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Wiener Morgenzeitung · 1919-12-11 · Heft 319 (11.12.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 319 (11.12.1919)
Date
1919-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wahr dürste seindaß er der europäischen Hungersnot zum Opfer fiel, wenn auch nur jener Not, die aus dem Raub* Hunger und der Beutegier chauvinistischer Völkerschaften entstanden ist. Nun sammeln sich die Erben zur Testa* rnentSeröffnung. Noch, wissen sie nicht, ob ihnen der Sinn zum Lachen oder zum Weinen steht. Die Erb* Passe ist so kompliziert.und unübersehbar wie nur mög*, sich. An flüssigen Aktiven findet sich so gut wie nichts, dagegen ist das Konto der dubiosen Forderungen so ge* , wültig angeschwollen, daß eine genauere Durchrechnung vielleicht sogar die Gesamtbilanz als passiv erweisen und die Konkurseröffnung beantragen müßte. Die beiden. Haupterben, Frankreich und England, werden sich unter solchen Umständen schwerlich auf die Dauer zur friedlichen und gemeinschaftlichen Liquidierung verständigen können. Wie immer, wenn bei einer Erbmasse^die Dinge unklar liegen, wird auch hier ein jeder der Erben versuchen, zunächst soviel als möglich^ für sich in Sicherheit zu bringen. Noch halten sie den Schein aufrecht, aber sie mustern einander mit kritischen und mißtrauischen Blicken, jeder wittert im andern.den Betrüger und wenn, fie das Prinzip vom europäischen Gleichgewicht wieder .ausgraben, uni es an Stelle des bäukrottierten Völker* bmidprinzipes zum obersten Sachwalter der Erbmasse einfetzen, so hat es den Anschein, als ob Me zwei Erben sich einen gemeinschaftlichen Advokafrn nehmen würden, Hoch welchemsie be^dz glauben, rhrpM/ ihre SoNderdicnsfr beffrchen zu kontteü. ' - ' '/ Die amerikanische Friedensdelegation hat Paris verlassen, Amerika zieht sich aus den europäischen-Wirren zurück und in der offiziellen Ankündigung der Reise Clemenceaus wird gesagt, daß sich Europa völlig wieder guf eigene Fuße stellen müsse. .Der Traum der infrr*' nationalen Verständigung ist vorüber, wiederum beginnt ^die Aera, die wir durch den Krieg bereits über* wunden glaubten, die Aera der großen Koalitionen. Dä8 „europäische Gleichgewicht" bedeutet die Verewig'ung jenes' Prinzipes, welches Europa/ in zwei feindliche Gruppen scheidet, von denen jede einzelne nach Bundesgenossen und Stützpunkten Umschau hält. Dieses Gleich* . gewicht . hat 'das wahnsinnige Wetrüsten des. ahge* frufenen Zeitabschnittes zur Folge gehabt und hat konsequent zum Kriege hingeführt. Es scheint, daß der Zeit*. Abschnitt, dem wir nunmehr entgegengehen, an dieser Grundeinstellung Nichts zu ändern vermocht hat. / ./Europa, mutz sich wieder auf eigene Füße stellen:. 'Die Frage äst,,ob dieses Europa aus sich heraus zu einer friedlichen Einheit-kommen kann oder ob es auch jetzt ripdj an unüberbrückbaren Gegensätzen kranken muß. Bis züm Ausbruch/ des Weltkrieges ergab sich folgende Situation: - England mußte unter allen Umständen Deutschland wenn nicht aus dem Wege räumen, so doch ,k sp/'seinex-'. HkÄht .reduzieren,^ da es begann, . ihm die Flottenherrschast und die. Herrschaft im Orient streitig zu machen. Diese Notwendigkeit war so elementar. daß - England, um ihr zu folgen, . .seine. Furcht vor der russischen Bedrohung Wd auch, seiner häufigen Differenzen mit Frankreich im Orient^ für spater? zürückstellte. Deutschland seinerseits lwtte'dieWahl, entweder unter Verzichtleistung auf die rigenen Pläne zur Alleinbeherrschung der Weltmeere sich - irrst England, gegen die russische oder aber unter Preisgabe seiner tückischen und Balkaninteeessen sich mit Rußland gegen die. Englische. Hegemonie zu verbünden und gleichzeitig dadurch^.die französische Revanchegefahr zn Mtlllysieren. Heute aber ergibt sich dieses Bild: . England hat. vom Kontinent her keine Bedrohung mehr zu befurchten. An einer völligen Vernichtung Deutschlands war es nie interessiert und für die nächsten Jahrzehnte Wenigstens wird Deutschland weder seine Flottenrivülität noch seine orientalischen Pläne wieder aufnehmen können. England hat also keinen Grund mehr, selbst wenn es noch an eine deutsche Zukunft glaubt, dieser hinderlich in den Weg zu treten, und zweifellos wird es keine deutsch* feindliche Politik betreiben,- wenn eS von einer Annäherung an Deutschland Vorteile auf anderem Gebiete . erwartest kann. Seine eigene Zukunft sieht es heute nur durch die überkontinentalen ^Mächte Japan und Amerika bedroht und dem Kontinent gegenüber wird es sich ledig* lich von dem Gesichtspunkt leiten lassen, inwiefern bei einer späteren Auseinandersetzung der üoertontinenrale»: der Kontinent zu Englands. Gunsten eto Nenners Expofö vor dem Obersten Rat. , Paris, 10. Dezember. (Korr.-Bur.) Der Oberste Rat ist heute nicht zusamengetrcten und wird auch während der Abwesenheit Clemenceaus keine Sitzungen abhalten. Die nächste Sitzung, in der wahrscheinlich Staatskanzler Dr. Nenner angehört werden wird, findet nächsten MmrtNg statt. Die Prager Verhandlungen. . Was Oesterreich fordert. . Prag, ' 10. Dezember. (Tschecho-Slow. Preßbur.) Bezüglich der Verhandlungen, welche in Prag stattfinden werden, meldet die „Tribuna", es werde beabsichtigt, vorläufig ein IfrLergangsüÜereinkonirnen auf die Dauer eines Jahres abzuschließen, das später einem langjährigen Vertrag mit einer Küridigungsklauscl Platz machen, wurde. Der definitive gültige Vertrag soll aus 10 bis 12Jahre abgeschlossen werden. Oesterreich fordere zollfreien Handel, die Äufhebung al.ler Verkehrsbeschränkungen, die Erleichterung der Zählungsverhältn'isse in fremder Valuta, die Abschaffung der Schikanen im R e i s e verkehr, Erleichterungen iw P o st v r r k e h r, die^Regelung der eisenb ahnpol itisch eu Fragen und die Fragen bezüglich der E i s e n b ä h n v e r k e h r s* a n s ch l ü s s e und endlich des Vertrages. über die Kohlenlieferungen. kenn kein Zweifel darüber bestehen, nach welcher Richtung es diele ansnühen wird: Frankreich besmdet sich jo nicht in der glücklichen Lage wie England. Es ist dideutsche Bedrohung noch keineswegs los geworden, jo gerade durch den* Zusam-nonbruch RußlarrdZ har sich die Situation für die spatere, Zeit zweifellos Deutschlands verschoben. Frankreich wird also' "Line Politik der Sicherung feiner eigenen und der Bedrohung der deutschen Position führest. Es wird auf die Staatenhildung in Mitteleuropa einen entscheidenden Einflus' ausüben und dieser Einfluß wird darnach streben, solche Staatengebjlde zu konstruieren, die Frankreich nützen und Deutschland schwächen, beziehungsweise es nötigen», falls in Schach hatten , können. Allmählich beginnt sich die weltpolitische Situation, zu klären. Das Ausscheiden Amerikas >Lrägt - wesentlich, dazu bei. Der Traum von der Völrerversöhnung istrasch verflogen. Die Zeit, der wir entgegengehen,'ist. schlimmer als die, welche wir überwunden haben/ Es. scheint,, wir erleben erneut die Gespensterstunde./ Es spukt. Es' geht um. Revenauts schleichen öurch die Finsternis. Totgeglaubte stehen wieder auf sind, der Himmel sendet Wahrzeichen über Wahrzeichers. Glaubte man schon den Morgen nahe?' Es war die " noch immer nicht die Lerche. ■'9'* *"■' irol 'MT h aii DeMchlftnL an- . . MlietzM. / :.,'/: «Innsbruck, 10, Dezember. (Korr/Herzog.) Die drei Parteien des Tiroler'. Landtages, ' die Christlichsozialen, die.' Syziälde.m«Mfryv ^ie DerstfchUäiioitölen, haben sich ddhm geeinigt, gemeinsam eine. Anfrage an die Entente Zu richten, ob diese dem Lande Tirol den wirtschaftlichen Anschluß an Deutschlyud-zu gestatten gewillt ist. Die gegenwärtige Ernährnngslage Deutschösterreichs, wird in der Begründung gesagt, ist eine trostlose,' ebenso die Aussichteck für die Zukunft. Wir haben keinerlei Bürgschaften für eine genügende.-Versorgung Deutschöstcrreichs, wir haben keine Lebensmiite! und keine. Rohstoffe zur Belebung der Industrie und eine Besserung unserer wirtschaftlichen Lage kann nicht gewährleistet werden. Was aber die schwere Lage Tirols ^zwingt,, die berufenen Vertreter zu einer ernsten Bitte an die Entente zu veranlassen, ist die Erwägung, daß keine Macht auf Erden einem Volke das Recht znm Leben nehmen kann, die derzeitige Situation aber ein Volk inmitten Europas znm Tode verurteilt. Sollte von der Entente ^uf diese Anfrage kyine bestimmte oder eine verneinende Antwort einlangen, so würde das Land Tirol sich vor den Fall gestellt sehen,, ferne . wirffchaftliche Existenz durch den Anschluß an das Deutsche Reich zu sichern. Der Tiroler Landtag wird bei diesem Entschlüsse von der Erwägung geleitet, dbtz die derzeitigen Zustände unhaltbar sind, daß daS Leben von 8er Hand in den Mund ein Ende nehmen muß, da sonst die notwendige, dringende, hoffnungsfreudige Arbeit unmöglich ist und in weiterer Folge anarchische Zustande im Lande eintreten würden, die den letzten kümmerlichen Rest von Volkswerten vernichten müßten. Schaden emgreifen könnte. Gehörte Frankreich noch den aufsteigenden Völkern an, so würde man annehmenmüssen, daß Englandsogar dazu neigen würde, Frankreichs sich neu anbahnende kontinentale Vorherrschaft, nicht zu groß werden ' zu lassen. Da Frankreich aber durch den Krieg völlig verblutet ist und überdies anscheinenddarauf verzichten will, im Orient auch weiterhin mit England zu rivalisieren, mnß Wan auch damit rechnen,, daß England vielleicht gecape vorziehen wird, Frankreich auf dem Kontinent alle Bewegungsfreiheit zu gewähren. Die Folge davon wäre eine Stabilisierung des französisch-dcutschen Gegensatzes und schließlich hat England gewiß kein Interesse daran, einen .solchen Gegensatz zu beseitigen, der den.Kontinent auf absehbare Zeit unfähig machen wird, störend .in Englands überkontrnentale Entwicklung einzugreifen. Aür Frankreichs - Kontinentalaspirativnen. würde alsc die geänderte Situation nur eine Förderung bedeuten. Es wird seine europäischen Pläne ungehinderter durchsetzen können. England wird, ohne daß es frllst sein^Politik deutschfeindlich ztztz orientieren brauchte, diele Entwicklung abwartenü verfolgen und sich nur. — wie etwa in llugarn — einige Stützpunkte suchen, um iur gegebenen Zeitpunkt nicht ganz autgesn-allet zu sein. ErbÄt aber ärantreick rwuiiamde BLiveamiLsixLibeft. Ls ’ Die Pariser Unter dem Druck der äußeren Lage haben die Prages Nationalsozialisten in eine Beilegung der Ministerkrise.gewilligt. Die Prager Politik hat ebenso wie. die Wiener ihreq Schwerpunkt nach Paris verlegt, wo sich eine totale Um« gruptzierungder weltpolitischen Kräfte vorbereitet/die fsir ^Mtteleuropä besonders bedeutungsvoll zu wetden 'scheitti. Die Amerikaner kehren zu ihrer.Monroe-Doktrin zurück, die den amerikanischen Erdteil jedem europäischen Einfluß entziehen, aber auch Amerika vor jedem. Eingreifen in europäische Streitigkeiten zurückhalten will. Dadurch bleiben England und Frankreich allein und für ihre Rivalitäten wird in Europa und Afrika neue Gelegenheit zum> Streik! geschaffen, wobei es den neuentstandenen Staaten Mitteleuropas an Kraft fehlt, sich dem Ringen der Mächttgen zu entziehen. Die Donau., spielt hier eine große Roll^ England will sie ganz neutralisieren. In der englisches Terminologie heißt das, den großen Strom, der den Orient beherrscht, unter englische Kontrolle bringen. Die französisch^ Diplomatie, die daraus die Ausschaltung des französischen Handels vomBalkan befürchtet, arbeitet in Prag und in Wien mit Hochdruck daran, in diesen beiden Zentren eine Frankreich freundliche Stimmung zu schaffen. Sie hat auch die Initiative zu der Begegnung Renners urrd Benefch' ergriffen. Um den Anschluß Oesterreichs an Deutschland zu verhindern, den die Pariser Kreise bei.einer Fortdauer der Wiener Hungerkrise als unvermeidlich ansehen, soll zwischen Prag und Wien ein engeres Verhältnis hevgestellt und eins Situation geschaffen werden, die eine deutliche Spitze gegen das ganz unter englischen Einfluß geratende Ungarn vichtetj Wenn aus diesem Bestreben, für Oesterreich. Hilfe entsteh^ wenn wir Geld, Kohlen und Arbeitsstoffe erhalten, dann wäre diese Wendung als erfreulich zu bezeichnen, wenn sie nicht die Gefahr. der Verwicklung in äußere Abenteuer in sich birgt. Die Prager Presse ist außerordentlich nervös und spricht von einer kriegerischen Bedrohung der Slowakei durch bin ungarischen Truppen sowie davon, daß der. ungarische Friedensvertrag die Rückgabe Preßburgs an Ungarn vorsieht.' Run haben zwar die Horthyschen Offiziere eine Zckrtlang 4nit dem Gedanken eines Ueberschreitens der Demarkationslinie gespielt/ mußten aber infolge der ansehnlichen Desertionen ihrer Truppen davon absehen. Gegenwärtig werden die Reste der Weißen Armee an der österreichischen Grenze zusammeugezogen, wo. sie, wie es. heißt,-zur Verfügung der Entente bleiben sollen. Ob man es borzieht, ihre Tatenlust zu kontrollieren oder ob sie für den Fall von politischen Unruhen in Wien bereitgestellt werden, ist unklar. Sicher aber ist jetzt im Winter von. einem Angriff» auf die Slowakei keine Rede. Was dfr ungarisch - tschechische Grenze betrifft, so liegt 'eine Erklärung Dr. Benesch' im „Temps" vor, die die. oben bezeichneten Angaben als durchaus falsch hinstellt. Niemanddenke, heißt es dort, in der Umgebung des Obersten Ratesan eine solche Rektifikation der Grenze. Auch was bisher, über den Inhalt des ungarischen FriedensvertrageS bekannö I geworden ist, widerspricht einer solchen Annahme. Es ist gut, daß die mitteleuropäische Frage wieder i«j! ^Vordergrund der Erwägungen der Entente steht, die ruu* | mehr erkennt, 'welche Ungchenerlichkcitvn die NedanchefriedeM i von Versailles und Saiut-Germain herbere---Vnt f-.ten. Nu«'! die Ncoision dieser Verträge kann wieder den il\j-.t S*e3 ' lubiiTHiTi-t offnrtw /,

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