Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 346 (8.1.1920)
- Date
- 1920-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979424--03043-2988629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
GWe»»»rrttPlavr ikth 50 StUee PvLnumerationspreise: Bien: Zum Abholer« Irr der Expedition» 8. Bezirk, Taborpraße 1 bis 3, oder in einer Berschleitzstrlle «Trafik): Monatlich. . Kronen 12.— «iertekiäbrkich „ ««.- Mit Vofiverfand ffir Men und Oesterreich: Monatlich .. Kronen 13,— _ Bichecho-Slowakei: Monatlich .. Kronen J),- Bterteljiidrlich „ 27.- ku tschecho-slowakischerWHHrung Polen und Ungarn: Monatlich .. Kronen 13.— » entsprechender Währung deS betreffenden Landes renrr Nr. 348 Wien, Donnerstag, den 8. Jänner 1S28 Dinfrre»rmpr«rrr Ureis ses Srüer Pränumerationso pretfe für Deutschland: Monatlich . . . Mark 5*-* Frankreich: Monatlich . - . FrankS 3*- Ftalien: Monatlich .... Lira Monatlich Schweiz: . - - Fr wankS 2«- Redaktion n. Lid». ::UsUatio» Wten,2.Bez.,Taborstr.l-3 Telephone: glvministration 4403»*, Redaktion 43319, ab 6 Uhr abends Rr. 10301 2. Jahrgang Gute Zeiten für Mörder. st. Wien, 8. Jänner. Die „Freiheit", das Organ der deutschen sozialistischen Linken, bringt unter dem Titel „Gute>, Zeiten für Mörder" eine ständige Rubrik, deren Inhalt beweisen soll, daß Deutschlands Negierung, seine Gerichte und seine Presse jede blutige Ce.oalttat gutheißen, wenn sie sich nur gegen freiheitlich denkende Menschen reichtet und'der Erhaltung des militärischen Systems bient. Die „Freiheit" ist Hie äußerst scharf geschriebene Zeitung einer sehr radikalen Partei und nicht jede ihrer Ueußerungen darf voll genommen werden. Aber der jJnhalt dieser Rubrik rechtfertigt die entsetzlich klingende Aeberschrift. Das Blatt schilderte an dieser Stelle die wohlwollende Behandlung der Mörder Eisners, Lau-, dauers, Liebknechts und der Luxemburg und die milde Beurteilung der bei Verfolgung der Spartakisten verlebten Roheitsexzesse. So empörend alle diese Verbrechen waren, so sind es immerhin Daten, die im Verlaufe erbitterter Kämpfe vollführt wurden und ihre wildere Beurteilung kann nicht als absoluter Beweis Hafür gelten, daß Deutschland seinen Mördern Freibriefe erteilt hat. Anders liegen die Dinge aber schon in der Angelegenheit des Münchener Kellermoröes und der Vorfälle in der Französischen Straße in Berlin. Uls die viehischen Schlächter in Uniform dreißig wehrlose Mitglieder des Münchener katholischen Gesellenvereines zerstachen und zerstampften, ihre Ce/irne mit Stiefelabsätzen zu Brei zermalmten, als. in Berlin die Militärbestien die unbewaffneten Matrosen heimtückisch sin die Falle Lockten und ohne Verhör und Urteil, ja phne auch nur ihre Namen festzustellen, niederknallleu, tznd das alles im tiefsten. Frieden der Swatze, da galt es iein Worden um des Wördens willen. Der Freispruch dieser Gesellen und ihrer Anstifter, welchen noch eine Belobung wegen prompter Ausführung militärischer Befehle erteilt wurde, ist bezeichnend, und bezeichnend ßst die Art, wie Deutschlands öffentliche Meinung auf diese Schandprozesse reagierte. Gutheißung von allen Seiten, hie und da ein bißchen Tadel. Nun hat sich ein Fall ereignet, der alles übertrisst. Der Ausgang des Prozesses Hiller-Helmhacke ist ein unwiderleglicher Beweis des sittlichen Verfalles in Deutschland, der nergehenden Abstumpfung des menschlichen Empfindens Mter dem Drucke des Militarismus. Der Oberleutnant Killer hat im Verlaufe des Krieges sechs Unteroffiziere ünd Soldaten auf sadistische Art zu Tode gequält. Er hat den sterbenden Soldaten Helmhacke geschlagen und getreten und dann den Befehl erteilt, den Unglücklichen in ein Erdloch zu vergraben und verhungern zu lassen. Der Befehl wurde ausgeführt und Helmhacke starb) . Das Gericht, welches im Namen-der freien deutschen sWpublik Recht spricht, hat die Bestie Hiller, welche als Sohn eines preußischen Lehrers dem Milieu peZ gebildeten Deutschland entstammt,, zu sieben Wochen leichten Arrests verurteilt. Und' Deutschland ist ruhig geblieben. Diese schändliche Ruhe bedeutet wirklich gute Zeiten für Mörder. * 7 ' / Alles Gerede und Geschreibsel gegen den Militaris- «ms hat sich im Frieden als wirkungslos erwiesen. Durch viele Jahrzehnte haben sich gutgewillte Menschen «und große Parteien redlich bemüht, den Völkern die Gefahren des Militarismus begreiflich zu machen. Nicht «nur die Salonpropheten nach der Art der Suttner, Welche zum wohlgenährten Bürgertum sprachen, haben versagt, auch den großen Volksführern ist es nicht gelungen, die eigenen Parteigenossen, die breiten Ar- Lertermassen, wirklich antimililaristisch zu orientieren. Es ist letzten Endes dahingekommen, daß man des ewigen Redens gegen den Militarismus müde wurde lunib die gegen ihr? gerichteten Anklagen .als Uebertrcibungen lästig empfand. Ja, um Himmels willen, was ist denn gar so Schreckliches an diesem Militarismus? Daß er den Staatshaushalt stark belastet und die Steuern hochtrcibt, daß er junge Menschen mehrere Jahre vom Berufe fernhält, ist gewiß nicht angenehm, aber'die Menschheit geht daran noch nicht zugrunde. Ättbererseits bewirkt er Ordnung, Disziplin, ' Sauberkeit, schafft ein Gefühl der Sicherheit und bringt mit seinen Uniformen und Paraden, schön Helle Farbe, ins graue Alltagsleben. Kinder, Mädchen, Maler und Poeten freuen sich daran, und das ist auch nicht zu verachten/ Im Lärm des Krieges konnten sich die Antimilitaristen erst recht kcin Gehör ver chaffen. Da schien die Existenzberechtigung des MililarlSuius erst recht bewiesen. Ohne ihn stünde man machtlos da, der Gier und Wut deS | Hüswilliaen Heiud.es nackt pxeiSgsgeben. Hat man früher Die Lebensmittelversorgung Oesterreichs. Paris, 7. Jänner. (Tel.-Komp.) Der Oberste alliierte Rat beschäftigte sich in den letzten Tagen mit der Nahrnngsmittelversorgung Oesterreichs. Im Hinblick darauf, als nach der Ansicht der Konferenz die Vorräte Ende dieses Monates bestimmt erschosst sein werden, setzten die Allierten den Versorgungsplan für die nächsten Monate f e st. Die notwendigen Nahrungsmittel sotten in Dollar bezahlt werden. Den Alliierten ist es bisher nicht gelungen, die notwendigen Kredite sicher zu stellen, da Amerika in dieser Angelegerchert nicht mithelfen will. „Daily News" berichtet nun,, daß die Bitte des Staatskanzlers Dr. Renner an Amerika» seinem Lande einen Kredit zu eröffnen, damit es Geld für Nahrungsmittel bis Oktober erhalte, bereits nach Washington weitergeleitet worden sei. Eine Antwort sei bisher noch nicht «ingetroffen. Falls Amerika bis Ende drefer Woche nicht eine günstige Entscheidung treffen wird, werde es zu spät sein, um die Nahrungsmittelversorgrmg Oesterreichs rechtzeitig sicherzustellen. In diesem Falle würde die Hungersnot in Oesterreichs Mitte Februar nicht mehr zu verhindern sein. , Anschluß dLL.eMlischen unabhängigen Arbeiterpartei an die dritte JnternaSionale. Lenin zum Führer gewählt. Amsterdam, 7. Jänner. Laut „Teleqraaf" meldet der „Evenrg Standard", daß die sozialistischen Verbände Schottlands dev englischen unabhängigen Arbeiterpartei sich für den Anschluß an die Internationale von Moskau ausgesprochen und beschlossen hätten, Lenin zum Führer der englischen unabhängigen Arbeiterpartei und zum Nachfolger von Karl Marx als Führer der gesamten sozialistischen Bewegung zu ernennen. di«: Antimilitaristen als wichtigtuende zudringliche Schwätzer kühl abgelehnt, so ging man ihnen jetzt als Hochverrätern mit Strick und Kugeln an den Leib. Der Krieg mußte kommen, wüten und vorübergehen, damit die Menschen begreifen lernen, daß der MititarismuZ. die Erziehung zur Gewalt, das größte Verbrechen an der Menschheit ist. Nicht darum das größte Verbrechen, weil er Elend, Hutzger, Tod und Verachtung bringt, sondern weil er die.Menschlichkeit abtötet und zur Bestialität erzieht. Er verwüstet das Gemüts- und Getst'sleben, indem er Kind und Mann und Greis zur Freude am Blinken der Waffe erzieht und sie lehrt, den vorbereiteten, organisierten Mord als unbedingtes Erfordernis zur Erreichung hoher und höchster Zwecke anzubeten. Das deutsche Volk, dieses so reich begabte Volk, welches dem Militarismus durch fünfzig Jahre restlos ergeben war, kann als Schulbeispiel dafür gelten, daß alle sittlichen Errungenschaften nicht vor dem Barbarismus schützen, welchen die systematische militaristische Erziehung unfehlbar erzeugt. Man darf hierbei nicht an das deutsche Volk inc Kriege denken und etwa an die von den Feinden« erhobenen Anklagen gegen die grausame Art der deutschen Kriegführung. Ob diese Anklagen berechtigt sind oder nicht, tut nichts zur Sache.. Grausame Kriegführung, also gegen den Feind gerichtete und. immerhin der Erreichung eines höheren Zweckes dienende Härte, kann noch nicht allein als untrügliches Zeichen der Barbarei gelten. Die reine Bestialität offenbart sich in der zwecklosen Grausamkeit, welche sich bedenkenlos auch gegen den Allernächsten,-gegen den Bruder, den Volksgenossen richtet, sie offenbart sich in der Unfähigkeit der Gesellschaft, bestialische Exzesse. als solche zu empfinden und zu verurteilen. Fünfzig Jahre. Militarismus haben es zuwege gebracht, die große deutsche Nation in diese Unfähigkeit versinken zu lassen. Die Deutschen werden lange und schwer kämpfen müssen, u.'i sich ans der Sch «nach des Militarismus, »n erbeben. Staatskanzler Dr. Nenner Über aktuelle politische Fragen. Die Koalitionskrise. — Die Prager Verhandlungen. — Die Auslandskredite. In einer Aussprache mit den Vertretern der Wiener Tagespresse gab Staatskanzler Dr. Nenner Aufklärungen über verschiedene politische Fragen, de heute im Mittelpunkt des Interesses stehen. Die Darlegungen des Kanzlers sind nicht darnach, um einen großen Optimismus zu erwecken. Die Krise in der Koalition ist, wie der 'Staatskanzler erklärte, etwas Latentes. Die Koalition stehe jeden Tag vor Schwierigkeiten, die aber durch fortwährende Verhandlungen ausgeglichen werden. Von einer besonderen Krise könne man heule nicht sprechen. Es sei gelungen, die Vorlagen über die Wehrreform, über die Vermögensabgabe sowie über die anderen finanziellen Fragen abzuschließen und diese Vorlagen werden in den nächsten Tagen der Nationalversamm-, lung zur Beratung vorgelegt werden. Die wichtigste Angelegenheit der nächsten Zeit ist die Reise des Staatskanzlers nach Prag. An der Reise, die in allererster Reihe wirtschaftliche Ziele verfolge, werden die Leiter der volkswirtschaftlichen Ressorts teilnehmen.? Die Referenden der einzelnen Ressorts dürften erst später nach Prag gehen, bis man in Spezialverhandlungen treten wird. Dr. Renner fährt am Freitag nach' Prag und es ist beabsichtigt, daß-schon am Samstag die Besprechungen beginnen, die am Montag oder spätestens am Dienstag beendet werden. Dann erst beginnen die Spezialverhandlungen der österreichischen und tschechischen Referenten. s .7 Wenn man in gewissen Kreisen an die Prager Reise des Staatskanzlers große politifche Hoffnungen knüpfte, von einem Zollbündnis - mit der Tschecho-Slowakei! sprach oder sogar die Verhandlungen als den Auftakt/ zu einer Donauföderation bezeichnete, so ist dies alles, nur .inhaltslose politische Stimmungsmacherei. ®ief Prager Konferenzen bezwecken nichts anderes, als die Anbahnung freundnachbärlicher Beziehungen und die Durchführung der Friedensbedingungen von Saint-' Germain. Man will endlich alle Fragen bereinigen, die nach dem Friedensvertrag ohne Mitwirkung der? Entente zwischen den beiden Staaten gelöst werdew können, man will endlich versuchen, Erleichterungen in den Veok.hrsfragen und in den gegenseitigen Handelsbeziehungen zu schaffen.. Oesterreich hat ein vitales Interesse daran, daß die noch immer offenstehende! Kohllnlieserungsfrage einer gegenseitig möglichen Lösung zugeführt wird. Es handelt sich um den Abbau aller Schwierigkeiten, die der Krieg und die Liquidation! der Monarchie hervorgerufen hat. Man wird versuchen, Vorbedingungen zu schaffen , für einen später, bis die Verhältnisse stabiler geworden jinb, abznschließenden Handelsvertrag. Augenblicklich Handel es sich darum,' die dringendsten Fragen zu besprechen und eine Einiann2 zu erzielen. Das tschechische Volk ist ein tüchtiges und intelligentes Volk und Oesterreich und die Tschecho-Slowakei sind als Nachbarn auch weiterhin auseinander/angewiesen.. Von Politik allein kann ein Volk nicht leben und die alten Gegensätze sind heute ausgeglichen. Man muß sich darum vertragen verstehen, was nach den jetzigen Erfahrungen nicht schwer fallen könne. Die erste Pariser Reise des Staatskanzlers Jjoij noch immer nicht den gewünschten Erfolg gehabt«: Wenigstens ist bis jetzt nicht ' bekannt geworden, ob) uns die Entente wirtschaftlich Helsen will. Die Schwierigkeiten liegen offenkundig in - Amerika, wo die Anschauungen über die Kredithilfe für Europa recht geteilt .find. Falls sich bis Ende dieses Monats zeigen sollte, daß über die Kredithilfe noch nicht entschieden wurde,, wird der Kanzler im Februar noch einmal nach Paris xeisen, um dem Viererrat eindringlichst' unsere schwere Lage vor Augen zu führen. Daß die Entente zu helfen verspricht, ist sicher. Nur mangelt es in Paris an rascher Arbeit und außerdem haben die Herren im Viererrat noch andere Sorgen als, daZ österreichische Problem. Sie wären herzlich froh, wenn sich die neuen Nationalstaaten auf dem Gebiete der gew. senen Monarchie gegnseitig selbst helfen würden.' Dies scheint aber derzeit ein Wunsch zu snu, denen? Erfüllung noch feine guten Wege hat.