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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-03 · Heft 341 (3.1.1920) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 341 (3.1.1920)
Date
1920-01-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Jur. 3-u LLren. tsauisiag WL'errer MorgettzeiLmrA 3. Jänner 192a Seite T Budapest, wo die offiziellen Vertreter Englands i ebenso wie englische Finanzmänner nach dieser Richtung tätig sind. Die englische Kommission von Budapest schlägt also vor, in dem Frieden mit Ungarn die für Oesterreich iy Saint-Germain. ausgestellten Nori so weit es sich auf wirtschaftliche und finanzielle Bestimmungen handelt,' nichtin Anwendung zu bringen. Man erkennt, daß die Oesterreich auferlegten Vedingüttgen, welche keine Zollabmachungen für die Nachbarstaaten vörsehen, ’ zu keiner Erleichterung der Lebensbedingungen Oesterreichs geführt haben und schlägt Nun ein anderes System vor. So will man, baß für eine Ansangsperiode von fünf Jahren Ungarn für die Länder der früheren Monarchie Zollfreiheitp genießen soll. Eine solche Bestimmung würde für die \ Nachbarstaaten Ungarn die Ausstellung der N e z i p r ozität erfordern. Es sollen die Zollschranken zwischen! Ungarn und den Nachbarstaaten abgeschafft, werden, was den Anfang eines Zollvereines bilden würde. Es ist nicht das erstemal, daß die englische Diplomatie mit diesen Vorschlägen vor die Friedenskonferenz tritt ' und es bleibt abzuwarten, wie sich die Mächte dazu , stellen werden. In Italien, wo man das Aufleben der ' früheren Monarchie befürchtet,, begegnet der Vorschlag -einer entschiedenen Ablehnung. Man weist in 'der italienischen Presse darauf hin, daß in diesem Punkte -JtaMns Interessen mit denen Rumäniens und der' 'slawischen Nationalstaaten parallel lausen. Wirtschaftliche Nachrichten. >! Das britische Handelsamt verlautbart, daß Rumänien auf die Liste jener Staaten gesetzt wurde, deren Handelsverkehr durch britische Ausfuhrkredite begünstigt werden. Die frühere Liste sah Negierungskredite für britische Händler nur für Finnland, die baltischen Staaten, Polen, Tschechien, Südslawien und einigt südrussische Gebiete vor. — „New DorkH e r a l d" berichtet: Die Anleihen für Europa werden nicht länger aus den amerikamschsn .öffentlichen Geldern entnommen, werden. Das Schatzamt wird jetzt unter d i r e k t e Kontrolle des Kongresses gestellt -werden, und das Aeußerste!, was, Europa von den Vereinigten Staaten erwarten kann, ist eine. Veroinbarung bezüglich der Zinsen, die Europa den Vereinigten Staaten schulde:. Jede neue Anleihe oder Kredite müssen künftighin vom Privatkapital und den Banken geleistet werden, die bereit sind, das Risiko ayf sich zu nehmen. — Im Monat Dezember 1916 wurden im Spar- und Scheckverkehre der Ersten österreichischen Sparkasse von 8901 Parteien 30,310.836 Krönest eingelegt, an 11.363 Parteien 83,003933 Kronen rückgezahlt und es .belief.-sich der Gesamteinlagenstand am 31. Dezember 1916 auf 674,646.069 Kronen. .. v _ PeLsoreumqueklsrr Lei Gödmg? BvÜnn»- 2. Jänner. <Peivat) Die Mährische Berg- und Hüttengescllschqft (Liy Wien) entdeckte neue- P^e t r o l c u m* > q ge l len bei Gödmg m der Tiefe von 217 Meter. . - Die Zuckerproduktion kn der Tschecho-ÄowLksL. Prag, 2. Jänner. Dxr Vorstand der tschecho-slowäkischcn j Zuckerkoumnlsion in Prag, Novvcck, schreibt in der „Narodm Liflh". daß die. Zucke-erzencmng der'Kampagne 1919/20 in der Tschccho-Slowatel auf 7‘5 Millionen Meterzentner geschätzt wurde, .jedoch wahrscheinlich nur 5 5 bis 6 Millionen M ttrzttttner be- \ tragen diirfle. Die heutige -Kampagne, bleibe hinter den Er-! Wallungen zurück. Durch den plötzlich cingebrochencn Winter sei ein großer, Teil der Zuckerrüben in der Erde geblieben.^ Der weitere Znckerverkauf ins Ausland mußte daher eingestellt'werden »Md man werde sogar genötigt sc n, die Bcrbrauchsquote und die ' Zuweisungen an die den Zucker verarbeitenden Gewerbe im eigcneu j Lande rinutschränk'en. Vakutenbürse. Fremde Zahlungsmittel waren im gestrigen freien Verkehr gesucht und wmden zu höheren Preisen bezahlt. Es notiertenM e i n o t e n K 4.89, Marknoten K 4.05, u b e l n o t e u K 2.82, 8 t r c K 13.95, Dollar K 181.— und Auszahlung Berlin K. 8.83. Fiehrmg der Schuldverschreibmtgen. Bel der am 2.^Jänner 1920 stalrgemndenen öffeurlichen Ziehung der Schuldverschxeibungen des AnlebenS der Kommission kür Verkehrsanlagen wurden nachstehende Seinen gezogen: 1. Emission: 9. 697,1523, 1622, 17<>9, . 2060, 2287, 229*. 2451, 2460, 2679. 2776. 3509, 3780, 3781. 3946. 4100, 4333; II. Emission : 5l8l, 5432, 5595, 5946, 6325, 6758. 7341, ‘7484, 8210, 8310, 8370, 8549. 9158, 9211; Emission vom Jahre 1900 : 73. 33 l. 552. 1283. 1503, 1713, 1789.; Dieselben gelangenxgegen Rückstellung der Schuldverschreibungen und der nicht verfallenen Zinsscheine und ZinSscheinleisten ab 1. Avril 1920 bei der Zahlstelle der Kommission (b. i. dermalen die Unionbank in Wien) zur Einlösimg. Die Rehölpro-ulriron in Polen.' Ans Lemberg wird uns benchirt: Im.November betrug die Noholproduktivn im Revier Borhslaw-Tüstanowice 4345 Waggons gegen 5121 Waggons im Monate Oklober. Eine Verringerung der Produktion war durch Transvorffchwier,gleiten und durch den Mangel an technischem Material heivoigeriffeii. Die Uiuernelmmngen. die eigene Raffinerie mit technischem Material besitzen, haben im November nicht weniger als 2535 Waggons produziert, also zwei Drittel der Gesamtproduktion. - Ministerpräsident Tnsar über die Kriegsanleihe. Einem Berichtcrstaller der „Ostraucr Morgenzeitung" antwortete Minisik,Präsident Tiffar auf die Fraae „Welche Behandlung düiste den Kriegsanle'.l'en zuteil werden?" mit folgenden Lätzen: „Schon die virffachen Enqueten mib Beratungen über die Frage der Kriegsanle'hen beweisen, daß es' sowohl in offiziellen als auch nichtslsiziellen Kreisen um. eine Schlichtung gebt, welche keine kr.tischen Weiterungen bmterlirße. lieber Form und Ausmaß einer eventuellen Einlösung ist eine Entscheidung noch nickt getloffen worden, doch kann hier die Aeußerung unseres Präsidenten Dr. Mwarhk als symptomatisch gelten, daß ans alle berücksichrignngswerten Momente auch tatsächlich Bedacht genommen werden wird. Maßgebend dabei werden einz>gfinanzwirtschastllche, . keineswegs aber naisonalpolilische Erwägungen.sein. , Mr. Bnruch Gehilfe des ainerlüKnrscken Finanz- Ministers? Wi^ rn politischen Kreisen N e w - B o r k s erzählt wird, soll für d>eStelle d es G e-h i l f'e n des Finanz- Ministers M r. B a r u ch ansersehen sein: doch ist es noch nicht sicher, ob er das Amt annrhmen wird. Mr. Baruch ist durch seine Tätigkeit während des Kr'egeS povrstär geworden, er war der von der Reoieum^ ' bestellte Einkäufer und Verwalter sämtlicher Bedarst-ariistl für die amcrikamsche Armee und hat organisatorisch und finanziell Vorzügliches geleistet. Ledsvindnftris in Palästina. In S y r a k n s bei N e w - Ä o r k wmde vor kurzem e ne jüdische Attiengesellschaft unter dem Namen »L e d e r i n d u st r i e k il r. P a l ä st i n a" begründet. Unter den Gründern bcstnden sich maßgebende Fachleute. Dre Gesellschaft Hai die. baldige Gründung einer Schub» s a b r i 8 in H a i f a im Auge. Das Grundkapital w'V 100.000 Dollar bctiagcn unb in Atrien zu 10 Dollar zer eilt sein, welche m verschiedenen amerikanischen Judenrenircn Absatz finden sollen. - Die Geftllicha't plant aiich. die H ä n i e, welche bisher auS Palästina m die Nachbarländer exportiert wurden, ttri Lande auszukausen und dort selbst zu Leder und Schuhmerk zu verarbeiten., ' - Dvnau-Dampfschiffahrtgsfellfchaft. Die Administration der Ersten Donau-Dampsschiffahrtgesellschaft hat m ihrer letzten Sitzung den Generalsekretär Dr. Alfred N e u m a n n zmn administrativen. Direktor, den Drrektorstellverrreler Brosessor Ingenieur R cbard T o tz zum technischen Din-ttor, den Dircktorstellvectrcler Robert W e i n b r e n e r zum finanziellen Direktor sowie den Gcncralinspcftor Kapitän W lbelm M ü l l e r zum Dlrekiorstrllvcrtrctcr ernannt. In der gleichen Sitzung wurde der Ver kchrschreklorstelloertreter Oskar p. S a r v a r y zum Direktor bei her Vcrkehrsdircktion rn Budapest bestellt. Ausgleich. Vom Handelsgerichte Men wurde das Ausgleichsveriahren über das Vermögen der Firma 11 ß m e r, Kraftgeräte-Gesellschait m. b H. m Wien, XVl, N.ruseagasse 27, empcleitet. AuSgle-chskomm ssär: Karl Biber,- AuSglerchsverwalter: Adolf Moser, Chef der Firma Mäysarth L Comp., r'n Men, II., Taborstraße 71. An'neldet' ist 20. Februar, Ausg^ichskagsatzung 27. Februar, 10 Uhr. Den Gläubigern »vcrden 30 Prozent gestdten. Bon den GetreidemärÄten. Die Marktlage im heitnischeN Verkehr bleibt trostlos. Durch die Verkehlssverre und die Abgabeunwllligkeit der Erzeuger aus der nächsten Umgebung r'st der Komüm aus Z u f a l l s o s f e r t e angewiesen und . - bewilligt gerne jeden geforderten Preis.' um nicht zur Reduktlwö keines Viehbestandes genötigt zu sem. D e landwrrtichaitliche Lage findet^erire.günstige Beurteilung. Die Felder tragen eine dichte Schneedecke, die jungen Saaten sind hierdurch gegen alle schädigenden Wltrerungseinflüsse ausreichend geschützt. Die auswärtigen Marktberichte lauten wenig verändert. Die Ferertage haben übvM zu emer Verringerung der Umsätze geführt. Wiener BVrse. Der erste offizielle Be,kehr —'bis jetzt war fast sünfeinhald Jahre hindurch nür der Privalverkehr an der Wiener Börse gestattet — war von einer ausgesprochen festen Tendenz -getragen^ wozu die bis jetzt in Geltung gewesenen Momente den Anlaß ge^ boten haben, nämlich fortgesetzte Käufe für duswartige Rechnung und die Frage des Tevisenmarktes. Das Geschäft nahm sowohl in der Kuliffe als auch im Schranken enormen Umfang an, wobei auf einzelnen Gebieten sich Steigerungen vollzogen haben, welche bis jetzt noch nie verzeichnet worden sind. So zum Beispiel stregcn Skoda-Aktien um K 370.—, Alpine um K 803.—, Siemens- Aktien um K 300.—, SlaatsbahmAktien um K 221.— und Staatsbahn-Gcnußschewe k 329.—. Auch Bankcnwerte wiesen ganz kräftige Avancen aus mit Ausnahme von Länderbank-Aktien, welche K 27.— billiger erhältlich waren.' Im Schranken profitierten ^av^gazione^ll 1500.—( Dampfschiff K 800.—. Auf dem Banke»» markte avancierten die Aktien der Bodenkreditanstalt um 250.—. Von den Jndustriewertcn gewannen Wienerberger K 140.—, Sarajevo Brauerei K 300.—, Brosche Spiritus & 310.—, Berg- und Hüttenwerke Li 300.—, Prager Elsen Li 450.—, Ungarische Allgemeine Kohlen Li 440.—, Westbohmen K 175.—. Schoeller Zucker erhöhten sich um L 550.—, Karpathen-Petroleum um L 330.— und Gal'zia um L 225.—. Dje feste Stimmung des Marktes erfuhr bis zum Ende des Verkehres keine Unterbrechung.^ Die Renten erhöhten sich um 1% bis 2^°/«. Im übrigen verweisen wir aus nachstehende Schlußkurse: k JnSustrie-Anternehmungen. Wienerberger Ziegel 1990.— (-1-140.—). Sarajevo Aktienbrauerei 2400.— (-1- 300.—), Brosche Spinms 8000.— -f- 310.—), Karborundum 3100.— ,(-f 20.—); Holchandelsgescllschast 2320.— (--.—), A. E. G. Union Elekt. 1840.— t-s-130.-). Siemens Schlickert 1350.— t-i- 300.—), Alvme 3648.— (-1-303.—). Austria Email 2900.—i (— —.—), Berg u. Hütten 10.000.— (-i- 300.—), Prager Ersen 7950.— (+ 450.—), Rimamurany 3078.— (+ 38.—).' Skodawerkc 2145.— (+370.—), Wasfensabrik 4600.— (— 40.—),; Salgo Tarjauer 3910.— r+ 90.—), Trisaüer Kohlen 3350.—: + 140.->. Ung. Allgem. Kohlen 7010.— (+ 440.—), Urikanp 3800.-7- (+ 40;—), Wrstböhm. 3925.— (+175.—), Simmcrmger 1202.— (+-.52.—), Elbemübl 1360.— (-.—), Karpathen 10.530.—1 (+ 830.—'!, Galizia 18.225.- (+ 225.—), Fez. Tabiiten 2750— (+' 162.—), Sckoeller Zucker 4800.— (+ 550.—), Oestcrr, Eckenbahnverk. 1580.— (+ 87.—), Türkenlose 1555,— (-.—), Krupp A.-G. 1448.— (+ 8.—), Ruston 18>0-— (+ 142.—), Fiatwerke 1720.— (+ 95.—), Veitscher Magnesit 11.000.— (--.—), Schö'npriesener 2970.— (-,—), Austro-Ämerikana 7100.— (+ 140.—). Lvansport - Anternehmungen. ' Adria . 9780.— (—. —.—), Buschtrhrader lit. A 4200.— (— 40.—)> Buschtehrader lit. B 2395.- '+ 5.—), Donau-Dampf. 10.600.— (+300.-), Ferdinands-Nordb. 14,790.— (— 110.—), Navigazione 13.000.— ( +1500.—), Staatseisenbabn 4460.— (+ Ü21.—), Lombarden >688.— (-s- 15.—), 3% Südbahn-Prior. 1364.— (+ 35.—), Staatsbahn-Genußsch- 2284.— (+ 329.—). » Renten. Manente 89.— (+1.—), Februarrente 91.— (+ 2.25), Oesterr. Kronenrente 83.50 (+ 1.50), Ungarische Kronenrente 105.60 i--.—). - Banken. Apglo 859.— (+ 12.—)., Bankverein 938.— (+ 38.-—),. Bodenkredit 26H0.—' (+ 250.—V Kredit-Anstalt' 1270.— l+ 45.—), Ungar. Kredit 1720.— (+125.—), Devosite» 900.— (+ 42.-), Länderb.ank 1275— (- 27.-), Unionbank 930.— (+ 35.—), Verkehrs bank 780 — (+ 26.—\ Zivnostenska 1599.— (-f 54.—), Bosnische Landesbänk 619.— (+ 21.—). Budapester Börse. Budapest, 3. Jänner. Zu Beginn der heutigen Börse machte sich rege Kauflust bemerkbar. Später machten sich jedoch am verschiedenen Gebieten Real sationöbestrebungcn geltend, so daß nrcht alle Werte ihre Hochkurse zu behaupten vermochten. Von Bankwerten gingen nur Oesterreichlsche Kredit-Aktien, die ’ vorübergehend den Kurs von L 885.— erreichten, mit einem Ge- Eine StuÄentin. j Bon H. D. Nomberg. j Ms dem Jüdischen übertragen von Sregfried Schmrtz. (8. Fortsetzung.)! - „Es ist doch angenehm, Gold zu habend.bachbr sie bei sich. Ihre Augen leuchteten, ihr leich'er, behender Körper sah noch frischer aus als sonst. Sie bemerkte, daß man' sich oft nach.ihr umwandte . . . Dr. Weinstein dagegen saß ihr gegenüber mit matten Augen, ] jüls wäre er sehr müde. ■ j ,; „Sie wissen gar. nicht, was für eine Sphäre bas ift in der ich aufgewachsen bin,", begann er plötzlich, wie wenn etf sich vor ihr entschuldigen wollte, kmy er so traurig sei; „unsere jüdische Bourgeoisie, daS ist das ärgste, was man sich denken kann: roh/verdorben, gottlos, ahne Geschmack, ohne Stil, ohne Zukunft, ohne Tradition ... es gibt nur ein Interesse, einen Lebens-, inhalt — Geld. Stellen Sie sich vor: ich habe, acht Jahre im Ausland gelebt, habe mir das Leben um michangeschaut, studiert, gelesen, nachgedacht, mich entwickelt, mit einem Wort — ich war bestrebt, das' zu werden, was man einen Kulturmenschen nennt." .„Jetzt zeigt es sich, daß Las kein ^Vorteil ist, sondern ein Fehler. Daß ich ein Doktordiplom. besitze, das gesällt.meinen Leuten natürlich sehr, obwohl weder ich noch andere einen Nutzen davon .haben werden.* Doch meine Philosophie, die können sie nicht leiden und sie sehen mid) deshalb für einen Unmenschen^ für einen ungernienrn Sohn an. ,Sie haben gefunden, daß es für mich nur eine Rettung gibt: heiraten. Mir verschafft das nicht gerade viel Vergnügen:, Alle meine Tanien und Großtanten halten es für ihre Ehrenpflicht, für mich ein.' Braut aulfindig zu machen. Ich habe keine .Minute Ruhe. Das ist mir derart zum Ekel geworden, daß ich jede« Verkehr mit den Leuten abgebrochen habe. Daraus wurde ein Fämilienskaridal: Der Vater ist böse, die Mutter schreibt Jammerbriefe, die Verwandtschaft überfällt mich im eigenen Hanse . . . so bliebe mir nichts übrig,, als wieder ins Ausland zu gehen." , Weinstein beendete das lange Selbstgespräch und sah sie mit einem fragenden Ausdruck an; wie cs schien, wußte er selbst nicht, warum er ihr eigentlich all das erzählte. ' " „Es gibt wenige Glückliche , auf der Welt", seufzte Ljuba und war auch froh, daß er geendet hatte, „ich beneide die Menschen, die ein Ziel anstreben und darüber sich selbst vergessen können. Die haben es gut, .haben keine Sorgen, denken nicht an sich — und fertig." Dr. Weinstein lenkte von dem unangenehmen Ge-> sprächsthoma ab und sie plauderten eine Zeitlang vom Theater, von Warschau und anderen gleichgültigen-' Dingen. Es war sehr spät, als' er sie nach Hause be- . gleitete. Beim Abschied vor dem Haustor drückte er. ihr fest die Hand. . ' . „Sie fahren bald inS Ausland?" fragte sie. „Noch, nicht so bald," a.)ttwortete er und ein heiteres, gutes Lächeln'breitete sich über sein müdes Antlitz.^! in. ' ' > - - - Verliebt war Weinstein in Ljuba Fiedler nicht — das wußte sie genau. Deshalb sah sie ihn gern unb. hörte ihm gern zu. In dev letzten Zeit besuchte sie ihn in seiner Wohnung. Lange hatte sie sich dagegen gewehrt. „Was habe ich eigentlich mit ihm gemeinsam?" sagte sie sich, „warum soll ich dann zu ihm kommen? Nein, das darf ich nicht tun." Er Nt.sie aber oft darum und da wollte sie ihn nicht beleidigen (sie hatte überhaupt stets Angst, wenn sie mit ihm sprach, sie . könnte » ihn durch.- ein W.vrt^ beleidiLe... „ „Nein,' chaK habe ich mir wirklich' nicht vorgestellt. Eine emanzipierte Frau ist von solch närrischen Vorurteilen »och nicht, frei. Sie haben Angst, zu mir zu. kommen", sagte er. mit seinem liebenswürdigen, etwas kühlen Lächeln. Und sie wußte ihm darauf nichts zu erwidern. Eines Nachmittags hörte Weinstein an der. Türe seiner Wohnung ein leises Pochen, er stand auf und öffnete. Ljuba trat ein. Er schüttelte ihr' herzlich die Hand und . auf seinem Gesicht drückte sich die Zuftiedenheit so stark aus, daß Ljuba es merkte und lächelte. „Ich habe Sie am Klopfen erkannt, an dem stillen,' unentschlossenen Klopfen. . sagte er lachend. „I5) komme nur auf eine Minute, Herr Weinsteins Ich will mir bei Ihnen etwas, zum Lesen, nehmen^' — sagte sie. „Für. eine Minute nur? Auch recht. Nehmen Sie hoch Platz!" Sie hatte sich wirklich vorgenommen, nicht lange zu bleiben. Sid wußte nicht, was sie eigentlich? mit ihm sprechen und wie sie sich überhaupt verhalten solle und hatte sich vorgestellt, es werde ebenso unge+ rttütlich sein wie damals, als er ihr seinen Besuch ge-- mr.cht hatte .Doch sie' wurde angenehm enttäuscht. Iw ijGcgenteil — sie fühlte sich sehr wohl und ftei in der? großen, hellen, mit- Geschmack ausgestatteten Wohnung.- Weinstein selbst sah' zuhause frischer und jünger aus'.! Er trug einen gewöhnlichen, -kurzen Arbeitsro.ck. Seine:. Haäve waren e^in wenig ungeordnet, so weit ungeordnet^ als es für einen beschäftigten Menscheu paßt. Auf: seinem Arbeitstisch lagen Bücher in mehreren Sprache^' einige ausgeschnitten, .andere noch nicht berührt, dä-i zwischen Zeitungen, illustrierte Zeitschriften, Bildert Er zeigte und erklärte ihr alle. Sie sagte stets: „Sehr: interessant, wirklich sehr interessant" und freute sich. Innerlich, daß sie sich nicht getäuscht hatte: er warz wirk-ich ::-l intelligenter Mann! * (Fortsetzung folgt.)

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