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Wiener Morgenzeitung · 1919-12-07 · Heft 316 (7.12.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 316 (7.12.1919)
Date
1919-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Völker, Gemeinschastsformen, die sich als schwächlich, als hinderlich für die auf' eine kommende übernationale, überstaatliche Vereinigung der Menschheit hrnzielende Entwicklung erweisen, müssen aus dem Weg und das Schicksal des Einzelnen wiegt federleicht «eben dergroßen Menschheitsfrage, Ihre. Lösung Andrst sich in. ftrrchtbaren Krämpfen und' Krisen an, rber doch ist der Weg nicht erkennbar, den sie. nehmen ’ will, sind ihre Stadien nicht sichtbar,.au denen man die zurückgelegte Strecke messen und Ausblicke für die nächste Zeft gewinnen könnte. Alles ist ins Fließen gekommen. Was gestern festzustehen schien, gehört heute.schon , der Vergangenheit an, eingebürgerte, erstarrte Begriffe losen sich auf und ein undurchdringlicher stickender. Nebel tzerhüllt die Zukunft. Vielleicht ist es gut so. Vielleicht, wären unsere Lage noch schwerer Zu.ertragen, wenn vir mach größeres Unglück kommen Wen könnten. Wir sind Zeitgenossen. Weh uns, daß wir nicht die Fykel! sind. Wir haben ja alle ' genüg, getan, um auch das 'Leben der nach' Ans Kommenden /auf-das 'schwerste m belasten und das Etbe/ düs wir/ ihnen sibergehech/he- 'tM^in Schulden, in Ävgem Md' -7inHoffnüngest,, haß 'es ihrer Arbeitskraft gelingen' Wörde, hie. Sünde ’ >er. Votfahren zu tilgen. Aber es wäre besser, wenn sie. ' ruch noch den Eindruck erhielten/ dH' auch in imwrer Zeft alles' geschehen ist/ um - selbst uich aus unserer kigenen "Kraft Len Kriegswirkung'en entgegenzutreten. Aber die seltsame Spannung, ftr^.der wir leben, ihre Verbannung alles Geistigen' und ihre Beschränkung aus' die Magensorgen verhindern dies. Nirgends,.zeigt sich ein llnsätz zur Tat. Die ganze Welt versinkt in Reflexionen, Anklagen, Untersuchungen über die Schuldfrage, ver- ,Pinnt sich in Drohungen für die Zukunft und lebt sich immer tiefer in den Haß hinein.. Daraus kann kein Heil werden. Immer breiter wird der Sumpf des Elends, der alles, zu verschlingen droht, was der Krieg noch an positiven Werten hat übrig lassen. . Die Verlotterung ist zum Verzweifeln groß geworden. Wuchergeist und Hyänentüm hat, so will es 'manchmal scheinen, Mes ergriffen, von Kind bis Mann alles vergtftek. Das ist keine Erscheinung' der besiegten Staaten, sondern zeigt sich auch, wie die GerichtssaalbetilhLe des Auslandes erweisen, in den siegreichen und in den neutralen Staaten. Und dazu nimmt der Krieg kein Ende. Zwei Friedensverträge sind. bereits unterfertigt und doch bringt jeder Lag neue Drohnoten der Entente an Deutschland, zeigt jeder Tag aufs neue die absolute Unkenntnis der mitteleuropäischen Verhältnisse bei' der Entente, die . in dem Jahre, das seit dem WafftnstillstaHsabkommen verstrichen ist, sich genügend hätte über Oesterreich Ämterrichten können. //, Es ist sehr zu beHoeifeln, ob die Entente die Kraft aüsbringen kann, WÜteleuropa mit staatlich organisierter Haft/vön. dem'Abgrunde znrückzurerßen, in den es hineintaumelt. Aber wenn sie wenigstens den Willen hatte, zu helfen, so würde sich dies alsbald ist Arbeit ihrer Volker nMsetzen. Dieser Wille fehlt und die' Staatsmänner der Entente sind zu sehr in Lein Haß gegey Deutschland befangen, zn stark mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, die ihnen einen zukünftigen Streit unter- ' ,..r, einander nicht als anstzeschlossen erscheinen lassen. Sie Wben noch in der Psychose des Krieges und sind ebenso nnbelehrt geblieben wie Deutschland und wie die Sukzessionsstaaten rings um die Donau, die drohend gegen einander die Waffen erheben. Der Friede ist vichtftn das Bewußtsein der Völker eingedrungen, die Völkerversöhnung lebt nu'r in Feiertagsgedichten. Nur ein Volk sieht frei uhd groß über diesem Verderben: ' nur das jüdische - Volk,/das unter dem Krieg mehr als. jedes andere geffttelrnMh ist' Mwm festensefteij Glauben an die menschheitsverbmdermv Kraft der Äebe rücht .Untreu geworden. Das jüdische Bewußtem lehnte stets den Krieg als politisches Mittel ab. Als er tarn, nahm auch das Judentum seine Lasten und Opfer ',uf sich, aber ohne sich seelisch vor ibm zu beugen, ohne den' Haß mud die wilde Entartung atavistischer Instinkte mitzumacheu. Und wenn es.auch den materieilen und Die rnmönische« Bojaren triumphieren " über de« Obersten Aat. Schwerwiegende Abänderungen des Friedens- Vertrages.- — Ein neues Kabinett. Klausenburg, 6. Dezember. (Rumän. Preßbär.) Der Präsident der rumänischen Kammer Dr.' Vcrjda-Votvod, Mitglied der siebenbürgischen Nationalpartei und gewesener Delegierter bei der Pariser Friedenskonferenz, ist vom König Ferdinande mit der Kabinettsbildung betraut worden. In das Kabinett dürften von der siebenbürgischen Nationalpartei die derzeitigen Refsortchefs Dr. Aurel Vlad,„Doktor Mihai P 0 p 0 b i c i Und Dr. Valerius Brau ist e Eintreten. Desgleichen werden , die übrigen dem parlamentarischen Bloch angehörenden Parteien ihre Vertreter im neuen Kabinett haben. Die Bukowina wird durch Minister Ni stör vertreten sein. Die neue Regierung wird den Friedensvertrag mit folgenden Aenderungen, die in der letzten durch einen Spezialkurier n a ch B u l a r i st g ebr achten Note zugeftanden worden.sind, unterfertigen: 1. Aus dem Vertrage mit Oesterreich wird die Stelle gestrichen,- die besagt, daß hie Unabhängigkeit Ru-' mäniens beim Berliner Kongreß nicht bedingungslos, anerkannt worden sei. 2. .Die Bestimmungen bezüglich der Regelung der Judenfrage werden weggelaffen. Die bereits erfolgte Regelung dieser- Frage durch ein besonderes Gesetz wird als zufriedenstellend erklärt. ' | 3. Es wird auf -jede Einflußnahme bezüglich der-. Schaffung jener Gesetze verzichtet/ die Rumänien für den Schütz der. Minoritäten als notwendig erachten wird. . 4. Nach.. /Untersuchung ,der Lage werden lokale G/renzberichiigÜNg en gewährt. .?i'- " ■ Dje' neue NegieKmg wird sich am. 8/ d. M.-DerDmnmer - vorstellem. -..;;;J*'/;•;// 4 . Die Äe'rtretüUgfenVde alliierten Mächte Bukarest wurden von, der Bereitwilligkeit'derueüen Regierung zur. F erti-g üng de s Fr i ed e^u.sd e-rtrag e s kverständigt., Dieser Beschluß ist.auch, auf -radiotelegraphischestt Wege nach Paris mitgeteilt worden, * ' / V . / . ' _ 4 ' * ' ... . ' Es ist aus dieser Meldung nicht ersichllich, oh umn eS mit. einem Kargmerbeschlutz zu tun hat. Jedenfalls ist es auffällig, daß sich die Kammer bei ihrem Vorgehen auf ein Zugeständnis der Entente zu.stützen scheint. .Es muß zugegben werden, daß die Entente der Judenfrage in vielen gingen nicht das- Verständnis entgegeubringt, . das dieses. Problem verlangt. Wenn. die. Entente gegenüber Rumäüien dieselbe Takttk verfolgt, wie die Unterfertiger des berliner-Vertrages, vom Jahre 1878, so stiftet sie viel. Unfrieden.'Solange die -Juden nicht in. jedem Lande und ausnahmslos ihr Recht. finden,. wird die Welt nicht zur Rühe, kommen. Schwere EijenbahnLatastroPhe hei Prag. Fünf ToöesoNfeb. ' Prag, 6. Dezember, (Tel.-Komp.) Der Personenzug der Nordwestbähnstrecke gegen Lissa-NimLürg, der Prag um 5 Uhr 12 Minuten nachmittags verließ, stieß zwischen den Stationen Wysotschau—Chwala—Potschernitz mit dem aus der Richtung Nimburg kommenden Personenzuge, der Prag um 5 Uhr 38 Minuten erreichen sollte, mit großer Gewalt zusammen. Fünf Waggons wurden vollständig zertrümmert. Bisher sind fünf Tote und eine große Anzahl von Schwer- und Leichtverletzten unter den Trümmern g e h 0 rg e n Word e u. Von Prag ist sofort cm Hilfszug an Ort und Stelle ahgegangen.. / geistigen Verwüstungen des Krieges in schwerster Weise unterworfen ist, wenn es auch selbst zum Objekt schamlosester Lügen geworden ist, so.M doch sein Herz rein gebliebmu Der Hri^g konnte die körperliche Verbindung zwischen den Gliedern des jiidHchen Volkes nur stören, aber nicht vernichten. Und Mnn. die Welt aus der Krankheit genesen will, in öw.sie durch ihre eigene Schuld gestürzt wurde, so kann ihr' nur die Kraft dieses .immanenten, latenten jüdischen Empfindens helfen/ Noch ist der Tag'nicht gekommen, an dem dies der Menschheit klar werden wird, noch ist das Judentum, vielleicht gerade wegen seines fülMen Widerstrebend gegen Len Krieg, verfehmt. Aber eme Wahrheit veraltet nicht. Die Welt wird doch einmal.diesen Ausweg benützen und an die jüdische Geistigkeit appellieren müssen. Sie wird das jüdische Volk jederzeit bereit finden, seine Pflicht zu ruli Vitv den Frieden, für die Neitnng der schneit. Die Inden in SoWieLrutzland. Allgemeine Lage. Düs Kopenhagen er Zionistis ch. i. B n t statt ist in der Lage, einen neuen Bericht aus RußsaM znveröffen llichen, der bei dem völligen Ab geschnittenem unserer russischen Brüder von der übrigen Welt vom gesamten Judentum gewiß ckiit Interesse ausgenommen werden dürfte.; ch Bei der Berichterstattung über die allgemeine Lage der. Juden in Sowietrußland muß 'in.Erwägung gezogen werden, daß .die Zahl der dortigen jüdischen Bevölkerung eine. verhältnismäßig sehr. geringe ist.. , Die Ukraine sowie große Teile der 5hrim befinden sich rinter, der Herrschaft, Denikins, und. von den GebiL^n?,bps. früheren Anfiedlungsrayonsftud nurv die größerenGou-'. vernements Witebsk und Mohilew unter, der Sowiei* Herrschaft geblieben. Die Zähl , der Juden im Wolgagebiet ist durch den Rücktransport der Flüchtlinge stärk gesunken. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung in MoWu beträgt e.twa 50.000 Seelen; hinzugerechnet dieWische Bevölkerung m Petersburg, zirka 50.000 Seelen, .föchte;Sibirien, Baikalgebiet und. die Teile der Krin^chdie /noch unter der Sowietherrschaft. sind, dürfte. sich/1>ie i Gesamtzahl - der, Juden an Sowietrußland Hpa 750.000 Seelen, stellen.^ ' / . , - ^/ " . Trotz der: geringen Anzahl der Juden ist Untifemitismus stark verbreitet. Dank den energischen Maßnahmen der Sowietregierung im Kampfe gegen den f Antisemitismus, ist es aber bisher,, abgesehen von Mr-.. . einzeftei^ - Fällen/ zu.; Heine«: ernstere« AnsschMtuygtzy V JMbeMdereffind. ^Regimes'-BcAUsOfttzen die. das Wftüdes' JudenhasM.pErchien.-Älh^r auch gegen b'tefe werden ernste/ Schritte unrerUänmM, sobald sie ihre Gesinnung öffentlich kurldgeben. Hie'Aerichte des Revokutvonstribunals beschäftigen sich' Hst /täglich mit Prozessen/ Der Äntisemitismns wirb pon fder Sowietregierung als die gefahr lichsts'kochterrevoluüionäre Bewegung erklärt^ünd detntzeMß' -aufs' schärfste unterdrückt. Biel schlimmer, steht es Mit der antisemitischen Welle innerhalb der Roten Armee, die zuweilen bedrohliche Formen annimmt. Die jnlfenfeindliche Haltung vieler Truppenteile wird insbesondere in den von den Inden dicht bewohnten GebirtW-Hes Gouvernements Mohilew. und Witebsk zu einer grHen .Gefahr. In diesen Gouvernements'sind Fälle zu verzeichnen, wo Truppenteile, die zum Schutze der jüdischeu- Bevölkerüng in kleine Städtchen entsandt wurden//in denen bewaffnete Bauerüscharen Pogrome. veranstaljLten, heftigsten Unwillen bekundeten, daß mau sie für sülche Zwecke „mißbrauche". An mehreren Stellennahmen solche Truppenteile an den. Pogromen selbst teil. - In solchen Fällen bestraften die. Militärbehörden jedoch.die Verbrecher,' Zivilisten wie Soldaten, mit sofortiger-Hr-i schießung. Im Gegensatz zu der Uktaine, wo gchrze' Rote Armee-Regimenter sich der blutigste« JudeneMske schuldig-gemacht haben ,sind in Sowietrußland solche Fälle sogut wie gar nicht zu verzeichnen gewesen.-Dteersten Pogwmfälle in Sowietrußland ereigneten i W/inr Monat März 1919 in B.orissow, GouverDMut Minsk. Unter der Losung „Tötet die. Juden, -vßDt Rußland" überfielen verwilderte Bänden den Markt-rind. die anliegenden.Straßen und begannen zu. raubWyUd zu plündern. . Mehrere Juden wurden tödlich veWtzi-. Am 1'8. März wurden einige der Hetzer nrtd B^rbtecher vom. Feldgericht' zum Tode verurteilt.. Späterhin//brach ein/ Pogwm in Homel aus'/ der von unbekannteGMrsonen unter der Maske der Vertreibung der -SowMmacht veranstaltet wurde. An der „Meuterei" nähmen, zahlreiche Soldaten -sowie das -.Bahnpersonal' teit.-HWr Kommissare, darunter auch Juden, wurden erschlstKn. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung, uanwAich die ärmere Klass-e, wurde ausgeplündert. TodeZiopfer hatte die jüdische: Bevölkerung aber nicht zu vektztgeu. da inzwischen mehrere Mteilungen der Roten Armee herbeigeeilt' waren und der Meuterei ein schnelles und . blutiges Ende machten. Schlimmere Folgen hatt-mdie Ende März aus gebrochenen, Pogrotne im Gsiweruetueni: Mohilew. Jin Städtchen Wässilewitscht rottete sich eine - 15.000k.öpsigo Räuberbande zusanttnen, überfiel dje 80^ Familien zählende jüdische Bevölkerung. MüLrrw sie aus. und tötete zehn Juden. In Choiniki Veralrstalteten Angehörige der Noten Arnree am Sonnabend den 29. Mürz einen Pogrom, .der allerdings danf dom \ (ringreiseu der Z eire-Zion--Organi sä t rv n, dir \ die Soldaten mit Geld unb Ware abfcrtigic. utiHiUifl un-licf. Die Bauern eilten mit..Wagen, herbei, um all-ä«

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