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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-10 · Heft 348 (10.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 348 (10.1.1920)
Date
1920-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nach den vorliegenden Meldungen kann daran, obwohl sie zum großenTerl noch unübersichtliche sind, nicht mehr gezweifelt werden. Das Schicksal, welches bereits vor Wochen die im Nordwesten -Rußlands mit. der Richtung aus Petersburg vorgegangene Stoßgruppe Fudenitsch ereilt hat, ist den beiden anderen,'von denen ) die eine ihre Basis am Schwarzen Meer, die andere in - Sibirien besaß, nicht erspart geblieben. Das Werk der; Restauration ist damit von neuem gescheitert, die Herrschast der Sowietregierung hat sich wiederum, alsstark j genug erwiesen, Rußland selbst gegen konzentrische Bedrohungen seiner äußeren Grenzen zu verteidigen. Bei' der Entente werden diese Nachrichten wenig Freude Hervorrufen. Bei den Londoner Besprechungen stand das russische Problem im Vordergrund und man war sich { darüber im klaren, daß ohne weiteren Verzug irgendsine Losung dieses Problems friedlich oder gewaltsam srzwrmgen werden muß. Für das. Frühjahr.nahm man I dabei sogar, als äußerstes Mittel, eine gemeinschaftliche j kriegerische Aktion der alliierten Mächte in Aussicht, die j sich, natürlich an die von Koltschak und Denikin bereits! erworbenen Positionen augelehut hatte. Nun ist die! Sowietregierung zuvorgekommen. Sie hat das Frühi iahr nicht abgewartet, sie hat die Entente bereits jetzt i ihrer Stützpunkte beraubt. Und die Alliierten stehen I einer um so viel schwieriger gewordenen Situation > gegenüber, daß sie es sich vermutlich noch überlegen werden, - ob.sie ihre Drohung auch wirklich zur Tat werden lassen , sollen?? ,/ .;7:" - Lediglich eine der Strudel der Ereignisse hineingerissen Wörden 7— oder bester gesagt: sie hat sich, ohne auf seine zögerpden Bundesgenossen zu warten, ja vielleicht gerade um ihnen p'vorzukonnnen, in ihn hineingestürzL, um ihre Interessen mit'der an ihr bereits bekannten kühlen Rücksichtslosigkeit wahrzunchmen: Japan. Das Reich des Mikado ist endlich, endlich in Bewegung geraten. Seit vollen vier Jahren stand es gefechtsbereit, den Blick auf düs. Ziel gebannt/ Ein Schlag brachte ihm damals, vor vier Jahren, Kiautschan und schlug den einen Rivalen, Deutschland, aus dem Feld? Seither verharrte es in Ruhe. Durch nichts ließ es sich beirren oder auch nur ab'enkem '.Der, Hilferuf Frankreichs um Entsendung, lavamscher Truppen verhallte ungehört — was hatte Japan auf dem . europäischen Kontinent zu suchen? Mochten sich dort Frankreich. Italien, England undDeutschiand gegenseitig zerreißen — ihre Flottenmacht würde dadurch nur: schwächer,, nicht stärker werden, ihre Finanzlrr.d E^pansronskralt würde zusammenbrechen und ihnen Zunächst die Möglichkeit nehmen, sich um die Entwicklung der Dinge im Stillen-Ozean zu kümmern — und überhaupt, je lärmender es im Westen zuging, desto ungestörter konnte Japan, im Osten die Entwicklung so dirigieren, wie sie cs brauchte. i ' Eines - der wichtigsten Ziele' feines mit überwältigender Großzügigkeit und Umsicht aufgebauten und auf langsame Evolution berechneten .' Expansionsprogrammes bildet die Sicherung der japanischen Hegemonie über den ganzen ostasiatisch^l Kontinent: Chiua vor allem,' dessen unerschöpfliche Reichtümer. an wirtschaftlichen Gütern jeder Art. seinen Wohlstand, dessen Menschenmassen seine militärische Schlagkraft für lange Zeit hinaus sichern sollen, dann aber auch Ostsibirien, das noch unerschlossen ist und für ein zur Kolonialpolitik drängendes Volk die denkbar größten Zukunftsmöglichkörten in sich birgt. Wegen des ersteren Punktes war Japan bereit, eine russische Partnerschaft in Kauf zu nehmen, um aus diese Weise die lästige englisch-amerikanische Konkurrenz ausschaltAi zu können. Als die Revolution dieses Projekt zunächst einmal gegenstandslos, machte, beschränkte der Mikado sich darauf, in aller Stille seine Posit'onen zu befestigen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Koltschak, der es von Ostsibirien aus unternehmen wollte, Rußland wieder herzustellen,, sayd. natürlich seine bereitwillige Unterstützung. Japan wollte sich . in. ihm euren Bundesgenossen erziehen - und nach unlängst verbreiteten Meldungen verhandelte es bereits. mit ihm über eine Abtretung Sibiriens. Nun ist Koltschak geschlagen, Japan wieder auf seine eigene Kraft angewiesen. Aber jetzt scheint.es den Zeitpunkt für gekommen zu* holten, in welchem es nicht länger mehr znschauen und nbwarten darf: Der Sv: nc V: Panthers ist etjolol und auf der ganzen Fro . der Kamps Japans gem'll die Bolschewiken Die amerikanische Hilfe an Oesterreich. HooverS Erklärung. Paris, 8. Jänner. (Kor.-Bur.) „Homme Lrbrc" veröffentlicht heute den Wortlaut der Erklärung HooverS, soweit diese sich auf die Stellungnahme Amerikas zu der Oesterreich zu gewähr en d e u H i l f e bezieht. Hoover sagte: Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß 15 bis 20 Millionen Menschen in den großen Städten Finnlands und Polens, aber auch in anderen Gebieten Zentraleuropas mit Ausnahme Deutschlands, namlntlich aber in Oesterreich, von Hungersnot bedroht sind, wenn man nicht die Möglichkeit findet, ihnen schleunigst zv Hilfe zu kommen. Am schlimmsten ist die Stadt Wien daran, wo die Brotration auf drei Unzen täglich herabgesetzt worden ist, trotzdem das Brot 60 Prozent der ganzen zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel darstellt. Diesem hi t dj t b 01 nt Z it fi o n d gegenüber verfügen die Vereinigten Staaten über einen bedeutenden Uebersch»ß an Getreide und Mehl, und die Mengen? die augenblicklich dir staatlichen Getreidegesell- Haft zur Verfügung stehen, sind bedeutend höher als die Verbrauchermöglichkeit in. Amerika selbst. In gewöhnlichen Zeiten würde man den Ueberschuß gegen Barzahlung im Ausland veräußern, aber die notleidenden Länder Zentral curopas sind derzeit außerstande, Barzahlungen zu leisten. Es fragt sich also, ob wir die Möglichkeit haben, Lebensmittel auf Kredit zuverkaufen, die sonst nur an zahlungskräftige Staaten abgegeben werden. Die Ausnihr von Getreide und Mehl kann gegenwärtig den Preis im Innern der Vereinigten Staaten nicht beeinflussen. Die einzige aktuelle $tö (VS »st, ob wir die MutigeVL Arebiie . ge» in Mitteleuropa furchtbare Verhceruugeid anrichtet, oder ob wir uns darauf beschränken, nur mit denen zu verhandeln, die bar zahlen können. Die Regierung und der Kongreß wäre» wohl in der Lage, die erforderlichen Maßregeln zu treffen und die nötigen Kredite aufzubringen, ohne daß cs besonderer Kreditvorlagen bedürfte. Ich glaube iricht, daß wir recht haben in Anbetracht des Ueb er schn sses an Getreide und Mehl, der zu unserer Verfügung steht, an dieser Frage teil-- nahmslos vorüberzngehen und Millionen Menschen aus zn hungern» nur aus dem einzigen Grunde,, weil wir das System der Barzahlung dem Kreditsystem vorziehcn. Tw Hilfe, die wir jetzt zu leisten haben, ist sehr gering, wenn sie mit jener verglichen wird, die wir im letzten Winter geleistet haben. Ueberdies nähert sich das Trausportwesen und die Verwaltung in Europa immer mehr den normalen Verhältnissen, so daß kein kvmpliziertes und weit ausgreifendes Verteilungssystem mehr nötig wäre. Tie Getreidegesellschaft könnte die ganze Ausgabe bewältigen. Unser Pariser BevoAmachtigte bsrw amerikanischen Gesandten. Paris» 8. Jänner. Der österreichische Bevollmächtigte hat heute beim amerikanischen Botschafter vorgesprochrn, ihm die Lage Oesterreichs geschrldert und eine kurze Denkschrift überreicht. Der Bevollmächtigte richtete an den Botschafter die Bitte, die Leiden Oesterreichs vor der amerikanischen Ocffentlichkeit zur Geltung zu dringen und den Hilferuf eines verhungernden Volkes, das sich vertrauensvoll an edelLenkende Menschen wendeder ainerikanifchen Nation zu verdolmetschen. Botschafter W a l l a c e nahm diese Darlegungen? mit warmer Teilnahme entgegen und versprach, das Memorandum sogleich telegraphisch nach Washington, weiterzulciten. Und diese Nachricht wird iu den übrigen Ententestaaten noch mehr Besorgnis Hervorrufen, als die- Meldungen vom Zusammenbruch der Koltschak-Denrkin- Armeen selbst. Denn es wäre völlig verfehlt, zu glauben, daß Japan die Geschäfte der übrigen Mächte würde miterledigett wollen. Es kämpft nicht einmal gegen Rußland, es kämpft nur um seine Festlandsposition. Ist diese genügend gesichert, wird es nicht nur. von einer weiteren Bedrohung Rußlands absehen, sondern es wird trachten, irgendwie Ruhe und Frieden wieder hexzustellen. Und wenn dann einmal unter Mitwirkung auch der anderen. Mächte der Frieden geschlossen wird, werden Amerika und England in der Bilanz eine neuerliche enorme Verstärkung der ohnedies schon genug bedrohlichen japanischen Machtposition vorsinden. In der Kette von Komplikationen, welche im fernen Osten drohende Konfliktherde schaffen, bedeutet das ein neues Glied. Die Situanon im fernen Oswn klärt sich von Tag Zu Tag mehr. Sonderbare FreundespolMb. Das Bestreben Oesterreichs und insbesondere die? Bemühungen des Staatskanzlers Renner, zu einer Vev-i ständigung mit den Westmächten zu gelangen, ruft an* scheinend bei Deutschlands Politikern der verschiedensten Richtungen Mißbehagen hervor. Statt dieses Bestreben^ welches der Rettung des unglücklichen Staates bient^ zu fördern, wird alles getan, mtf die Annäherung znl vereiteln. Durch Sensationsnachrichten durchsichtigster^ Art sucht man Mißstimmung und Mißtrauen zu sä«rj Diese Versuche werden nicht nur von alldeutscher Seitq unternommen, auch Organe, wie das „Berliner Tage» blatt" und die „Bossische Zeitung", tun kräftigst mit'j Nach dem Berichte Renners über seinen Pariser Be-i such, der in der Hauptsache dem Zwecke gewidmet wam den Obersten Rat davon zu überzeugen, daß OesterreiÄ ehrlich gewillt ist, die Bedingungen des Friedens Vertrages zu erfüllen, auch bezüglich des Verbotes beij Anschlusses an Deutschland, brachte das „Berliner Tage«- blatt" an leitender Stelle eine „Meldung" aus. Wirm in welcher es hieß:; V* „Man darf sich selbst durch' die alte österreichisch^ Würdelosigkeit nicht verstimmen lassen, mit der - Doktoi Renner den Stiefel leckt, der Deutschösterreich den Fußtritt von Saint-Germain wersetzt hat. Niemals war die Sehni sucht nach , der Heimkehr in das große deutsche VaterlanL - lebendiger in den Herzen aller Deutsch österreicher als.gerad« heute, und die Hoffnung ausihre Erfüllung ist der einzig^ trostreiche Gedanke, der Deutschösterreich geblieben ist." | Und die „Vossische Zeitung" läßt sich nun gleiM falls aus Wien melden: ' „Nachträglich wird bekannt, daß die Berzdgerunä in der Absendung des für Deutsch Österreich bestimmten Brotgetreides aus Triest. auf eine Verstimmung bei italienischen Regierung zurückzuführen war. Die Md« der für ihre Hilfsbereitschaft ausspricht, überraschte in RoM wo man sich sägte, daß die Hilfe in Wahrheit doch vorr Italien geleistet werden solle. Erst nachdem ein Depeschen! Wechsel mit -dem Ministerpräsidenten Nitti Aufklärung gef bracht hatte, wurde mit der Verfrachtung der 30.006 Tonnen Brotgetreide nach Deutschösterreich begonnen."? Diese böswilligen und unwahren Auslassungen Vers raten die Absicht, die Annäherung Oesterreichs an den Westen zu .behindern. Ob dem Deutschen Reich«. bami| ein Dienst erwiesen wird, ist mehr als fraglich. Merks würdig mutet es' aber an, wenn' von „'alter österreichÄ scher Würdelosigkeit" gesprochen wird.'- Während'.Deutsch'i landS Regierung ständig zwischen Kriecherei und ohnf mächtiger Drohung gegenüber dem, Obersten Rat Hirt und her pendelt, hat es Staatskanzler Renner, un^ das müssen, auch seine Gegner zugeben, - verstandew die Achtung der ganzen Welt für'Oesterreich und sick zu erringen. Und merkwürdig mutet es auch an, toenij von seiten Deutschlands plötzlich so leidenschaftlich bci| Anschluß gewünscht wird. Man braucht sich, nur darait zu erinnern, wie kühl Deutschösterreichs Werben^ unk den Anschluß drüben im Reiche ausgenommen wurde! als man sich von der Ablehnung eine gute Wirkune im Westen versprach. Für Oesterreich etwas .zu ti§] kieren, war man drüben nie gewillt, aber man schreibtsofort von würdelosem Verrat, wenn das unglücklicht Oesterreich sich selbst helfen will. Es wäre'sehr angezeigt, daß man in Deutschland, derartige Wiener Meldungen auf ihren Inhalt etwas kritischer besehen würde. Die Wiener Großpresse iS ja von Dr. Renner einigemale sehr hart angefaßt wo«! den, was vor dem Ausland nicht gut gewirkt hat. Abes Dr. Renner hat tausendmal recht, wenn er die totatt poliliichc E.'nfluß^vs'gkeit der Sensationsbläfter sestgestelh und daraus gewisse Schlüsse gezogen hat. Meldungen wie wir sie oben zitieren, sind durchaus als Racheaktt zu werten.» Die-Wiener Presse hat sich seit 1914 i^ n:chts geändert oder gebessert und ihre Berichlerstattunj an das Ausland, besonders aber, nach Paris sowie di! in diesen Redaktionen betriebene Informierung der freyii den Berichterstatter ist genau so giftig geblieben wij vor dem Krieg. Friedrich Kontra Huszar. Aus B u d a p e-st wird uns geschrieben: Se.idrrf Friedrich unter dem Drucke der Entcnre Karl H u s z a i w der Führung der Geschäfte Ungarns weichen mußte, sieht di ungarische Ocffentlichkeit fast stündlich das Schauspiel sich wrcdev holen, wie . der nunmehrige Kriegsnumster Friedrich seine! Regierungschef HuSzar in öff'entlichcn Versammlungen auj! hestigstc angrrist und wie dieser die Angriffe m mehr oder minder scharicr Weise zulückweist. Das Schrecklichste, was Friedrich dei^ Huszar vorplwerfen hat, ist, daß di-:sec d:e ,.s i e g h a f r t <!) i st l i ch r M v r a 'v.r.oiäse.n trachi.', .voraus Hnözai . entMet .mr.luiert. daß _ er nick nlm: _ckuMLe.. Moral, nw

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