageakte der streikenden Telegrgaphenarbeiter hervorgerufen wurden. Wie die „Vossische Zeitung" erfährt, haben die radikalsten unter den streikenden Arbeitern die Kabel zerschnitten und zerhackt. Telephonb.eamie, welche, versuchten, die Verbindungen wieder herzustellen, , wurden von den Streikenden daran verhindert. Jetzt scheint der Ausnahmezustand das seinrge zu tun und tragt , dazu bei, die Sabotage einzndämmen; teilweise lassen sich sogar Streikende dazu herbei, an der Wieder- Herstellung der drahtlichen Verbindung untzuarüeiten. Der Friede zieht überhaupt in einem ziemlich ungünstigen Augenblick in Deutschland' ein. Es sind so viel Streikbewegungen im Gange, daß man schon für die prompte Erledigung der ersten Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag fürchten muß. Die Regierung erläßt einon dringenden Aufruf an die Streikenden, in j dem sie aus die mit dem Äreik verbundenen wirtschaft- , liehen und politischen GMHren hinweist und an die jW^WW^MMeMMi^MA^eMMMgenM Mahnt. Äre dMtzer^eltüngHUMrM«^WWDWMMO)W^ , Erfüllung der ersten schweren Friedensüedingungen. Im j Vordergründe steht der Aufruf der Regierung und der j Behörden «tu die abzntretenden Gebiete. Die Zeitungen bringen anch Meldungen von der bereits in Kraft getretenen Trennung der betroffenen; Gebiete. So ist zum Beispiel Dan zig von heute ab! nur der Oberhoheit des Völkerbundes unterstellt. In! Thörn sind die polnischen Behörden bkreits einj gezogen. Am 15/Jänner wird Oberschlesien durch l die Ente »t e besetzt werden. Es finden sich schon >. die ersten Proteste. Eine Note, die gegen die Rhelni landsbestimmungen protestiert, ist am Samstag mit Kurier von Berlin abgegangen und wird heute in Paris überreicht werden. * land und Oesterreich arbeitsfähig zu machen. Dieses' Interesse kann aber nur Amerika wahren, dem ja auch die Ententestaaten verschuldet sind. Amerika' mutz den Frieden korrigieren, es muß die Schulden der Alliierten herabsetzen und eine internationale Anleihe durchführen, an der alle Kriegsstaaten teilnehmen. Amerika mutz schließlich darauf dringen, daß Rußland, dessen Getreide« Produktion seit fünf Jahren in der Versorgung fehlt, wieder in die Weltwirtschaft eintritt. Graf BerchtsLÄ» der aMierte Tschechs- SLsWM. Die „Arbeiter-Zeitung" bringt einen-Berner Brief des bekannten Vorkämpfers für den Weltfrieden Dr. A.H. Fried, in welchem er schildert, wie jetzt in der Schweiz neben den Jammergestalten der zugereisten österreichischen Kinder frech', zynisch und wohlgemästet die österreichischen Kriegshetzer einherstolzieren. Er schreibt: „Wer in Bern wohnt, kann ihn öfter sehen, diesen Grafen Berchtold. Vom grünen Hütchen, das auf dem länglich-schmalen Kretinkopf balanciert, bis hinunter zu den mit Gamaschen bedeckten Lackschuhen in tadelloser Eleganz. Djc Hände stets mit weißen Handschuhen bedeckt, mit seinem Spazierstöckchen sorglos spielend, das Gesicht ilumer heiter, froh, schlendert er durch die Lauben. Seine Hautfarbe ist frisch, seine Züge munter; jedes Kinkcr- . litzchen in den Schaufenstern Erregt sein Interesse. Ihn drückt keine. Sorge, diesen Vernichter einer Welt. Keine Sorge? Doch! Der Graf hat sich eine schöne Besitzung in Hrlterfingeu am Tbuner Sec gekauft. Das Haus und der Garten stehen am Ufer und gewähren den herrlichsten Ausblick auf die Schneeriesen des Berner Oberlandes. Mit seinem Automobil durcheilt er die berrliche Gegend, ein umgekehrter Adam, der erst nach dem Sünden-- iäll ins Paradies gelangte. s AlS dann Ende September der Inhalt des österreichi-- , schchr lyotbuchcS durch die Zeitungen pnrg, soll es vasnert! bii?, oaß si.ch in einigen Hotels am Gönner See das ge° 1 larpte Serjünal oeiveiaert bat. diesen Miturheber des WeltkriegeS zu bedienen. Er selbst schien sich quS dieser Ach wenig zu machen. AlS er von befreundeter Seite daraus aufmerksam gemacht wurde, auf Grund der Enthüllunget des Rotbuches könnte die Entente seine Auslieferung veq langen, hat er triumphierend erwidert, ihm könne nichtt geschehen, er sei ja Tschecho-Slowake. Deutlicher kann de« Widersinn, die Ungerechtigkeit des Friedens von Sainv Germain gar nicht zum Ausdruck gebracht werden als da» durch, daß sich der mittelbare Urheber dieses Weltunheils einer der. Hauptschuldigen an dem Blutbad und der Vev nichtung, heute als der Bundesgenosse der Sieger fühlt gleichsam einen Triumphator über sich selbst dorstellt, bei mit dem Steinklopferhans beruhigend zu sich selbß, sagen kann: „Es kann d'r nix g'schehn!" ... Die Personen, die ruchlos diesen Krieg herbeigeführt sollen geächtet werden, in erster Linie der Hauptfrevlev der lächelnde Schlotzherr vom Thuner See. Die Deröffend lichung der Wiener Akten war eine befteiende Tat. Dat österreichische Rotbuch hat, trotz der Verdrehungen deS mit! veröffentlichten Kommentars, die Wahrheit erkennbat' gemacht. Aber diese Veröffentlichungen dringen nicht ils die Masten, klären das Volk nicht k»uf und berühren nich die Haut der Schuldigen, geschweige ihr Gewisten. Hätü . man sich wenigstens dazu aufgerafft, die Protokolle dej drei Wiener Ministerratssitzungen vom 7., 9. und 81. Jult nach französischem Muster, in allen Gemeinden deS Lande; öffentlich anzuschlagen, hätte man sie in einem Separat« abdruck jedem Schulkind der Republik in die Hand gegeben, unsere betrogenen Mütter, trauernden Gattinnens verwaisten Kinder, wüßten, wer die Urheber ihres Unglück; sind. Man hat es nicht getan. Vielleicht weil man hie; nicht wieder den Vorwurf hören wollte über die Kosten , wie ihn gute Seelen bei der so wichtigen Umbenennum der Wiener Straßen erhoben haben. Vielleicht? Ab« Untersuchung und Urteil kosten nichts, die Richter kanß ' das Volk wählen; das Urteil wird alle befreien, auch M, Verbrecher, denen es ihre Taten erst zum Bewußtsein bringen wird. Wenn dann unsere verhungerten Kinder die wir zur Rettung in die Schweiz senden, dem lächelni den und tändelnden Grafen begegnen werden^ brauch«! wir uns dieser Begegnung nicht mehr zu schämen. Heran» mit dem Gericht!" * In der „Wiener Morgenzeitung" ist bereits die Ford nach weitester Verbreitung und Popularisierung der Rotb nach ihrer Einführung in die Schulen erhoben worden, aber 'söziÄMfcheURegirrUngMäntzk^ hnben hafür kein Verständnis Es ist abzuwarten, ob sie nunmehr dem Rufe, der aus lhrens eigenen Organ erschallt, Folge leisten werden. ES wird interessant sein, zu erfahren, wie sich die Alliierten im all» gemeinen und die Tschecho-Slowaken im besonderen zu ihren/ neuen „Bruder und Mitsieger" Berchtold stellen werdend Wenn sie sich die Gemeinschaft dieses Gesellen gefallen lasten rvenn sie sich tatsächlich dazu hergeben werden, die Unten suchung gegen die Schuldigen am Kriege durch Ausschaltung Berchtolds zur traurigen Komödie herabzuwürdigen, dann der« dienen sie es, Mitbürger und Gesinnungsgenosten Berchtold» genannt zu werden. •„/ Bei dieser Gelegenheit wollen wir nicht unerwLhu! lasten, wie Grcst Berchtold den Dienst des Vaterlandes m Kriege aufgefaßt^hat. Er war Proviantoffizier in^ Train d e S Dragonerregimentes Nr. 11 Stockerau Die Front hat er regelmäßig im Kino sehen. . Minister a. D. Ottokar Czernin über dtt Friedensversuche des Frühjahres 1917. Wir erhalten vom Minister a. D. Ottokar Czerntg eine Zuschrift, in welcher unter anderem erklärt wird: Ztz den erst jetzt und nur auszugsweise zu meiner Kenntnil - gelangten französischen Veröffentlichungen über die Friedens versuche des Frühjahres 1917 habe ich vorerst folgendes zu bemerken: Im Mai 1917 gab ich dem Kaiser auf defset Verlangen ein von mir verfaßtes Schriftstück, welches den! Prinzen Sixtus als aide mömoire für die gepflogenen münbl lichen Verhandlungen dienen sollte. Dasselbe lautete: 1. Eine einseitige Gebietsabtretung Oesterreich-Ungarns ist ausgeschlossen; bei einer Kompensation durch anderes Gebiet wäre der Gedanke ventilierbar, fall» in Betracht gezogen wird, daß der heldenhaft verteidigte, mit dem Blute unserer Soldaten getränkte Boden einen für uns unvergleichlich höheren Wert hat, als irgendein neues Gebiet. 2. Welches sind die Garantien, die unS geböte?« werben! daß bei der Konferenz die Integrität der Monarch!« (mit den eventuell jetzt beschlossenen Grenzrektisikationen) bv stehen bleibt? 3. Eine definitive Antwort kann erst. nach Beantwortung der vorstehenden zwei Punkte gegeben werden, da Oesterreich- Ungarn erst daun mit feinen Alliierten in Besprechungen emtretcu kann. -I. Immerhin ist Orsierri-ich-ttugarn bereit, die Besprechungen sortzusetzeu ur«d nach wie vor geneigt, für einen ehrenvollen Frieden »u arbeiten unddamit auch den allgemeine» Del tfr irden anzrlbar'nv n. Dieses aide möriwirc ergänzte die mündlichen AuS« fübrungen und widersetzte sich in Punkt l einseitigen Gebietsu.'iuwugc.i «a bic \huvtu> i,'.!'. <. ..i .'.,ns;?o ‘>e,.i"u;tvs vilfi. Ko,Merlsatii-.rc _ wnr.de dan««lS.. von einem .Anlchlusß'

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