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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-09 · Heft 347 (9.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 347 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Prrks Krllrr PrLrrumeratto»»* preise: vie»r Au« «bhole» 1» ke? öjkekmon, L Sejirk» Tabor. Pratze 1 biö 3. ober t« einer Berschletßstklle Grafik): Monatlich.. Kronen i2r- Sierteljahrllch „ 80.- Mit Postversand für Wien und Oesterreich: Monatlich .. Krone« 1».— Tichecho-Slowakei: Monatlich .. Kronen 0.— §Ärcho^slowÄscherWähnmg . Pole« und Ungar« r Monatlich .. Kronen 18.— « entt-rrchender WSHrnng te» oetrestend« Laude» (Kttfidviutvfdii Preis SO Keller PeL»umeratio«so preise für Deutschland: . Monatlich ... Mark 8«^ FrankreM: Monatlich. . . Frank» To- Italien: Monatlich .... Lire V Schweizr Monatlich. . . Frank- 8,-» Redaktion ».Administration Wien.«.Bez.»Taborstr.l-S Telephone: Administratio» 440"-t*, Redaktion 48810, ab «Uhrabend«Nr. 1630* Postsparkastenkonto 150.693 Nr. 347 Wien, Freitag, den 9. Iünner 1920 2. Jahrgang Nenners Prager Reise. —y. W ien, S. Jänner. Heute abends tritt Dr. Renner die Fahrt nach Prag an, wo er morgen die Besprechungen mit den tschechischen Machthabern beginnen wird. Der Staats-- kanzle?' wird sicherlich mit sehr gemischten .Gefühlen seinem ehemaligen Parteigenossen Tttsar gegenübertreten, der so lange Zeit in nächster. Nähe Renners' im Abgeordnetenhaus gelebt hat. Der Großösterreicher D'r. Renner, der die nationale Autonomie für _ alle Völker Oesterreichs angestrebt hat, um ein lebenskräftiges Oesterreich zu schassen, kommt als Kanzler eines kleinen Landes zu dem Ministerpräsidenten des tschechischen Volkes, das seine Freiheit dem Zusammenbruch der Monarchie und damit auch der Unmöglichkeit der ikennerschen Idee verdankt. Es ist eine stolze . Stunde lHr die Prager Politiker, vor denen sich das so gehaßte Wien demütigen muß, dasselbe Wien, dessen Hochmut >v viel zum Werden des tschechischen Staates beigetragen hat. Wien, das noch vor eineinhalb Jahren frt Prag befohlen hat, kommt heute als Bittender zu dem Volk, das sichln Wien niemals durchsetzen konnte, und dessen gewählte - Vertreter von den Wiener Chauvinisten immer nur Beleidigungen und Kränkungen erfahren haben. Oesterreich könnte allerdings kernen gerigneteren Mann nach Prag senden als den Dr. Renner, der sich von dem Geschrei der Wiener Nationalisten stets ferngehalten hat und der immer ein überzeugter Vertreter des deutsch-tschechischen Ausgleiches von Volk zu Volk war. . Dr. Renner hat als Zweck seiner Prager Reise Stic. Anbahnung;freundnachbarlicher Beziehungen und Wrmain bezeichnet. Ec wist versuchen, Erleichterungen M den Verkehrs fraßen und in den gegenseitigen Hanbelsöeziehungen zu.vereinbaren und. die Verhandlungen von. Staat zu Staat ohne Einwirkung der Entente zu führen. Der tschechische, Nationalismus, der noch immer fast das. ganze Bürgertum und einen s großen Teil der Arbeiterschaft beherrscht, hat in dem. Glückstaunrel der endlich erreichten Unabhängigkeit alle wirtschaftlichen Beziehungen zu Oesterreich gelöst, ohne zu bedenlen, daß Wurch Jahrhunderte alte Traditionen durchbrochen tpurdey, dje bis in die Familien reichten. Die Folge war der vollständige Niedergang Oesterreichs, das von seinen Heizstofs- und Jndustriequellen getrennt wurde, und M. wirtschaftlicher Zustand' zu beiden Seiten der neuen Grenze, der sich schpn dem Chaos näherte- Die überstürzte Nctenabstempelung in Prag, die unter nationalistischen^ statt unter finanztechnischen Gesichtspunkten durch geführt wurde, hat zu einer Erschütterung der wirtschaftlichen Sicherheit im ganzen Bereich der Tschccha-Slowakei geführt, deren Ausstrahlungen bis tu : das letzte slowakische Dorf zu fühlen waren. Die politischen Beziehungen hatten sich durch den Gang der Geschichte automatisch gelöst. Die beiden Staaten verkehrten von nun an miteinander nur durch diplomatische Gesandtschaften und versuchten wirtschaftlich ishre eigenen Wege zugehen, ein. Versuch, der auf beiden Miten schlecht ausgefallen ist. Oesterreich erhielt von de« , Entente außer Versprechungen nur BettelülHwstützung und in der T'ch'cho-Slowakei kam der .Aanhelsminister sehr rasch zur Erkenntnis, daß so alte Md intime, wirtschaftliche Zusammenhänge nicht mit brutaler Gewalt auseinander gerissen werden können. Die-Handelskarnmern stiulmtetr,seiner Ansicht zu und Mst 'die' chauvinistisch!n Blockparteien der Nationalversammlung, konnten sich dieser Logik nicht entziehen. m trat längsam^ein Stimntungsumschwung ein, der sich zuerst in den gekannten Aeußerungen des Außenministers Dr. Benesch zeigte urtd der dem österreichischen Kanzler den Weg nach Prag ebnete. Die Herstellung freundschaftlicher Verhältnisse liegt im Interesse beider Staaten. Für Oesterreich, das von Mer Welt und von den eigenen Ländern verlassene Tprso gebiet, versteht es sich von selbst, daß es Freunde suchen muß und daß es bei seinen Nachbarn eine seiner Kot gü. stige Slimmung erzeugen muß. Oesterreich darf sich den Luxus nicht gönnen, gegen irgend jemand feindlich auszutreten. Seine Politik darf sich von den Grundsätzen eines Kleinstaates nicht entfernen und sie muß darauf binausgchen, wo nur immer möglich Vertrauen und Kredit zu suchen. Oesterreich kann mit seinem Keiß, mit seiner Jntelligettz. seiner Arbeit und' seinem künstlerischen Sinn bezahlen- Das finb se.bst in unserer zerstörten Welt Werte, mit denen sich schon immerhin etwas anfangen läßt, wenn sie noch durch däI Ver- .nständniL- Ltzmd.tzL Ur.t.. und. Bitte.. rmMNöt wurden. Hoover für Oesterreich. Paris, 8. Jänner. (Kor.-Bur.) Aus Ncw-Dork wird gemeldet: Hoover hat an die Hilfsaktion für die notleidende Bevölkerung Osteuropas , ein Schreiben gerichtet, worin er die Meinung einzelner europäischer Propagandisten bekämpft, daß Handelskredite für die meisten Bedürfnisse Europas nicht ausreichen. Er betonte das ungeheure Anwachsen der Steuern in den Bereinigten Staaten und erklärt, daß, abgesehen von der Stundung des Zinsendienstes für auswärtige Anleihen, die Aufgabe Amerikas sich darauf beschränke, etwa'5 Prozent der europäischen Bevölkerung zu ernähren. Wenn die Verrat igten Staaten die LebenSmittelfrgge zu lösen versuchen, so sollte dies nur unter der Bedingung geschehen, daß die stärksten Nationen Europas Amerika in vielfacher Hinsicht helfen. Hoover bemerkt, daß die neutralen Staaten sich selj^r bereichert hätten, und ist der Ansicht, daß G ro tzbritar^nien und Frankreich nur H a n b c I h f r c b ii e brauchen. Hoover spricht dann weiter über die Lebensmittellage in verschiedenen Ländern Europas und erklärt: Einzelne Städte Italiens brauchen vielleicht Lebensmittel. Dann nzüsie man die Bedürfnisse Finnland s, B el gi ens, der Tschech o-Slo w akerund Polen s befriedigen, das der einzige Schutzwall gegen den Bolschewismus sei. Schließlich wendet sich Hoover Oesterreich zu, das unter allen Staaten Europas am schwersten getroffen sei und am dringendsten der Aushilfe an Lebensmitteln bedürfe. BulgarieN vor..ftdat. ZrrsKMMeuLrmch. ...... .... Die bülgarische an dry Entente. B e r li n, 8. JäMM?Worr.-Bur.) Dem „Lokälanzeiger" zufolge berichtet die Preßinformation ans .Sofia, die bulgarische Mgrernng habe den alliierten Mächten eine Note zugehen lassen, in der auch auf die verzweifelte Lage des Landes und die Gefahr hingewiesen wird, falls nicht unverzüglich greifbare Lebensmittels e n d ungen eintreffen. Sie könne unmöglich mehr für Sicherheit, Ruhe und Ordnung im Lande büsgen und müsse erwägen, die Verwaltung Bulgartens legen. in die Hände des Alliiertenrates zu Oesterreich muß sich zum internationalen Markt entwickeln und dann 'wird es leben können, ohne jede Woche vor einer anderen Türe den Hut zu ziehen. Aber auch die T'ch:cho-Slowalei ist darauf angewiesen, längs ihrer südlichen Grenze einen Freund zu wissen, der ihr nicht übel will. Sie hat im Norden .das riesige deutsche Wirtschaftsgebiet mit feiner im Verhältnis zur Tsch ch)-Slvwalei üüermächügen industriellen und agrarischen Organisation vor sich, im Osten das heute feindlich gesinnte. Polen, im Südosten die Magyaren, die den Verlust der Slowakei niemals verwinden können. Oesterreichs -Feindschaft, oder auch nur feindselige Stimmung wäre eine ständige Flankenbedrohung für die tschechische Republik und schon aus Gründen der Sicherung des eigenen Bestandes müßte die tschechische Politik gerade in diesem Punkt Entgcgenkornmcn zeigen. Erleichterungen im Grenzverlehr und Kohlenlieserungen wären das bxste Mittel für die tschechische Negierung, sich nach dieser Seite hin einen stets verläßlichen Nachbar zu sichern, dessen eigene Existenz ihm jede Extratour von vornherein verbietet. Mas Orsterrcich verlangt, ist sehr wenig. Es bezieht sich nur darauf, daß die Kausleute in der Tschecho- Slowakei mit ihren alten Geschäftsfreunden jenseits der Grenze ungestört verkehren können, daß die tschechische Kohle, die auf den Halden verbrennt, in den östrrreichi. chen Fabrilen, Betrieben und Haushaltungen verwendet wird und vielen Tausenden von Menschen Arbeit und Brot schafft und daß die vielfältigen Familienbeziehungen, die durch den 28. Oktober 1918' so jäh gestört wurden, sich wieder ohne Grenzwachen und Zollschnüsfeleien regeln können. ' Die Völker müssen ebenso wie die Menschen vergessen können, so schwer dies auch wird. Die Tschechen haben unter dem Druck der österreichischen Bureaukratie sicherlich iuv!.v:a( sehr schwer gelitten und auch wirtschaftlich war die Organisation des Staates ganz ans Wien als das Zentrum zugeschnitten. Aber das ist nicht, einmal dem deutschen Botksftamm zugute gekommen und Deu.tsch'ösmen hat unter der wi'tschaftlich.'N Vernachlä 'igung ebenso leiden mü,,en, wie Böhmen, wie Galt ien, wie Dalmalien usw. Daß die deutsche Wli.it ln Kerkennum J>er Europäischen Lage, dw Wege der Unterdrückung der anderen Völker gewandelt' ist', das hat das deutsche Volk mit furchtbaren Opfern büßen müssen. Aber die Massen des Volkes selbst sind! ein Opfer des nationalistischen Wahnsinns geworden,/ der übersehen hat, daß Oesterreich-Ungarn aus einem halben Dutzend Völker bestand, deren nationale Intern essen mit dem Leben des Staates in'unlösbaren Wider-i spruch geraten mußte, so lange der Staat ihre kulturellen Ansprüche' nicht befriedigen wollte. Dieser; F.hler hat Ocsterreich-Ungarn zertrümmert-Daraus aber ncüssen die Tschechen ihre Lehre ziehen: Auch ihr Staab ist weder national, noch kulturell, noch wirtschaftlich,! homogen. Er umfaßt, ebenfalls ein halbes Dutzends Völker, deren nationale Interessen heute, wo die Völ^rs um ihr Selbstbestimmungsrecht ringen, sich weit lebend diger. und kräftiger regen als vor dem Krieg. Darauf muß die' tschechische Politik Bedacht nehmen, wennl sie das von Maweyk gesetzte Ziel erreichen will, eittdj freie Schweiz im Herzen Europas zu werden. Die Judenhetze in Deutschland. Von unserem Berliner ^-Korrespondenten. Angesichts der Unfähigkeit, die wirklichen Problems zu lösen, braucht mau einen Stoff, an dem sich die Ge-»f müter erhitzen und schadlos halten können. Dies iflj- — wie immer und überall — die Judenfrage. Die/ antisemitische Bewegung ist, wie schon öfter berichtejs wurhe, stärker geworden als jemals' zuvor. Zugleichs mit der reaktionären Welle nimmt der Antisemitismus!! imnrer mehr zu und die unermüdliche Wiederholung^ der Vorwürfe des Drückebergertums, des Kriegs-/ gewinnertums, der destruktiven revolutionären Agita-. tioy und des Bolschewismus'sind Kn schönes Zeugnis!, für die JdeenLvmut und tue Geistlosigkeit der rechts-s stehenden Presse. Diese Agitation hat.eine/solche Hef-s tigkeit angenommen, baß auch diejenigen Parteien, di<i< programmatisch nicht antisemitisch sind, sich entschlossen^! ihr Konzessionen zu machen^ um einen willkommenen/' gemeinsamen Tummelplatz zu haben, durch den einiger-! maßen die Gegensätze abgeschwächt werden. Einzig bii$ unabhängigen Sozialdemokraten, die übrigens, was be-s sonders anläßlich ihres Ruckes nach links (nicht aus'! apologetischen Motiven, aber als Tatsache) angemerkt zu^ werden verdient, seit dem Letzten Parteitag eine rer«! arische Führung haben (die jüdischen Führer toarcnfi Gegner der „Diktaturs-Resolution), haben in Leipzig-! eine Resolution gegen den Antisemitismus gefaßt, di^ folgenden Wortlaut hat: .. . \ „Der Parteitag stellt fest, daß der Antisemitismus/ die Hetze gegen die Juden als Juden, auch in Deutschlarcd die Waffe der monarchistischen Reaktion geworden ist, wie er als steter Begleiter ■ der internationalen Reaktion darauf ausgeht, die. Solidarität des Proletariats zu zerstören, den Charakter des Klassenkampfes zu verdunkele und die revolutionären Kräfte zu lähmen. Der Parteitag fordert das .klassenbewußte revolutionäre Proletariat Deutschlands auf, alle Formen dieser! Hetze im Bewußtsein ihres internationalen reaktionären Charakters auf das entschiedenste zu bekämpfen. Der Versuch der Konterrevolution, da§ Gift dieser Hetze in die Betriebe zu tragen und durch Treibereien gegen die e i n g e w a n d e r t e n jüdischen klassen«. bewußten Proletarier die internationale Solidarität der revolutionären Arbeiterschaft zu zerstören, wird an Lern entschlossenen Widerstand des deutschen revolutionären Proletariats scheitern." - Da man es für schwierig hält, gegen die an--! sässigen deutschen Juden etwas zu unternehmen, fo! verlegt man sich natürlich, mit besonderem Nachdruck auf die O st j u d e n h e tz e. Die Ostjudenfrage hat iw Deutschland eine besonders heikle Nuance. In Oesterreich . sind die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien un-i schuldige Kriegsopfer, die für Oesterreich Unsägliches! gelitten haben und die, nachdem sie 'in die Hauptstadt des Reiches geflohen waren, durch den Zerfall des! Reiches plötzlich „fremde. Ausländer" geworden sind', die man außerhalb des Gesetzes stellt, das nicht nach? Gerech/izk.it und Billigkeit, sondern nach der ^Politik der Gewalt" (Jhering) verfähvL. In Deutschland handelt es sich nicht in erster Reihe um Flüchtlinge des! eigenen Reiches, sondern die Hauptmasse der Ostjuden. bilden die vstjüdischen Arbeiter, die die' deutsche Regierung zur Zeit der Okkupation Polens zwangsweise; nach Deutschland geschafft hat, die aber nach 5kriegsendr; plötzlich entlassen wurden; diese Ostjudenfrage ist. eine dclttsche Spezialität. Und es ist charakteristisch^ für die Auffassung der „internationalen Solidarität! der Arbeiterklasse", daß die Mehrheitssoziali--' sten bereits vor längerer Zeit gegen die ostjüdischeir Arbciler eine Kampagne im „Vorwärts" eröffnet haben, in der der Vorwurf aus dem Vokabelschatz del? RegriiouLrL übern-vinmeL wurd^ dis WMsn UrhsjtA

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