Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 311 (2.12.1919)
- Date
- 1919-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dieser Nachricht' gegenüber wurde bisher wiederholt von ukrainischer Seite darauf hingewiesen, daß die Lösung, -speziell der ukrainischen Frage,.nur^darin gipfeln könne und. gipfeln werde, daß sämtliche ukrainische Landesteile zu einem Gesamtkörper vereinigt würden. Nun steht aber beiden Teilen, Polen und Ukrainern, die ernste Möglichkeit einer großen Ueberraschung bevor, auf die die osteuropäischen Juden rechtzeitig vorbereitet werden müssen. Es wird .derzeit: wohl: nicht zu einem ukrainischen Staate kommen, andererseits aber wird auch Ostgalizien nicht an Polen fallen, , ebensowenig die Noröbukowina an Rumänien. Dank der schlechten Politik eines Teiles der polnischen und ukrainischen Führer hat der großrussische Einguß in London und Paris vorläufig gesiegt (ein neuerlicher Umschwung ist sehr unwahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen). Wie aus - bestinsormierter Quelle verlautet, werden Ostgalizien und Nordbukowina, wahr, schemlich auch Wolhynien, mit Rußland/vereinigt und voraussichtlich mit der Ukraine zusammen eine nationalautonome Gruppe im Rahmen Rußlands bilden. Es vollzieht' sich also, wenn nicht alle Anzeichen trügen, jn Osteuropa ein ähnlicher Prozeß, wie er in Mitteleuropa und am Balkan im Zuge' ist: Eine Annäherung, teilweise' in politischer, teilweise in wirtschaftlicher Alchtung der früher in einem großen Staatskörper der» -inigten und fpätex durch . eine vorübergehende Abwicklung voneinander abgegrenzten Gebiete. 'Daß die Entwicklung in Oft- und Mitteleuropa in gewisser Hinsicht in einer organischen Verbindung steht,, .beziehungsweise stehen wird, ist zweifellos. -Tatsache ist, Laß bei einer Vereinigung der ukrainischen Gebiete unter russischer Herrschaft nicht nur Polet, und Ukrainer hie Leidtragenden sein 'werden, sondern auch — die Tschecho-Slowccken. , Karpathen-Rußland, also die ungärisch-ruthenischen Gebiete, welche derzeit zum tschecho-slowakischen Staats gehören, werden ebenfalls mit Rußland vereinigt werden und. — was dabei charakteristisch ist, verschieden^' tschechische politische Kreise haben sich bereits auch damit rbgefunden. Sie wünschen für die Zukunft'auch darum ein starkes Rußland, weil sie fühlen, daß heute in London und Paris die Stimmung nicht mehr so günstig für die Tschechen wie früher ist. Indessen glaubt man in tschechischen, aber auch in ukrainischen Kreisen, daß auch die polnischen Politiker in ihren Erwartungen auf die Entente sich getäuscht haben und vielleicht noch in Zukunft täuschen werden, genau so wie dies bei den derzeitigen Vukarester Machthaber^ der Fall war. Polen und Rumänen hatten so lange Aussicht — wie der Schreiber dieser Zeilen vor vielen Wochen schon Gelegenheit hatte, hrnzuweisen — alle ihre nationalen 'Aspirationen zu verwirklichen, als ihre Konkurrenten nur Ukrainer und Magyaren waren. Die Situation mußte aber in den Momente für Polen und Rumänen sich verschlechtern, yls man in Paris und London mit der Wiederherstellung des alten Rußland sich vertraut machte und vor allem die Hauptaufgabe darin erblickte, für alle. Zukünft ein russisch-deutsches Bündnis zu verhindern. Ein Großpolen und ein Großrumänien wiegt weder den Franzosen noch den Engländern (die Italiener kommen bei allen diesen Angelegenheiten nicht in Betracht, sie haben heute die Hände voll zu tun, um mit den Südslawen und mit ihren inneren Angelegenheiten in Ordnung zu kommen) ein Großrußland auf und darum werden nicht nur die Polen Ostgalizien,' sondern auch die Rumänen Nordbukowina und die Tschechen die ungärisch-ruthenischen Gebiete hergeben. Die kleineren Völker fallen heute, nachdem sie der ' Entente gegenüber während des Krieges ihre Schuld getan und Preußen-Deutschland, ebenso niedergerungen ist, wie Deutschösterreich und Ungarn zu ihren Füßen liegt, nicht mehr so stark in die Wagschale wie früher, was man deutlich bereits in Prag und Warschau, in Belgrad und Bukarest verspürt und vielleicht bald noch empfindlicher verspüren wird. Polen, Ukrainer und Rumänen, die man gegeneinander ausgespielt hat, .befinden sich nun in einer eigenartigen Situation, um so mehr« glbei ihnen wie Ein neuerlicher Hilferuf an die Enteute. W i e n, 1. Dezember. Der KllbmettZmt hat in seiner Sitzung vom 28. November auf Grund der eingehenden Berichte der Staatssekretäre L o e w e« f e l d - R u ß, P a ul und Reisch den V e r s o r g u n g s p l a n für die nächste Zukunft nachgeprüft und neuerdings die ge. Lieterische Notwendigkeit festgcstellt, so rasch als möglich ein en Ernähr ungskr edit durch die hohen Mächte zu erlangen. Da die Entscheidung der Pariser Konferenz sich so lange h i n a u s z i e h t, daß der rechtzeitige Einkauf und damit die spätere rechtzeitige Belieferung mit Nahrungs- Mitteln überhaupt in Frage gestellt ist, hat der Kabinettsrat beschlossen, die Vertr eter d er Hau p tmächte in Wien Mittwoch den 3. Dezember zu sich einzuladen und sie zu bitten, gleichzeitig ihren Negierungen wie der Friedenskonferenz die Lage der Republik klarzustellen und die unmittelbare A b h i l f c zu betreiben. An der Konferenz mit den Vertretern der Hauptmächte werden sich nebst' dem Staatskanzler die Staatssekretäre aller volkswirtschaftlichen Ressorts beteiligen. Der WirLschastsverLsLNd der GormustaaLeU. ' Paris, 1. Dezember. (Tel.-Komp.) Aus einem Berichte.Sir Clarks ergibt sich, daß die Bildung eines Wirtschaft s Verbandes Oesterreich, Ungarn, Tschechv-Slowakei, Südslawien, als nahe bevorstehend anzusehen ist.' Mit dieser Neugründung ist keine politische Frage ver° k n ü p f t. Es ist sehr Wohl möglich, daß auch Italien sich, dem Verbände anschließen wird. Ei« »«garisch-sSdslarvischer Zwische«- fäll. Delgr a d, IDezeWer. (Südslaw. Preßbur.) Das Oberkommando vcrlautbart unter dem 28. November: Am 29. November hat eine u n g a r i s ch e A h t e i l u n g, der auch eine gewisse Zahl von Zivilisten ängehvrte, unversehens unsere G r e n z p o st en aus der Demarkationslinie aus der M u r i n s e l a n g e g r i s f e n und ist in das Städtchen L e n d v a, zwei Kilometer von dev Demarkationslinie entfernt, eingebrochen. Unsere Besatzung in Lendva-hat sofort den Kampf ausgenommen; die Ungarn wurden über die Demarkationslinie zurückgeschlagen. Unsere Verluste sind schwach,'jene der Ungarn sind unbekannt. Französische unh englische Hilfe für ‘ Wien- Berlin, 1. Dezember. (Tel.-Komp.) Die französischen Syndikalisten und die englischen gewerkschaftlichen Organisationen haben, wie das „8-Uhr-Abendblatt" berichtet, ^-.Entschließungen angenommen, in denen die Negierungen ausgcfordcrt werden, tunlichst eine Hilfsexpedition nach Wien zu entsenden, um die dortige Bevölkerung vor dem Hungertode zu bewahren. Wilsons Instand. London, l. Dezember. Die „TimkS"^cldet au? New-Aork: Die Amte haben letzt-n Freitag dem Präiibenten Wilson die Erlaubnis verweigert, dm Senator Hitchcock nmerl'ch.>m empfangen, um mit ihm wegen der bevorstehenden Komproimßvertiandlrmg zwischen Demokraten und Republikanern zu beraten. Diese Entschließung der Aerzte hat beunruhigende Gerüchte zur Folge gehabt, aber der Sekretär des Präsidenten Turnulty hat diese Gerüchte sogleich dement ert. Er erklärte, daß die Rekonvaleszenz Wcki'ons zufriedenstellende Fortschritte mache.. Gleichwohl fühle er sich noch za schwach, um mehr als eine politische Unterredung.im Tag auf sich nehmen zu können. Senator Hitchcock wir demnach den Präsidenten erst in emilsin Tagen wieder besuchen. bei allen anderen kleineren Völkern (übrigens auch bei manchen großen Nationen) ‘ eine ungeheure Parteizerklüftung herrscht, so daß es mancher Großmacht gar nicht so schwer ist, eine nationale Gruppe gegen die andere konnationale auszuspielen. Daran kann manches Volk Zugrundegehen, eine Lehre, welche bei der unvermeidlichen Neuorientierung besonders die osteuropäischen Juden beherzigen müssen:'Sie müssen in zwölfter Stunde sich auf nationalsozialer Grimdlage organisieren, um in stetem Kontakt mit ihren Volksgenossen in den anderen Staaten einer der neuen Zeit angepaßten erfolgreichen Politik zum Durchbruche zu värhelfen Wie sich Minister Haller die Behänd' lung der Iudensrage vorsteLt. Budapest, 1. Dezember. (Privat.) Der Vertreter der Korrespondenz „Expreß* hatte mit dem ungarischen Kultus- - minister Stefan Haller eine Unterredung über die Lösung der Iudensrage in Ungarn, in der der Minister erklärte: Wenn der Präsident der hiesigen , jüdischen . Religionsgcrnernde, Fram S z e k e l h, sagt: ^Wcnn der Antiscmitrsmns in Ungarn soweit anwachsen fällte, daß die Juden gezwungen sind, auszu-- wanderil, so müßte man sie wie in Spanien wieder znrückrüsen, da si^ sowohl auf dem kommerziellen Gebiete als aus dem Gebiete ber Finanzen, letzthin auch in der Landwirtschast eine zu. bedeutende Macht gewonnen haben", so glaube er gerade deshalb behaupten, zu tonnen, daß die llngarü auch das Recht haben, diese llchermacht durch gesetzliche Maßnahmen zu schwächen und 'den Einflusr der christlichen Bevölkerung . entsprechend dem numerischen Verhältnis ' auch auf dem - wirtschaftlichG Gebiete zu sichern. Die Juden machen bei uns pur Prozent der Bevölkerung aus und dementsprecheud sollen sie auch, ihren kulturellen und wntschast« lichcn Einfluß geltend machen. An den Universitäten haben wir die Dxulglichkeit dieser Frage gerade in diesen Tagen zu spüre» bekommen. Hier machen die Juden über 60 Prozent der HoNcschast aus. Die antisemitische Bewegung ist dort so'weit gediehen, daß die judenfeindliche Horerschast mit Brachialgewalt die Znlasiuug' ihrer jüdischen Kommilitonen zu den Prüfungen.verhindert. Es muß ein Modus. gesunden werden, um wemLsirnZ den jüdischen Hörern, die bereits im Studium fortgeschritten sind,^ die Fortsetzung und Beendigung chicer Studien za ermöglichen. Es schwebt mr vor, daß eine aus Professor en und Hörern zusammen^ gesetzte Kommission die Reihe der Studenten einer Sichtung i& Rücksicht auf ihr Bechiiltms unterzieht. Aus die Frage, ob man in Budapest von e'n^r P o g r o m' g e ßa.h r - sprechen könne," erklärte der Minister: Gegenwärtig ' nicht mchr. Die Pogromlust war nur in den ersten Tagm-nar) , dem Züsammenbruch der Kommune und beim Sfeam der Ruurcir fi rege geworden. ' So sieht ein Mmisttr eines Staates aus, der sich bemühen sollte,, die KriegSschäden zu heilen und diesem Ziel unter Zu- - sammenfassung. aller wirtschaftlich aktiven Kräfte zrezüstreben. Er stellt nicht die Fähigkeit >n die erste Linie , der Betrachtung,, sondern die nationale Zugehörigkeit. Der Minister Haller will^ , ebenso wie. Rubrnek in Kccskemet, einen auf die jüdische Bevölkeruiig zugeschniitenen numsrns elnusus sowohl für die kulturellen wie für die wirtschaftlichen Angelegenheiten konstruieren: Aber diese Form der Zusammeupresiung der Wrrtschaft hat sich - noch nie gerechtfertigt. Sie hat lediglich dazu geführt, daß dir Lüge der Taufe noch weit m:hr in das öffentliche Leben erndrang als wie bisher. Aber das Ungarn von heute ist das von gestern gebltebm. Es hat von Unterdrückung ßetebt und will seine staatliche Existenz auch werter aus diese schwankende Grundlage stellen^ Habeat sibi! __ ^Freiheit" in An^arn. BuLapest, 1. Dezember. In Kecskemet hat gesterne Äne Wählerversammlung der Vereinigten Landwirte- und Bauernpartei stattgesunden, in der Ackerbapminister Rubinek als Abgeordnetenkandidat eins Programrnrede hielt. Er sagte unter anderem: Bek den Wahlen werden die auf ch r i st l i ch na t-io nalere Grundlage stehenden Parteien die entscheidende Mehrheit erlangen. Die Jude nsrage muß institutiv geregelt werden. Die Regierung ist entschlossen, den Numerus clausus einznführen/ damit d.ev christlichen Jugend die Judenschafr nicht sämtliche Berufe wegnehme. Innerster Reihe müssen wir die.Presse z u r ü ck e r o b e r n, welche christlich und national sein muß. Das englische Kapital wird uns unter die Arme greisen und wir werben mit englischem Kapitä'5 dieses Larrd zum Aufblühen bringen. — Wird der ' mumerus clausus auch für die „jüdischen" Bankeir gelten, die jetzt der Regierung Friedrich bas' nötige Kapital gegeben haben? Was die Beteiligung des. englischen Kapital« anlangt, so ' bezweifeln wir,' daßes an einer ' antisemitischen Gewaltpolitik wird haben wollen. — Die Red. Erfolge der Voljchewikeu. Moskau, 1. Dezember. (Fnnlspruch.) An der NordscM Plänkeleien. An der Wests:ont heftige Kämpfe bei Rar w a. Biele Falureuflüchtige der Judenitscharmre gehen mit chren Waffen zu uns über. An der Südsront, besonders zwischen Don und Wolga, cch'cbliche Fortschritte. An der Ostfront stehen die Truppen 5 Werst vor A k m o 1 i n S k. ^eit drei Tagen leistet der Feind an der Ostiront keinen Widerstand mehr. Du Nourupprn marjchrerrn hinter den Flüchtend»» segerc Osten ö