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Wiener Morgenzeitung · 1919-12-18 · Heft 326 (18.12.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 326 (18.12.1919)
Date
1919-12-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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So geschah es, Hatz Deutschland in Len Krieg hineinging, ohne zu ahnen, Hatz der Streit um die Weltherrschaft nicht mehr eine ' Kontinentale, nicht mehr «ine europäische Frage war. . pnd es focht den Krieg durch, ohne zu merken, daß er sich' Mehr und »mehr zu einem Krieg gegen den Kontinent Hewanbelt hatte, dessen Ergebnisse nur noch Len übec- Iontinentalen Mächten zugute kommen konnten.: Seit Kriegsausbruch von jeglichem zuverlässigen Informationsdienst in Uebersee abgeschnitten und lediglich Huf -die spärlichen Berichte einiger weniger diplomatischer Vertreter draußen beschränkt, deren weltpolitischer Horizont nicht! über das Durchschnittsniveau der kaiser« «chen Diplomaten hinnusreichte, verlor Deutschland «lnn mehr, uyd mehr die Möglichkert,. die Dinge in Krem Zusammenhangs zu erfassen. Insbesondere Ame- Hka gegenüber griff eine Verständnislosigkeit Platz, die . H fundamental wardaß hauptsächlich ihr zum größten Mil die Schuld am politischen Zusammenbruch zugeschrieben werden muß. < . " Die Rolle, die Bernstorff vor dem Untersüchungstttrsschüß-gespielt hat, war eine recht klägliche. Ms Bernstvrff einst nach Washmgtyn verseht wurde, geschah dies jals Zeichen. kaiserlicher .Ungnade — so schätzte man h«maks in der Mlhelmstraße die Bedeutung der Ver- Maaten eini Dm Folge war, daß rpan in" Mer Politik erkanMn,) beAany./tzewisseErwartungen an Vernstorff zu knüpfen. Während der Ersten- Kriegsjahre Mt er in Amerika eine leLhafte Tätigkeit entwickelt, /jiim diedeutschfeindliche .Stimmung' zu bekämpfen. Er Hrt dies, impulsiv .und manchmal . yriv Methoden, die Her imponierten, weil sie in Kreisen deutscher Diplomaten neu waren. Er begriff die politische Bedeutung , des amerikanischen Judentums' und war als einziger Deutscher Diplomat großzügig genug, preußisch-konservativen Geist zu überwinden und den Zionssmus als politischen Faktor einzuschätzen. Das alles, verstärkte den Dauben, ' man habe, es hier endlich mit einem wett- Hhtigen Politiker zu,tun... Aber die Verhandlungen vor dem Untersuchungsausschutz haßen auch dies als Legende Enthüllt, sie haben bekundet, daß selbst der - Diplomatie»» 'man als einen der . Tüchtigsten eingeschätzt hat, in Len wichtigsten Dingen, nämlich in den Dingen der. amerikanischen Außenpolitik, völlig. unbewandert war., Pie Folge davon war, daß auch er (nach dem Vorbild seiner Heimat vielleicht dazu gereizt) alle Aktionen Wilsons mehr als Bekundungen einer Persönlichkeit, picht' als Erponenten einer -sachlichen amerikanischen Jnteressenpolrtik betrachtete, daß er", in diesem Sinne bexichtste, und. datz^ Deutschland sich daran gewöhnte, Amerika nur in der.Person' seines Präsidenten Und lediglich abhängig von dessen.persönlicher Tugend oder Schwäche zu begreifen. . . Allmählich lichten sich die Schleier und man kann tpieder dazu übergehen, die > amerikanische Kriegspolitik in ihren» Zusammenhang zu erforschen^ Wertvoll ist hier ein Aufsatz von Ludwig Guessel über Bethmänn- Hollwegs .Annexionismus in den Sozialistischen Monats- ' /heften. Es . tut not, sich diesen Dingen mit größerem Verständnis zuzuwenden, als es bisher geschah, denn Me europäische Politik , der nächsten Epoche wird noch in ungleich größerem Matze von der Entwicklung der Hinge jenseits des Ozeans abhängig fein, als es in den letzten drei Jahren bereits der Fall war. Guessel wirst die Frage .auf, : warum die Friedensgelegenheit . des- Jahres 1916 verabsäumt wurde, und er beantwortet sie' mit dem Hinweis darauf, daß Bethmann-Hollwegs An- , nexionspläne in Kurland und Litauen sowie seine Polen- Politik Amerika von der größten Sorge und damit vom stärksten Antrieb, den Frieden herbeizuwünschen, nämlich von der Gefahr eines deutsch-russtsch-japanischen Bündnisses, endgültig befreite. Daß diese Gefahr bestand, und Latz Amerika seine ganze Politik nach diesem. Gesichtspunkte orientiert hat,- steht heute Wohl außer Zweifel. Die japanische Mobilmachung bald am Anfang des Krieges, deren riesiger Umfang in keinem Verhältnis zur kleinen Kiautfchaufrage stand, rief in dem noch völlig ungerüsteten Amerika die größte Bestürzung . hervor. ML Japan im Jahre 1916 dazu überging, unibcLenkliL icinr ObexhoLeft. Wex sshina zu .fundieren,. Dr. Norda« Im zionistische» Aktionskomitee, Londo«, 17. Dezember.Wrivat.) In der heutigen feierlichen Sitzung des Londoner zionistischen Aktionskomitees begrüßte Dr.S. Leto i tt den erschienenen Doktor Nord au und lud ihn mit herzlichsten Worten zur Mitarbeit ein. G Dr. Nordau hielt eine Ansprache, in der er erklärte, seine ganze Kraft der Leitung widmen zu' wallen. Die Möglichkeit irgendwelcher grundsätzlicher Opposition sei ganz ausgeschlossen. Jeder einzelne muffe feine ganze Kraft für die Arbeit rettend und unterstützend einsehen. An dem Glauben an tzen zionistischen Sieg muffe festgchatten werden. Die Leitung kann alles vom jüdischen Volk verlangen. Der Oberste Rat fSr die Integrität Oesterreichs. Die LosMrmqsbestee-rmqen der Länder erledigt. Paris, 17. Dezembers Heute um 11 Uhr vormittags erschien beim Staatskanzler Dr. Nenner ein Beamter des Obersten Rates, um ihm persönlich eine vom - Präsidenten Clemeneeau unterfertigte Note zu überreichen. Der Delegierte bemerkte hierbei» daß die in dieser Note wiedergegebene Entschließung spontan und aus eigener' Uebergeugung gefaßt und schon vor dem Erscheinen des StaatS- -kanzlers beim Obersten Rat festgesetzt worden sei. Der Wort- . -laut der Note ist folgender: . : _ „Herr Staatskanzler! Die Auftnerksamkeit der alliierten ünl> assoziierten Mächte wurde auf gewisse Agitationen gelenkt, die von verschiedenen Seiten den Zusammenhalt und sogar die Integrität der Gebiete der österreichischen Nepnblik t bedrohen.,. Me' tzorn Boravlbcrgep .Landtage bei der Wiener de stkmmungerecht dieser Provinz anerkennen zu lassen,"i ' fallen mit jenen Bewegungen zusammen, die sich dahin richten, sei es den Distrikt von Salzburg, sei es Tirol, in den Wirt» schaftskrejs benachbarter Staaten einzubeziehen und.mit-der , m dey einstmaligen/ w estlichen ^Komitaten Ungarns wachgerufenen Bewegung zur Veranstaltung eines Plebiszitsdas in dem diese Gegenden Oesterreich gusprechenden Vertrage nicht vorgesehen ist., Die alliierten und assoziierten Mächte sind der Ansicht,' - daß, wenn die trennenden Kräfte in irgendeinem dieser Punkte zum Durchbruche gelangen sollten,)eine solche Trennung den vollständigen ' Zerfall des österreichischen Staates nach sich ziehen und das Gleichgewicht Mitteleuropas zerstören könnte. Sie wollen daher keinerlei' Zweifel über ihren .Willen bestehen lassen, die territorialen oder sonstigen. Bestimmungen des Friedensvertrages von Saint-Gerrnain aufrechtzuerhalt en und deren genaue Anwendung durchzuführen. Von diesem Gedanken geleitet, hat der Oberste Rät heute folgende' Entschließung angenommen, die er durchzufüh^n entschlossen ist' und die ich die Ehre habe, in seinem Namen mitzuteilen: Von dem Wunsche geleitet, den Bestanh Oesterreichs in den Grenzen sicher-. . z u st e l l e n, die ihm aiigewiesen worden sind, und entschlossen, die Bestimmungen des Vertrages von Samt-Germain zur Geltung zu bringen, erklären die alliierten und assoziierten Mächte, daß sie sich allen Ve r such en w ide r s e tz e u werden, die geeignet sind, die I n t e g r i t ä t des österreichischen ‘ Gebietes zu beeinträchtigen, oder die im Gegensatz zu^den Bestimmungen des Artikels 28 des erwähnte» Vertrages in irgendeintr Weife, fei es unmittelbar, sei es mittelbar, die politische oder wirtschaftliche Unabhängigkeit Oesterreichs beeinträchtigen Können. Genehmigen, Herr Kanßler, die Versicherung meiner besonderen Hochachtung. Clemenceau." reagierte Amerika, wohl oder übel, mit einem gewaltigen Nüstüngsprogramm,, Lessen Ausmaß ebensowenig gegen Europa zielte wie das des japanischen. Für beide Mächte war der Weltkrieg nur ein Vorwand zur gegenseitigen . Rüstung. Das Wilfonsche Programm, im Juni 1916 fast einstimmig votiert, erhöhte die Landstreitkräfte um 530.000 Mann und sollte der Flotte bis zum Jahre 1922 einen ähnlichen Vorsprung, gegenüber der japanischen sichern, wie ihn England der deutschen gegenüber besessen hytte. Japan mußte sich nun seinerseits nach? Bundesgenossen umsehen, und so schloß es, wie nach der russischen Hevosution enthüllt wurde, ein „Geheimabkommen mit Nußland, das ein bewaffnetes Auftreten gemeinschaftlich gegen Amerika und England im fernen Osten vor dem Sommer 1921 im Al,ge hat/' Rußland , begann Mch Deutschland Friedensfühlex ausLustreckenr damit aber war für Amerika eine Bedrohung gegeben- - der esdadurch zu entgehen hoffte, daß f» Deutschlands Annerionsabsichtcn in Kurland und Litquen ebenso wie die Polenpolitik geradezu förderte. Deutschland erließ, ohne die^ durch das russisch-japanische Bündnis (dessen ' Existenz im Juni 1916 bekannt wurde) gebotene .Chance zu begreifen, am- 6. November die Polenproklamation und gab damit Amerika gegenüber seinen einzigen Trumpf aus der.Hand. Als dann wenige Monate später die russische Revolution auch das russisch-japanische Bündnis gefahrlos machte, hatte Amerika endlich die. Hände frei — und zwei wettere 'Monate trat es, nun- - mehr ungefährdet, in. den'Krieg ein. Japan ist heute isoliert. Aber die Spannung zwischen ihm und Amerika besteht weiter. Das Wettrüsten, datz einst zwischen England , und Deutschland herrscht^ wir8 dort weitergeführt. Von Europa zieht sich Amerikas zurück, weil es. dort nichts mehr zu erhoffen, aber auch nichts zu befürchten hat. Sowohl Amerika wie Japan- Werden nur mehr trachten, sich durch Bündnisse ein Uebergewicht zu schaffen — und auch dort wird die Entscherdung wieder davon abhängen, welche StelluM England einnehmen wird. Renner ta Paris. - —y. Auf die vier Bitten, die der StaaiSlUcmztzttk vorgestern dem Obersten Rat im Krankenzimmer Sie*, menceaus vortrug, hat er eine in fünf Punkts gefaßter Antwort erhalten, die in ihrer Gesamtheit einen Erfolg des Auftretens Dr. Renners darstellt. ES wurd« der tn der-Vorwoche von der ReparationSkPMMissivvj zugesagte so-fortige Abtransport der 30.006 Tonnen! Getreide auS Triest bestätigt. Die Gewährung weitere« Jugoslawi.en bekommt ausreichend« und fortlaufende! Kredite zur Lieferung von Lebensmitteln nach Oesteri reich,' gegen diesen Punkt, der wahrscheinlich auS Grün^ den der Vereinfachung der finanziellen Durchführung gewählt wurde, machte der Kanzler mit Recht geltend^ daß unsere Erfahrungen mit der Versorgung auS Jugs-? flawien bisher nicht die besten waren; immerhin bleibL zu hoffen, daß die Einsetzung einer besonderen, mit oes Ueberwachung dieser Verfügungen Betrauten Kommission die gewohnten "Hindernisse und UebelstSnde beseitigt Was die Frag« der Sicherungen anlanjgt, so hat de«! Oberste Rat versprochen, die 'Entscheidung über dm Freigabe gewisser österreichischer Aktien in längstens! einer, Woche zn fällen. Die Erlaubnis, das Tabakmono-s - pol "Holtanh zu übertragen, wird erteilt; die Berhand«! lungen dürfen zum Abschluß' gebracht und die in- Aus« sicht genommenen 30 Millionen hotsändischer Gulden als Vorschuß müssen in erster Linie zur . Besserung der Ernährungsverhältnisse verwendet werden. Detz' weiteren verpflichtete sich der Oberste Rat, das. <5fcf. nährungsproblem auf Grundlage der Darlegungen/ die der. österreichische Staatssekretär für Volksernährungs gab, eingehend zu prüfen und einen Plan zur Vexsovi gung Deutschösterreichs für die^ nächsten zehn Monats zu entwerfen.' / Es wird also binnen einer Woche bekannt sein*0b der Oberste Rat sich bereit finden wird, das im Frisdensvertrag aufgestellte Generalpfrndrecht^ auf de«s österreichischen Besitz aufzuheben. Daß er sich den Argumenten des Staatskanzlers nicht entziehen konnte. be«i weist die Freigabe des Tabakmonopols zur Verpfäne' düng an -4in holländisches Konsortium, womit eigend' lich schon die Mauer dieses Pfandrechtes durchbrochen und ein Präjudiz geschaffen, worden ist, auf das sich nicht nur Oesterreich, sondern auchjede anders Macht berufen kann, die über österreichische Kredite mit der Entente verhandeln wird. Bon der Lösung dieser Frage hängt auch die Entwirrung der Valutaverhältnisse Oesterreichs und die Erlangung eines großen Kredits zusammen, der: allein der unwürdigen Bettlerposition Oesterreichs «in Ende machen, kann. Oesterreich muß der/Weg zur Arbeit'geöffnet werden. Geschieht ores nicht, dtznn sind alle Versprechungen der Entente, tvenn^ sie nicht in die Gewährung einer großen Anleihe * münden, nichts anderes als Kampserinjcktionen. Die Verhandlungen in Paris sind noch nicht beendigt und das ist als gutes Zeichen zu werten. Die Entente fürchtet üm das Leben des Schuldners und wird sicherlich alles tun, um ihm bis zu einem g-)wi.'sen Grad die Existenz zu erleichtern. Im englischen Unter-^Z Haus hat Un:e^ staatssekretar H a r m s w o r t.h erklärt, daß die Entente entschlossen sei, Oest-erreich aufzuhelsem Aber alle diese Zusagen sind nur von politisch-wird' schaftlichen .Gesichöpu.nktert zu werten. Hinter den Aer- 0

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