Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 321 (13.12.1919)
- Date
- 1919-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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In einem odm „Temps" veröffentlichten Gespräch versicherte Dr. Redner, Oesterreich wolle seine Arbeitsfähigkeit wieder erlangen. Der „Temps" bespricht diese Aeußepung in einem Artikel „Die Agonie Oesterreichs", in WHchem er sich .heftig dagegen wehrt, Laß die Politik dep .Alliierten'züM'Untergang führt. . Wenn man aber die Entwicklung Europas feit dem Abschluß des Waffenstillstandes, überblickt, so ergabt sich Wsächlich »fit zwingender Logik der Schluß, haß eine Festsetzung des mit den FriedenZverträgen begonnenen Weles Europa dem Abgrund zutreibt. Mit welchen Hoffnungen hatte man im Jänner die Eröffnung der Friedenskonferenz begrüßt! Und jetzt,, am Ende des Zeichen Jahres, fällt alles in Trümmer, was die fünf Männer des Obersten Rates ausgetüftelt . hatten. Jetzt zieht sich Amerika ganz zurück und Präsident Wilson. als Weltenrichter in Paris erschienen war, liegt krank und; müde darnieder und sieht sein ureigensteS^ebenswerk, den Völkerbund, in voller Auflösung, noch ehe er recht gebildet werden konnte. Die Zent'ralstaaten sind bis W.eit über, die Grenzen ihrer Kraft mit Lasten beladen, Liechen snzelnen in Schuldknechtschaft. festhatten: Der Brand,.der schock^MErlöschenÄär. würde durO' LaWappWe Eingreifen der Ententegeneräle^von nsuem entfacht und die kleinen Völker, die der Entente ihre Selbständigkeit verdanken, werden ihrer jungen Freiheit; nicht froh und leiden bald unter Kohlen-, bald unter Eisenhahnmangel, was sich iß ununterbrochenen Regierungskrisen und heftigen Partei kämpfen äußert, denen plan nach altem Muster durch das Aufwerfen äußerer Streitfragen diegefährliche Spitze nehmen will. Aber der Besuch Clemenceaus in London wie nicht minder die angekündigte Aussprache der leitenden N Männer Oesterreichs und der tschechischen Republik zeigen, baß man auf keiner Seite Mehr verkennt, welches ungeheure Unrecht in Versailles und in Saint-Germain verübt worden ist, und'einen Ausweg sucht. Die Entente fu$jt bte Katastrophe in Mitteleuropa, die Schwierig, testen des fast ausgebluteten Frankreich, sie erkennt aber auch schon die Gefahr, die durch die vielen offenen Probleme dem Frieden droht und heute schon jede ruhige Klärung der Situation verhindert. Das russische, polnische, türkische, jüdische, ungarische — um nur einige herauszugreifen — National- und Terri« tynalproblem ist durch den Krieg und seinen Ausgang Mrrell und auf die Tagesordnung gestellt worden. Das; die Entente sich mit Versprechungen nachher oder jener Seite, mit. Vertagungen .oder mit der Aussendung von HlZziälmrssionen über dis Not des Augenblicks hinweg- Wen will, macht däS Uebel nur noch größer und verdoppelt die Konfliktstoffe. Es hilft nichts: der Friede Muß revidiert und den tatsächlichen Verhältnissen angepaßt werden, der Läge von heute, der gegenüber der Jänner, in welchem , sich die Friedenskonferenz zum erstenmal versammelte, als ein Paradies erscheint. Aber nicht allein die Revision bfi Buchstaben ist notwendig, puch . der Geist, in dem dle Friedensverträge abgefaht Wurden, muß sich ändern. Vielleicht stand men in der ersten HUste dieses Jahres noch zu sehr unter der Einwirkung deS Krieges, um den'Frieden anders aufzusäfsen als sine rein militärische Maßnahme^ Mas in- "zwischen in Europa geschehen ist, zwingt dazu, an den Frieden als eine politische Angelegenheit der Menschheit zu denken, die verdorrt und zugrunde geht. •V Es hat einmal eine Zeit gegeben, in der die ganze Wett 'für die Opfer von Messina, für die Obdachlosen von San Francisco sammelte und an ihre Pflicht der-menschlichen Solidarität nicht erst gemahnt werden mutzte^ Haben die funf Kriegsjahre wirklich so verwildernd gewirkt. daß alle Hilferufe der Untergehende^ wo immer sie leben mögen, in der Wüste verhallen? Oder überwuchert wirklich der zur Politik. erstarrte Hatz alles menschlich^ Empfinden? Man berufe die FriedenSkonferenz aufs neue ein, man lade die beglaubigten Vertreter aller Völker nach Paris und eS würde sich bald - Herausstellen, daß niemand Kinder zugrunde richten will. Oesterreich vor der MeyamLionskommWon. Paris, 1>2. Dezember. Die Sitzung des Organisationskornitees/' der. Repärationskommission, in der Staatskanzler Dr. N e n.n e r und seine Mitarbeiter über die Lage in Oesterreich Bericht erstatteten, sollte um 4 Uhr nachmittags eröffnet werden. Erst beim Eintreten des Staatskanzlers in das Gebäude, d^s vom Minister Lauch eirr, dem Vorsitzenden der Kommission, ge'etteten Ministeriums wuä)e die Mitteilung gemacht, daß der Minister im letzten Augenblick nach London berufen worden sei. Die. Sitzung wurde daher unter, dem Vorsitz des italien'.schen Delegierten, StaatsmmisterK Bertölini, abgehalten. " ■ Als Beratungsraum der ReparationsLommission bient ein ans rohen Brettern hergestMter Vorschlag inmitten des glänzenden Empsangssakons eines Palastes auf den Champs-Elysees. Üeber - dem Beratungstisch hängt ein Vronzeluster. Goldgerahmte Spiegelscheiben .eröffnen den Ausblick in einen blumengcschmückten Hof.' Schwere Nolokomöbel umgeben den MratungZtifch, während der ganze 'Raum ringsum durch Kisten-- d ecke l a b geg rem z t ist, ein Kontrast, der an die KriegSinstallierurrgen inmitten der Paläste erinnert. Minister Bertolini leitete die Beratungen mit folgender Erklärung ein: / D?e- Mparaflo nskoimöü fs'on kennt die irrmrige Lage .Wiens rmd Oesterreichs. Behufs unmi t lüarer sofortiger Hilfe für die nächste Zukunft wird in Trttst kagerWsGetreide, Ungefähr 3S.SW Tonnen, üm jdermmeri-' > ra«Men..''Ai>»ch^ .''MMist - «idf -MstenS nchch Oefterchich ab ransportiert. Staatskanzler Dr. R e nne r und Staatssekretär Dr. Loewenfeld-Ruß hiclien. hieränf ihreEx'posSs in französischer Spräche; die englis^e Uebersetzung wurde von Miniftecialrat Gründer g cr vorgetragen.' - . Nachdem Staatskanzler Dr. Renner sein Exposä beendigt hatte, ergriff - i / Staatssekr-etär für Nolksernährnug Dr* LoelvEstD-Ruß das Wort und führte aus: - ' Wir haben im Sinne der wiederholt an uns bereits im Frühjahr gelangten Mitteilungen H o o v e r s, wonach wir nach derneuen Ernte auf Zuschübe von der 'Entente nicht rechnen/können/ alles getan, um aus eigener^ Kraft und eigenen Mitteln, so beschränkt diese auch sind und waren, die' nötigen Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu beschaffen. Es wurden alle Maßnahmen ergriffen, um.unseren e igenen Ge tre.ibevor r a t h e r an zuziehen, obgleich es von vornherein klar war, daß diese Zuflüsse aus der eigenen Ernte nur zur Deckung des Bedarfes für drei Monate ausreichen würden. Tatsächlich sirch aber erst ungefähr 60.000 Tonnen. Getreide, also etwa ein Drittel des präliminierten Aufbringungsergebnisses, ab geliefert worden. Wir hatten ferner, versucht, uns die wichtigsten Lebensmittel ans jenen Gebieten zu verschaffen,- aus welcheü wir sie bisher bezogen haben. Der Staatssekretär legte sodann bar, welchen verhängnisvollen Schwierigkeiten diese Bemühungen begegnet seien. Man habe auch überseeisches Getreide, im Laufe des Sommers angekauft, wofür die hierzu notwendigen, ausländischen Zahlungsmittel insbesondere durch den Verkauf von Kronen berschäsft wurden..Der Staatssekretär setzte weiters ' die verzweifelte ErnährMigSlage auseinander, in der sich Oesterreich augenblicklich befindet. Die^ Ernährungslage sei viel ungünstiger, als vor einem Fahre unmittelbar nach dem Zusammenbruch und könne nicht anders als Hungersnot bezeichnet werden. - Die ungenügende Ernährung Erschwere die. Wieder-' ausnah.me der Arbeit. In Wien Herrsche allergrößte Not. Die Länder mit, 4i/a Millionen Einwohnern können Men mit 21/4 Millionen Einwohnern nicht oder nur ungenügend helfen. Wien ist ausschließlich auf.auswärtige Lebensmittelzuschübe angewiesen. In der letzten Zeit ist es wiederholt vorgekommen, baß Wien nur für zwei bis drei Tage mit Vorrat versorgt war.. Der^ Nahrungszustand in Wien hat einen Tiefstand wie noch nie erreich^. Die Gewichtsabnahme der stillenden Mütter, der Rückgang der Nahrung an der Mutterbnlst, die enormen Gewirl)tSrückstänbe der Kinder und die Zunahme der Kindersterblichkeit sind statistisch TcttüM..DiLMLstis wüist denLioq dcrn eine erschreckende Häufigkeit auf. Hilfsaktionen, wi« sie insbesondere durch die amerikaNische HilfS- - a k t i 0 n - ^durchgeführt werden, erscheinen gegenüber dem namenlosen .Elend unzureichend. . . Selbst die pflichtgetreue Beamte n sch'a fi des S taate§,hat in den letzten Tagen erklärt, daß - sie unter solchen Verhältnissen nicht in der Lagej s.e i, de w D ie n st zu..ve r s e h e n. In den letztem Monaten sind in einzelnen Städten Oesterreichs s wiederholt ^.' . . . '< l; - : HungerrMUhc» ausgebrochen. Erst in den letzten Tagen hat die, . spätung der Mchlzuschübe in Innsbruck zu Ruhestöruwi, gen Esührt. Wien hat .bisher? sein trauriges Löss A« , bewrmderungswürdiger Geduld ertragen. Die ErnW rungsschwierigketten sind noch verschärft durch den abso«>. luten » . Maiugel an BveMduateriali , Wien hungert nicht nur, sondern es friert auch.! Zch Tausenden wantOrn die Leute in, die Umgebung mi^ Hacke und Säge'und vernichten die herrlichen-W.Üldö^ der.Umgebung Wiens, um sich ein paar Scheite Holz für die Herstellung der kärglichen Mahlzeit zu holen ' < Aber die Verzweiflung muß schließlich das geduldigste > und rührigste Volk zu Ausbrüchen treiben, wenn/ dttj Qüalen von- Hunger und Frost ins. unendliche - ver^, längert werden. . Staatssekretär , Dr. Loewenseld-Ruß schloß' itni den Worten: Bor dem Fotum.rdas heute.diq^ 'Welt reprsise"n tierl, erhebe ich>die Äl<rg,e^- d a ß i n e in er S t.a dt de r h'ö ch st e n Kultur iitj zw ü n zig ft e n Iahrh und j^-ri Kinder au H««i get und. Kälte zugrunde g^hen, un d ich appelliere an die Menschlichkeit der Rationen. . / " 5-; Ich fasse meine Ausführungen dahin znsayrmenr Wien und große Teile Oesterreichs sMen bin» Monatsfrist vor dem vollständigen Zusammenbruch ihr Ernährung.'Dringende Hilfe ist geboten, zunächst^ den sosortigen Znschub eines Monatsbedarfes, znmr an Getreide etwa 50.000 Tonnen/, ferner die Einräumung e'n s au§vsich ni>m Kredits, damit sofort die für die weitere^ Zeit erforderliches Lebensmittel angckauft. werden können, schließlich' dißs Fr.eickassllng bestimmter Vermögenswerte und?ie Ueberlässung der staatlicheU Verfügung auf! g e w i s s e R e ch t e, um Lebensmittel über den einge^ räumten Kredit hinaus beschaffen zu können. , Die Fortsetzung der Beratungen wurde auf morgelH 10 Uhr vormittags festgesetzt. In dieser Sitzung w^rß Staatssekretär für Finanzen Dr. R eifch sein Exfäsö! halten. ' ... . Das finanzielle Exposä Dr. Ne^ch'7 Die erste Aushilfe r so.vsv Tonnen Getreide. Paris, 12. ^ezetstLer. Nachdem Staatssektferär Reisch in der heutigen Sitzung der ReparationSkommission sein finanzielles^ Exposö vorgebracht hattet richtete die Kommission an den Staatssekretär die Fragch wie weit die Verhandlungen über das Tabak'- monopol gediehen seien. Dr. Reisch antwortete, daß die Verhandlungen über Wunsch der Reparationskommission unterb ro chen wu.den und gegebeven^ falls wieder ausgenommen werdeü würden. Sektionschef Schüller faßte den Inhalt der w klävungen der österreichischen Vertreter kürz zusammen und wiederholte im Namen des Staatskanzlers Doktor Renner, der an dieser Sitzung nicht teilneh'men konnte, die Erklärung, daß die österreichische Rdgie^ runz die Verantwortung nicht weiter träges M nn te, wenn der Oberste Rüt nicht in der Lage chär^ die notwendigen Kredite zu gewähren. ] Die Ncparationskommission zog sich hierauf zp einer interessanten Besprechung zurück. Nach Wiederaufnahme der Sitzung erklärte der Vorsitzende, Sir Hugh Levick, daß di« Kommission sich bemühen werde, zunächst über die gestern zugesagte« 3 0.000 Tonnen Getreide hinaus noch 20.00($ Tonnen Getreide sich er zu stellen. Im übrigaq würde auf die von den österreichischen Delegierten g®* stellten Fragen so rasch als möglich Antwort erteil^ werden. Die Kommission ersuchte den Staatssekretär Reisch, zu einigen. Punkten in der nächsten Sitzung weitere AusMruuüM in aebsn.