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Wiener Morgenzeitung · 1919-12-14 · Heft 322 (14.12.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 322 (14.12.1919)
Date
1919-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das Arbeitsgebiet dieser neuen^Grnppierung ist auf der freitägigen Konferenz bexeits abgesteckt worbest, die sich mit , der Lage in Kyßländ, derWeltfinanzlag«, der feindseligen Haltung Amerikas gegenüber dem Völkerbunde, den Bedürfnissen Frankreichs, und der Kohlenlage Englands befaßt hat. Heses Programm enthält tatsächlich alle, Sorgen der Welt mb vonderArt, wie es in seinen Teilen, gegliedert und Wr. Ausführung, bereitgestellt wird, hangt das weitere Schicksal Europas ab. Insbesondere ist es der Völkerbund, Wen. Bildung Lurch Wilson angeregt, durch die Anti- WLson-Kampagne in .Anrerika . in Frage gestellt . wird und Lessen Zustandekommen allein viel zur Beruhigung beitragen könnte. . r. ■ Es ist nun von Interesse, anzumerken, daß die Idee W, Völkerbundes eigentlich nirgends, in ihrem ganzen stMange erfaßt worden ist. .Sie wird mit Gleichgültigkeit, yrft. Zweifel, ja an vielen Orten besonders Deutschlands W Feindschaft betrachtet, weil eben, den Lurch den Krieg ün^jolierung gewöhnten Volksmassen der Glaube an die znternationa'e Wrrk.'ng einer nicht:im klirrenden.Panzer äuftretetrdey Idee, die jegliches , Aemdschastsbekenntnis Dehnt, abhanden gekommen ist. Auch scheint gegenüber .Wil'inÄlgesMWM' Znnerpojlitischensozialen und Wirt- . ^MjViLEeiLen,,Mtz-deMn alle Länder Ms-..,, pMMlös' zü kämpfen dre Errichtung einer Organisation nur zukünftige Vedeu ^üng zrr besitzen. Und selbst in denjenigen Kreisen, die Über die Not des Augenblicks hinwegschauen, bestehen antzesichts der destruktiven Wirkungen der Friedensvertryge Lie schwerstest Zweifel an dem Gelingen des .Völkerbundes in der von Wilson vorgeschlagenen und von der Versailler Konferenz beschlossenen - Form, die als undemokratisch bekämpft wird und der man im Hinblicke chrf die Festlegung des Vetorechtes jede Aussicht auf Gedeihen abspricht. In dieser Anschauung begegnen sich das liberale England und das liberale Amerika, die beide fhrer bitteren Enttäuschung Über den schlechten Frieden Ion Versailles in den deutlichsten Worten Ausdruck geben und offen erklären, den Völkerbundvertrag als Werk einer solchen Konferenz nicht unterstützen zu wollen. : Tatsächlich ist die Folge der bisherigen Arbeiten der sogenannten Friedenskonferenz eine bis ins letzte gehende Zerstörung und Vernichtung alles dessen, waS der Krieg noch übrig gelassen hatte. Mitteleuropa sieht wie nach den großen Hunnenkriegen ans, in Rußland und seinen Randstaaten treiben Kondottierr mit Landsknechten aus aller Herren Länder ihr. zuchtloses Handwerk'und verüben Schandtaten, die das lückenhaft, orientierte Europa bald, den Bolschewiken, bald den Antibolschewiken aufs Konto'schreibt. . Südosteuropa, Vorder- und Jnnerqsien versinkt in Rassenkämpfen, die mit entsetzlicher Wildheit geführt werden.. Und diesen Zuständen sieht die Entente, die'die Führung und Neuordnung der Welt übernehmen wollte, mit Gleichmut zu, der sich nur aus ihrer schauderhaften Unkenntnis der Lage erklären läßt. Ihre führen^ den Männer haben sich ganz in die Hände des Militärs hegtzben und es ist. ein großes Unrecht, wenn gerade in diesen'Staaten darüber gespottet wird, daß in Deutschland während des Krieges die Oberste Heeresleitung die Führung der inneren und äußeren Politik an sich gerissen hatte. Die Nevancheg mergle Frankreichs treiben ganz dasselbe Spiel wie di« alldeutschen Annexionisten und ihrer Wirksantkeit hat es die Welt zu verdanken, .daß die vierzehn Punkte WilsonS in den Papierkorb ge- -wanbert sind. Wilson war schwäch und opferte sein.Ideal, Um den Völkerbund zu retten. Er mußte es geschehen lasten, daß man Völkerbund und Friede miteinander verknüpfte, den Gedanken der Gleichheit der Völker mit dem Unterschied zwischen Siegern und Besiegten verband. Aus Gerechtigkeit und Rechtsempfinden wurde ein Handels- Mekt. und in Beratungen, die fast ein volles Jahr in Anspruch nahmen, ist ein Friede hervorgeganszen. der ^tmr die FoMtznng des Krieges mit auderen Mitteln ist. Aber man muß doch die Hoffnung nicht aufgeben. In England und in' Frankreich' sind noch immer die Krjegstegierungen am Ruder und wenn auch die Wahlen ist Frankreich die Gewaltpolitik bestätigt haben, so ist doch de? demokratische Gedanke geblieben, der sich nicht auf die Dauer gnrüä'd rängen läßt. Die Demokratie wird sich nicht LLBit LbmckW kärmstt, fcafe*M& ibgR Jßan&eßgi> Jte: Die neue Entente. Das Programm der Londoner Verharrdlimsen. Paris,. 13. Dezember. Wie der Sonderberichterstatter des „Matin" aus London mitteilt, wurde das Programm der Unterredungen zwischen den Staatsmännern der alliierten Staaten in London folgendermaßen festgesetzt: Eine starke militärische Entente zwischeu Frankreich, England und Belgien Lurchzufetzen, wenn möglich mit einem interalliierten Generalstab, ein ausreichendes Heilmittel gegen den Sturz des Wechselkurses zy suchen, und durch ein Uebereinkommen zwischen der englischen und der französischen Negidrung eine gemeinsame Lösung der türkischen Frage, der russischen Probleme und der Adriafrage zu erzielen. Die Beratungen zwischen Lloyd George uni» Meine neeau sollen heute auf breitester Basis unter Zuziehung des'italienischen Ministers des Aeußern Seialoja und des amerikanischen Botschafters,Davis fortgesetzt werden, so daß also auf der eine» Seite ei«e sranzösisch.enslische und auf der anderen eine interalliierte Konferenz abgehalten werde, die man als fortgesetzte Friedenskonferenz betrachten könne. Berlin, 13. Dezember. DaS „Berliner Tageblatt" meldet aus dem Haag: Der Brüsseler Korrespondent des „Maasbode" berichtet, er erfahre von wohlunterrichteter Seite, daß die Gründung einer n e u e n E n t e n t e durch Clemenceaus Reise nach London Tatsache geworden sei. Es stehe nunmehr fest, daß Lloyd George und Element e a tt sich prinzipiell Mev den Abschluß eines derartigen Abkommens, geeinigt haben. Belgien werde Regierung demnächst einen Man der Kämmer vvrlegeu werde. I i a l i e « habe a n g e lll i ch den anderen.Mächte» mitgeteilt, daß es gleichfalls bereit sei, dieser neuen Entente beizutreten. Ist belgischen Kreisen hoffe may, daß auch Holland dies tun werde. In Brüffel halte man eine derartige Politik für möglich, besonders weil man eine kräftige diplomatische Bearbeitung Hollands durä^ die Vertreter der großen Mitglieder des neuen Blocks im . Haag erwarte. _______ Die Angst der neuen Entente mv einem deutsch-russischen Bündnis. London, 13. Dezeipber. Das. offiziöse Regierungsorgan „Daily Chvonicte" schreibt in einem bemerkenswerten Leitartikel, es sei höchste Zeit, daß die europäischen Staatsmänner zu einem Uebereinkomme-r bezüglich der zu verfolgenden Politik kommen für den Fall, daß sich die Vereinigten Staaten vom Friedens- Vertrag und seiner Durchführung endgültig abwenden sollten. Man müsse bald den Austausch der europäischen Ratifikationen vornehmen, um zum Friedenszustand zu kommen, wenn möglich ohne die Unterstützung Amerikas. Das Blatt fährt fort, die Frage, welche Politik nach dem Austausch der Ratifikationen Deutschland gegenüber verfolgt werden, müsse, sei militärischer, politischer und wirtschaftlicher Natur. Es müsse ein klares Mwmmen abgeschlossen werden, um festzufetzen, nicht allein wie die gegenüber Deutschland bestehenden Hanöelsfragen zu behandeln sind, sondern auch üm festzusetzen, wie sich die Alliierten gegenüber einer Aenderung de? deutschen Politik verhalten müssen, zum Beispiel, wenn in Deutschland eine Revolution von rechts ansbrechen sollte und die'Hohenzollern wieder auf den Thron kämen oder wenn Deutschland ein militärisches Bündnis mit Rttßland abschlösse. dran" schreibt, „vier oder fünf Männer mit einer Handvoll Geschäftsleuten ganze Striche zivilisierten Lebens auslöschen". Die neue Beratung in London, der die Hilfegesuche ganz Europas vorliegen, und die das Unheil der Frisdensverträge: in grauenvoller Enthüllung vor sich sieht/wird sich der Stimme der Vernunft nicht verschließen können. Es braucht nicht der energischen Führung, nach der. der' militärische Mitarbeiter. des „Globe" ruft, es braucht mtt eines bißchen gesunden Menschenverstandes und eines bißchen guten Willens, ittn dem Obersten Rat di« Initiative wieder zu schaffen und der Verwüstung der Kultur , ein Ende zu setzen. Vor allem aber muß die Geheimdiplomatie aufhören, die^ Völker als tote Dinge cm« sicht, die kehr Selbstbestimmungsrecht besitzen. Bleibt diese Methode der Behandlung lebendiger Organismen, dann ^ann leicht das Selbsibestimmungsrecht -des ^udividnnms' üver alle mvrnliscberr Erwägungen siegen. Der vordere Orient. Wer an der Verwirklichung des Zionlsmu-- interessiert ist, muß der Umwandlung der europäischen MachtverhältH nisse, wie sie durch ClemenceauS Reise nach London in dstj Erschernung getreten ist, in ganz besonderem Matze sein I esse zuwenden. Voraussetzung für die Oeffnung der pal rwnsischen Grenzen bildet das Zustandekommen LeS türkis Friedensvertrages und wenn nicht alle Anzeichen trügen, von der neuen Konstellation zumindest "in jedem Fälle Beschleunigung der diesbezüglichen Verhandlungen zu hoffen. Bis jetzt war es immer noch nicht möglich, darübe^ Klarheit zu erhalten, mrvieweit Amenka selbst <m der Rewi gestaltung der ehemalig ottomanischen Territorien unmrttel^ baren Anteil zu nehmen beabsichtigte. Run nach dem AuSscheiden der Vereinigten Staaten ist die Frage erheblich ein^ facher geworden. Jetzt wird es im wesentlichen darauf lammen, zwischen Frankreich und England, deren Koalrtwyi an die Stelle des Völkerbundes tketen dürfte, eine Einigung zu erzielen, und da diese Einigung hinsichtlich der wes> lichften Dinge bereits seit längerer Zeit eine vollzogene sache zu sein scheint, ist es sehr leicht möglich, dchz sie nunmehr ohne allzu große Verzygebungen nach außen hi ihren'Ausdurck finden wird. Auch mit Rußland, dessen Abset^ tierung eine der wesentlichsten Ursachen für dre Aufschiebü des türkischen Friedensschlusses gebildet hat, wird man zu Verhandlungen gelangen können, wenn der Verhandlün gegner nicht mehr , wie bisher ein Bündel gegensätzlich r essierter ^Staaten, sondern eine, einheitliche und auf zweji Hauptintercssenten reduzierte Mächtegruppe fetlbcf; Englische Zeitungsstimmen künden den türkischen FriedenSschlutz. bereltsj für Februar.1620 an. Unter den geänderten' Verhältnissen ist Ls tatsächlich nirßt^ausgeschlossen, daß dieser LerrNin -;/z: v;. "."r:^ Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, köntzten wir alsüf die Neuentwicklung der Dinge mit' neuer Freude urch Hoffnung begrüßen. Äber letzten Endes kommt es ja doch! nicht nur darauf an, daß wir Palästina so rasch wte .mogltch erhalten, sondern auch darauf, unter welchen Umständen rnarj e§ uns übergibt und mit wem wir hierbei zu tun Haders'' Es war bisher immer nur davon die Red«, daß Palästin« dem Völkerbund unterstellt werden sollte. Und wenn wir auch alle uns angehenden Vereinbarungen Mit der englischen Re^ gicrüng treffen sollten, so hätte hierbei England däch nutz als Mandatar ' des Völkerbundes gehandelt. In ähnlicher Weise sollte Frankreich 'in Syrien gleichfalls als Deäu^ trogter des Völkerbundes zur Schutzmacht werden. Deid« Gebiete hätten somit gewiffe'rmaßen als Provinzen eines und desselben Reiches, des BolkerbundreicheS, gelten können. F» Augenblick aber, wo der Völkerbund durch eine Mächtekoalitio^ ersetzt wird, ändert sich die Situation von Grund auf, und wenn es jetzt zwischen England und Frankreich zu der gvi dachten Einigung kommt, wird Palästina eben eine englisch^ und Syrien eine französische Domäne werden. Daß dieS>j außenpolitisch betrachtet, für Palästina eher die Möglichkeit zu eventuellen späteren De» Wicklungen im Gefolge hab«t könnte, als eine Unterstellung der Gesamtgebiete unter Völkerbund, liegt nahe. Zum Glück hat es wenigstens d .Anschein, als ob die Verständigung, welche zwischen Iran' reich und England' erzielt worden - ist, durchgreifender N ist, und die Koalition, welche sich auf dem Zusammenarbeit dieser beiden Mächte ausibauen soll, dürfte von dem oberst Prinzip geleitet werden, daß Frankreich auf deng Kontinenz weitgehende Bewegungsfreiheit erhält, andererseits aber dafiil England im vorderen Orient die gleiche Dewegungsfreiherj eiuräumt und dort die englische Hegemonie definitiv anerkenntz So liegen die Dinge gegenwärtig. Wie sie in 20 Jahren liegen werden, ist heute allerdings noch nicht zu übersehe»^ Vor allem weiß man noch nicht, welche Richtung die innen« politische Entwicklung der Araber einschlagen wird. Di« Gegensätze innerhalb der arabischen Bevölkerung sind st» tiefj greifender Art, daß sich nichts Voraussagen. läßt. ' '' Die Tendenz zur Einigung, daS heißt, zur VereinhM lichung aller arabischen Territorien zu einem großen arabischen Staatswesen besteht zwar in starkem Maße und wird insbesondere von der panarabischen Partei propagiert, welche den Scheich von Mekka, Hussein, als König und Kalif art die Spitze stellen will, aber diese Partei ist nur im Hedschah von wirklichem Einfluß, während sich in Syrien bereits groß^ Gegnerschaft bemerkbar macht. Hussein.ist es im Weltkrieg gelungen, von der englischen Regierung, der er sich atts T Bundesgenosse anbot, die Anerkennung deS arabischen Staat,! zu erreichen. Diese^. Anerkennung wurde, aber nur mit em wesentlichen, ja fast schon entscheidenden Einschränklrng erteilt^! Hinsichtlich der nördlichen Grenzen weigert sich Eng ganz entschieden, sich irgendwie fesizulegen. Die syris, Gegnerschaft, die hauptsächlich von der radikalen s^is, Partei vertreten wird, ist zum großen Teil dadurch zu - DM dortiLW MMW.

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