Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 325 (17.12.1919)
- Date
- 1919-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dezember, v Mit fröhlichem Segen Hai sonst die Mutter des jüdischen Hauses dieses Fest stolzer und großer Geschichte geweiht, wenn sie die acht Lichter rüstete, Vie der Herr des Hauses anzündete, durch acht Abende jedesmal ein neues zu den Nachbarn gesellend. Durchwärmt von der Erinnerung steht dieses Fest vor jedem, der als Kind, von dem mystischen Zauber des Lichtes befangen, auf den Leuchter sah und der uralten, perlräumten, sich ins Herz legenden Melodie des Liedes lauschte, das der Vater sang und das von der »Ehanukath hamisbeach*. von der Feier des Altares handelt, den Juda Makkabi seinem Volk wieder Mfgerichtet hatte. Syrer und Griechen hatte er aus dem Land gejagt, die letzten Reste einer jämmerlichen Assimilation fortgesetzt und dann das Heiligtum der Nation, den Tempel aufs neue geweiht, tzrdM er das ewige Licht wieder entzündete. Es ist rin - einfaches Fest, der Prunk der offiziellen Kirche weist nichts von . ihm. Aber; es ist doch :> ein v Begleiter des Volkes' gewesG^^Wohin ßmMr der Leidensweg Ahasvers ging, -Überallhin folgte ihm die Menorah, * die raunend und flackernd von einstiger Größe erzählte, tausend stärke Fäden zwischen den Volksgliedern zog und aus den dunklen Fenstern des Exils ihren zitternden Schein warf auf die Straße, die von Ewigkeit zu Ewigkeit führt, so endlos» wie es die Historie des uralten, alle Völker, Herrscher und Feinde überdauernden Volkes der Vene Israel ist. E Rauh und feindlich ist diese Historie, rauh und feindlich sind die Tage, die wir durchleben. Von wahnwitzigem Haß und Zorn bedroht, steht das jüdische Volk einsam und verlasien und in jedem Jahr sind die Lichter, die es zu Ehren Makkabis anzündet,- der wie ein . Hammer die Feinde schlug, doch nur Seelenkchter für Opfer in dem grausigen, niemals ruhenden Krieg, den das auserwählte Volk der Qual gegen eine Welt von Feinden führen muß, die ihm, fremd im Wesen, fremd in der Seele, nur Tod und Untergang wünschen, weil sie seine Kraft, seine fast unbegrenzte Fähigkeit des Leidens und DuldenS fürchten. Wenn nach Jahrhunderten blutigster Verfolgung und Unterdrückung dieses Volk ausstünde und die ganze Welt in Trümmer schlüge, wen könnte das wundern, der die Last des Jammers und Elends ermißt und an das furchtbare Schicksal des jüdischen Volkes denkt, das durch fremde Schuld die, Heimat verloren hat und seither verflucht ist, friedlos und freudlos durch eine harte Welt zu wandern. Unsere Kraft ist nicht gebrochen. Durch die Hölle der mittelalterlichen Ghetti sind wir geschritten, ohne das Bewußtsein einer höheren Sittlichkeit zu verlieren. 8in den Folterkellern der Inquisition, auf den Scheiteräusen, die „zur größeren Ehre Gottes" flammten, haben die Söhne des jüdischen Volkes mit ihrem Leben ihr Bekenntnis zu dem Gort besiegelt^ der so einzig ist wie ihr Leid. Nie hat sich die Seele des Volkes gebeugt, nie hat es den Weg aus den Augen verloren, der nach der zertrümmerten Heimat führt, nie hat es Zion vergeflen, dessen heiliger Name auf den, Lippen tausender Verröchelnder stand, die fremder Fanatismus in den Tod sandte. Die Ueberlebenden dächten daran, daß ihre rechte Hand verdorren müfle, wenn sie an das Vaterland vergäßen, und ließen das Schwerste über sich ergehen. Sie zoyen sich ist ihr Heim zurück und sahen in das Licht der Menorah. Und dachten an ihre Vorfahren, die einstmals „mt den Wassern Babels faßen und weinten, deren Harfen an den Weiden hingen" und die vor den Fanden nicht die Lieder ihres Stammes singen wollten. Und nahmen dann trotzig den Kamps wieder auf. Was hat doch dieses jüdische Volk alles gesehen! Seine Geschichte führt in Zeilen, von denen die Archäolo&ie träumt. Die Cdetä-MrÜen. die Pharaonen. Die Hilfe der Entente für Oesterreich. 30.000 Tonne« Getreide. — Lebensmittelkredite für Jugoslawien znr D«l liefernng Oesterreichs. - Einzelne zugunsten der Reparationskommisston vers pfändete Aktive» werden znr selbständigen Kreditbeschaffung freigegebmu H Zustimmung znr Verpachtung des Tabakmonopols «m 30 Millionen holländische; Gulden. - Ausstellung eines Ernährnngsplanes für die nächsten 10 Monats Paris, 16. Dezember. Um halb 12 Uhr vormittags fand die Sitzung des Obersten Rates statt, in der über die Oesterreich berührenden, Fragen eine vorläufige Entscheidung getikssen. wurde. Mit' Rücksicht auf die' Folgen des Unsalles, den Clemenceau aus der Rückreise aus London erlitten hatte, fand die Sitzung, des Obersten Rates in der Privat wo h>n»ng Clemenceaus statte Die Ansprache Dr. Renners. Staatskanzler Dr. Renner hielt in französischer Sprache eine Rede, in der er unter anderem erklärte: seiner höchsten Not nimmt das österreichische Volk, in dessen Auftrag wir hier erschienen sind, Zuflucht zum Obersten Rat der alliierten und assoziierten Mächte. Wir Stehen hier vor"allem, um im Namen der Menschlichkeit an die Mächte, die die Welt'beherrschen, die Bitte zu richten, sie mögen ein braves, tüchtiges, durch die Schuld -seiner Herrschenden und eigenes allzu kindliches Vertrauen ins Unglück geratenes Volk von sechs Millionen Menschen nicht durch Hunger und Kälte zugrundegehe» lassen! Hoher Rät! Möge es mir erspart bleiben, den Zustand unseres Landes und die Leiden unseres 'Volkes zu schildern. In Wien haben wir in der letzten Woche nur 100 Gramm Brot und Mehl für den Köpf und Tag ausgeben Können, in vielen Orten außerhalb Wiens gab es überhaupt kein .Brot. Trotzdem hat unser Volkdie Ruhe und Ordnung» bis. in die letzten. Tage aufrechterhalten — es gibt keinen Fremden, der ihm ob dieses Heroismus nicht BewunderunU zollte. Auch die . so geringe und unregelmäßige Austeilung. von, Rationen kann nur 'mehr bis Mitte Jänner fortgesetzt Kilogramm Mehl' und das letzte - Dekagramm Fett ausgeteilt * wird; und dann sechs Millionen Menschen r dem Nichts überlassen. Sie trägt vor dem eigenen Lände, wie vor der ganzen Welt die Bexantwortung, daß die Menschheit von einer solchen Katastrophe, die das Gewissen des Abendlandes erschüttern müßte, nicht überrascht werde. v Die Landwirtschaft der Nachbarstaatenja des ganzen europäischen Osten ist so tief herahgekommen, daß sie nur geringe oder keine Ueberschüsse liefert/ Unsere - nächsten Nachbarn sind zumeist guten Willens, aber —: wir haben uns überzeugt — zum Teil versagt ihr- Boden, zum Teil versagen ihre Bahnen. Selbst wenn der österreichischen Regierung im gegenwärtigen Augenblicke im Westen der K-^r e d i t für die Besch af.f »n g v o n Na h r u n g sm i t t e l n gewährt und der Einkauf ermöglicht würde, könnten die Nahrungsmittel, mit deren Versendung jetzt - erst zu beginnen -wäre, nicht rechtzeitig, sondern erst in ungefähr zwei Monaten einlangen. ' Durch die Enttäuschung im Osten nach dem Westen getrieben, nehmen wir zu unserer eigenen Vsstürzung wahr, daß die Termine zu kurz gewo rden find. Wir können die Verfrachtung über den Atlantischen Ozean nicht abwarten. Die erste Bitte geht deshalb dahin, daß uns die für zwei Monate zur Bestreitung der Minimalrationep notwendigen Mengen vorschußweise wuS schon ln Europa befindlichen Stocks A gegeben werden. Der beispiellose, „in diesem Grade von niemand vorausgefehene Zusammenbruch unserer Währung setzt unS außer Stand, mit unserem Gelds zu zahlen. Wir mWen daher bitten, daß wir die . aus den europäischen Stocks zugewiesenen Lebensmittel in Natura kredlttert erhalten und dann zugleich einen solchen Kredit bekommen, daß wir sofort, das ist beinahe in dieser Stunde, über einkaufen können, damit das von dort verschiffte Getreide *nidji nur die erwähnten Stocks wieder komplettiere, sondern auch möglichst bald unsere Heimat erreiche, um dort verteilt zu werden. Erst dann kann ein geordneter Ernahrungsdienst ausgenommen werden. Das * aber setzt andererseits voraus, daß unsere Bevölkerung in die Lwge komme, auch stetig zu arbeiten. Wie müssen arbeiten, um unseren Lebensunterhalt selbst zu erwerben und um den Verpflichtungen nachzukommen, die unS der Friedensvertrag auferlegt. Wir können das nötige Minimum von Nahrungsmitteln und Rohstoffen nur dann erlangen, wenn die älltterten Hauptuvächte uns einen hierfür ausreichenden Kredit gewahren. Die durch den Frieden von Saint-Germain geschaffene österreichische Republik besitzt gegenwärtig keine ausländischen Zahlungsmittel,' enthält nur unzusammenhängcnde Bruchstücke des Produktionsapparates der früheren österreichischungarischen Monarchie und bedarf einer Uebergangszeit, damit die ganze Bevölkerung unter den so veränderten Verhältnisse»! wieder Arbeitsinöglich leiten findet. ■ ■ Die zweite Bitte geht aus all den Gründen dahlch daß die alliierten Hauptmächte uns einen . _ entsprechenden Kredit aufidjer« und uns in die Lage versetzen, so rasch als irgend * davon unter Kontrolle der Neparationskommissron Gebrauch zu machen. j Wenn unS, wie wir hoffe», der Kredit verschaff^ wird, werden doch Monate vergehen, ehe die Republik ihnj wirtschaftlichen Pläne des Wiederaufbaues und der Wiede« Herstellung der Währung realisieren und in voller Arbeit seiuj , wrrd. Es ist unbedingt notwendig, Latz wir in der Zwischen^ i zeit auch selbst uns einige ausländische Zahlungsmittels , verschaffen können, um unsere. Wärung zu verbessern, dies j Lebensmittelrationen, von denen auf die Dauer niemand! i leben kann, zu ergänzen und die dringlichst notwendiger^ « I Rohstoffe zu verschaffen. '■■■■- 1 Deshalb mutzte ich noch eine Bitte an den hoherH . Obersten Rat richten: Er wolle uns konkret gu bezeichnende Aktiven zu dem Zwecke frelgebe«, damit wir für die nächste Zeit ausländische Zahlungsmittq' - in einem bestimmten mätzigen Ausmaße und ohne Verderb-' liche Verschleuderung des Volksvernwgens besckiaffen Jöuneiu; Selbstverständlich wird die N e par a tions k o rn mis sropj auch dabei unsere Gebarung kontrollieren. | ,Das Heilmittel, das über diese, Krise helfen soll, karytz . nur Wicken, wenn es rasch gereicht wird. „ \ Uebcr Aufforderung Clemenceaus gaL der; v Vorsitzende des OrganisaLlonskomitkes der Ritz,'. . ' parationskomMissiW/ L S u ch L ü r, ttachfolgende klärnng ab: Der Oberste Rat hat beschlossen: .1, Zunächst einmal die sofortige Abseu^ - dun g von 30.000 Tonnen Getreide, die bereits - in Triest lagern, nach Oesterreich zu veranlasseu. Es sind bereits alle Maßnahmen getroffen, uw deq Transport sofort ins Rollen zu bringen. \ 2. Die alliierten Machte werden Jugoslawien e i» e n K r e d i t gewahren, aus Grnnb dessen die Lieferung von Lebensmitteln in erster * Linie Getreide, nach Oesterreich zu erfolgen habeu^ wird. Eine eigene, vom Obersten Rate eingesetzte Spezialkommission wird sich mit der Durchführung dieser nach Oesterreich zu leitenden ^Lebensmittel» transporte beschäftigen. Die Kreditgewährung erfolgts nach Maßgabe der gelieferten Lebensmittel. i 3. Der Oberste Rat, beziehungsweise die Re» ' . Paralionskommission wird womöglich binnen einer Woche eine Entscheidung darüber treffen, welche derzeit zugunsten der Reparationskomm is»i sion verpfändeten österreichischen AktiveU zur selbständigen KreditbeschafsuuK freigegecken werden sollen. 4. Der Oberste Rat erteilt die Zustimmung,/. daß die österreichische Regierung die mit einem holländischen Konsortium gepflogeneu Verhandlungen wegen der Verpfändung des österreichischen Tabak Monopols fortsetze und' zum Abschluß bringe. Der aus diesem Geschäfte zunächst resultierende Vorschuß von 30 Millionen holländischen Gulden würde m erster Lime zum Ankauf von für die nächste Zeit notwendigen Lebensmitteln zu verwenden sei». . > 5. Ueber Auftrag des Ohersten^Nates wird die Rcparationskomission unverzüglich an die Prüfung deS vom Staatssekretär für Volksernährung ausgearbeiteten Detailprogrammes für die Ernährung Oesterreichs in den nächsten zehn Monaten schreite» und darüber baldigst der österreichischen Regierung die getroffene Entscheidung mittcilen. Stantskanzler Dr. Nenner dankte dem Obersten Nahg für die Raschheit und Bereit>villigkeit, mit der der Obersts * * Rat zur Erledigung der Nächstliegenden und für Oestervetttz allerdringendsten Angelegenheiten schreite, und ging sodanN in die Besprechung der oberwähnten Eiuzelpunkte ein. * die. römischen Senatoren, die gallischen Häuptlinge und deutschen Kaiser hat es überdauert, die Entwicklung der ganzen Welt hat es mitangesehen und miterlebt, Krieg und Hunger und Pestilenz in jedem Land mitgemacht und steht doch aufrecht und ungebeugt, frei und unabhängig, voll unzerstörbarer Lebenskraft und voll Hoffnung, diese ganze Geschichte einmal wie einen fchlmrmen Traum hinter sich werfen Zu können. Die Hoffnung keimt der Erfüllung. Das Heim will uns wieder erstehen. Wir gehen einem neuen Abschnitt unseres Volkslebens entgegen und sehen voll glänbigen Vertrauens in' die Sonne, die an unserem Himmel aufsteigt und uns den Weg in die Heimat zeigt. Nach dem Osten hm lenkt unsere Straße, nach dem Land, nach dem unser Herzlckläst. Unsere beite Kraft und unser ireudW^