Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 324 (16.12.1919)
- Date
- 1919-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Don der Erkenntnis dieser Tatsache wird es abhängen, ob wir in absehbarer Zeit zu einem Definittvum, zu einer Völkerverständigung, zum wirtschaftlichen Neubau Europas oder aber von einem Provisorium zum andern, von einem Chaos zum andern geangen werden. Dabei wird man überall, besonders über in den maßgebenden Kreisen der Entente, sich zur lleberzeugung durchringen müssen, daß das österreichische Problem nichts Geringeres bedeutet als das europäische pn Kleinen. Enge verwoben ist die Zukunft Deutschösterreichs mit. der von Tfchecho-Slowakien, Ungarn, Jugoslawien, teilweise aber auch mit der Rumäniens, Polens und der Ukraine,, in erster Linie allerdings in Wirtschaftlicher Hinsicht, wobei berücksichtigt werden muß, daß gerade in der jetzigen Zeit Wirtschaft und Politik weniger als je getrennt werden können. > Spät, aber doch, beginnt den am Krankenbett Europas in Paris zum Konsilium versammelten Entente- -iplomaten zum Bewußtsein zu . kommen, daß das neue Europa, das sie durch die Friedensverträge gezimmert, Henau. so wenig lebensfähig sei als wie das alte, när baßsqine Lebensdauer qtne gewaltig kürzere sein werde. Aeberaus irefsend hat in best' lstzten Tägen /üu Pariser Blatt die Situation Mitteleuropas mit folgenden Worten charakterisiert: .„Es wäre.ein sehr, kurzsichtiger Standpunkt, im Zusammenbruche Oesterreichs lediglich die Gefahr"eines bolschewikischen Umsturzes oder einer monarchistischen Restauration zu erblicken. Was in diesem tzvm Nervenfieber geschüttelten Lande geschieht, hat eine viel weitgehendere und allgemeinere Bedeutung. Das ganze europäische Gleichgewichtssystem, so. wie es der Friede gebildet hat, wich in seiner Grundlage erschüttert and in Frage gestellt. Die natürlichen Kräfte werden Hr Recht über die künstlichen Schöpfungen wieder gewinnen. Der Niederbruch Oesterreichs wird zu einem kritischen Augenblick erster Ordnung, von wo eine Neubildung Zentraleuropas ihren Anfang nehmen wird." : Niemand kann noch Mt Bestimmtheit Voraussagen, in welchem Sinne diese Neubildung erfolgen und von wo sie ihren Ausgangspunkt nehmen wird, vielleicht hat Dr. Benesch recht, der zü glauben-scheint, haß die Neuordnung Europas, beziehungsweise Mittel- Europas von Prag , aus durch den Ausgleich zwischen ' Tschecho-Slotvakien und Oesterreich erfolgen wird. Das alte Oesterreich-Ungarn mit seiner deutsch-magyarischen Vorherrschaft besteht nicht mehr, das Ziel des tschechischen Volkes nach nationaler Selbständigkeit und Vereinigung ist erreicht, Deutschösterreich dagegen und hör allem Wie», die frühere Metropole der alten Großmacht, steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruche und nun tritt Dr. Benesch, der tschechische Minister des Aeußern, als Deutschösterreichs Retter aus.. Er erklärte vor kUxzem, die Rettung, die Oesterteich und vielleicht auch bald Ungarn benötigen wird, könne nur von Tschccho-Slowakien aus erfolgen. Spät koüimt die Erkenntnis in Prag sowie in Wien, hoffentlich nicht zu spät, daß Tschccho-Slowakien und Deütschijösterreich in allererster Linie wirtschaftlich, aber nicht nur wirtschaftlich allein aufeinander angewiesen sind. Der ökonomische Zusammenbruch Oesterreichs müßte die folgenschwersten Konsequenzen nicht nur für Tfchecho- Slowakien, sondern auch für die meisten anderen neuen Nationalstaaten, ja für ganz Mitteleuropa, zeitigen. Wird nicht mit Hilfe, der Entente und unter Mitwirkung speziell Tschccho-SlptrLriens.-d.en täglich mehr hem Zusammenbruch sich nähernden Zuständen in Deutschöfterreich und speziell in Wien gesteuert, dann muß die in Vorarlberg, 'Tirol, und/Salzburg bereits begonnene Lostreunungsbewegung von Wien sowie die Propaganda für den Anschluß an Deutschland zu Verwicklungen führen, die ebenso Deutschland wie die anderen ' Nationalstaaten in ernste Gefahren bringen könnten.. Es gibt in Frankreich, ja sogar in England Elemente, welche Lesouders seit der Separation Amerikas einen neuen Krieg prir Deutschland nicht so ungern - würbet: und denen der Versuch einer Anglieds- Eine argentinische Anleihe für Oesterreich. Amsterdam, 15. Dezember. Nach einem Telegramm des „Lelegraaf" meldet die „Times" aus B u e n o s. A i r e S, daß die A e. gierungbeschlossen ha t, den Antrag wegen Grwöhrung einer A n t e r st ü tz u n g an O e st e r r e i ch irr die Form einer An» leihe zu kleide». Amerika'plant eine Hilfsaktion für Oesterreich. Genf. 15. Dezember. Der New-Porker »Sun*, das leitende Organ des konservativen Flügels der republikanischen Partei, fordert, daß die Vereinigten Staaten dem verhungern den O e st e r r ei ch beistehen. Es soll dies nicht aus geschäftlichen Rücksichten, nicht im Zusammenhangs mit dem Völkerbünde, .nicht als vertragliche Verpflichtung geschehensondern als ein Akt der Wohltätigkeit, als eine Aufgabe» die zu unternehmen kein Land außer den Vereinigten Staaten groß und reich genug sei, Der amerikanische Korrespondent der »Times* bemerkt hierzu, daß die Ausführungen des„Smr* eine im Kongreß stärker werdende Stimmung wiedergebey. Diese Stimmung sei aber noch eine vage und habe von der Regierung noch keine Leitung erhalten. . ' ' ' Oesterreich soll unter Kontrolle der Alliierten gestellt werden. , Lyndon, I^DezemLer^ (Zlel.-Komp.) §Daily Telegraph"' erfährt RnS Paris: Die ft a N z 5 j 1 s ch e ^Regierung stellt sich in der österreichischen Frage auf den Standpunkt, daß die Alliierten Oesterreich unter eine Art i nleral l ii rrten K an troll e stellen und die Unterstützung Oesterreichs sowie die Ausführung deS Friedensabkommens in diesem Staate als eine gemein« schaftliche Aufgabe aller Alliierten betrachten müssen. Verschiedene andere Negierungen sind nicht dieser Ansicht und verlangen ein getrenntes Auftreten der einzelnen m Betracht kommmdeu Staaten. vüieil i'uug £kut)d)öftm-dcf)S tut Deutschland dazu emen ge-- Ernten AMü Mt*. ist mm lick in den. Die Mische Bevölkerung mn Anreft durch die Bolschewiken niedergemetzett. Paris, 14. Dezember. (Korr.-Bur.) Nach einer Depesche des „T emp s* aus Odefs a sollen die Bolschewiken fast "die gesamte jüdische Bevölkerung der von ihnen besetzten Stadt Kursk e r m o r d e t haben. Dje jübtfcfyenv a n t i b o IJ ch ew i k Vf ch e n Jntellektue llen sowie die begüterten Bürgersleute seien vor ein Reoolutionsgeriäjt gestellt und nach kurzem Verfahren f ü s i l i e 11 worden. maßgebenden Kreisen der Entente darüber Aar, daß in Mitteleuropa wie in Osteuropa Und am Balkant noch alles in Gärung begriffen ist und darum schiebt man alle endgültigen Lösungen mMichst lange hinaus. Es zeigt sich dies hei der polnisch-ukrainischen wie bei der russischen Frage, beint adriatischen sowie türkischen Problem. \ v Vor kurzem glaubten informierte Kreis«. das Schick- .sal Ostgaliziens und her Nordbukowina sowie der ungarischen Ruthenengebiete sei durch den Anschluß an Rußland entschieden. Der Umstand, daß aber noch immer die russische Zukunft in Dunkel gehüllt ist, vorhin- .derte vorläufig den Sieg der großrussischen Strömung in Paris und verhalf jener Lösuüg für den Moment zum Durchbruch, die aft Qstgalizien einen selbständigen ukrainisches. Staat, jedoch mit einem polnischen Gouverneur, für die Nächsten 25 Jahre machen will. Die heftige Opposition, die sich sowohl von polnischer als auch ukrainischer. Seite dagegen erhebt, läßt , es als nicht unwahrscheinlich erscheinen, daß auch dieser Versuch, die polnische, beziehungsweise ukrainische Frage zu lösen, sich'.früher oder später ebenso ergebnislos er-» weisen wird, wie alle bisherigen diesbezüglichen Experimente.,. *;• - So steigen denn aus dem Osten genau so wie aus dem Südosten, wo die Gefahr eines italienisch'südslawischen Krieges immer größer wirddüstere Wolken'auf. welche ein ncurs Gewitter. ankünbigen, welches das ganze mühselig zustandegekommene Fri-el-kNsmeLk in.! Brarld und Asche zu legen drohc. Clemeneeau iw Paris. Die Konferenzen. Dr. Renners. .Paris, 14. Dezember. Ministerpräsident C l e m e n c e a u ist heute abends aus London ein-, getroffen und hat den Staatskanzler Dr. Nenner sogleich durch den Generalsekretär der Friedens^, Konferenz D üt a st a verständigen lassen, daß er chst Montag n a»ch mittags empfangen werde. Drei Sitzung des Obersten Rates wird daher. erst Dienstag stattsinden. "Die Heimreise des Staats^ Kanzlers und der Staatssekretäre erfolgt vermutlich Mittwoch abends. Dr. Renner hat im Laufe des heutige^ Tages zahlreiche Persönlichkeiten empfangen und am Nachmittag dem Präsidenten der italienischen Delo« gation Scialaja, der xebenfalls aus London zurück« gekehrt ist, einen Besuch abgestattet. , / Dad Ergebnis der Londoner Verhanda lnngen. Paris, 15. Dezember. (Korr.-Vur.)' „Peti^ ^Parisien" erfährt von einer Persönlichkeit, die Cle, mcnceau und Loucheur nahestcht, über däS Ergebnis dnj Verhandlungen in London folgendes: lieber diq russische Frage habe eine Besprechung stattgefunden, a«s der .sich auch die Vertreter Italiens, der Be^ ciyigten Staaten und Japans beteiligten^ aber es s e i «i ch t S b e st i m m t e s entschieden wordest und eS soll vorläufig der Status quo gelten. Urber diy Oricntfragen sei viel gesprochen worden und eS fei ge«l glückt, alle Meinungsverschiedenheiten von ehedem zn! überbrücken. Man sei zu einem vollständigen Einver^ nehmen betreffs K o y st am t i n o p r l s, Syrienu n d K l e i n a s i e n s gelangt. In der nächsten Woch^ würden noch einzelne Abkommen, darunter' bezüglü Mesopotamiens und Mosuls, zu schließen sein. Was di Geldfrage anlangt, so sei /eine französischl Staatsanleihe in Eng stand /wahrscher«, lich. In der Kohlen frage haben die Argumeni LouchcurS bewirkt, daß das neue englische System ans geschoben würde. * j Weitere Beratungen über die Kohlenfra'g> werden in London abgehalten werden. Ueber Fi«: fei in Downing Street nicht geschrochen Warden oder m ganz wenig. England und Frankreich seien entschloffe: Italien in der adriatischen Frage nicht zu beeinslufsei Was die Vereinigten Staaten anlangt, halten sich die Alliierten nicht für berechtigt, zu intervenieren; wollen die Entschießungen Amerikas abwarten. Schlief sich habe man sich noch mit der Frage der Reparation kommission befaßt, nm jede Reibung zwischen Frankreich und England auszuschalten. Auch hier sei eine auÄ gezeichnete, für Frankreich schmeichelhafte Lösung gri funden worden. * i vSorciete della Sera" berichtet über die Verhandlungwj 'der Ententevertreter in London: Das optimistische amtlichy Londoner Communique scheint, sich mehr auf die wirtschaftlichen Verhandlungen zwischen Frankreich und England zy beziehen, auf die Lieferung von Kohle und die Einräumung von englischen Bankkrediten für Frankreich. Diese Ver^ Handlungen sind erledigt. 'Die anderen Beschlüsse aber 'sind mehr Beschlüsse der Prozedur als materielle Beschlüsse, Der wichtigste davon ist in dem Communique n^cht angeführtz nämlich die Verpflichtung Englands, die es. auf Wunsch Frankreichs eingehen soll, dieses gegen jeden provozierte^, Angriff Deutschlands zu verteidigen, auch wenn die Vevt einigten Staaten dem Garantievertrag, nicht beitreten sollten^ Die Frage von Fiume ist nicht gelöst. Die Vorschlägij Englands und Frankreichs wurden in einer Ari Memorandua^ niedergclcgt und sollen in Paris zwischen Clemenceau, Lloyh George' und Nitti beraten werden, während in London Jtaliey nur durch den Minister des Aeußern, Srialoja, vertrete» wati In der Versammlung aller fünf Delegierten, an der auch der japanische Delegierte teilnahm, wurde bezügliche Ruß» lands ein Beschluß gefaßt, der eine Mittellinie zwischen dey französischen und englischen Auffassung darstellt. Die Ententr wird mit den Bolschewiken nicht direkt verhandeln, sie wich aber auch den Antibolschewiken weder Waffen, noch Kriegs material liefern und sich auf ihre moralische Unterstützung beschränken. j Än Beschluß, bezüglich der Türkei, den namentlich England wünschte, konnte nicht gefaßt werden, da man nicht weiß, ob und wie die Vereinigten Staaten, die sich mit be% Türkei nicht im Kriege befanden, an den Verhandsungenl beteiligen werden. _ V -;.|