Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 317 (9.12.1919)
- Date
- 1919-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Insbesondere wird dem Unmut darüber Ausdruck ge- »eben, daß die Grenzen Ostgaliziens gegen Westgalizien pir Polen so ungünstig wie möglich bestimmt sind. Die schuld an dieser. Entscheidung des Obersten Rates wird hauptsächlich dem Versagen der polnischen Diplomatie sn Paris zugeschrieben, vornehmlich dem Komitee des Herrn Dmowski und seinem aristokratischen Stabe, beziehungsweise dem vom polnischen Außenministerium rntsendeten Fürsten Sapieha. Es wird darauf hingepiesen, daß anscheinend die polnische Delegation es nicht -erstanden habe, mit England in ein richtiges Verhalteis zu kommen und daß die Entscheidung in der oft- »alizischen Frage zu Ungunsten Polens wesentlich von England beeinflußt worden sei. Besonders die Verquickung dieses Problems mit der Frage der von Preußen an Polen abzutretenden Gebietsteile wird England in die Schuhe geschoben und der polnischen Diplomatie wird mangelnde Informiertheit über die Absichten ßnglands vorgewoi fen. In der Behandlung dieser Frage ist die polnische Dresse auf der richtigen Fährte, allerdings mit Moti- -ierungen, wie sie der allgemeinen Stimmung am gepehmsten sind. Die Juden, die vielfach angeklagt werden, chen mit der Lösung des ostgalizischeu Problems herzwenig zu tun: fest steht jedoch, paß die jetzt begossene Lösung auf Englands Einfluß Zurückzuführen st,, dessen Diplomatie am frühesten zur Einsicht gekommen ist, daß hie endgültige Lösung aller die Friedens- Mferertz beMästigenden'FrptzM^ voir >tzer--^endlichen-- Durchführung eines Friedens mit Rußland unbedingt ibhängig ist. England verficht anscheinend die Idee sines russischen Staatenbundes, insbesondere der Rand- Maten, um endlich vielleicht auf diese Weise das so. perjoorrene russische Problem zu.lösen. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb England den ukrainischen Wünschen bezüglich Ostgaliziens geneigtes Ohr schenkt und eine Politik fordert, die auf die Vereinigung aller ukrainischen Gebietsteile und deren Anfügung in einen gesamt- Msischen Staatenbund hinzielt. k..'' ' ""'r "" f - In der Vorwoche fand in Warschau unter Vorsitz 8es Landmarschalls eine - gemeinsame Sitzung des Seniorenkonvents mit der. sogenannten ausländischen Kommission statt, in welcher ausschließlich über das künftige Verhältnis Oftgaliziens zu Polen beraten würde. Das vom Obersten Rat in Ppris verfaßte Statut Abzüglich ' des Polen verliehenen Mandats über Ostgalizien beginnt mit den charakteristischen Wdrten: ' „Polen erhält das Mandat für die Verwaltung des vstgalizischen Territoriums als eines der Kronländer der ehemaligen österreichischen Monarchie". Die/ wichtigsten Pusikte hes Verwaltungsstaluts - sind' bereits bekannt. Inder' Diskussion erklärte Dombskr, diese' Äsung der ostgalizischen-Frage bedeute eine ungeheure Mtronale Niederlage für-die Polen, und ein" Armuts- Zeugnis für die polnische Diplockatie; man müsse durch -ine parlamentarische Mission auf England,, das gegenwärtig der . alleinige Diktator in Europa sei, einwirken, um eine Aenderung des Statuts zugunsten jPolens herbeizuführen. Abgeordneter Lgwenstein meinte, die provisorische Lösung der ostgalizischeu. Frage Werde auch für' die dortigen Juden verhängnisvoll werhen, La sie im Verlaufe des 25jährigen provisorischen Zustandes nicht recht wissen werden, au wen sie sich halten sollen: an die Polen oder an die Ruthenen. Diese unsichere Haltung der Juden in Ostgalizien werde dann buch auf die Lage der Juden in Polen selbst ihre Rückwirkung nicht verfehlen, und so werde die „jüdische Ange" in Polen niemals zur Ruhe kommen. ■' Abgeordneter Daschinski führte aus: In Ostyaliöien habe man sich bisher ausschließlich dem'Piktnt der Nationaldenrokraten gefügt und habe sich jetzt schließlich am polnischen Nationalismus - gerächt. . > Bezüglich der Judenfrage habe er immer Len Standpunkt vertreten, daß man die Existenz einer eigenen jüdischen Minorität anerkennen, sich mit ihren, Vertretern zusammensetzen und mit ihnen eine Verständigung suchen müsse. Die Herren von der Rechten waren aber der Meinung, daß dies überflüssig sei, daß man die Juden ersticken könne. Nun hat der Friedensvertrag mit Mr Verfügung über den Schutz der Minderheiten uns Are. erste herb? Lektion erteilt. Die' Sozialisten haben Die Konferenzen des Staats- Kanzlers Dr. Renner mit dem tschechischen Außenminister. Dr. Renner reist nach Prag. ■*# Wie rr» 8. Dezember. Amtlich wird mitgetertt: Dtzr StaatsstanZler Dr. Renn e r^wird unmittelbar nach sein er 9t üd Kehr non Paris nach Prag reifen, um mit dem auswärtiges Minister der Lschecho-flowaKischen Republik Dp. Ben e s ch zufammenzutreffen. In Begleitung dss Kanzlers werden sich Referenten des Staatsamtes für Aeutzeres und die Veetretev der wirtschaftlichen Staätsamter nach Prag begeben, um die Verhandlungen über die R e gel u n g der po lItU sche« und w i r L s ch af t l i ch e n Beziehungen der Republik O e ft e r r e i ch z n r S s ch echo-slowakischen Republik einznleiLen. Wien» 8. Dezember. Die Staatskorrefpyndenz meldet: Wie wir vernehmen, rechnet dis Regierung damit, daß unsere nach Paris r e i f e n d e A b o r d n u n g längfLeus Montag den 13. d. M. von Paris abreift und Mittwoch früh in Wien eintrM. Die Reise nach Prag werde dann Samstag den 2ö; L. M. angetreten werden; für dis RÜckrslfe märe der 23. oder 24. d. M. iuÄusstcht Zu nehmen. Der tschechische Außenminister weilt derzeit noch irr Paris nutz dürM nächste Woche Montag Zurückkommen. Es ist also nicht ausgeschloffen, daß die A u ß e n m i n ist e r Ler s p r e ch n it g e ij p flog e n k Sn rr e n. Doch kSnnen - diese MntMKZungen' nochnicht.'als. stchere Tatsachen betrachtet werben. , Ans dielen omtächen Mittällm^m ^cht llcrr hervor, daß dle-Neike Dr. Renners nach Prag das-Resulmt voiherMantzener Verhandlungen sein müsse, Dre Entente hat ein reges Interesse daran, daß dee Beziehungen zwischen der.Dchecho-Slowakei und Oesterreich endlich geregelt werden und der londoner und Pariser Aulenthalt des Meckv-stowaklschen Außenministers Dr. Benesch dürste nrcht ohne Einfluß auf die weitere Gestaltung dieser Kon- ■ ferenzen sein. > - . Der Pariser Viererrat will, wie aus allen bisher hier vorliegenden Informationen hervorgcht, Oestcn eich helfen, ans der .äctztgrn wirtschaftlichen Katastrophe herauszukörnmen. Er will -uns direkte Hilfe leihen und Wetters versuchen, die desolaten wirtschaftlichen Verhältnisse in Mitteleuropa auf die Weise zu bannen, daß die neuen, auf dem Gebiete der ehemaligen Monarchie entstandenen Nationalstaaten wntfchafrliche und politische Beiträge schließen, die eine baldige Behebung der jetzigen Balkänzüstände gewähi leisten. Dre persönliche Aussprache Dr. Renners mit xDr. Penesch, d^er dann wahrscheinlich wer t e r e. K o n f c r e n z e n mit de« führende«. Mänmern der anderen n e u em S t a a L e n f o l'g e n w e r d e n, soll der Aüftackk sein zu den baldigen Verhandlung^, die uns eine Konsolidierung der Verhältnisse der Donanstaaten Erhoffen lassen. Im Interesse der beiden jungen Republiken würe es gelegen, wenn die Prager Beratungen vollen Erfolg haben würden. Paris, 8. Dezember. (Korr.-Bur.) Der Oberste Rat hat in der gestrigen Sitzung von den Beschlüsien der interalliierte« Wirtschaftskonferenz Kenntnis genommen. Es gelangte insbesondere die Versorgung O e st e r r e i ch s m i t,d e n d r i n g e n d st e n L e b e n smrtteltt und die Frage der hierzu nötigen Kredite zur Beratung. wohl gegen diesen Punkt protestiert, aber sie müssen zugeben, daß er durch den Antisemitismus hervörgerufen wurde. ' . . Die Verhandlungen wurden nach längerer Diskussion vertagt. ' - / <■ ■ ■ s .• Aus dem Lände der erwache«den Magyaren. Bon unserem Buvapester I.-Mitnrbeiter. Die öffentliche Meiimng der Hauptstadt wird in den letzten Tagen durch Sie mehr als merkwürdige Art der Untersuchung in der Tisza-Affäre in Atem gehalten. Die Sache läßt sich ganzes an, wie der Drehfuß-Skandal und wird nach ungarisch-balkanischer Sitte zu einem üblen Kinoskandal, der selbst m dieser, an Affären so reichen Atmosphäre geeignet, ist, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der gewesen^ Ministerprästdent Friedrich wird beschuldigt, an der Konferenz des Budapsster Soldatenrates teilgenommen zu haben, in welcher' beschlossen worden war, Tisza, Wekerle,' Vaszonhi, Polonyi und Szterenyi zu ermorden. DaS Todesurteil wurde aber nur an Tisza vollzogen. Nun hat einer der vielen im Zusammenhang mit dieser Mordtat Verhafteten, der gewesene Hauptmann Hüttner, im Laufe , der Untersuchung erklärt, er könne sich an die so oft abgeleugnete Anwesenheit. Friedrichs in jener Sitzung erinnern. Das Gericht ordnete nun die Konsrontierung der beiden an und lud hierzu den Vertreter der Familie Tisza, Dr'Ullei«. Allein, noch ehe dieser erfchie», hätte die .Gegenüberstellung bereits stattgefunden. Sie'erfolgte in der Weise, daß Friedrich, inzwischen 5^riegsminister geworden, den ihm vorgeführtey Hüttner'anfuhr: „Sie haben mich gestimmt gesehen?" Hüttner, dem,ba§ barsche Auftreten des Ministers und die mehrwöcheutliche 'Haft jede Energie genommen hatte, erwiderte, bestimmt könne er sich nicht erinnern. Damit war die Zeremonie beendigt und Hüttner wurde wieder abgeführt. Dr. Ullcin gab sich jedoch nicht zuftieden und forderte vom Untersuchungsrichter Doktor KovacD die Wiederholung der Konfrontation. Dr. 'Kovacs, der sich übrigens seine feste Anschauung über die Sache gebildet hatte, leitete diese 'Forderung weiter. In dem Akt ließ er .durchblicken, daß er von der Unschuld Friedrichs nicht ganz -überzeugt sei. Die Antwort war,, daß sein Verlangen abgelehnt und ihm überhaupt nahsgelegt wurde, die. Person Friedrichs aus dem . Spiel zu lassen. Darauf nahm sich Kovacs, in seiner Ehre gekränkt, das . Leben. Die Angelegenheit würde nun in jedem anderen. Land damit nicht erledigt \ sein.' Hier aber scheint - sie. doch, wenigstens was hie gerichtsmäßige Aufklärung anlangt, .zu verebben. Es gibt nämlich noch einen Zeugen-gegen Friedrich,' den gewesenen.. Abgeordneten Fenyes,. der sich - gleichfalls im 'Kerker-befindet, aber^^ sich trotz aller.Tortur nicht -.einschüchtetn. .läßt, verlangt Mftlch, Friedrich gegenübergestellt zv. werden, und mestst,' seine AüZsäge weW der Wekt'Äe 'Augen-' über diesen Mann öffnen. Die Regierung möchte nun die ganze Angelegenheit durch die Demission Friedrichs^aus der Welt schaffen. Aber Friedrich' läßt sich nicht konftontiercrr und - will., nicht demissionieren, Admiral Horthh und Ministerpräsident Huszar wollen ihn fallen lasten.'aber Friedrich droht mit. der Straße, die er tatsächlich am Sonntag mobilisierte, um seine Macht zir zeigen. Seine Agenten hielten Brandreden -gegen die Juden, die den braven christlichnationalen.Friedrich aus dem Weg räumen wollten. Es kam zu einem mißglückten Angriff ans dciS Judenviertel. -Vor der Trommelgaste wurde die Menge jedoch durch Militär aufgehalten und wandte sich in ihr« Wut gegen die auf dem Elisabeth-Ring befindliche. Redaktion des bekannten Sensationsblattes „Az Est". Die Druckerei und Redaktion wurde zerstört. Ein anderer Teil der Demonstranten wandte sich gegen das Arbeiterviertel und demolierte . das Lokal der sozialdemokratischen „Nepszava". Am Abend wiederholte sich der antisemitische Sturm gegen das Ghetto, und' an der %cfe der. Tabakgasse mußte die Polizei . von der Waffe Gebrauch machen. Während sie . hier beschäftigt wardrang eine Räuberbande in das Ghetto ein und erwürgte in der Wohnung eines jüdischen Geflügel- Händlers in der Rombachstratze ein 18jährigeS Mädchen, erstach zwei kleine Kinder und raubte dann die Wohnung aus. Die stürmischen Straßenvorfälle des Sonntags haben die Wirkung gehabt, daß die Demission Friedrichs, die man allgemein für Sonntag erwartet hatte, wieder hinaüSgefchoben wird. Aber die Erregung der polittschen -- Kreise hat sich nicht gelegt. Das neue Regime hatte in der Bevölkerung, ^Lie von den Rumänen fast ganz ausgeplüntzert worden war, große-Hoffnungen auf die Hilfe der Entente erweckt. Das Budapester Volk hungert und friert vielleicht noch ärger als dgs Wiener, und glaubte deshalb gerne an die Versprechungen, die an den Shstemwechsel geknüpft worden waren. Aber die Not wachst und die Hilfe bleibt aus. Zwar hat die Regierung mit Hilfe der jüdischen Großbanken, die ihr Geld zur Verfügung stellten — die Charakterlosigkeit und Feigheit dieser Sippschaft übersteigt alle Begriffe — die Beamten beschwichtigt, denen sie de« Gehalt zum 1. Dezember ungekürzt äuszahlte, aber sie kann darüber nicht hinaus. Und so steigt in der Bevölkerung langsam aber unwiderstehlich der Zorn gegen die Leute wieder auf, die das alte System der Aristokraten wieder gebracht haben, mit dem Monarchismus spielen und doch nichts gegen die Not tun können. Wenn die österreichische Negierung wirklich die Karlsteiner Internierten ausliefern vnd diese lebendig Budapest erreiche würden, so wäre die Regierung Huszar-Friedrich sofort in der schwersten Situation. Denn wenn Kun, der trotz allem Fanatismus persönlich ein integrer Mensch ist, und Poganhr reden könnten, so würde nichts, auch nicht Herr Clark, die Friedrichgarde vor demZorn des Volkes schützen können.