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Wiener Morgenzeitung · 1919-12-27 · Heft 334 (27.12.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 334 (27.12.1919)
Date
1919-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Verhandlungen über eine Annäherung der mitteleuropäischen Kleinstaaten kommen sehr langsam vom Fleck und 'sind eigentlich über die Vorstädten nicht hinausgelangt. In Prag wirft' die Entredue zwischen Renner und Benesch ihren Schatten voraus. Dia leitenden Staatsmänner der tschechischen Republik erschöpfen sich in höflichen Redensarten gn die österreichische Adresse, aus denen wohl ihre Hilfsbereitschaft und ihre Geneigtheit zu einer wirtschaftlichen Verträglichkeit hervorgeht, aber nichts Konkretes über Inhalt und Umfang der Besprechungen und auch nichts Gegenständliches über das Wann und Wieviel der Oesterreich zu sendenden Kohlenlieferungen zu erfahren ist. Präsident Masaryk hat. zwar den Wiener Kinderspitälern Kohle beistellen lassen, aber -feine Negierung erklärt, an eine ausgiebige Versorgung Oesterreichs erst im Kaufe des Monats Jänner schreiten zu könlren.- Don Jugoslawien hört man überhaupt nichts, gußer der vereinsamten. Stimme eines Esseger Blattes, das aus republikanischer Gesinnung heraus Hilfe für die österreichische Republik verlangt. Der Belgrader Handels- Minister Kristen, der längere Zeit in, Prag geweilt hatte, ist mach Berlin abgereist, um dort über einen gegenseitigen Kompensationsvertrag zu verhandeln. Ersoll von dort nach Prag zurückkehren, wo am Ende der ersten Jännerwocho die entscheidenden Besprechungen^ zwischen Oesterreich. Jugoflawien und der Tsrhecho-Slowakei beginnen sollen. . - v Die Meldungen aus dem Osten geben noch immer kein ..^dgrübssr,.. wie ,west sich die FriedMZenftvlckelt hat. Die Sowietregierung, die sich dem -linksrussischen Bürgertum zu nähern beginnt, hat den Polen wie Letten Friedensanerbietungen ge- Sie ist auch in Kopenhagen in Verhandlungen mW Heu Enterrtestäaten eingetreten, die bisher zu keinem Resultat geführt haben und angesichts. der Unversohnstchkeit Frankreichs, Hessen Premier die Sowietrepublik mit eigem Stacheldraht umgeben will, auch wahrscheinlich, negätip enden werden. Die Denjkinsche Armee scheint ebenso wie die des Admirals Koltschak in Auflösung begriffen zu sein, während. die ukrainische Freiwilligen, ärmee Peiljuras, die ebenfalls von den Söwiettruppen in keiner ganzen Anzahl von Gefechten nach dem Süden der Ukraine gedrängt worden ist, sich wieder zu sammeln, ' beginnt. Dev Vormarsch der 'Leninschen' Heere ist wert über Kiew hieraus gediehen und'eine Bedrohung Ostgaliziens nicht ganz ausgeschlossen. Me in Warschau herrschende Nervosität ist also leicht verständlich.. Die Pdltzn fürchtÄi, zwischen Deutschland und Sowietrußland tzmgekM zü werden. Ihre Hoffnungen auf Petljura und KeniÜn, mit denen die Besprechungen über die ukrainisch- 'ppLnischen Differenzen schon sehr weit gediehen waren, find Zunichte geworden, die Entente will keine Gelder Wehr auf die Bekämpfung der Sowietregierung.verwenden,- Liese. vielmehr isolieren upö politisch boykottieren,. so daß also Polen den siegreichen Turppen Lenins ' allein gegenübersteht. Da Polens. finanzielle Kräfte durch die fast einjährige Dauer der Mobilität erschöpft st«-' mrd der Zustand des Landes, das Darniederliegen Ws HandäK mich Verkehrs sich in katastrophaler Mise Mwnd inachen, so "wäre eigeMich hier die Vorausstztzung für, einen Frieden gegeben. Än Hindernis ist Natürlich dis fortwährend^ Scheu der polnischen Politik bor der Eiftente. Unterstützung ..der Gntente in weit höherem Maße angewiesen wie die Tschecho-Äowakei, die aus ,deist; Zusammenbruch - der ,' Monarchie ein gut- Hganisiertes industrielles System. hinübergerettet -hat. Polen ' ist zwar politisch unabhängig geworden, Mvtschästlich /aber Läduxch, däß es durch mehr als drei Jahre ununterbrochen Kriegstheater war, vor den Ruin! gestellt. Wynn es nun mit Söwietrußland Frieden macht sind die Bolschewiken anerkennt, so fürchtet es, daß ihm dstl Entente die Hilfe verweigern wird. Es ist aber auch potn Standpunkt der polnischen Politik aus sehr fraglich, ob die Entente überhaüpt imstande ist, den Polen so, große Summ?n zur Verfügung zu stellen, als sie zum Ausbau ihres industriellen und gewerblichen Lebens brauchen. Andererseits aber würde der Frieden ..intt dem östlichen Nachbar viele Kräfte für die prodnklive Arbeit fceimachen. Devotz könnten beide Staaten ' pur gewinnen und die Ruh«, die i« Osten dann «intritt, wü-dc auch aus das angren-ende Mitteleuropa wdMtm // 'i'' -nsÄl. Dqs S^rchM der MHtzWL Holland hilft Oesterreich. H a a g, 26. Dezember. (Korr.-Bur.) Der holländische Finanzminifter erklärte in der zweiten Kammer in Erwiderung auf eine Anfrage, unter Mitwirkung der Regierung seien Plllur zur Hilfeleistung für O e st e r r e i ch in Vorbereitung, deren Derwirklithuna zu einer ansehnlichen Unterstützung dieses Landes führe« könnte. ' Ententenote an Deutschland. Inkrafttreten der FviedenSbestimmunnen. — Schadenersatz für Seapaflow. — Der Verkauf der Schwimmdocks nicht anerkannt. — Freilassung der Internierten von Seapaflow. Berlin, 26. Dezember, Das Dolffsche Bureau meldet: Der Vorsitzende der Friedenskonferenz in Paris hat der deutschen Delegation die Antwort auf die deutsche Note vom 14. d. M. zuge.hen lassen, in.welcher ss unter anderem heißt: , Die alliierten und assvziierten.Mächte haben mit Genugtuung festgestellt, baß die deutsche Regierung ihre Ansicht teilt, wonach alle Bestimmungen des Vertrages vom Zeitpunkte seines Inkrafttretens?an gemäß, seinen , Schlußbestimmungen Anwendung finden, gleichviel, ob die Ralisiziernng der Regierung der Bereinigten Staaten vor liegt oder nicht, Hinsichtlich des Teiles des Protokolls, der sich ans die Entschädigungen für die Versenkung der. deutschen Kriegsschiffe , iy Seapaflow bezieht, sind die alliierten und assoziierten Machte nach Prüfung, der AngelegenhÄt her Ansicht, daß sie auf ist, -bestehen müssen.i ' - . Die alliierten Hkch assoziierten Mächte haben Kenntnis davon erhalten? daß kürzlich gewisse Schwimmdocks, - Schwimmkrahne und-Bagger berkanft worden sinp. Sre weisen darauf hin, daß Lei Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage, wie sie von Len deutschen Delegierten dargestellt wird, kein dera-rtiger Berkauf von den alliierten und assoziierten Mächten anerkannt werden wird, der vorgenommen worden ist in der Zeit zwischen dem 3. November 1919, dem Tage der ersten Mitteilurrg des Wortlautes des Protokolls -an die deutsche Regierung, und^dem Tage, an dem Deutschland die Entschädigung für den Zwischrnfall von Seapaflow Clemenceau in feiner MeihnachtSrede an die französischen Abgeordneten, die eigentlich ein Schwanenlied ist, empfohlen hat, wird sich kaum ausführen lasstn. Mit Gewalt kann man nur zerstören, 'niemals aber aufbauen. Es scheint übrigens speziell in der Behandlung der russischen "Angelegenheit eine Meinungsverschiedenheit zwischen England und Frankreich zu bestehen. Wahrend Clemenceau die Sowietregierung als Barbarei brandmarkt, spricht der König von England in der Thronrede, mit der er das Unterhaus vertagte, sein Bedauerst darüber aus, daß die Einsetzung einer konstttutionellen Regierung in Rußland nicht zu erwarten sei. Die englische Diplomatie rst zu jeder . Zeit viel vorsichtiger und klüger als die der anderen Stüaten gewesen und sie geht niemM darauf hinaus, irreparable Situationen zu schaffen. ist deshalb zu erwarten, daß die Kopenhagener Der-. Handlungen nicht das letzte Wort Englands darstellen. Auch in der Behandlung des mitteleuropäischen, Chaos zeigt England, viel Vorsicht. Die Thronrede deS Königs Georg sagt darüber: „Nicht ohne Ernst kön^ man auf die ^Notlage eines Teiles von Europa blickew! Die Aufgabe, den Kedit und das industrielle Leben in den Ländern, deren Wirtschaft durch den fünfjähriges Krieg zerstört worden sei, wiederherzustellen, sei ein« der ersten Bedingungen für die Rückkehr zum normales Friedenszustand. Die Hilfeleistung und der Wieder« ausbau könne aber nur als Attion aller Alliierten ifljT Betracht kommen." Diese Erkenntnis kommt leider sehr) spät. Die Friedenskonferenz hat durch den Vertrag vow Saint-Germain Oesterreich seiner LebenSquellen beraubt und ihm die wichtigsten Eisenbahnen durch»? schnitten. Infolgedessen ist der Niedergang des öffend? lichen Lebens in ein solches Tempo geraten, daß auch die größte Kunst der Entente nur schrittweise Wande^^ schaffen kann. Dazu 'gehört aber auch die vollste 8ln* mütigkeit der Ententestaaten, deren europäische Jntev^ essen durch den Zusammenbruch der kleinen Donawi republik auf das ärgste gefährdet wurden. Wien ist keines« Angelegenheit Oesterreichs, sondern eine Sache Europas Je früher die Entente zu dieser Einsicht gelangt, destst leichter wird es für sie sein, einen Zusammenbruch ga»A Europas zu verhüten. .. ' Freilich darf man sich auch in Wien dieser Einstch^ nicht verschließen. Die österreichische Politik, die oW zielle'^sowohl wie die inoffizielle, bewegt sich noch immvtz in den Geleisen der alten Großmacht. Die Psycholog^ dieser Politik wird noch immer von den Leitgedanken des alten Obrigkeitsstaates beherrscht und die republi-s Ostgalizien au Polen gefallen? Paris, 26. Dezeckber. (Del.-^omp.) Me der j»Tewps" andeutet, scheint der Oberste Nat beschloffen zu haben, Dltgalizi e n errdgüLtig den Polen znznweise«. Wie bekannt, war früher geplant, den Polen nur ein SSführrges Mandat über Galizien zn geben. Der neue Entschlntz soll damit begründet werden, datz in OstZalizien fortwährende antipolnische Agitationen betrieben werden würden, falls Polen nur ein Mandat erhielte. Der nens polnische Antzenminister, P a t e k, ist, beKleitet vom polnische« Gesandten in Paris, nach Frankreich nnd London gefahren, wo er mit Lloyd George über diese und andere Fragen verhandeln wird. geleistet Haber, wird. . Die aMierten unk» assoziierten Mächte sind bereit, j .-.. -- alsbaÜ, nach Unttrzeichuuukt des Protokolls, die a^s! konische Gesinnung Ist eine Täuschung, die dem AuslanL^ .Anlaß des. ZlnischenfalleS von Seapaflow internier-'j keinen Schrecken, wohl aber Mißtrauen einfloßt. Marh ten deutschen Offiziere und Mannschaften s weiß im Auslande zu gut, daß Oesterreich so viel Haupt-? frei%ulassen, mit Ausnahme derjenigen, die etwa städte hat, als es Länder zählt. Und man weiß im AuSemes AriegSverbrech^nS beschuldigt werde». Kinde zu gut, daß die Länder Wien am liebsten von best Karte tilgen möchten. Das nimmt den Attionen Lest Regierung jedes Gewicht und wenn Clemenceau dem Staatskanzler versichert hat, daß es ganz gut bei derch gegenwärtigen System in Wien bleiben , könne, so hat! er das wohl nicht auS allzu grotzeer Liebe für eine 9tegierung gesagt, deren Autorität über die StaatskanzleA nicht hinausreicht, sondern wohl deshalb, weil ei« anderes System auch nicht mehr Autorität hätte. Eins Räteregierung in Wien würde nach drei Tagen otti Hunger sterben und ein monarchistisches System, das <m sich , den Militarismus bedeutet, würde auf den Wider« staub der ländlichen Bevölkerung stoßen, die sich in dm« einen Jahr Republik die Neigung zum Kasernenleben vollkommen, abgewohnt hat. Der österreichische Bauer braucht nicht mehr einzurücken und seine Sohse^. ter* bringen^ nicht die drei schönsten Jahre ihrer Jugend? beim Militär, sondern können mit hem Vater auf dem Felde arbeiten. Das ist mehr republikanische Erziehung als alle Reformen und Erlässe der Regierung Renners zustande bringen. können. Aber Oesterreich „ muß zu- Regierung lauft gänz offen auf die Schaffung einer grundegehen durch den Mangel rm Arbeitsenergie und großen Wirtschaftsgebietes hinaus, was aber nicht mit an. Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen Glieder, der Wiederherstellung des alten Rußland identisch ist, l Wenn der Hunger fortdauert, so wird sich niemand darweil die zentrifugalen Kräfte noch immer zu stark sind } Über wundern dürfen, daß Vorarlberg auch weiter zu» und weil die Staaten, in die Rußland zerfallen ist, zu ' Schweiz, Tirol und Oberösterrerch zu Bayern streben, eifersüchtig auf ihre junge Freiheit sind. Auch die rufstj Der Zerfall kann nur durch Lie Arbeit /verhindert werden.. Arbeit kann uns aber nur der Kredit der Entente und unser eigener Wille schaffen. Wir sind nicht ganz so arm, wie es den Anschein hat. Wenn eS Dr. Renner gelingt, bei den Besprechungen in Prag die Oefftmng der Grenzen nach Norden und Süden durchzusetzen, so müßte sich die Regierung folgerichtig Lanir dazu entschließen, die zentrale Bewirtschaftung doA kommen aufznhchen und den Handel ausnahmslos frsbscheu Politiker haben aus der Vergangenheit gelernt und der Traum deS slawischen Weltreiches ist für Jahrhunderte in die Ferne gerückt. Politisch also würde Polen keine Gefahr drohen, wenn eS sich mit Sowietrußland friedlich-fchiedlich auseinandersetzt. Die Ostfragen und die Angelegenheiten Mttüvuropat werden für lange Zeit nicht aus der europäi- Dm ZdiSkujsiM MMwiE« und das Mept, das

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