Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 320 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dezember Wahrend Dr. Kenner seinen Bittgang'nach Paris sngetreten hat und während sich die Entente bemüht, xine neue' Diskussion über die Angelegenheiten der gesprengten österreichisch-ungarischen Monarchie aufzn- Nehmen, hat der Vorarlberger Landtag seinen, den Abfall von dem österreichischen Rumpfstaat nur. schwer verhüllenden Beschlutz gefaßt, der den Staatskaüzler ersucht, in Paris das Selbstbestimmungsrecht Vorarlbergs zu vertreten. Gestern hat der Tiroler Landtag einen ähnlichen Antrag verhandelt, der—schön etwas deut-, sicher — die Wiener Staatsregierung aufforder^ beim Obersten^ Rat den Anschluß Tirols an Deutschland durchzusetzen. Diese beiden Länder wollen alsonichts mehr- Und-nichts weniger erreichen, als daß die Regierung selbst die Zerschlagung des noch gebliebenen Wirtschaftsgebietes fördere und selbst die Hand dazu biete, die mternationalen Schwierigkeiten durch einen Streit mit der Schweiz und eine neuerliche Aufregung der französischen Angst vor der Stärkung 'Deutschlands zu vermehren. Ganz abgesehen davon, -atz aus diesen Aufträgen. selbst wenn sie durchführbar wären, die schönsten Prügel hervorschauen, die dem Staatskanzler vor die yütze geworfen werden. Die Aktion, der sich Dr. Renner und seine StaatssÄretäre unterzogen haben," soll , die organisierte, systematische Hilfe der Ententestaaten, ihrer'Völker und HreS Kapitals.für Oesterreich herbeiführen, setzt also zumindest die Existenz Oesterreichs als eines von einheitlichem Willen zur Arbeit und gemeinsamem Wirken beseelten^ Staatsganzen .voraus. Oesterreich .ßüt.^reme'.'..aus... Wahsen. hexvorgeggngene.': Volksver-!- tretuM die nach' konstitütiöNellem Brauch' üus^'ihrer , Mitte die Regierung gebildet hat. Die Mitglieder der Nationalversammlung beraten über alle,,die gesamte , Bevölkerung berührenden.Angelegenheiten, beschließen. Gesetze, die für das ganze Staatsgebiet Geltung' haben und kontrollieren die Regierung, ob sie diese Gesetze auch hem Sinn und Geist der Beschlüsse entsprechend durch- - führt. Die Abgeordneten haben als. Ganzes, als geschlossene . Körperschaft, den Staatsvertrag von Saint- Hermain angenommen und durch die Regierung rati- Weren lassen. " - :Dieser Vertrag, der von der Republik Oesterreich! Und ihrer, durch die anderen Vertragsteile anerkannten Unabhängigkeit spricht, weiß nichts von den einzelnen hindern. Zur Durchführung dieses Vertrages nun hat die Regierung Besprechungen mit.der Entente einge- Iritefc, weil sie meint, daß die Kräfte der Republik den. Anforderungen des Vertrages nicht gewachsen sind. Die Entente tritt in diese erbetene mündliche Aussprache ein und nun soll der Staatskanzler nicht nur wegen des' drohenden Bankerotts. wegen der in Wien, in Graz, ° ja auch in Innsbruck darbenden und frierenden Arbeiter und Mittelständler, sondern auch im Aufträge der Vorarlberger und Tiroler Abgeordneten wegen deren Abfalles die Proskynese machen? Kanu die Entente, wenn sie von . solchen Uriasbriefen erfährt, Dr. Renner irgend ^was gewähren, wenn sie, die Ueberzeugung gewinnt, daß et gär nicht mehr als Vertreter des gesamten Staates vor ihr erschienen ist? , Es ist eine fein ersonnene Intrige, die da von den ihnstUchsozialen Ländlern undden . ins Austrägsstüberl gedrängten grdßdeutschen Hetzern ins Werk gesetzt wird, um die Regierung Renners zu diskreditieren und den . Staat ganz in Atome zu schlagen. Eine Katastrophen- Politik, die ganz dem Streben des Knaben ähnlich steht, der sich, die Hände erfrieren läßt, um den Vater zu strafen, weil er ihm keine Handschuhe gekauft hat. Es. ist das. Treiben von Leuten, die' alle Tatze von der deutschen . Treue schwätzen und jetzt, gerade jetzt, /das Deutsche Reich vor die Gefahr eines neuen Konfliktes mit Frankreich stellen. Wien haben diese Auch^Pölitiker schon längst isoliert, indem sie die Bauernschaft aufgehetzt haben, nichts an den Staat -— worunter immer nur Wien-verstände« wird — abzuliefern. Mit ihrem Abfall treffen sie also dieses Wien nicht mehr. Dafür aber um so schwerer Deutschland, das jetzt mit'einer neuen Drohnote Clemenceaus und des Marschalls Fach zu tun hat, weil es angeblich die Bestimmungen des Friedensvertrages nicht bustabengetreu ausführt. Wenn man Deutschland für die Versenkung der Flotte in Scapoflow. iüe doch durch kriegsgefangene Matrosen erfolgte, verantwortlich macht, was wird die Entente erst sagen, wenn Deutschland, nach ihrer Auffassung, die Unabhängigkeit Oesterreichs antastet? Aber Rücksicht auf das deutsche Volk, aul Oesterreich, UeLt. dielen. Leuten, ktiu Der Schutz der Jude» in Rumänien. W i c ity 11. Dezember. Wir erhalten folgendes Telegramm aus Paris: Die^ Rumänen haben denFriedens- ' vertrag unterschrieben. Der Vertrag enthält die allgemeine Klausel „Ueber den Schuh der Inden". Das kann bedeuten, daß die Klauseln unterschrieben sind, welche in den anderen Minoritätsschutzverträgen enthalten sind, oder datz die Rumänen eine besondere allgemeine Klausel über den Schutz der Juden unter, zeichnet haben. ~ Paris, 11. Dezember. (Funlsvruch.) Der Chef der rumänischen Ftiedensdelegation, General Co and a, hat heute nachmittags die verschiedenen internationalen Akte betreffend den Beitritt Rumäniens zum Fried e n s v e r t t a g von Saint- Germain und dessen Anhängen, den FricdenSvertrag von Neuilly sowie den Vertrag über den SchutzderM r n o r it ä t e n in Rum änie.^n m i t. den b e k ay n ten Ab andern n gen u n t e r ze i ch net. . Eine neue OMrrstVe der Barschewiken. B er» i n, 11.'Dezember.. (Korr.-Bur.) Der ,-Abend" meldet aus dem Haag: Die „Times" berichtet aus Kopenhagen: Nach einer Pause von mehreren Tagen haben die Bolschewiken ihre Angriffe an der Narva- Front wieder ausgenommen. Bis jetzt hat man 58 kämpfende Regimenter festgestellt. Reuyers Aukuuft tu Paris. Paris» ir.-Dezember» Heute trafen mit mehrstündiger Verspätung Staatskanzler Dr. R e n n e r, die, Staatssekrctäre R e i s ch, Lo e to t n f e l d--N u ß.. Paul und Z er d i k sowie' die Sektionschess E,n der e s und Sch ü l l e x und Hofrat Grün b e r g e r in PariS-ein. In.ihrer -Begleitung befand Zum Empfange hätten sich die Herren der österreichischen Vertretung-in Paris auf dem Bahnhof-eingefundcn. Der Kanzler sowie die anderen Herren sind im Hotel Baltimore abgrstiegen, wo sich das Wkeau der österreichischen Vertretung befindet. Für heute nachmittags 4 -Uhr ist schon eine Sitzung , der Reparationskommtssion anberauml, an der der Staatskanzler-und die Staatssekretäre teilnehmen werden. Den Borfitz wird Minister Louchcur führen. Anw cstnd wer den weiters vermutlich sein: für Frankreich Mauclöre, für Amerika Ralböne und Logan. für - England Srr Jones Breadbüry und Sir Rüge Levackörmd für Italien Minister Bertolini und Dell« Badeffa. Noch vor der Sitzung wird der Kanzler dem General» srkretyr der Friedenskonferenz Du'.asta aus dem Quai d'Orsay einen Besuch abstatten. > - Clemencea» in LynDo». . Parks, 11. Dezember. Ministerpräsident Clemen cea u ist gestern abends um 10 Uhr.in Begleitung Philipps, Berlheiots, Mentoux', des.Legationsrates derfranzösrschen.- Gesandtschaft in; London, Fleuriot ,«nb des Linienfchiffsleutnunt. Deleuze nach London abge-» reist. Die. Ankunft in London in der, Viktoria-Station erfolgte um 1.0. Uhr vormittags.. Während der Abwesenheit Clemenceaus wird Minister des Innern, Pams, vorläufigdas Ministerium des Aeußern und das Kriegsminiswrium führen.: - , Wie biev heutigen Morgenblatler berichten/ werden auf die Dauer der Abwesenheit Clemenoeaus ' keine Sitzungen des Obersten Rates abgehalten werden. Die erste Sitzung wird erst wieder am Montag stattfindew. Die Blätter be'o >.en dere» Wich i fteit,.ta sie LUs'ch ießlich d'er Pcü'ung. der tragischen Verhältnisse. O eft e r rei ch s gewidmet sein. wird. die in der Schweizer Presie Oesterreich beschuldigen, daß es die Vorarlberger Frage zuspitzcn wolle, und denen alles recht und gut ist, was die Kuratel der Entente über Oesterreich zu befestigen geneigt ist. Freilich hat diese Rechnung ein Loch. Die Abfallspolitiker vergessen eben, daß-auch sie den Vertrag '.von. Süint'Germain unterschrieben haben.' Sie haben seine Verpflichtungen anerkannt' uni) es wird ihnen wenig, < nützen, sich jetzt drücken zu wollen. Sie haben , die Monarchie in den Krieg hineiügehStzt, sie Haben jahrelang ihre slawischen und romanischen Staats'genossen wegen „bochverräterischer, auf die Zerreißung des Staates gerichteter Umtriebe" vernadert Und die Redensarten vom Durchhalten, von Schulter an Schulter bis zum Ekel abgedroschen. Fetzt, wo das Volk Oesterreichs in schwerster geistiger und leiblicher Not stöhnt,^ davonjausen? Nein! Dafür wird die Entente als Gläubiger sorgen. Die Last des Friedensvertrages darf nicht auf Wie« allein aewälzt werden. Aus dem zionistische» Lebe» 1« der sibirische» Gefa«genschaft. (Aus einem uns zur Beriügirng gestellten Brief.) . .. Heute will ich Dir über die zionistische Tätige keit im Lager schreiben. Wie. Du weißt, entfaltet^ unser Führer, Hans Kohn aus Prag, schon in Kras-^ . naja Rjetschka agitatorische Tätigkeit und er warb dort unserer Idee viele Anhänger. Mit einerj verhältnismäßig starken Gruppe kamen wir in Nowo-i Nikolajewsk an,"wo man den Zionismus nur vvnt! -Hörensagen kannte. Auch dort fand Kohn rasch neuÄ Anhänger. Ms wir hierher gelaugien, traten wir bereits - als geschlossene Gruppe auf. Hier bestand zwar eine^ zionistische Organisation, doch , wurde sehr wenfg geleistet. Mir schlossen uns ihr an, worauf eine gänz-> liche Reorganisierung durchgeführt wurde. Auch hiev - führten uns Kohns glänzende Porträge. neue Anhängers. zu. Heute gehörender Organisation mit wenigen Aus4-.." .nahmen alle.jüdischen Offiziere des früheren Oester-? reich und die schwächere Hälfte der ungarischen jübischrnj Offiziere', an. - Unter den ungarischen Juden war e3| schwerer, für die Idee Anhänger zu finden. Sie sindj teils indolent, teils zu feige, als sich offen als Judenj, zu bekennen, manche sind wirklich noch von ihreny, vorkriegerischen Ehauvinismusx durchdrungen, viel«! ’ schieben Skeptizismus gegenüber' der Idee als bequemste Ausrede vor und andere wieder gefalle« sichj; als Jnternationalisten.^Das ist das praktischeste: mau' Vorrat damit, keine Nation, denn man leugnet jede. Unter! der jüdischen Mannschaft beginnt man sich immer mehv für die Sache zu interessieren, doch haben wir dort mik^ großen.Schwierigkeiten zü kämpfen; denn es ist unseren! oglizischen Juden — der., größte - Ml, der Mischen! zu machen, daß man ein guter Jude, sein kann, ohne,' -Pajes zu tragen, Tefillin zu legen u^b, den ganzen Tag zu beten ober über dem Talmud -zu sitzen. Und dabei! haben sie ihrer Frömmigkeit — ganz abgesehen dort dem, was sie hier nicht halten können —ganz unglauh-) liche Konzessionen gemacht. ' . i . Was die anderen Nationen ° betrifft, so söehL ' man uns natürlich feindlich gegenüber.... Am ab", lehnendsten und ekelhaftesten betragen sich die Deutschen^ -am.entgegenkommendsten die Ungarn. Volle Anerkennung erfahren wir eigentlich nur - von de« Tschechen, die allerdings hier nicht Kriegsgefangene« sondern, die Herren von Sibirien sind. Im allgemeinen kann man sich hier theoretisch der Tatsache, daß die Juden eine Nation sind, nicht verschließen, praktisch, will man aber davon-nichts wissen und setzt unseren^ Auftreten als nationale Gruppe und unseren nationale« und wirtschaftlichen Forderungen — unser! Lager ist ' nämlich ein kleiner Staat mit allen politischen und' wirtschaftlichen Begleiterscheinungen und Zerrissenheiten eines Nationalitätenstaates — heftigsten Widerstand enl^ gegen- Auch hser spielen die Deutsch'-!» die erste Gergs^ während die Ungarn zu Kompromissen geneigt sind. Abgesehen von der k u l tu re ll en TätigHit der Organi- . sation (Borträge. Seminarien, Geschichts-^ und Lehr-. - kurse, jüdische Bibliotek) wird auch'praktisch und wirtschaftlich gearbeitet. Der jüdische T u r nu n d SHo r tverein hat sehr geringe Erfolge aufzuweisen d«; industrielle, und kommerzielle Tätigkeit absorbiert eben gerade bei uns Juden sehr viele Kräfte — dagegen gedeiht die jüdische'Gartenbaügesellschaft, wv! Gemüsebau gelehrt .und betrieben, wird, sehr gut. .! Kohn und ein Dr. Singer waren vor kurzem im Irkutsk und nahmen dort Fühlung mit dem r u s f i* schon zionistischen Komitee. Die Reise wurde durchs das Entgegenkommen des tschechischen Kommandos er«^ möglicht. Das Ergebnis war eine nach Belieben rück- - zahlbare Anleihe von 115 Rubel für jeden National juden, eine Garnitur Wäsche und zwei Paar Sockent unter dem Selbstkostenpreise,. was heute sehr viel hedeutet, ferner wurde es von dprt aus ermöglicht, mitz' den zionistischen Organisationen in allen großen Staate«! in Verbindung: zu treten, damit Schritte in unserem! Interesse nniernommen werden. Ferner wurde uns di«; Förderung der jüngst gegründeten Jüdischen Arbeiter-! Genossenschaft „Nemalah" (Ameise) zngesagt. DieseSj lUnternehmen,' bas sich mit der Erzeugung und dem« Vertrieb aller möglichen Artikel beschäftigt und heutei nach kaum zweiwöchentlicher Tätigkeit.schon 70 An-°! * gestellte hat, wurde auf r-ein kommunistischer Basis; gegründet. Alle Mitglieder, ob LerriebslLiter, Chemiker,! Arbeiter, Diener, bekommen vorläufig 8 Rubel für de« siebenstündigen Arbeitstag, welcher Lohnsatz nach! .Steten der.....ufefeim... LvpMlis.um. .ta. ALbs.rÜLL»