Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 333 (25.12.1919)
- Date
- 1919-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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$h*te 40 Zeller iprL»u«eratt»«s» preise: Ktßnr S«n «bhele, in ki S^WÄ «MSiafflkivterteljährltch * SOtttl4 Psftvrrsand fLr Wir» tmk ';Dcftertddj: Maaatttch .. Kronen 18^- «UsicIjabrH* „ »V.- H»D!»»ch»slow-nkcherSäh«»S . Pslen u» nigtrn: {UnwiliA .. Krone« I».— fe •tftoitZcnfcrr VLtzn«- W MttcffoOn ****** Zreis VUcti @e#er $ränumeratf ouMj preise für \ Sntidilttt: Monatlich . . . M«ll &« grankrrichr 1 Monatlich. . .gnmt» 3* Italien: > Monatlich .... Are Schweiz: » Monatlich. . . FrankS Redaktion u. Administration Wiea,«.Bez.,Laborftr^-3 Lelephotter Administration 44mK «rdattton 4»(U« ab 6 Uhr abends Kr. PostlprrkastcntoLlo Jfi&flB* Nr. 333 m-Wgrjnggff.js! * - Wien, Donnerstag, den 25. Dezember ISIS 1. Jahrgang Die nllchste Rnmmer der „Wiener ElorgenzeUnng-erscheint Samstag früh r gewShnlichen Stande. u nb Friede den Menschen auf Erden... —I'.- W i e n, 35. Dezember. \T Dle ihristNiHe Welt feiert heute den Geburtstag des DstifterS ihrer Religionen, der aus dem jüdischen Volke Dam und seine Lehre aus dem Brunnen der jüdischen Moral und Ethik schöpfte. DaS Fest knüpft., in seiner Butteren Gestaltung an üralte heidnische Ueberlreferungen der christianisierten Nationen an und stellt deren Ratürglauben an die geheimnisvollen Kräfte des Ms jdyter die Patronanz der Kirche. An diesem Fest ist in Ihllrn Zungen der christlichen Volker viel von -Liebe die R^de und von Frieden den Menschen, die eines güten Willens sind. Es soll eine Feier der Menschlichkeit sein piw auf diesen Ton sind gewöhnlich die sentimentalen Acußerungen der Presse gestimmt, die an allen übrigen Mgen des Jahres nur von Hatz und ^Feindschaft zu Wen weiß. Man könnte fast meinen, daß die bösen Empfindungen einen Tag lang schweigen, wenn man nicht Bit* alter Erfahrung, wüßte, daß alle diese Beteuerungen einer alle Lander umfassenden Brüderlichkeit eben nur Feiertagsgerede sind, das so ausgenommen wird, tvie es geschrieben wurde, als Diktat einer langjährigen, leeren, unverstandenen Tradition. Nichts stellt dies greller ins Licht als die Tatsache, daß diese Festartikel von »Ehre für Gott in der Höhe und Frieden den Menscheu auf Erden" auch in den Kriegsjahren an jedem Dezember geschriebew^WrM^jÄnnte, in diesen Kehren, in denen die christliche Welt ihre mohammedanischen, jüdischen, buddhistischen,; shintoMschen Erdgenossen in die Schützengräben hinÄngerissen hat, um das! Morden so universal zu gestalten, chie es der Glaube an Men unpersönlichen Gott niemals werden kann. ' Wir werden also auch diesmal viel von der Liebe! und dem Frieden hören, in eineni Milieu, das vom Haß; uyd vom Krieg verwüstet worden ist. Und,wir — und! mit uns jeder Bürger dieser Welt — werden den grellen! Kontrast zwischen Wunsch und Wirklichkeit mit gequältem Empfinden wahrnehmen und feststellen, daß die Menschheit erdenweit von dem Jdeengang des Mannes aus jüdischem Stamm entfernt ist, der das urjüdische Gebot von der Gleichheit der Menschen gepredigt Kat und der den Armen und Beladenen sein Herz ge* öffnet hat. Die Sittlichkeit des Judentums hat er der ganzen Menschheit mitteilen wollen.und ein Pandora-, geschenk ist daraus geworden. Bis zum heutigen Tage sind die Völker für diese Lehre, nicht reif geworden und sie haben sie nur in egoistischer Spielerei gedreht/bissie sie^' für ihre Zwecke gebrauchen konnten^-Daraus konnte nichts anderes als Krieg entstehen "und die in zweitausend Jahren auf einer sich stets verschiebenden Grundlage aufgebaute Kultur mußte ins Wanken geraten und schließlich zusammenbrechen. Wir sind Zeugen dieses Prozesses geworden und das Urteil, das die historische Gerechtigkeit über eine alles Idealen beraubte Welt gesprachen hat, trifft in seiner Folgerichtigkeit Schuldige und Unschuldige; eZ straft die, die den Krieg begonnen haben, und ihre schuldlosen Kinder. Die Welt mutz sich neu ordnen, die Schäden des Krieges heilen und zeigen, daß sie die Ursachen der großen Katastrophe erkannt hat. Aber sie ist selbst heute, nach dieser beispiellosen barbarischen Zertrümmerung der wirtschaftlichen und politischen Grundlagen, ' nicht dazu zu bewegen, den Neuaufbau nach besseren, menschlicheren Prinzipien zu beginnen. Wieder wie' früher regiert die Gewalt, die technische und zahlenmäßme Ueberr legenheit der Sieger, noch immer stehen Armeen in Feindesland, und sogar die Besiegten, die zu Boden geschlagen worden sind, suchen ein noch ärmeres, noch wehrloseres Element, an dem sie ihren Durst nach Rache und Unterdrückung stillen konnten. In volkreichen Städten Mittel- und Osteuropas wütet das. große Sterben weiter, weil , niemand die einfache Menschen- Pflicht erkennt, dem Bruder zu helfen. In statrem Gleichmut blicken die bessergestellten Sieger aus das Elend der Besiegten, und was, sie unternehmen, entspringt nur dem Bestreben/ die unaufhörlichen Bitten für kurze Augenblicke einznstellen. Es hat einmal ein osfeüRiches Gewissen, eine ^ulturgemeinsckM der nach den-jüdischen Gr'mdssinen orann»ficrfon r i2ßelt gegeben. Das ist lange her. Aber doch nicht so lange, daß jene GmmdÜcke. die das Leben, das Eigentum mrd ech Masarqk schlickt Kohle für die Wiener Kinderspitäter. P p a g, 24. Dezember. Der Minister fhr öffentliche Arbeiten» Hampl, hat den österreichischen Bevollmächtigten» Lsggtionsrat Dr. Marek, verständigt, -ätz über Auftrag des Präsidenten Mafarhk die sofortige Absendung von 15 Waggons Kohle für die Wien er Kind erspitäler äuge o r d n e t worden ist. Mandat des Völkerbundes für die europäische Türkei. Mailand, 24. Dezember. (Privat.) Rach den Erklärungen "L L o y d G e e r e s über die türkische Fra g e tritt «ach Londoner Berichten des „SeeoLo" der Gedanke immer mehr in den VorderZrrmd, die enropZHche Türkei einschließlich Konstantinopols «nd der Meerengen der BerrvaUnntz des VSIksrbnndes zu nntersteAe». Die englstchen Arbeiter für Oesterreich. Berlin, 24. Dezember. Die englischen Arbeiter haben, wie ans Drndsn gemeldet wird, beschlossen, an einem d er Weih nachtsfeiertags zn^arbeiten und das gesamte Erträgnis den notleidenden Oesterreichern zukMMt'Dq-taffW Arbeit für heilige, unantastbare Güter erklären, ganz aus dem Gedächtnis'verschwunden sein könnten. Die Völker müßten sich nur daran gewöhnen, das was ihnen das Judentum geschenkt hat, in seinem Sinne.zu erfassen und auszuführen. Dann werden sie das Elend meistern können und Liebe und Frieden üben, statt einmal im Jahr zu feiern. Wir wünschen unfern nichtjüdischen Mitbürgern, daß ihnen diese Erkenntnis recht bald komme. - - Sir Strmrt Samuel im Ksmitee der jüdischen DeLegaLisneK bei der Friedens- ■ ksnferenZ. Aus Paris wird uns geschrieben: Am 13. Dagember fand in Paris eine Vollsitzung der Mitglieder des Komitees der jüdischen Delegationen und einiger anderer jüdischer Persönlichkeiten statt, in der Sir Stuart Sam uel, der Leiter der offiziellen englische n Enqüetekommission zur Erforschung der Pogrome iir Polen, über seine Erlebnisse in Polen berichtete. Eingeleitet wurde der Abend durch eine Ansprache des Vorsitzenden S o k o l o w, welcher Sir Stuart Samuel für die Mühe dankte, der er sich! unterzogen habe, um die Katastrophen zu untersuchen, welche die Juden in Polen durchgemacht haben. | Samuel sei der Typus eines guten englischen Juden, er habe'! mit Konsequenz und reservierter Bescheidenheit die schwierige j und verantwortliche Aufgabe zu erledigen gesucht, j Den interessanten Ausführungen von Sir Stuart i Samuel schloß sich 'eine längere Debatte an, an der sich j außer dem Vorsitzenden' Sokolow und dem Generalsekretär! Motzkin Dr. Pasmanik, Dr. Reich, Dr. Ringel,! Dr. Diamant und der ehemalige Dumaabgeordnete! M. W i n a w e r sich beteiligten. , [ Aus den Ausführungen (7! r S t u a rL S am u e l S gmg r hervor, welch schweren K a m p f bas Judentum Polens noch? durchmachen mutz, -um volle rechtliche Anerkennung, sowohl! ^als Bürger wie als Volkstum, zu erlangen. Andererseits war! cs evident, daß eine erfolgversprechende Aufrichtung des . polnischen Staates ohne-dse Hilfe der Juden gar nicht möglich ist. .Die Ileberzeugung aber» daß insüesorrdere das. wirtfchaft'- liche Wiederaufleben.Pylens nur mit Hilfe der inländischen > und ausländischen tjiidischen Mitarbeit gesichert werden kann, j muß schließlich trotz aller Konflikte und Reibungen auch , die! Polen im neuen Staate zur Ern ficht bringen, wie drurgend ein gedeihliches Zusammenleben für beide Völker ist. Mit Genugtuung, begrüßte daS Komitee der Delegationen die 1 darauf folgende Erklärung des Sir Stuart Samuel, daß ’jiTT Board cf Dcvutie k, die jetzige Repräsentanz des englischen Judentuu^ö^ dessen Vokjihendcr ct ist. an den [ iünftigcn Arbeiten des KuNliicös der jüdischen Dekegatimren i asftv und direkt Lei in e Tie » wolle. Damit würde i« der Zusammensetzung des Komitees eine Lücke auSgefülld v»eä»a^ welche bislang von allen Veiten Mit Bedauern empfunden wurde. - In der Diskussion entwickelte Dr. PaSmanik ei» Programm der/ nächsten jüdischen Aufgaben, als welche er hervorhob: volle Emanzipation der Juden in allen Länder», Rekonstruktion, Kolonisation Palästinas. Dieses Progräm» muffe und könne nicht das Programm einer jüdische« Partei oder Gruppe sein, sondern das Programm des gesamten Judentums werden. Aus diesen Gründen erblicke e» in den Ausführungen Samuels eine Manifestation zuv E i n i g u n g des Judentums. Dr. Reich schilderte feine Eindrücke in Wien, von wo er erst vor kurzem zur werteren Arbeit im Komitee der jüdischen Delegationerk gekommen sei; dort habe sich nach und^ nach infolge der Kriegsereigniffe ein großes, ostjudifch^ Zentrum gebildet aus Zehutausenden von Flüchtlingen, deren Schicksal indes durch unerhörte MassenauSweif»i» gen aufs äußerste bedroht sei.. Von Sir Stuart Samuel erwarten die' jüdischen Mafien, daß er nach seinen gründliche»! Untersuchungen die gegen die Juden erhobenen Perleumdür» r gen, namentlich die Verleumdungen gegen die nationaljüdische»! Kreise aufs schärfste zurückweisen werde. Denn Verleumdungen, daß die Nationaljuden Feinde der Polen waren, werde» nach wie vor im polnischen Lande verbreitet und verwüste»^ das gesamte gesellschaftliche Leben. . Dr. Ring ei verweist auf die Dringlichkeit de§ Kampfes! gegen die überhandnehmende antisemitische Praxis^ Insbesondere solle die englische Regierung darauf achten, daß: ihre. Vertreter, welche nach Osteuropa entsandt werden, nicht dem antisemitischen Einfluß lokaler Hetze? verfallen sollen.- Es sei mit Bedauern zu konstatieren,'daß ein Teil der engli-: schen Presse in der letzwn Zeit aügefangen habe, an die anÜsemitischen Legetrden^Lu glayhen^ - Der'-B»rs-i tz e-n^e eMarte,- .«*14^ ^<4^. gerade jetzt im RechtSleben der polnischen Juden eingetreten sei. Was wir erreicht haben, die M i n o r i t a t S kl a u f«l h i m polnifchen Traktat, sei vorläufig noch auf dem Papier^ Jetzt gelte es, diese Klauseln.im Leben durchzuführ««. Gerade die englische Regierung habe die Pflicht, dafür Vrr» sorgen zu treffen, daß die ständigen Verletzungen der Minc -i^ Lätsrechte aufhören solle». Gleichzeitig damit sei aber auch eine energische Mivität der polnischen Juden selber notwendige So wäre es zeitgemäß, daß endlich das polnische Judentum durch einen jüdischen Kongretz in Polen organ.siert werden solle. Wir alle stehen auf dem Standpunkte, daß jeder Teil des Judentums, welche Idee er auch verfolge» mag, sich der Gesamtorganisation zu fügen habe. Motz krn verweist auf die Fülle der Einzelfälle, durch welche der polnlsche Friedensvertrag berests verletzt worden sei. Diese Verletzungen bilheu schon heute eine, spezielle Kategorie in den Berichten über dds Leben des Ostjudentums. Um so dringender sei die zukünftige Ausgestaltung der gesamtjüdischen Organisation. Wie wichtig d» Schaffung des W a a d H a a r a z o t h, ' einer Vertretung! aller Teile des Judentums, wie sie vom Komitee der jüdische» Delegation geplant sei, werden schließlich alle Teile einsehr»! Der erste Prüfstein für das Gelingen einer gesamtjüdische« Organisation werde die bevorstehende allgemeine jüdische HilfSkon ferenz sein. Bis jetzt sind bereits aus viele« Ländern Zustimmungen gekommen, darunter manche enthusiastische, aber man müsse es dahin bringen, daß nicht ei» einziges Land fehlen solle. Don großer Wichtigkeit sei eS auch, dje Mitwirkung des englischen Judentums beteiligt zu finde» Dr. Diamant verweist auf die Bedeutung. der. Jude« im gesamten Wirtschaftsappärat der Welt. Wo die Jude« auS dem Kreditwesen ausgeschaltet worden sind, sei, wie zum Beispiel in der Bukowina, für die Bevölkerung ungeheurer Schaden entstanden. Es gelte letzt, die jüdische Leistungsfähigkeit in das. moderne Mrtfchaftsleben wiederum hinein, zufügen. Rechtsanwalt Winawer betont die Notwendigkeit internationaler Aktionen im Leben,-der Juden, ES gebe für die Nichteinmischung rn Angelegenheiten fremdes Staaten gewisse Grenzen. Wo das Menschenleben sich in Ge« fuhr befinde, da könne es für die Aktionen keine Hindernisse geben. Heute gelte eS vor allen Dingen, nicht mehr die Pogrome festzunageln, sondern den Pogromen zuvor« k o m-M e n. Gleichzeitig mit dem Kampf gegen Gewalt Lssgendenbildungen und Antisemitismus, gleichzeitig mit dem Kampf für die bürgerlichen Rech», müsse auch der Kampf für die naüonalen Rechne auSgefvchten und zu Ende gefühi» werden. r Nach einer weiteren Rede von Sir Stuart S« m »11 in der er über hie gegebenen Anregungen seine Genugtuung' äußerte und mteressante Ergänzungen feinet? Berichte- - vornahm, schloß der Vorsitzende mit einem Appell au h» ' ^olidgritat des Judentums aller Lanhfix die Sitzung. ... j