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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-05 · Heft 343 (5.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 343 (5.1.1920)
Date
1920-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mk. „ M8 Nachfolger Clemenoeaur, als nächster Minister- Präsident Frankreichs, .wird allgemein Alexandre MMrrand «uSgerufen, der jetzt Prokonsul in den wiedereroberten Pro- ,vinzen Elsaß-Lothringen ist. Er hat die Bündnisse für den großen nationalen Block bei den letzten Kammerwahlen geschloffen, er hat für Clemeneeau gesiegt. > Mexanbre Millerand ist jetzt gerade sechzig Jahre alt. Wrf einem stänrnrigen Körper sitzt ein feiner Kopf mit grauem Wirbelhaar. Ein Zwicker deckt die. kurzsichtigen -Augen. Ein Schnurrbart, der dem des Gallierfürsten Bercingedorix gleichen soll, ohne daß er seine martialische Wucht hätte, durchschneidet die Linien des Gesichtes. Millerand istgut angezogen, aber nie Äegant. Er trügt den unmodernen Liegekragen, in den eine ^konfektionierte schwarze Krawatte gesteckt ist. Im Aussehen — em viel beschäftigter Advokat der unteren Kreise. Pviucars war der mondäne Advokat, ohne Hessen Bestand keine vornehme Pariser Ehe geschieden werden durfte. Daneben gab eS in .feiner Praxis natürlich auch' Geschäftsfälle, deren. Expensen in den Annalen des Barreaus vorbildlich geblieben sind. Millerand hat-ebenso ergiebige Affären. Aber, seine Marke .ist. dis des Advokaten, der auch' die Ex 'ofsü-Brrteidigungsu persönlich durchführt.-! Er ist Advokat und siel zuerst durch sein rednerisches Talent, durch die Kraft und die stahlharte Logik seiner Argumentation im Jüstizvalast auf. Mit 23'. Jahren hatte er hier seinen ersten Erfosg — eS galt die Sache der Minen- Arbeiter von Monoeau-lesMiyes . und benachbarter Kohlenbezirke, die sich gegen: den Staat und feine Stützen empört hätten. Millerand verteidigte die- Rädklsführer, die aus Pari». ' eingelangten Agitatoren, verteidigte: später sozialistische Bergarbeiter, als sie hes. Mordes qn einem unbeliebten Ingenieur ^geklagt. waren.-'.' Er tratvhneweiters'zuräußersten Linken, im^AeriHrssaal, dartn 'istr> HäNfts'-.Oentrindergt,^ Fchli^ßlD.) i\t': der Kammer,; w» et denstzlben^ Pariser KreiS^vertrat^ der ihn'bis .heute geivählt hat. Damals, zur Zeit des advvkaiorischen und politischen .Debüts- Millerands/ war .eiqe' ervegte Zeit in ..Frankreich.y Die. sozialistische Opposition -.war mit' anarchistischen Dementen durchsetzt. .CS herrscht«: eine förmliche iDhnamitepibemi«, die sich ziellos, «ft nur um ihrer selbst., willen, Luft machte. Millerand' wird. Chefredakteur ' her -,Boix" undstürmt gegen den Opportunismus los. Er bekämpft, wie.Clemenceau, wie Jauces, .daS: kapitalistische nur national denkende, fcheinttberale Frankreich, da» — eS war nicht viel mehr. als - sin Jahrzehnt nach dem großen' Kriege — mühsam seine. Auferstehung bewerkstelligen wollte. Er gxiff die Banken au, dir Bodensteuer, die Erneuerung des Privilegiums der Bank von Frankreich,„dieses Königtums 'des Geldes,, das als gleichberechtigte Macht mit - der Republik verhandelt Und ihr als Herrin. gegenüberstsht» dank einer Situation, die ihx die.lZchwäche. und Komplizität früherer Regierungen verschafft hat." v; s;' Durch diesen unentwegten Und dabei bewußten Radikalismus,! durch seine sozusagen kaltglühende Sprachgewalt wurde 'U '; SL^r^lMkr^TlurVbLeMe.' ' ' Dis Pädagogische Literatur schwillt hemmungslos. . Sie rürmie sich berghoch während des Krieges, weil Krieg toett, \ie steigt zu den Wolken, weil kein Krieg mehr ist — kein Ereignis, ' d'aS' .sie' .pW weiter wachsen Netz. Natürlich kann bei dieser Massenproduktion nichts Gescheites.herauskommen: Seichtecheoretisierende Gemeinplätze, himmelstürmende Utopien, deren praktische Undurchfüyrbarkeit dem Sachverständigen auf dem ersten Blick klar ist, wüstes Gefchimpf auf das Bestehende ohne eine positive Aenderungsidee, das sind so ungefähr die Typen der pädagogischen Broschüren, an die Papier und Druckerschwärze verschwendet werden. Einen Gedanken, der gar nichtf funkelnagelneu zu sein braucht, unter Berücksichtigung des Tatsächlichen und Möglichen nach allen Seiten durchdenken Und.in seine Verzweigungen und Wirkungen verfolgen, das leisten nur .die wenigsten, aber gerade das orauchey wir. Und Harum mache ich heute auf drei neue Schriftchen aufmerksaur, die dieser Forderung genügen. Da ist einmal: „DolkSstaat und höhere Schule. Phantasie eines Heimgekeyrten" von Walter Fränzel (Jena, Diederichs, 1919, Tat- und Flugschriften 32), gar keine Phantasterei, sondern ein frisch-beherztes. Zugreifen und das Manifest eures arbeitsfrohen Willens, der auf Ttümmern sofort neu zu bauen anfängt. /.Wir haben eS nicht mehr, um aus dem Vollen zu wirtschaften, unS mit einigen Reformschulen und einzelnen Schulreformen begnügen zu können. Wir kösinen eS uns nicht mehr leisten, unter Protest den Saal zu verlassen und unS in der Wildni» nach unserem Ouerkops Hütten zu bauen . . And nun le-t Fränzel in diese« Returdurschenfe« »eit« dar. ui« ec sich'die ntne Vchüle »Mit, diö der» s»» Hho«j»L Zuspät?»mmend«n auch noch trotz der MißbiLigung bsv sitüha« Anwesenden ihr. Recht aus Bildung und Genuß wahren soll, Eadorna' demeNtiert. R s m» 4. Jännet. (AgenZia Stefan!.) Die VLätter V-rrTffeEichtzrr eins AnLerreÄnng mit GenLL'M Klier die Mi Morr des PL'mZLL Sixkrrs. CsdsrrrL fteLLL dis VsharrytrsRfi, im Jahrs 1&17 einen Abgesandten in die Schweiz geschickt Zn Hahen, am Oesterreich gegen bis Mtrstim°g der iterlisnifch sprechenden TeiLe Tirols, den Frieden. nnMdieten, entsch reden r n N b r s d e. Die Usgierrm^ Habs sich feiner niemaLs bedient, rmr eine poULiiche Aktion einMielten. Er habe auch nie die Jmtiative zn ssScherr GchriLLsn ergriffen, ohne von der Negiernng dazu beanstragt worden zu fein. > Cadorna fügte h'mzrr» dal; er immer von der NoLWSndigkeiL durchdrungen gewesen sei, Satz drs BrennsrgrenA's. geschaffen. werden müsZLe rmd das; er eine-Wendung mit dorn italienischen Trentino niemals vorgefchlage», noch gutgeheitzen Habs. Die PsLNisch-ÄerrLschTN VevhLsrdluNgerr. Vor der LLebrrgabe der »stprentzischen Gebiete. Paris, 4. Iänyer. (Funksplüch.) Die polnische und die deutsche Delegation werden Samstag zu einer Sitzung zusammentrelen, um die endgültige Regelung der Uebergabe der Wacht in den von Deutschland an Polen abzutretenden Gebieten in Ostpreußen, zu besprechen. lieber diesen Gegenstand sind bereits in Berlin Verhandlungen geführt worden. nrsntärlscher Diplomat und Täkttker sondergleichen, aus einer Unzahl von Fraktiönche'n zu einer Einheit verschmolz. MS Advokat, als Parlamentarier, alß Journalist ging «r ix der Partei auf. Er gründete die .Mtit» Republlque", daS tägliche Parteiorgan, und wurde ihr vrstsr Chefredakteur. Tr nahm dis Schließung der Arbeittbörfe durch »inen der letzte« Epigone« des . Opportunismus, durch Charles Dupuh, zur Plattform einer mächtigen Agitation in der Kammer und auf der Straße und vertrat di« 42 angeklagten Arbeitersyndikate, die sich dem AuflösungSbefehl nicht fügen wollten, in einem sensationelle« Prozeß. Er führte in den Wahlen beS JahreS 1893 und verschafsie den Sozialisten eine« Erfolg, den niemand geahnt hatt. Immer weiter, immer logischer drang er in ferner sozialistischen Agitation vor, undformulierte in einer denkwürdigen Rede, anläßlich der Gemeindewahlen iw Pariser Bororte Grint-MandK daS, Minimalprogramm der Partei. ES mündst in drrei Förderungen: Eroberung der staatlichen R7.gierungSgewalt; Goßiälisierung der ProduktiönSinstrumente; internationale Verständigung der Arbeiter aller Länder.' ' ' v: ' «r»o« wk—ar«w»icBn«WM<ium— die die Bevorzugung des Abstrakten auf Kosten deS Konkreten, die „Wonnen der Gwöhnlichkeit", zum Teufel jagensoll. LebenSgemeinschäften zwischen. Schülern ’rnib Lehrern verlangt er, und zwar von der Hochschule angefangen abwärts. Und das heißt , den Finger auf'die Wunds legen. Me Schulreformen helfen nichts, solange Schüler und Lehrer jeden Alters und jeder Bildungsstufe ein getrenntes Leben führen und beide Teile froh? sind, wenn, .sie 'das ■ Schklhaur hinter sich haben. Solange die Sehnsucht nach dem Ferialtag dem ABC-Schützen ebenso beseelt wie den Hochschulprofessor, solange wird der Staat an Stelle lebendig wirkender Menschen nur Gehaltsempfänger besolden und immer wieder nur Gehaltsempfänger erziehen. In Arbeitsgemeinschaften, die natürlich eine würdige materielle Stellung des Lehrers voraussetzen, die ihn deS Nebenerwerbs überhebtsind denn auch die Gchülerräte keine anorganischen Zubauten, wie vielfach noch heute, wo meist beide Teile auf dem neuen Instrument noch nicht zu spielen verstehen, sondern sie wachsen hier naturgemäß von selbst aus dem' Betrieb hervor, ein Förderungsmittel, keine Revolutionsspielerei. Und von ds» Elternräten gilt das gleiche. Man mache sie nur erst ei»- mal in immer wiederholten, praktischen Einzelfällsn dem Wähle der Schülerschaft dienstbar, statt sie tu unfruchtbar zänkische Parlamente auSarten zu lasten, und man wird ein längst notwendige- ExpedienS, der Schule zewinnen, wo ängstliche Scholarchen die Zerstörung alle- Bestehende« gewittert haben. So wird gum Sozialgefüyl erzogen und dem Eigenbrödlertum, d«S ewig am Grabe seiner Illusionen die Hände ringt, rechdzeitig der Dodsn entzog»«, bev,r auenttäuschten Idealisten sia«tS» und weltfeindktcl«: Raunzgr werden, oder Propag»«- tzssie«. tzoe Tat. Mfc fime «4« nimmer aufHaum m. HwnßL, M\*biw v<nt> fp*v**xv*n?\<iAi. d<ch itz die *»m . Das war im Iahte 169S. Zwei Jahre vorher hatte», sich' der Kriminalfall deS Hauptmännes Dreyfus begeben', der wegen Verrats militärischer Geheimnisse zur lebensläng^ lichen Deportation verurteilt worden war. Drei Jahre nach^ dem Programm von Saint-Mandö eroberte ein Mitglieds der sozialistischen Partei, dank eben jener Kriminalaffäre/. die Negierungsgewalt. Alexandre Millerand trat als Handelsminister ins Kabinett Waldeck-Rousseau ein. Es war ein^ sehr partieller, sehr'persönlicher Einbruch in die RegierungS> gewalt, die dis sozialistische Partei unternahm. Millerand" wurde von der Partei beurlaubt, seine Ministerschaft bliell' ein Pfahl in ihrem Fleische. Sein Ministerkollege war der- General Galliset, der die Kommune in Blut ersäuft hatte.^ Das Kabinett hatte die Mission, die leidige „Affäre" um' jeden Preis zu liquidieren, links und rechts zu besänftigend. Der Handelsminister mußte im speziellen die Eröffnung ber^, Pariser Weltausstellung, der letzten, die wahrscheinlich zu: sehen war, vorbereiten. Er brachte das große Kunstwerk: der alten Gesellschaftsordnung zustande und erschloß feine: Pforten mit einer denkwürdigen Rede. Millerand, der nebewf dem lohenden reinen JauröS den französischen Sozialismus bis zu seinem Triumph im Dreyfus-Handel. geleitet hatte,, sprang entschlossen, wie er alles tat, auf die andere Seite! der Barrikade. Als Ausstellungsminister nahm er alle: Repräsentationspftichten ernst. Er akzeptierte die Orden, mit! denen ihn die Monarchen und Staaten überschütteten, die de8 Zaren, auch den Eisernen Kronenorden erster - Klasse de§- Kaisers von Oesterreich, der ihm, wie die oppositionellen!!. Blätter bald heraus hatten, einmal das Recht hätte Verleihes können,- Baron zu werden. Die Zeitungen der äußersten-: Linken und die der äußersten Rechten nannten ihn darauf nur mehr den „Herrn Baron Millerand". Er hatte sich nicht: gescheut, daS heikelste Ministerium zu dirigieren, daS detzi Handel-, da»? in Frankreich auch in sozialen Konflikten zU: intervenievrn hat, Millerand tat auch das, und war so er- ' 'stauMW-^^rM'ME söziaMschen-. .D«gM> allzu leichtes. Spiel hatten. Sie . brachten, als in ChalonSfur-Gaog: 'blutige Kämpfe von Arbeitern und Soldaten Opfer, forderten, wortwörtlich bis Interpellation «in, in der der. radikale' Oppositionell« Millerand bei gleichen Gelegenheit^«^ eiue parlamentarisch« Untersuchung verlangt hatte. .? * Der' Weg MMevanbS ging weiter aufwärts, darin «M in brr. Treue zu seinem zwölfte» Pariser Arondissement, da»:, ihn als oppositionellen Sozialisten, als Minister, als freies Sozialisten und jetzt als Kandidaten neben Manrice Barrtzr wählte, blieb er konsequent.. Als Advokat bekam er alle, kurzweg alle bedeutenden Zivilmrd Handclsprozesse, al- Politi'sL kam er von nun an aus jede Ministerliste des kommenden Kabinetts — das ist in der parlamentarischen Republik! eine geradezu verfassungsmäßige Position. Er wurde iu»' Kriege das zweitemal Minister im wichtigsten, im Kriegs reffort, das er um- und neü organisieren sollte. Ob ihm das gelungen, lehrt die Geschichte trotz deS Ausganges deS Welt-- krie'geS nicht. „Die bildende Kunst im freien Volksstaat" von Georg Malkowsky (Sozialismus und Kultur 4—5, Furche-Verlag, Berlin 1919) entwickelt ähnliche Gedanken unter Beschränkung auf Kunstpflege, Kunstunterricht und MuseumsauZgestaltung- Man kann daran zweifeln, ob Kunst wirklich, wie der Der, faffer meint, „zum Allgemeinverständnis in freier Entwicklungi emporstrebt", aber daß diese Entwicklung, selbst wenn sie nicht so ganz ftei sein sollte, aufs kräftigste zu unterstützen, Staat und Privatpersonen ein begründetes Jntereffe haben, darüber, dünkt mich, kann kaum ein Bedenken bestehen/ Natürlich sollen um Himmelswillen keine. Aestheten erzogen werden: „Die Heranbildung einer vorwiegend auf die Schongestaltüng de§ Lebens abzielenden Weltanschauung trägt ein Destruktives, von den durch das Gemeinwohl bedingten Pflichten ablcnkendeS Element in sich." Aber man unterschätze auch den Wert dev Kunst als Trösterin, Ablenkerin und Agitatorin nicht: «Die Paffäel und Dürer waren wirksamere Propagandisten als Me. Kirchenväter, Scholastiker und Jesuiten zusammen«! genommen." Darum muffen! die Museen nicht mehr in erste« Linie den wissenschaftlichen Bedürfniffen der Kustoden diene» sondern vor allem der Erziehung zum Kunstgenuß. Das seit einer Reihe vorr Jahren ziemlich allgemein anerkannt aber nirgendwo ganz, vielfach gar nicht in die Praxis um» gesetzt worden. In Wien sind verheißungsvolle Ansätze z« einer Besserung in der allerjüngsten Zeit erkennbar, aber eß wird kräftiges Antauchen nötig sein, damit dem Anlauf aut| der Sprung folge, und von der Kondukation, für die Maly kswSkh nebenbei ebenfalls eintritt, gilt daS Gleiche in e« bShtem Maße. Gleichgültig dagegen sind die „Schulen" innert halb der Künstlerschaft, lediglich deren interne Angelegenheit -»n» di» Ejellung der Allgemeinheit zu ihnen ist einfach auf wi Kvrmsl zu bringen: Geist ist fein Ersatz für technische Rnzulänq^

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