Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 335 (28.12.1919)
- Date
- 1919-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DaS blutdürstige Tier durchstreift die Felder Md erblickt ein armes Lämmchen, das seinen Durst in sinem Vach stillt. ES fällt über das unschuldige Ge- B»pf her und heult:',,Du watest in dem Bach und bst mein Trinkwasser." — „Aber ich bin doch unten am Nüsse ynd Wasser fließt nicht aufwärts." — „Du hast mich Überdies im letzten Frühling beleidigt." — „Wie konnte $ das? Ich war ja damals noch gar nicht auf der Welt." -- „Denn du eS nicht warft, war es irgendein anderer aus seiner Familie." Und ohne/ ein weiteres Wort tötete her Wolf das Lamm und verschlang fein Opfer. ' Volksweisheit hat lange vor dem französischen Dichjer denselben Gedanken weit kürzer in die Worte gefaßt: »Du nennst einen Hund wahnsinnig, wenn du ihn ertranken willst." Primitive Grausamkeit und angeborener Herbrechersinn entblößen ihre niedrigen Neigungen, Zhne irgendeinen Versuch, sie zu bemänteln. Zivilisierte Hhurken fügen Heuchelei zu ihrer instinktmäßigen Ge- Keinhest und versuchen ihre Verbrechen mit schlau, gedrechselten und geschickt erfundenen, plausiblen Argu. menten zu erklären und zu rechtfertigen, die nur darauf berechnet sind, selbst die schlimmsten Überschreitungen jedes göttlichen und menschlichen Gebotes als . gerechte Md lobenswerte Handlungen därzustellen. Xenophobie, die Abneigung und der Haß gegen MeS, das sich von uns unterscheidet, ist ein elementares Gefühl. ES beschränkt sich nicht auf die Menschheit. Es ^voM«iMch.>nd^nt^mschlich. GS findet sich bei gieren. ES - wird nür vonhoch entwickelten Meistern Überwunden, die eS verstanden haben, sich von blinden Vorurteilen zu befreien und die die Fähigkeit unparwüschen Urteils erlangt haben. Das Volk Israels hat feit seiner Zerstreuung immer als eine kleine Minderheit unter dxn 'Völkern gelebt und war natürlicher- und notwendigerweise der Gegenstand der Abneigung, die immer und überall dem Fremden begegnet. Der Antisemitismus ist demnach ebenso alt wie die Vertreibung der Juden aus ihrem eigenen palästinensischen' Heim^ durch die siegreichen Römer. Zu allen Zeiten und in allen Ländern hat der Jude, wie Israel Zangwill es vortrefflich formulierte, .,tde dislike of theunlike“ (den Widerwillen des Andersartigen) hervorgerufen. Unbewaffnet, schwach und schutzlos wie. er war, wurde er zum vorbestimmten Opfer der Bestialität der Massen, die ungestraft ihre Folter und Mordgelüste, Plunder- und Raubgier, ihre grausamen Launen und ihren Hang zur Herrschsucht an ihm kühlten. In. den dunkelsten Zeitaltern brauchte die schamlose Brutalität der Mehrheit kein Vorwände. „Wir sind stark und du bist schwach. Du bist nicht imstande, uns-'zu widerstehen/darum fallen wir über dich her." Das genügte. Etwas später lieferte die damals allmächtige Kirche die erste Entschuldigung für die verbrecherischen ' Neigungen der Menge. fl)ie Juden waren Gottesinörder. Sie hatten den Gott der Christenheit getötet. Es war nur gebührende Vergeltung, sie zu berauben, zu besudeln, zu mißhandeln und zu ermorden. Andere dunkle Erdichtungen verstärkten diese erste Hauptanklqge, wovon eine der ältesten und hartnäckigsten die des Blut- Märchens ist. Ich hege keinen Zweifel bezüglich seines Ursprunges. Es bedeutete den Vorwurf eines gräßlichen Ritus der schwarzen Kunst, den das Volk selbst ausübte, der aber den Juden völlig unbekannt war. Selbst bis zum heutigen Tage feum man in Spanien „Saca-' mantecas" finden, 'abscheuliche Vagabunden, die Kinder - ihres Blutes, halber töten, das in dem Volksaberglauben als unfehlbare Heilung für hie Schwindsucht gilt. Kein Kulturmensch glaubt heutzutage ernstlich an diese hirnverbrannte Idee. Kein verantwortlicher Menschwagt es, westliche Juden dieser mittelalterlichen Verleumdung zu zeihen, aber tolle Antisemiten hören nicht auf, sie überall als ein geschicktes Mittel zu henützen, die Leidenschaften des Pöbels zu erregen 'und seine mörderischer Vorurteile,gegen uns wach zu halten. Selbst ein so ernster und besonnener Gelehrter, wie Sir William Fraser, kann nicht umhin, das Kapitel im dritten Bande feines „Golden Boügh" (Goldener Ast), das die Gewohnheit der Babylonier und Äegypter behandelt, einen Mann während der Frühlingsfestlichkeiten zu töten — man merke, nicht der Juden, sondern ihrer Nachbarn mit den folgenden seltsamen Bemerkungen zu schließen: „Me, die.volkstümliche Gewyhnheften ftn&isj&iT, wMn. Die Getreidelieferungen aus Trieft haben begonnen. Ei« Telegramm des Ministerpräsidenten Nitti. Staatskanzler Dr. Renner hat vom italienischen Ministerpräsidenten Nitti folgendes Telegramm erhalten: „Rom, 27. Dezember. Die Getreidelieferung hat am -ZfL d. M. begonnen. Sie wird nach meinen bestimmten Anordnungen ohne Unterbrechung und mit der größten Schnelligkeit, soweit es die vorhandenen Verkehrsmittel erlauben, Mß zur Erreichung des festgesetzten Kontingents fortgesetzt werden. Sie dürfen ans meinen vollen Eifer rechnen, da ich soviel als möglich mithelfe» will, Ihre Schwierigkeiten zu vermindern. Ministerpräsident Nitti." ■ Verschiebung der zionWfchen Aahreskonferenz.. London, 26. Dezember. (Privat.) Bor einigen Tagen hat hier eine Sitzung des zionistischen Acktion'skomitees stattgefundenan welcher die Herren Sokololv, Dr. Max Nord-Nu, Dr. Schemarjahu Lew in sowie all« in London anwesenden Mitglieder teiluahmen. Bezüglich der für die dritte Jännerwoche anderaumten Jahreskorrferenz, die-irr-Basel stattfinden sollte, wurde festgestellt, daß die ^Lertte^7l^"ZionsiMi^ Organisation aus Arn e° rika, ^anadä UndSüHrutzland unmöglich rechtzeitig zu den Beratungen erscheinen tonnten. D« andererseits-die Verhandlungen des Ob er sie n Rates mit der T ü r l ei über den Friedens vertrag unmittelbar; bevorstehen urrd aller Wahrscheinlichkeit-nach irr der zweiten Hälfte de8 Jonat8- Iä-nner die definitive Entscheidung über das Mandat in Palästina erfolgen wird, kann die Leitung London, respektive ^Paris nicht verlosten. Aus diesen Gründen wurde beschlossen, d i e I a h r e 8 k o n f e r e n z z u verschieben. Das große Aktionskomitee soll wegen der Mandatsfrage für einen noch zu bestimmenden Termin in der allernächsten Zeit nach London einberufen werden, v Eine neue Verschwörung Köge» die GoryietregierunF. 76 Personen erschossen. Berlin, 27. Dezember. Das „8 Ahr- Abendblatt" meldet ans Bafel: Die „Daily Mail" meldet ans Petersburg: Hiev wurde eine nsne DerschWöruag gegen die Sowietregierung entdeckt. Es wurden bisher 900 Verhaftungen. darunter mehrere hohe. Offiziere ans der Zarenzsit sowie Franzosen und Engländer, vorgenommen, die der Teilnahme verdächtig find. Bisher sind 330 Personen verhört worden, viele sind bereits abgeurteilt, 70 Personen standrechtlich erschossen wurde«. iihiii iw i tr rniiiiimiiirr nnrmrui in mn frni m n iininnirinriiimrnum iiiwiii—iimin mit< welcher außerordentlichen Hartnäckigkeit die niedrigsten Formen des Aberglaubens unter den unwissenden Massen, jüdischen und nichtjüdischen, fortleben. ES Ware nicht erstaunlich, wenn sich von Zeit zu Zeit Ueberbleibsel primitiver Barbarei unter den am wemgsten kultivierten Gruppen der jüdischen Gemeinschaft fänden." Diele ähnliche Beispiele könnten zu der Liste schamloser Lügen gefügt werden, mit welchen antisemitische Schurken ihre periodisch wiederkehrenden Verbrechen und die unaufhörliche Verfolgung der jüdischen Minderheit rechtfertigen, die sie zu ihrer gewohnheitsmäßigen Beute gemacht haben. Die Inden vergifteten die Brunnen und riefen so die mörderischen. Epidemien hervor, die im Mittelalter uüd selbst später ganze Kontinente heimsuchten. Die Juden waren berufsmäßige Blutsauger und nährten sich von dem Marke der Völker,' ohne eine nützliche Arbeit mit ihren eigenen Hände» zu verrichten. Wucher war ihre einzige Beschäftigung Md^ chre aus- WreßlW Nolle in her n-.tj0Msey. VÄMaft« Werner Sombart, dieser vollkommene Typuft eines gelehrten Gimpels, diese Verkörperung dummer^ Pedanterie und mit eitlen Lesefrüchten und ' unzusammenhängenden Zitaten vollgepfropfter Albernheit, Professor natürlich, hat diese alberne Theorie entwickelt, etwas modernisiert, in anspruchsvolle Sprache, gekleidet und zwei schwere Bände voll Falschheit und Bosheit zusammengeschrieben, die ich in einer amerikanischen Revue blotzstellte, als sie zum ersten Male publiziert wurden. Und nunmehr gelangen wir zu der jüngsten Erfindung antisemitischer Infamie. Wir müssen auch denr verruchtesten Feinde gegenüber gerecht sein. Der Antisemitismus halt mit der Zett Schritt: er patzt sich immer der herrschenden Mode an. Er hat die Anklage des" Gottesmordes, des Blutmärchens, der Denunziation, der^ Brunnenvergistung und des gewohnheitsmäßigen' Wuchertums wieder erneuert. Der neue Abgott dieser antiquierten, altersgrauen Verbrechen trägt den Namen- Bolschewismus. ' „Horche auf, alte und neue Welt, höret ihr Volker der Erde! Alle Bolschewiken find Juden und alle Jude« sind Bolschewiken. Laßt uns darum »^verweilt zu dev' guten alten Methoden zurückkehren. Laßt uns die Jude«' abschlachten und ihre Frauen vergewaltigen) ihre Kinderin Stücke hacken, ihr Eigentum stehlen und plündern- und ihre Häuser zerstören. Das ist der einzige Weg, die Zivilisation von ihren tätlichen Feinden, den Jude»,) das heißt, den Bolschewiken,'zu retten." Wenn der Antisemitismus erröten könnte, so müßteihn ob dieser, seiner letzten Heldentat Scham erfüllen. Trotzki ist wohl jüdischer Abkunft. Desgleichen einiye Führer öe<' Oartakistsichen' Bewegung in Deutschland.. Aber was für Juden sind es? Sie haben längst olle Bande gewaltsam gelöst, die sie mit ihrem Stamm der- Hüben. Sie haben verachtungsvoll das Judentum abgeworfen. Wir haben mtt ihnen nichts gemeinsam. Als zu Beginn der bolfchewikischen Ausschreitungen inNußland eine Deputation Petrograder Juden mit dem Rabbiner an der Spitze bei. Trotzkt vorsprach und an. ihn den Appell richtete, zugunsten der schwer gefährdeten GeipeinsHaft zu intervenieren, antwortete er kalt, daß' er Internationalist sei und nicht das geringste Jnterefle' für die Juden und das Judentum empfinde. Don den^ Juden unter den deutschen Spartakisten ist es bekannt,', daß sie formell aus dem Judentum austraten und sich als konfessionslos erklärten. Was haben wir Juden dann' mit Liesen Renegaten gemein? Welches Recht besitzt der Antisemitismus, uns ihre Taten,- sie mögen schlecht/ bedeutungslos oder gut sein, zur Last zu legen? Das Judentum hat Jesus hervorgebracht. Ehren und achten uns seine Anhänger deswegen? Das Judentum hat Trotzki und manche andere Renegaten der gleichen Art erzeugt. Wie wagt es der Antisemitismusuns für sie verantwortlich zu machen? 'Wenn man eine Gemeinbürgschast zwischen allen Söhnen unserer Rasse herstellt/ dann muß man uns das Judentum Jesus', des heiligen. Paulus' und solcher Vorkämpfer für Ordnung und Gesetz wie Beaconsfield, Cremieux, Luzzatti und Lord Readmg zugute halten. Wenn ihr Antisemiten uns diesen Vorteil verweigert, dann verleugnet ihr euer eigenes Prinzip,, der Solidarität und wir schleudern euch die Trotzki^ und die anderen Renegaten an den Kopf. Ich habe, ohne zu zögern, eingeräumt, daß manche' Bolschewiken jüdischer Herkunft sind, wiewohl sie schon längst aufgehört haben, Juden in einem anderen aW ethnographischen Sinn zu sein. Aber die Verleumdung daß alle oder viele Juden Bolschewiken sind, ist eine solch^ freche und schamlose Lüge, daß Selbstachtung jede Dig kusfion verbietet. Die Juden haben in allen Landern' derk unerschütterlichen Ruf erworben, ein Dosk zu sein, baäf in vorbildlicher Werse Gesetze achtet. Sie sind überall die Hauptstütze der Ordnung. Sie siüh fleißig in einem Grade, daß es nahezu ein Fehler ist. Sie ver^ abscheuen Arbeitsscheue' und Faulpelze, Müßiggänge^! und Großsprecher. Sie sind ein ruhiges und verständiges Volk, die wahre Verkörperung des gesunden Menschen^- vttstandes und völlig unzugänglich für offenkundige Lackierlichkeiten. Und mit solchen Eigenschaften sollten' wir Bolschewiken sein! ' j Wenn die Antisemiten es behaupten, weil sie daran glauben, dann sind sie die unverbesserlichsten und unglaublichsten Jdiöten, welche die Menschheit je gesehen hat. Behaupten sie es, ohne daran zu glauben, dann sind sie die feigsten und verworfensten Geschöpfe, die je unsere Rasse zu entehren suchten, j. (Aus dem „Jewisb CHonicle".) -