Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 342 (4.1.1920)
- Date
- 1920-01-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 342 Mm, Sonntag Wiener Morgenzettüng Tagesbericht. Gesichter. Neulich' fuhr ich mit einem bekannten Zeichner durch Berlin. Er .sagte zu mir: „Seh'n Sie sich die Gesichter - der Leute an!. Sind die Köpfe besser geworden? Ist ' das der Gesichtsausdruck eines Volkes, über dem ein Schicksalssturm dahingebraust ist? Sehen Sie sich die Gesichter an!" Ich sah sie mir an- In der Tat: genau so ausradierte Helle Flächen wie vor dem Kriege. Nirgend ein Atom seelischen Lebens, nirgends eine Spur innerer Erlebnisse. Gewiß, man .hat sich in Saloniki entlausen .lassen, hat in,Finnland Zigaretten empfangen, ist in Flandern vom Fe'dw'bel ange'chnauzt worden — aber nichts blieb hasten. Warum nicht? Weil Berlin immrr mitging. Aber nicht die Heimat ging mit — haben denn diese entwurzelten Leute aus den Mietswohnungen überhaupt eine Heimat? —sondern der alles verwischende und verwaschende Bureaukr'ati§:..us giüg mit, die öde militärische Gleichmacherei, die viel, viel schlimmer war als der schlimmste, uns stets angedrohte Z^chthausstaat der Sozialdemokraten. Er ging mit und ließ keine inneren Erlebnisse aüfkommcn. Es wurden zwar welche gedruckt, aber die stammten fast alle aus der Literatur. Sind die Augen geöffnet worden? Der „Simplicissimus" —- als er noch gesund war und ein freches H'undevieh — druckte einst im tiefsten Frieden ein Lob des Krieges aus einer Kriegervereinszeitschrift ab, darin gesagt wurde, der Krieg sei schon deshalb so zu begrüßen, weil durch ihn die deutschen Soldaten fremde Gegenden kennen lernen.müßten. Nun kann ich mir zwar .eine angenehmere Art zu reisen denken. Aber diesett Unsinn hat Wern dann später, als Reklamation und vaterländische B geisterung die Seelen stärkten, im Ernst lesen können. Aber ach! was haben sie denn kennen gelernt? Immer wieder dieselbe preußische Etappenstadt: „Zur Entlausungsanstalt" — „Nur für Offiziere" — „Durchreisende Mannschaften haben sich auf der Kommandantur zu melden" -verboten" — „Verboten" -- verboten".—. Und wenn die Deutschen den Nordpol erreicht hätten, sie hätten auf die Spitze der Erdachse eine Tafel befestigt: >,Das Betreten des Pols ist nur nach eingeholter Genehmigung durch die Etappenkommandantur Nord II gestattet. Die Mannhaften haben bei -einer Temperatur von dreißig Grad abwärts umgeschnallt zu erscheinen". Nein, den Gesichtern ist nichts anzumerken^ und den Seelen —? Ich fürchte, ich fürchte, auch' denen nicht. > - Ignaz W r o b e l (Weltbühiress. Ein Niesenbrand in Floridsdorf. Gin Millionenschaden. Ein Brand, der leicht verhängnisvolle Folgen hatte haben können, har m den gestrigen frühen Morgenstunden m brr Waggonbauwerkstätte der Nordbahn in Floridsdorf gewütet. Das Feuer tft in den an der Brünnerstraße irr Floridsdorf gelegenen umfangreichen Baulichkeiten um Uhr morgens zum Ausbrych gekommen. Dem Brande rsi das große Gebäude, das die „Neue Montierung" heißt, zum Opfer gefallen. Dieser Teil der Werkstätten ist ein umfangreicher Ban, m dem sonst etwa 700 bis 800 Arbeiter beschäfngt sind. Er enthält die Dreherei, Fräserei und Tischlerei, und m ihm waren außer den Maschinen, Drehbänken und Werkzeugen große Holzmengrn ausgesiapelt. Dadurch hat auch der Brand schon ,m Entstehen so große Ausdehnung annebmcn können. Dre Flammen brachen durch das Dach durch, schlugen zum Himmel emvor und waren weithin bis über die Donau sichtbar. Der Riesenbau ist dann unter großem Geräusch v ollkommen erngestürzt. Die Feuerwehr konnte stch noch rechtzeitig in Sicherhett bringen. In ganz besonderer Gelahr war auch ein unttangrelches Orlmagazin, das in der Näbe der Monttcrungshalle sich befand, aber von der Feuerwehr ge'chützt und erhalten werden konnte. - Der Schaden ist ungemein groß und um so empsindlicher, als große Mengen von Maschinen und Qualttätsholz, das schwer zu beschaffen ist, beim Feuer zugrundegingcn. Wie au8 diesem Berichte hrrvorgeht. sind dem Brand auch viele für den Verkehr säst unentbehrliche Materialien zum Opfer gefallen. Wir erfahren, daß unter andelem 82 Lokomotiven ttn Werte von etwa 40 Millionen^Kronen zerstört wurden.,Das bedeutet bei dem gegenwärtigen traurigen Zustand unseres Verkehrswesens einen unersetzlichen Verlust, der sich bei ber Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehres nach den nordöstlichen Relationen sehr schwer fühlbar machen wird. Luftverkehr von Kairo bis zum Kap. Ein Communiguä des englischen Ministeriums für Lustu. iffahvt kündigt die Eröffnung eines LuslverkrhrcS zwischen Kairo und dem Kav an. Das Projekt wurde von ' englischen Offizieren während deS ver stoffenen Jahres in aller Stille ausgearbertet und seine Ausführung vorbereitet. Afrika wurde von Nord nach Süd in drei breite Zonen geteilt, deren erste von Kairo bis zum Albertsee reicht »nd ungefähr 3 i00 Kilometer pmfaßt. Dre zweite 1440 Kilometer lanae reicht bis zum Tanganikasee, die dritte und längste bis zum Kap der guten Hoffnung. Die Arbeit der Erforschung und Vorbereitung m diesen Regionen von ungrhencrer Ausdehnung erfordeite unglaubliche Anstrengungen und setzte alle Beteil gtcn unglaublichen Gefahren aus, namentlrch in Zentralafrika, wo die gefürchtete Ze-Ze-Fliege wütet und alle Kommunikationen fehlen. An dm hauptsächlichen Punkten der Linie, welche die Aeroplane von cimm Ende des afrikanischen Kontinents zum anderen zurücklegen werden, sind Aerostationen errichtet worden, deren cs ,m ganzen zwanzig gibt. So wird eS möglich fern, in veihälinismäßig kurzen Etappen die ganze ungeheure Strecke zu durchqueren und man hofft, daß dies m ö biS 4 Tagen niöglich ' fein wird. ' * Präsident Sertz. Der Präsident der Nationalversammlung leidet seit einigen Tagen an einer leichten Bronchitis und mutzte sich der Teilnahme an Sitzungen und öffentlichen Veranstaltungen enthalten. Die aus diesem Grunde in der abgelaufenen Woche abgesagten Empfänge werden an den gleichen Tagen der kommenden Woche stattfinden. * Die Erhöhung deS BrotpreifeS. Wie amtlich mitgeterlt wird, wird 'der Kleinverkaufspreis des Brotes vom 4. Jänner 1920 angefangen in Wien 3 Kronen. 84 Heller für den Laib im Gewichte von 1360 Gramm betragen. Autzerhalb Wiens sind die politischen Bezrrksbehörden ermächtigt, den Klein- Verkaufshöchstpreis für Brot zu bestimmen. Das Steigen deS Brotpreises kann damit leider nicht als abgeschlossen gelten. Schon eine etwa eintretende Erhöhung des Mehl- Preises müßte eine neuerliche Erhöhung des Brotpreises bringen. Der Brotpreis wird sich überdies auch fernerhin den jeweiligen Lohnsätzen der in der Broterzeugung Beschäftigten sowie den jeweiligen Regien der Broterzeugung anpassen müssen. * * Der Verband der indischen Heimkehrer und Anvalidett in Wien veranstaltet eine G e d c n f l c - c r z u Ehrender im Weltkriege gefallenen Juden, welche Sonntag km 11. d. M.. um V811 Ubr voim ttigS, int großen Konzerihrncsial, stattffndet. Bei der Fe>er wirken m't- Rabbnr Dr. Grunw.ilo. Therese Nmminn, Klavrervirtttosin. Dr- Bruno Fächer. Ovniilänaer, Jüdischer Geranaverem, Oberkantor Morgenstern s. Cbor, Vioi. Louis Dtt« Orgel), Obcrregiffeur E. Brecher, Waldhornsextettder Staalsopcr. * Ehinuka-Kinderbekleidung in Bade». Aus Baden w rd gemeldet: Am 1. Chanu*a-Abent» fand wie alljährl ch auch Heuer trotz der schwierigen VerhLttniffe die Armmkinderbetteidung statt, anschließend daran eine Jaw'e für die betk'ligten K nder. Herr Oberrabbiner W. Reich hielt bei dieser Gelegenheit eine zu Herzen gehende Ansprache an die Kinder, worin er ihnen den Zweck der Feier ertlärte. Das größte Verdienst der d estm Werke gebührt der Plästdentin des Frauenwobltätigkeitsvereines. Frau Luise Freiwistig, die mtt größter Mühe und edlem Bestreben dieses Bckleidungsma erial erstand. Auch Herr Oberkamor S. Krmtsten. und Herr Rrligronslehrer Löwenthal trugen vieles zur Würze des Festes bei. Eingesendet. Jetti Rappaport Wiänitz VERLOBTE Wien, im Jänner 1920. M Brück Zaleszczyki aiw Dr. Julius Messer eröffnete seine Adrokatenkanzlei in Drohobycz, Ringpl. 31. 7031 Möbel 11. Innen- I CD IDA flekoration y^Lü!*' grösster Auswahl; Nur gediegene WIBP, Ul!.,-- 0. 2 in 961 Erzeugnisse. (Ecke Karl Schweighofergasse.) , Eröffnung demnächst, soi Klubheim der „Hakoah“. 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M * Versammlung polnischer Staatsbürger. Heute um V8tl Ubr findet im Saale des Ingenieur- und Architektenvereines^ l., E'chcnbachgasic 9, eine Versammlung statt. Tagesordnung: t. Auswei'ung der volnischen Staatsbürger aus -Oesterreich: 2. Ständige Approvision erung der polnischen SlaaiHbirräer durch die polnische Regierung. Referenten Dr. K r e m e e und Redakteur Roman H e r n i c z. , * Die Kanzlei des Rechtsanwaltes Dr. Simon Holdengräber, bisher VI.. Estcrhazvgaffe 34, bestndet stch sät 1. Jänne> 1920 in Wien, VI. Gumpendorkerstraße 69/9. * Wiener Rechtsanwaltskinber nach der Schweiz. Wiener Magistrat hat die Rechtsanwältskammer verständigt, daß mit dem 6. Züricher Kinde^uge auch Kinder von Wiener Rechtsanwälten, und zwar 20 Mädchen und 5 Knaben, in die Schweiz gebracht werden sollen. Reflektanten werden aufgefordert, sich unverzüglich an die Rechtsanwaltskammer zrr wenden. * Das historische Museum der Statt Wie« im Rathause ist heute den 4. und Dienstag den 6. d. für den allgemeinen Besuch offen. Wegen Kohlenmangel bleibt es dann bis ztzin Eintritt der wärmeren Jahreszeit geschlossen. * Aus dem Rathause. Der» Stad trat hält in der kommenden Woche außer der morgigen außerordentliche« Sitzung noch am Mittwoch und Donnerstag vormittags Sitzungen ab. Der Gemeinderat tritt am Freitag, nachmittags 4 Uhr, zu einer Sitzung zusammen. , * Erweiterung des StellwagenverkehrS. Ab Dienstag! werden die Wagen der Kraftstellwagenlrnie Bürgertheater-. Schottentor einerseits über die Landstraße Hauptstraße bis zur Rochuskirche, andererseits über dre Währingerstvatze brtz zur Polksoper weitergeführt. Die Rückfahrt von der Volks-, oper zur Stadt erfolgt über die Bleichergasse, Nußdorfarstraße und Währingerstraße. « ^Geschäftsleute für die Poliklinik. Aus einer Sammlung bei. neutralen und feindlichen Geschäftsleuten der Textile brauche ist die Allgemeine Poliklinik mit 45.000 Kronen beteilt worden. * Tod am Setzkasten. Der 30jährige Setzer Ludwig Tschiedl, ist heute in der Druckerei Eberle in der Seidengasse 3 plötzlich tot zusammengestürzt. ( * Ein interessanter Fund. Das »Berliner Lageblatt^, meldet aus Rom: In der Umgebung Roms ist ein etruskischer Tempel mit einer wundervollen lebensgroßen polychromen Votivgruppe von vier Göttern ausgegraben worden.' Am besten erhalten ist die Statue des grollenden Apollo. Die einzigschöne Gruppe stammt aus dem sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt. ■, * Großer Einbruch. Am 2. d. M. wurden die Bureau-, räume und Magazine der „Sirokko"-Werke, 10. Bez., Trost«- gaffe 11, erbrochen. Gestohlen wurden fünf Underwood- Schreibmaschinen, zehn Drehftrommotore, fünf Gleichstroni« owtore, zusammen im beiläufigen Werte von 200.000 Kronen. * Eine sensationelle Mordaffare in New-Iork. Aus New-Aork wird telegraphiert: 29 Industrielle, welche Holzalkohol erzeugt und ihn als Whisky verkauft haben, werden einerseits wegen Mordes, andererseits wegen Totschlages, angeklagt. ‘ ,, . * Der Name der seschiebeue« Frau. I« einer jüngK ergangenen Entscheidung deS Prager Obersten Verwaltungsgerichtes wurde ausgesprochen, daß der geschiedene Ehemann kein Recht hat, zu fordern, daß seiner geschiedenen Ehefrau der Gebrauch fernes Namens verboten werde. Die Ehegattin hat diesen Namen durch die Eingehung der Ehe erworben und er ist der ihr zukommende Familienname. * Verhaftung des Direktors der Grazer Kraftfutterabteilung. Aus G'raz wird uns gemeldet: Die Landesregierung hat kürzlich eine Revision deS Approvisiomerungsfonds verflnlaßt, bei der sich herausstellte, daß der Direktor der Kraftfutterabteilung der Landesregierung Rudolf Florian, gleichzeitig Kompagnon der hiesigen Handelsfirma Panda u. Comp. war. Da der Verdacht besteht, daß Florian seine Doppelstellung dazu benützt habe, Mittel des Approvisionierungsfonds für die genannte Firma verwendet zu haben, wurde über Anzeige der Landesregierung von der Staatsanwaltschaft die Verhaftung des Florian wegen Kollisionsgefahr vorgenommen. 1 ] * Ein antisemitisches Lehrbuch in Pplen. AuS Warschau wird^ uns geschrieben: Das in den Mittelschulen gebrauchte Lehrbuch der Geographie von T. RadlinSki enthält verschiedene Stellen, die weniger geographischer als politischer Natur sind. Cs wird darin versucht, den Schülern die Mei-, nung beizubringen, daß die Juden den Mittelstand in Polen ruiniert hätten, und daß sie darnach streben, ein jüdisch» polnisches Reich aufzurichten. Der jüdische Reichstagsklub wandte sich daher an das Unterrichtsministerium in einem Schreiben, worin betont wird, daß ein Schulbuch de»' Schülern ausschließlich Tatsachen zu vermitteln und bei ihnen Nächstenliebe zu erwecken habe, jedoch nicht dazu da sei, um den politischen Boykott zu" fördern und die findliche Seele mit Rassenhaß zu vergiften. Die jüdischen Abgeordneten ersuchen deshalb um Eliminierung derartiger Lehrbücher aus den Schulen. $ * Staatliche Unterstützung leistungsschwacher jübifchtt Gemeinden in Deutschland. Die vom „Verband der Deutschen Juden" seit Jahren unternommenen Bemühungen um die Bewilligung staatlicher Mittel für die Unterstützung leiftungKschwacher Kultusgemeinden haben nunMehr zu einem'Erfolge geführt. Auf eine neuerdings vom Verbände cm die preußische Landesversammlung.gerichtete Eingabe hat der Hank- Haltungsausschuß der Landcsversammlüng beschlossen, dieser zu empfehlen, die Eingabe der Negierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Dieser Antrag ist nun von der Landesver-- sammlung in der Plenarsitzung vom 12. v. M. mit allen Sttmmen gegen die der Unabhängigen Sozialdemokraten angenommen worden. ° Zweite oeutfchofterreichische Klaffenlotterie. Dk ErneuerunaSteunin zur H. Klaffe endet am Abend des S. d. Är Bis zu diesem Tage können jene Svieker, die an der Ziehung de H. Klasse reilnkbnien wollen, die Ernenerungslose 11. Masse de zweiten deurschosirrieichlschen Klaffenlotterie unter Zahlung dt emsacken Kkaffmrinlage und Vorweisung der Lose 1. Klaffe be lener Geschäfissielle beziehen, bei welcher sie die Lose U. Klaff fiffnuit haben. Die Ziehungen ll. Klasse finden Dienstag dp 18. und Donnerstag dm 15. d. M. im ZiehtMLsssgle» UL Low rmgeckrake 20 tKomertlraus) Amtlich ftalL ‘ 734