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Wiener Morgenzeitung · 1919-12-10 · Heft 318 (10.12.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 318 (10.12.1919)
Date
1919-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ohne daß von irgendeiner Seite ein Protest erhoben worden wäre, haben sich alle Parteien und maßgebenden Persönlichkeiten. im Lande auf ein Programm aecinigt,' welches die restlose Entfernung alles Jüdischen uts dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen ^eben Ungarns fordert. Die'Ausführungen des Stuhljoeißenburger Bischofs Prochaska, welcher seine Ansicht Eber die Jühenfrage in mehreren Wiener Antisemiten- Mttern ausdrückt, lassen schon an ihrer Form so recht erkennen, wie weit die Dinge gediehen sind. Der Herr vischof bedient sichmehrals kräftiger Worte: „Hergelaufenes' Judengesindel! . . . / „Blutsaugendes Geschmeiß, . welches dem harmlosen Volke an den Leib iÜckt. . ." „Das Judenvolk hat. sich im Kriege auf jede ktzöise.durchgefchwindelt und ist über Massengräber geschritten, . um Geschäfte zu machen. . Er erklärt schließlich/ daß jedes Gerede von Demokratie und/ Liberalismus .aufzuhoren habe, die Juden müssen sich Laufen jassen odev aus Ungarn verschwinden. . / Sünsti' befleitzig'ey .M.. hohe^'.KjrcheMrsten, .auch tteny sie waschechte Antisemiten-find, einer gewissen Zürückhaltungim..Ausdrucke und in. den Folgerungen. (Die offene Hetze und brutale Konsequenz wird dem j lieberen Klerus überlassen.. Wenn nun. Seine Eminenz *\ Io xst.cksichtslos .urch. unhefümmort losdrischt, ist das für ÜS -MttNwW/E UHMMG/M'HHHer-er letzt und > vrrtt, MtzWWHaiWMttsT'-Mnv.Mrakt^iEsÄ. ist,j rZ' auch/ W-.W.'Bsttzapester .Minister '.und -'DtsrlömaLen! tust vor ihrer Abreise nach Paris/zu. den Friedensver- Mdlungen in. blutrünstigem ' Radauaptifenritismus \ Aachen. Die schwärzesten Pogromrüssen pflegten auf - steifen nach, dem Westen die. Juöengeißel..nicht mitzu- ^ehmen und vor Unterhandlungen .mit zivilisierten Sachten für Dämj)fltNg'der antisemitischen. Ausbrüche heim zu sorgen. Die ungarischer Herren verschmähentiefe kleinliche Rücksichtnahme auf westliche. Gewöhn-. Jetten; hingegen Lun sie so, als ob sie . jeden Friedensiertrag ablehnen würden,. der ihnen nicht die Ausjreibung der Juden als heiligstes Recht' garantiert. Die Magyaren sind anscheinend mit der Judenfrage' endftiltig fertig. " Die Wirkrmg, welche der Ausbruch def Dolksleidenschrift auf bte- Juden in Ungarn ausübt, ist vernichtend. m hat, /.auch in der jüngsten Vergangenheit, .wüstere L und blutigere'Judenhetzen gegeben,/ aber keine hat wehrlosere, weniger vorbereitete Juden betroffen/ Im bittersten Pogromelend, im schrecklichsten Blutbad hat den polnischen, den russischen, den-ukrainischen Juden die Hoffnung auf Hilfe Md Rettung nicht verlassen. Er hat in-' brünstigan die /Solidarität der 14 Millionen Judeybrüder geglaubt und dieser Glaube hat ihn nicht betrogen. In Augenblicken höchster Not hat.er nicht daran gedacht, in der; Flucht aus dem Judentum sein Heil zu suchen. Er hat-sich nur festerinniger an sein Juden- . tum geklammert, mit W richtigen Empfindung, das; dieses jüdische"Volksütm. um dessentwillen er so unsäglich - leidet, auch die einzige Macht ist, welche ihn retten kann. Der ungarische Jude ist dieser belebenden Hosfnüng bar. Für ihn gibt es keine jüdische Solidarität,, kein jüdisches Gemeinschaftsgefühl über die Grenzen MagyarienZ hinaus. Als konsequenter magyarische? Assimilant. hat ec schon vor Jahrzehnten jede Beziehung, zu einem anderen Volkstum als dem magyarischen negiert. Er hat seinen Stolz - darein gefetzt, seine volkliche und politische Isolierung vom WelLjudentum bei jeder Gelegenheit zu dokumentieren. Er hat sein Schicksal lediglich im Verhältnisse zur magyarischen Nation besiegelt gesehen. Er hat sich dem hochmütig-barbarischen Wahlspruch: „exlrck HunsLriuch. nr'iiv fi-i vitu‘\ „außerhalb Angarns gibt xs kein Leben", brnystiger ergeben, als seine magyarischem Erfinder. Nun wendet sich dieses einzig-lebenspendende Nngarn gegen ihn und das bedeutet für; ihn Vernichtung, aus welcher es keine Rettung gibt. Sein Lanz auf. Ungarn gerichtetes, ganz urcker dem Bayn des Mägyarentums gestelltes Denkvermögen muß-in dieser Situation versagen. Er muß verzweifeln, und diese Verzweiflung gibt sich in der Form der 'Selbstverachtung kund. Die Bankrotteure der assimilatorischen m agyarischen Judenpolitik haben das Spiel, aufgegeben : s d - ■ lasi"n sich taufen. Die. Daufseuche grassiert in Budapest, Alte rmd Junae. ÄLünncheu und Weib.chW Der Mederhruch des Wilsonfchen Friedens. Clemenreau fahrt «ach Lomdon. P-a r i s, 9. Dezember. Ministerpräsident Elemente a u reist heute «ach London ab. Er leistet einer Einladung Lloyd Georges Folge, um wichtige Tagesfragen mit ihm zu besprechen, und zwar die Regelung der russischen und türkischen Fragen, die prinzipielle Festsetzung, ob die Friedenskonferenz w e i t e r f^> r t b.e stehe n soll, die H a l t u n g gegenüber Deutsch l a n d und als wichtigste Frage die Prüfung der durch die.Verzvgerung der Ratifizierung des Friedeusvertrages durch Amerika entstandenen Situation. Der Niederbrüch.des ganzen Wilson'scheu Entwurfes z w in ge, so. heißt es in. den Pariser und Londoner Commnniques, Europa, sich ga n z auf e ige n e Füße zu stellen. Die Beratungen zwischen Clemencrau und Lloyd George sollen also der politischen und wirtschaftlichen Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichtes gelten. , . Durch die Reise ClemenceauS, über die eine Meldung bereits vor der Abreise des Siaatskanzlers Dr. Nenner iu Wien eingetroffen war, erleidet'das kür die Pariser Verhandlungen vorgesehene Programm keine Störung, sondern nur eine Abänderung in der Art der zeitlichen Anordnung der Beratungen. Die Vertreter Oesterreichs werden die vorliegenden Fragen zunächst in dem Organisationskomitee der Repatationfkommission besprechen/ Nach der Rückkehr ClemenceauS, die für Sonntag abends angesetzt ist, werden die Per» tteter Oestertdichs dem Obersten Rate über die Lage Bericht erstatten. drängen sich um die'Taufbecken. Wenn's bei.dem Tempo bleibt, wird Budapest, bald ausgetauft sein. -Die frommen ungarischen Juden-lassen sich taufen! Wer hatte das erwartet? Nun jeder, der.weiß, daß jüdische Frömmigkeit, ohne jüdisches Volksbewußtsein ein hohles schwächliches Ding ist, welches jeder Windstoß über den Haufen wirft. Sie waren und taten wirklich sehr fromm, die. ungarischen Juden. Je weiter.sie sich, innerlich vom Judentum entfernt habest, desto eifriger haben, sie dem Spiele mit rituellen Aeußerlichkeiten gefröhnt,.. Sie Wen die prächtigsten Synagogen" gebaut, nicht nur in Budapest, in den elendsten Provinznestern haben sie fashio- - nable Gebetsetablissements mit farbigen Fenstern und Ehrenbogen für den Ober- und Vizegespan aus dem Dorfschmntz emporwachsen lassen. Taiften gab es wenig . oder gar keine, Mein Gott, sie hatten es nicht notwendig, sich taufen zu -lassen. Jetzt freilich ... Die traurigen Vorgangs in Ungarn zeigen,, wie nnglücklich eine jüdische Gruppe enden kann, welche, sich dem.nationalen Geiste hartnäckig perkchlietzt.' Abfall ist ihr Los. Die zionistische Bewegung in Ungarn war zu schwach, um der Massenstncht aus dem Judentum wirksam zuz begegnen. Sie wird retten, was noch Zu retten/ ist. Wieviel das noch sein wird, kann jetzt'nicht bestimmtwerden. Für den jüdischenxWesten ist die Kunde, welche aus Ungarn kommt, ein bedeutsamer Wink. Auch hier stibt es noch assimilatorische Kräfte, welche dem'Vordringen des jüdischen NatiostalismuS entgegenarbeiten. Auch hier gibt es'„Konfessionsjuden", welche das Judentum lediglich als eine'Sammlung ritueller Brauche definieren,'- welche von der „erhaltenden" Kraft des rein äußerlichen Kultusjudentums - sprechen, welche das Heil in der Verleugnung ihres jüdischen Volkstums sitchen. Wer die Vorgänge in Ungarn richtig zu deuten weiß, wird diesen Wahrem der „israelitischen Interessen" die richtige Antwort geben. Die -Politik des Zionismus. Voü De. Gmtt Stei«. : ' H. ' . ' ' Eine der WichügsteN politischen'Fragen, mit denen sich die Leitung bereits heute intensibst beschäftigt, ist die Fragein welchem Umfange und mit welchen Mittel sich die ^uden-. heit an der ihr, zugestandenen inneren Verwaltung Palä- ^slinas beteiligen wird. Diese Angelegenheit ist natürlich von größter Tragweite. Mit Rücksicht aus die beschränkte Zahl der gegenwärtig in Palästina wohnhaften Juden wird selbstverständlich das. Galuth-Judentum in dieser Frage in der ersten Zeit wenigstens nachhaltigst interessiert sein. Hier setzen jedoch schon die größten Schwierigkeiten ein,"die einesteils an der persönlichev Desinteressiertheit an den Paläsiinafragen und an der politischen Rückständigkeit eines großen Teiles der Judenschaft liegest. Wir sehen zum Beispiel schon jetzt, wie die Angelegenheit des Pälästinarates daran scheiterte, daß» die Orthodoxen Palästinas die Frauen aus diesem Rat tjöltig ausschalten wollen. Nun ist aber kein Zweifel, daß zum Aufbau Paläsiirms die aktive Mitarbeit der Frau zumindest von so großer Wichtigkeit ist, wie die des Mannes. Und eS wäre völlig verfehlt, sich die Mitarbeit und Mitberatung der Frau nicht sicher stellen zu , wollen. Die zio« l nisiische Politik ist daher direkt und indirekt an der^ Frage; des Frauenwahlrechtes in Palästina im höchsten Grade interejZiert und muß alles daran sehen, um dieses Kampfmomeut | erjten .Grades im positiven Sinne zu lösen. Diese^ .Angelegen». heit wird sich aber nicht isoliert herasisschalen lassen aus der Auseirrandersetzung mit dem orthodoxen Judentum überhaupt und es war meines Erachtens ein großer Fehler des. Zio«. nismus, daß er an - diese Auseinandersetzung . nichtschön lange vorher geschritten ist und unter dem -Motto „Religion ist Privatsache"' sich von Anfang an um die Diskussion über diese Fragen herümdrückte^- - '- , - Ein zweites Moment, das sowohl in der Zusammensetzung des jüdischen- Rates, als auch beim Aufbau PakSstinas überhaupt nachdrücklich in Frag» kommt, ist die soziale . <!.- von.eistigenr allerdings, rqichsige« .Me- ' MMchi/ wie^ der Nätionalisterüng LeS BodM durch dem' NatronalfowdS, seitens des Zionismus bisher völlig unberücksichtigt 'geblieben ist und vollständig einzelnen Parteien t«ir Zionismus überlassen wurde. Von der Lösung der sozialen Probleme hängt^ aber nicht allein die künftige Stabilität del^ palästinensischen. Staatswesens ab, in.ihr ist vielmehr auch^ die Rcöglichkeit gegeben, mit der arabischen autochthonen Ae » völkerung zu einem günstigen Modus videndi zu kommen.. Die soziale Frage ist daher in Palästina ein Politikum erste«: Ranges und sowohl die Leitung, als auch die'künftigen Kon-! ferenzen und Kongreffe haben die Verpflichtung, die Lösung I dieser Frage an die Spitze aller ihrer Bemühungen zu stellen^ womit gleichzeitig ein Teil des Pröblemes der notwendige Erziehung großer Teile der Judeuschast zu sozialem Cvtp* finden der Lösung näher gebracht wäre. Noch mehr liegt die > politische Erkenntnis breiter.-Judenmassen arg darnieder. rade dis politischen Bemühungen unserer Leitung bei dey Friedenskonferenz und das mannhafte Auftreten der National». rate in verschiedenen Ländern hat die Gegensätze zu der» schiedenen, nicht nationalen, Gruppen/in so scharfer Weisy ans Licht gebracht, daß sich jeder weitere Hinweis erübrig^ Unter solchen Umständen ist natürlich die Mitarbeit breitsy ,Judenmaffen an der künftigen inneren Verwaltung PalÄ snnas von vornherein ausgeschloffen. Denn ein Judentums, das ultradeutsch, ultraamerikanisch oder ultrafranzosisch wäre! kann man natürlich der englischen.Mandatarmacht als Berater in einer dem , weiteren Sinne nach englischen Frage nicht 'zumuteü. Es bleibt fteilich noch der Ausweg, daß man die Mitarbeit^ im Jüdischen Rate für Palästina außer dem palästinensischen Judentum auch< weiterhin den zionistischen , Exponenten Vorbehalten würde. Damit wäre allerdings davon den Zionisten' selbst^, gewünschte Prinzip, die Gefaxt» judenheit am Palästinaaufbau teilnehmen zu lassen, durchbrochen und die, Lösung einer weiteren Frage noch' mehr aus« geschoben. ’ Es wird ja mindestens ein Menschenalter vergehen, bis es gelingen wird, das Galuth-Jud'entum in merkbarer Stärke nach Palästina zu verpflanzen. Inzwischen ist die Situation in der /Galuth noch immer eine derartige, daß trotz Ab» leugnens gewisser jüdischer Kreise d'ie Judenfrü^e nach wie vor offen bleibt. Wen auch eine noch so großex Anzahl einzelner jüdischer Personen in dieser Situation sich wohl- ' I zufühlen vorgeben, wird doch seitens des, bewußten,, auf sich > selbst besonnenen Judentums viel Sorge aufgeboten werde« müssen, um die das Judentum und die Juden bekämpfende« Strömungen zu paralisieren. Vereinzelte Abtoehraktioneu werden nach wie vor erfolglos bleiben Und. es wird zu einer organisierten Selbsthilfe,kommen müssen, um so mehr, als die Tendenz des Antisemitismus zu immer größerer Vertiefung und Ausbreitung hinneigt. Lei aller Entschlossenheit und Tatkraft der zionistischen Organisation ist sie ihrem Wesen nach auf Palästina eingestellt, das sie ohnedies vollauf belastet. ES wird daher ebenso wie beim Jüdischen Palästinarat zumindest zur tatkräftigen Mitarbeit breiter, außerhalb. be£ Zionismus liegender Masse», und Ova^nr»

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