Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 314 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kreis Heiler «fett Mt Snfleltana in« Hau»r JBjöttirfUjit . . L V.— «NirrtelBtzeks . . „ 87.— AirlbjLlsviz . « * öj>.— ' ISiwtjiSljriB ♦ - ♦ ’;?j?ü Vsstvcchwd; Morrarlich. . » O.- « w ®7,— -$o!bfiürtrt« w bL —;4ßai#tj5i)«*g: » .loo.— Mr Li« AÄtcho-Siowakei Sarm.o»«- VezntzSPrUs» » tkL,M«« DSbrims, ' L?s' -!»- jl'-S'jX Nr. 314 Wien, Freitag, den 5. Dezember ISIS Sfn?»iE«pra»r »reif 40|dii pvtt r* Ift« »«• 3««I«afet M«m«rtU«8 » * •* 1®*» &t»vtelf Siffig •« 84k- -.ftalb}£ttfta H .5®*"' AsdLktioa «.Adnft»ck»V«- ti<m: Mi«», XX. «avovMpoß» »r-. *-». , -1—»i. «»r«ph»»»: Admr«!iftfif liftit 44038, rr.rdakti»» 43319, a® £ atottfe» N». 16801 *^8£»***•* sr 1. Jahrgang «ss« Der Stolz der leeren Tasche. 7 - -v-W i e rr. de» ö. Dezember. Das Nachtragsbudget, das der Staatssekretär für die Finanzen Dr. Reisch in seiner Antrittsrede an gekündigt hatte, liegt nun voy. Es-zeigt uns, daß das ^esanüdefizit von "fünf Milliarden im Juli auf siebeneinhalb Milliarden gestiegen ist, mit dieser Ziffer aber noch immer nicht fixiert ist,- da die finanziellen Wirkungen . der Friedensbedingungen nicht berücksichtigt werden konnten..- Die. Höhe der Oesterreich auferlegten Wiedergutmachungen, . Wiederherstellungen, des Anteiles an der Staatsschuld, an den Pensionslasten und an den übrigen ' Verpflichtungen ÄltLsterreichs' sind noch unbekannt und eskonnten deshalb in das Nachtragsbudget nur die Einnahmen und Ausgaben ausgenommen werden, d ie mit dem Friedensvertrag nicht.unmittelbar zusammenhängen.' Wir stehen also unbekannten Größen gegen- ’ über, was aber' wahrscheinlich den größten Teil der Bevölkerung'. wenig interessieren wird. Denn .ob wir mit sieben öder mit tausend Milliarden insolvent, sind, hat nur für fleißige Statistiker und auch für diese lediglich historisches Interesse. v ’• 'Das neue Budget läßt erkennen, daß. die gesamten Einnahmen nur ein Drittel der' Ausgaben decken, so .häß' mau mit "zwei" Dritteln auf 'den Kreditweg, auf netze Steuern und auf die, Vermögensabgabe angewiesen ist. Äöex man darf heute schon annehmen,, daß weM' mit Steuern,' noch mit der Vermögensabgabe dein DKzu beizukommen-sein wird. . Die Teuerung hat Fomien angenommen) die einer - totalen Verwüstung des VöMverprögeNs:. gleiöhkommtzm-'. Die Millionenstadt r-mMMann' -Heu ste.^. nufwaMführendem Fieberkurven der. Teuerung kaum mehr - folgen.. - Die Preise für .Fahrten in der- Straßenbahn, für die Be-< leuchtung der. Wohnungen,sind.um- Las Doppelte ge- - stiegen, die 'Fleischpreise! haben dasselbe Tempo .e.in'ge- Wggen, ''eine Fabrik.Nach der andern mutz infolge des Mangels-anKohlen und ArbeiLsmaterialienden. Betrieb einjtellen, 'die-Arbeitslosigkeit droht, wieder anzuschwellen, " hie ' notwendigsten! -Bedarfsartikel, Kleider, . Schuh-::, Wäsche .sind längst in die Luxuskategorie ■ hinüb ergechechselt.- Woher alsoneue Steuern? flnd die Vermögensabgabe, die der?Fmanzministec schon bei 15.000 Kronen Einkommen beginnem, lassen wich wird in dieser Form kaum durchzuführen-sein,, solange sie nicht ausschließlich auf die ganz großen Permögen angewendet wird, die aberdurch. das. lange Zögern der .Negierung entweder' '. »n.das Ausland 'abgewandert sind oder durch Investitionen M llxohen-Teilen gebunden' sind und fürdie. Steuer- , Pttter schwer oder gar. nicht erfaßbar sein werden. Bleibt Äso^nur>per Kredrtweg, das ist die Anrufung.-des inter- .. WioNälen'-Kapitals,.dem es trotz .aller. Schwierigkeiten,. - yftt denen".die 'Ententeländer selbst zu kämpfen haben, ' nicht-'.schwer fallen' würde, Oesterreich zu sanieren? -;.'r Tfn der'Besprechung der Regierung mit' den Entente- ' verträern hat -der '.Finanzleiter einen ungeschminkten .Kömmeutdr zum Budgetgeliefert und die sofortige Hilfe.'durch Geld- und Warenkredit gefordert- Er hat dös -Ängebot von. Sicherungen in der 'Verpfändung der Forste, Salinen und der Erwerbsunternehnnmgen der großen Städte wiederholt und sich,in dieser. Beziehung in einen merkwürdigen Gegensatz zur Wiener Gemeindeverwaltung gefetzt, die von einem Verkauf der Straßenbahn von vornherein nichts wissen' will. Aber die Lage des .Staates und 'der 'Stadt ist. derart beschaffen, daß . Ae sozialdemokratische. Mehrheit ihren Stolz wird auf* geben müssen. Die Regierung wird sich dazu bequemen müssen, ihre auswärtige Politik, einzig.und allein auf das finanzielle 'Bedürfnis einzustellen. und das Vettrautzn' des ausländischen Publikums zu gewinnen. Es ist ein stäMr Schritt nach vorwärts, wenn sie statt . Almosen -Kremt sucht und! eine mündliche, direkte Auseinander* . setzung mit dem Pariser. Obersten Rat anstrebt. Wenn sie außerdem ihre innere Politik dieser - Situation anpaßt) di« unsäglich dumme Sekkatur von Juden und Tschechen ein stellt, die sich endlich und schließlich auch iltz '..dep 'Meüereipgängtzn fühlbar machen müssen, barm wird Oesterreich Hilfe finden. Aber dieser Geist, «nutz auch , in die Bevölkerung. dringen. Straßenkund-: Mungen verhetzter Gymnasiasten sind'.eine Gefahr für den Staat, der . in die tristeste Situation geraten'ist. , Die Agitationen des Kommunismus-und der Restauration erheben wieder ihr. Haupt. Und deshalb, ist die strengste Selbstzucht der Bevölkerung, ihre Erkenntnis der bitteren Notwendigkeiten, der erste Ausweg. Oesterreich muß bewußt zur Kolonie werden. Die ermerikrmische Hilfe für de« Wieder-;m$bm .Errropss. ’ Paris, 4. Dezember. „Matin" erfährt aus New- Iork: Der Jahresbericht des Schatzsekretärs Glas; hält die a I l g e m e i,n e Fi n a n z l a g e für keineswegs ü n g ü n st r g. Die Vereinigten Staaten hätten einen großen Teil ihrer Kriegsschuld getilgt und die Staatsschuld sei im Vergleich zum nationalen Reichtum nur gering. Auch die finanzielle Lage Europas sei nicht so trnst, wie'man vermute. Der Bericht schlägt vor, zwei oder drei Jahre lang de» Alliierten den Z i n s e n d i e n sh für die während des Krieges von Amerika gewährten Anleihen zu kr editier eu. Dies sei die'ehrzige finanzielle Unterstühung, dre von den Vereinigten Staaten den Alliierte» zu gewähren sei. Glast meint, Europa solle zur Einheit zürnckkehren. Die Vereinigten Staaten würden die nötigen R o h st o f f e imd W e r k z e u g e zum Wiederaufbau. Europas liefern. Die. Eutente sperrt R«Mä«ie« die LebeusMiLLeLLieferNNge«. . Amsterdam, 4. Dezember. Wie drahtlos gemeldet wird, erklärte Ceeil Harms Worth im Unter- Hans, im Hinblick auf die Haltung der rumänischen Negierung seien die Alliierten nicht i n d e r L a g e, d i e L e ü e n s m i t t e l v e r f o r g u n g Ru mäni^ens weiterhin zu er! eich t ern. Alle Rumänien gewährten Erleichtermigenseien daher, bis auf weiteres zurückgezogen. . Mit SGwiLtrÄtzUtzd^ ' Berlin, L Dezember. Das „Berliner Tageblatt" meldet, aus Kopenhagen, daß der bÄlschewikische Abgeordnete Litwinow, der dort mit dem englischen Vertreter O^Grady verhandelt, mit diesem zusammen der Entente einen neuen Friedensvorschlag übersandt hat, der zur Prüfung im Pariser Obersten Rat unterbreitet.. werden soll. In unterrichteten Kreisen erwarte man die Ernennung einer Kommission, die in Kopenhagen die Verhandlungen -mij den Russen ausuehmen werde. Franklin RyaseVelL amerikanischer PräsideRLschüsLskaUMdaL. A m st e rdam, 4. Dezember. „Algemeen Kandelsblad" meldet aus New Aork, daß Marinesekretär, Franklin Noosebelt von den, Demokraten als Kandidat für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ansgestellt werden soll. / '! - Krise in der Tschechs-SLoWakei.- .Eine Abordnung der tschechischen, Nationalversammlung erschien vor einigen Tagerk beim Präsidenten Masa-- ryk, um ihm den Dankfür. seine Botschaft vom 28. Oktober -auszusprechen. In seiner Erwiderung knüpfte Masaryk an ein Wort des Vorsitzenden der Nationalversammlung .an, an das Wort von der . Befreiung der Seele, und sagte, es drücke am besten die Notwendigkeit der moralischen Grundlagen fiir alle politische Tätigkeit aus. Er habe in seiner Botschaft die Notwendigkeit des Staatssinnes sehr betont, den alle sehr brauchten, aber auch der Staat sei nicht der Endzweck-des nationalen Strebens. sondern das Mittel zu dem höheren Ziele, zur Befreiung der Seele. Präsident Masaryk war kein Unbekannter, als ihm seine Nation dis höchste Würde verlieh, die sie zu ver- 'schenken hatte. .Schon lange vor dem Kriege, der das. alte Oesterreich zertrümmerte, stand er unter den Vorkämpfern für wahre Freiheit für die Völker wie für den Einzelnen und unter den Gegnern aller Brutalität in der-Politik in den ersten Reihen. Der Name Masaryk b.edtzuteke allen ' wahren .Demokraten unter Len verschiedenen . Völkern der früheren Monarchie soviel wie .. ein Programm. - Wie sehr er sich treu geblieben ist und wie'.wenig. der Philosoph und Ethiker Masaryk sich von dem Politiker trennen läßt, beweist seine Antwort an die Deputation der tschechischen Nationalversammlung. Masaryk wünscht, daß' der Staatsgedanke das gesamte Volk zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenkitte, er erkennt, daß ein junger Staat, der die Kinderkrankheiten noch nicht überwunden hat, der Vertiefung des Staatsgefühles' als Stütze bedürfe, aber er weiß gleichzeitig, daß auch der Staat selbst nicht ein Letztes bedeutet unddaß er lektmi Endes nicht mehr ist als eine notwendige Durchgangsform der Menschheit auf ihrem Wege zu höheren Entwicklungsstufen Diese Auffassung vom Staate steht in vollstem Gegensatz zu der preußischen Auffassung, die schließlich zu Jdeengängen führte, die im Staate einen'Moloch sahen, dem alles geopfert werden müsse und deren Ausfassung sich schließ, lich im Gegensatz zu aller Menschlichkeit stellte und Mes Maß zwischen Mittel und Zweck verlor.. . Aber auch in der Tschecho-Slowaker ist ein werter . Weg zwischen Theorie und Wirklichkeit und. die bisherige Entwicklung des jungen Staätes ist nicht imrüer in einer Weise erfolgt, die sich mit der hohen Idealität seines Präsidenten vereinbaren läßt. Zu den Nötenvon denen' auch die anfangs von der Entente verhätschelte Tschecho-Slowaker nicht verschont geblieben^ ist, gesellt sich nunmehr eine politische Krise, welche die bisherige Koalition der Parteien bedroht und die Zukmrft der tschechischen Politik ungewiß erscheinen läßt. Dia Nationalpemokraten, deren' Programm ein Gemisch v/m demokratischen Auffassungen und nationalem Chastoinismus darstellt und eine gewisse geistige Verwandschaft mit jenen Parteien aufweist, welche bei den letzten Wahlen in die französische Kammer eine große Stärkung erfahren haben, scheinen den französischen. Wahlausgang, der eine Kräftigung des nationalen Chauvinismus und' eine Schwächung der Parteien an internationalem Denken bedeirtet, als - eine Ermunterung zu eurpfinden und ein geringfügiger Anlaß hat genügt, daß sie der bisherigen Koalition ihre Gefolgschaft verweigerten und ihre Minister aus 'dem Kabinett zurückzogen. Damit ist die latente^Krise in der.tschechischen Regierungspolitik, die an manchen Anzeichen kenntlich war, akut geworden unddas. ganze bisherige Koalitionssystem erscheivt>.be- ^öwW^d" - Minister» Präsident Turar von dem politischen Sprudel . verschlungen 'wird und schon: wird von einzelnen Heftender^ Nüme Kramarsch genannt. Ob es den gegenwärtigführenden Mynnern gelingen wird, noch einmal die- Krise zu bannen und die Bruchstücke der Koalition auf. .eine Zeit lang wiederum künstlich zuscynmenzuflicken, wird davon abhängen, ob die Natiönaldemokraten zu Verhandlungen bereit sein werden. Fast scheint es, als wollten sie, die den immerhin starken Einfluß der Sozialdemokratenals hindernd empfunden, solchen Verhandlungen aus dem Wege gehen und mit-Gewalt zur. Schaffung einer neuen Situation hindrängen. Damft jedoch wäre das Schicksal'der gegenwärtigen Regierungbesiegelt, die gehen müßte, weil sie sich auf keine Mehrheit stützen könnte. - Die Situation wird dadurch verschärft, Latz mau schließlich Loch auf die Dauer nicht umhin können wird, 'zu Neuwahlen zu schreiten, um endlich'der Republik an Stelle des bisherigen provisorischen Notparlaments, eine legale "Grundlage zu schassen. Die Umstände jedoch sind einem solchen Beginnen keineswegs günstig! Denn.zu , der Enttäuschung der breiten Massen, welchen die Ent-; Wicklung vielfach das schuldig. geblieben ist, was. man in der Zeit des ersten Taumels erhofft hat, gesellen sich die Schwierigkeiten in der Slowakei, wo eine 'Stimmung täglich mehr an Boden gewinnt,-die der Republik und den gegenwärtigen Machthabern in Prag geradezu feindlich entgegentritt. Man kann noch. manche Ueberraschungen erleben und die letztens gemeldete geheime Mobilisierung mehrerer. Jahrgänge ist eindeutliches Sympton. Sollte es wirklich zu einer Lurch diepolitische Zerfahrenheit verursachten Auflösung der'-Nationalversammlung kommen, so wäre es am Endedenkbar, daß .man noch einmal zu dem Mittel der. Ernännungen. greifen müßte, um in einer Zeit, die von einer wirklichen Konsolidierung der Verhältnisse noch weit entfernt ist, den Wahlen zu entgehen. Auch die Tschechen haben ihre politischen^ SörMm, auch ihr Staat ruht noch auf wankenden Grundlagen. Diesen Umstand müßte man auch in Wien gebührend beachten, wo sich die Stimmen für ein politisches Bündnis in.der letzten.Zeit zu mehren beginnen. . Ein Bündnis zwischen Deutschösterreich und der Lschecho-Slowafei ist köine Donauföderation und auch nicht der' Wegzu einer solchen. Deutschösterreich muß, . so wünschenswert die Anbahnung eines Wirtschaftsbündnisses mit dem Nachbarstaat 'auch ist, Politisch freie Hand bewahren sind sich hüten, durch eine Bündnispolitik mit den Tschechen in deren Nöte verwickelt, vielleicht sogar in einen Krieg hineingezogen zu werden. Das schwache und-zerrüttete Deutschösterreich muß trachten, nach allen Seiten gut Freund zu bleiben und in der Welt im dinnr einer Politik um Sympathien zu werben, die der Staatskanzler Renner als Völkerbundpolitik tv aut urrschrieben bat» * «*<<AwnC8a.fctrrr-,jfr^