Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 310 (1.12.1919)
- Date
- 1919-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ohne eine Exekutive, ohne eine internationale Partei gibt es kein Völkerrecht, nur Völkersitten, deren Erfüllung vom Gutdünken deS Einzelnen aLhängt. Das Recht der Juden wurde in dem'von Polen ratifizierten Friedensvertrageausdrücklich hervorgehoben. Das verhindert nicht, datz nun am 20. d. M. im Warschauer Parlament vollständige Sonntagsruhe für alle Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der nationalen Zugehörigkeit beschlossen wurde? Die. Juden werden auf diese Weise gezwungen, den Sabbat zu entweihen, denn ein großer Teil wird wirtschaftlich außerstande sein, zwei Tage in der Woche daS Geschäft geschloffen zu halten. Der jüdische Handwerker, der Schneider, der Schuster, deren Tätigkeit sich ja, ohne Geräusch zu verursachen, abwickett, werden nunmehr am Sonntag nicht arbeiten dürfen. Ebenso wird es den jüdischen Kultusinstitutionen und Wohltätigkeitsanstalten nicht mehr gestattet sein, am Ruhetage der Christen ihre Wirksamkeit zu entfalten. Die Opposition 'der jüdischnationalen Vereinigung und die glänzende Rede des Abgeordneten Dr. Thon im polnischen Parlament half hiernichts. Die Verbefierungsvorschläge der - judischnatronalen Abgeordneten, wenigstens in jüdischen Kultuöinstitutionen und in Werkstätten die Arbeit am Sonntag zu gestatten, wurden einmütig abgelehnt. ./-**■?? Traurig ist es, daß der Beschluß der vollständigen Sonntagsruhe, die einen, schweren Eingriff ins wirtschaftliche und religiöse Leben der Juden bildet und einen, ernsten Verstoß gegen den Pariser Friedensvertrag bedeutet, von allem polnischen Parteien ohne Unterschied der Richtung -gefaßt wurde. Die schwarze Reaktion ging mit der radikalsten Linken hier Hand irr Hayd. Die jüdisch-polnische Assimilation erwies sich Aren ’ # | pH^Ü^Dbö^8ühr;er?-der Odzigldenrorräten im ehemaligen' ' Ruffisch-Polen, der Redakteur des Zentralörgans der polnischen Sozialdemokratie in Warschau, des „Robotnik", nahm unter Hinweis äüf die Notwendigkeit einer einheitlichen Front bei der Arbeiterschaft und kollektiver Teilnahme aller Arbeiter an den zuweilen am Sonntag stattfindcnden Versammlungen, Demonstrationen, Meetings; für eine rigorose vollständige Sonntagsruhe Stellung und trug wesentlich zu deren Verschärfung? beit? In der Kommission waren schon manche» Polen gu Konzessionen geneigt, was jedoch dieser Ueberläufer vereitelte. Dr. Hermann Liebermann, der m PrzemhSl von einer jüdischen Majorität gewählte Sozialdemokrat, -schloß sich seinem Kameraden an, so auch der Abgeordnete des Lemberger Ghettos, der Sozialdemokrat Doktor Di am and. Die konservativen Affimilanten folgten dem Beispiel. ^D'r. Steinhaus, der ehemalige österreichische Reichsratsabgeordnete, votierte ausdrücklich für die verschärfte Sonntagsruhe. Bernard Rauch, der Abgeordnete des jüdischen Stanislau, weilte während der Abstimmung in den Couloirs. ELrr INterview. Bon Ge,za-Felix (Paris). »Ihr Interview wird Aufsehen erregen!" sagte der Oberteufel verbindlich. „Ein Hauptschlager! Ungemein glückliche Jdeel Sehen Sie — aber Sie erlauben vorerst —." Er winkte dem Diener in? schwarz-roter Livree und übergab ihm meinen Hut und Mantel. »Wir haben Ihnen die - neuesten Einrichtungen zu zeigen!" fuhr er fort. „Und sind ganz auf der Höhe der Zeithalten uns stets auf dem Laufenden. — Gewiß! Sonst kämen wir, bei der heutigen Hochkonjunktur, bald ins Hintertreffen und — darf ich fragen, ob Sie etwas vermissen?" , »Meinen Winterrock!" sagte ich verlegen. „Die Temperatur —" »Was wollen. Sie, verehrter Herr! Die Kohlenpreise! Es ist uns schlankweg unmöglich, die ganze Hölle zu heizen. Der Waggonmangel — die Grenzsperre — ja, ja, so hat ein jeder seine Sorgen! WaK uns noch an alten Beständen blieb, sparen wir für Abteilung 1313 auf. — Wie beliebt? Ja, Abteilung 1313, Kriegswucher, Kettenhandel, Preistreiberei — — Hamster? Ach wo! Für die Herrschaften tuts das Fegefeuer auch; eine Abteilung, dre noch auf lange hinaus versorgt ist. Bolschewismus? Spartakisten? Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, verehrter Herr, wir haben, die berufliche Schweigepflicht. Zudem fließen da die Grenzen so sehr ineinander — ich erinnere Sie nur an den Begriff de- Hochverrate» — ach, unsere Väter hatten er leichter!" Er seufzte tref. „Ich verliere mich in Reminiszenzen!" lächelte der jOberteusel. „Ja, die gute alte Zeit! Also, wie aelaat. mehr . Wilsons Botschaft an den Kongreß. D^s SchMsal des FrieÄensvertrages. WafhrrrKtori. 30. November. (Funkspruch.) Senator H i t $ 10 «& hsröLs eine Längere Arrterredrmg mit dem Presidenten WiLf 0 n. -Es rst sicher, vatz sich diese Besprechung auf die Vorbehalte des Senators Lo d g e . und hmrpLsächlich ans die Möglichfccii der Annahme des einen oder des anderen BorÄshaltsZ bezogen hat. PrÄsidsnt Wilson bsschKftigt sich gegenwartizi znsamMsn mit Gentttsr HitcheoeL dsmrt, feine Botschaft an den Kon g r e tz fertigzrrfteKen, - worin er die durch den Fried-sirsvörtrag geschaffene Lage ausführlich behandeLn wird. In poMLfcherr Kreisen eeklürt man, datz das Schicksal des FriederiSVeL'Lrages sehr stark. Von der HaLtung des PrLsidenterr in dieser' Botschaft aSHKngt. MtLmatuW der BsreinigLeu StaatM an Mexiko. N 0 L L s r d a M, 30. November. Nach dem ^NreuWe - 'vRoLLerdamsche _ ConrMr" meldet »-Zentral News^' aus Washington: Die Vereinigten?Steraten haben n n M e x i k 0 ein ALLimatnnr ^adgeschiÄL. Die amerikanische Är sns e> 'n n d d i e L 0 t L e sind Lereit» . die Forderungen «ach Freilaffung Zu bemerken ist, daß sämtliche assimilatorischen Abgeordnete, mit Ausnahme von Perl und Liebermann, dem Warschauer Parlament nur kraft ihreS ehemaligen österreichischen ReichSratöMandates angehören. In Oftgalizien fanden aus leicht Wlarlichen Gründen keine Wahlen inS polnische Parlament statt. AlS Vertreter dieses Landteiles gelten die ehemaligen österreichischen Abgeordneten polnischer Nationalität. Das Judentum vom Jahre 10l$»19 hatte keine feigen Renegaten ins Abgeordnetenhaus entsendet. Die Stimmung der Mafien,, einmal von gewissenlosen- Hebern aufgepeitscht, wendet sich, jetzt, wo.die regierenden Kreise, einlenken möchten, oft recht hart gegcA die Juden. Die Lenker des polnischen Staates bekundeten letzteils die Absicht, die nach Einmarsch der Polen in Ostgalizien aufs Pflaster geworfenen jüdischen Beamten ,wieder in den Dienst aufzunehmen; dagegen beschloß jedoch die Eisenbahnerschaft der Stanislauer Direktion eine besonders heftige Resolution und drohte mit, Gegenmaßnahmen und Gewaltanwendung. Die autonome posensche Regierung lud vor kurzem eins ganze Reihe jüdischer Rechtsanwälte aus Galizien Wege» ihrer Kenntnis der deutschen Sprache zum Eintritt in de« Richterstand ein. Diese liquidierten ihre Bureaus und Kanzleien, gaben ihre Wohnungen auf und übersiedelten mit Sack und Pack nach ihren Bestimmungsorten im Herzogtum Posen. Die Volksmassen im Herzogtum wollten jedoch von jüdischen noch so assimilierten Richtern nichts hören. Die jüdischen Richter mußten nach Galizien zurückkehren. In Ostgalizien, speziell in Lemberg, entwickelt sich jetzt mit bedeutendem Erfolge ein neuer Typus von jüdischen Gymnasien. Die Jugend lernt hebräisch mit besonderem Fleiß. Der hebräische Verlag „Snunith" entfaltet eine rege Tätigkeit. Die selbstbewußte zionistische Jugend Polens organisiert sich jetzt in „Chaluzim"-Verbänden. Diese nehmen es mit der Vorbereitung zur Rückkehr nach Palästina ernst. Sekt dem Somnrer arbeiten sie als Bauern auf dem Land« und lernen praktisch die Agrikultur. Orrszar ist Royalist. 30. November. „Pefti Naplo" öffentlicht eine Unterredung eines Vertreters des Blattes mit dem Ministerpräsidenten über die Staatsform^ Der Ministerpräsident erklärte: „Die Frage der Staatssorm ist heute nichk aktuell. Ich bin R 0 y a l i st, wie auch nach meiner Uebevzeugung der überwiegende Teil des Landes. Mit der Frage jedoch, wer König sein soll, kann sich die Regierung jetzt noch nicht beschäftigen. Vorher muß eine ganze Reihe anderer Aufgaben gelöst werden, wozu in erster Linie die Bekämpfung des Kohlenmangels und die Behcbung der Lebeusmittelnot gehört. Meiner Ansicht nach, wird sich die Nation auf d i e S e i t e d e Sjenigen stellen, von dem das Land b £«. m ciste n R.u.tz?n z u e r warten h a V BiS dahin aber ist es besser, nicht neuen Zündstoff, in die politische Arena zu werfen. Ich schalte deShalv ganz offen und ohne jeden Hintergedanken diese Frage aus dem gegenwärtigen Programm der Regierung aus.! Wenn die Parteien auf ihre e i g e n e B e r a n t»j wortung hin eine Propaganda in dieser Richtung machen, mische ich mich n-rcht einj Aber ich werde darapf achten, daß seitens des Staate^ keinerlei derartige Aktion oder Propaganda betrieben werde Internationale Arbeitskonferenz. Haag» 30. November. Wie „dticuwe Couranl" aus Washington meldet, hat bic internationale Arbeitskonferenz mit 91 gegen drei Stimmen beschlossen, daß Kmder unter 14 Jahre» in Fabriksbetrieben nichtver wendet werden dürfen, außer in Betrieben, in denen Mitglieder deren Familie beschä tigt sind.' Enrstimmig wurde beschlossen, sür eine jährliche Untersuchung des! Gesundheitszustandes der Arbeiter in den einzelnen Fabnken ein» zutrctm. Mit 42 gegen 26 Stimmen wurde beschloffen, daß die auf der Konferenz vertretenen Regierungen Arbeuerinnen für die Zeit der Entbindung drei Monate Lohn auszahlen. als acht Grad können wir in der Vorhölle nicht erzielen. Hier, verehrter Herr — nach rechts!" Mein Führer trat einen Schritt zurück und ließ mir, ganz Weltmann, den Vortritt. Ich war «och ganz benommen .von der Neuheit des Auftrages, den ich erst nach langem Schwanken übernommen hatte. Ich stenographierte schnell die ersten Schlagworte — Knhlenpreise — berufliche Schweigepflicht -7- Waggonmangel — acht Grad — dann folgte ich meinem freundlichen Führer. Lange, rotgestrichene Korridore, in kleinen Abständen durch Türen unterbrochen: „Abteilung 1a, 1b, 2, 3 und so fort. Darunter der Name des Abteilungsvorstandes. An einigen Türen zwei Namen. „Ueberhäufte Ressorts!" erklärte der Oberteufel. Hier zum Beispiel: „Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten" — wir haben drei Kollegen hinemtun müfien und werden sie nächstens ablösen laffen. Die Arbeit wächst ihnen über den Kopf; die Herren sind schon hochgradig nervös. Nur ist die Auswahl'beschränkt; die Kollegen müfien alle lebenden Sprachen beherrschen. Er seufzte wieder: »Sie haben den Achtstundentag eingeführt — glückliche Menschen! Wir arbeiten wie die' Neger! Sechzehn Stunden! Mindestens! Auf Ehre! Wir kommen kaum zum Schlafen!" „Aber Ihre Zeit ist beschränkt, verehrter Herr, wir wollen uns hier nicht aufhalten. Sie müssen Ihren Lesern doch Neues bieten. Der letzte Anbau, modernste Konstruktion, bleibt ausschließlich Abteilung 1313 Vorbehalten. Wenn ich bitten darf — c* geht noch tiefer hinunter." Der Korridor senkte sich wirklich beträchtNch und die Temperatur stieg. Erst wurde eS mollig, dann Bureauwärme «nd schließlich heiß. Sehr heiß. Der Schweiß drang mir anS allen Boren. Die alten Koblenbestände mußten it»c$ recht beträchtlich sein. Daher auch die milde Nachsicht mit den Hamsterern! „Hier bitte!" Der Oberteufel streß die Türe auf und wir. traten in den Vorrauw. „Den Neuangekommenen wird das Nationale abverlangt; und sie können nicht lügen. Erste Qual! Denken Sie sich einen Wucherer, der nicht lügen darf! Dann erhalten sie ihre Nummer und werden sortiert. Hier sind zum Beispiel die Kettenhändler! Sehen sie diesen Dicken dort? Jeder Stein, den er hebt, geht durch hundert Hände und jede Handreichung macht ihn schwerer. Bis der Kettenhändler keucht, bis er vor Schweiß trieft! Dazu die Hitze —" „Eine wahrhaft höllische Hitze!" „Vor — züglich! Ganz vorzüglich! Sie sind entschieden. bei Laune, verehrter Herr! Den Preistreibern rechts hängen wir die Tagesration über dem Kopfe auf. Sie muffen dqrnach springen; und haben sie sich einmal an die Entfernung gewöhnt, dann rückt die Natton wieder höher, so datz sie stets nur einen kleinen Teil 7—" „Wie weiland TäntaluSl" Die klassische Reminiszenz schien den Oberteufel zu verdrießen. „In moder,rer Aufmachung!" sagte er geärgert. „In der allermodernsten! Wir nehmen das Gute, wo wir es finden Glauben Sie mir, die alten Griechen. — Auch bekam TantaluSs überhaupt nichts zu essen. Der Unterschied fällt doch in Um Augen!" «Gewiß! Natürlich!" „Die Wucherer in der-Mitte, die kompakte MajoritA (mein Führer lachte schallend und ich schloß mich aus Höflichkeit an), muffen alle Tränen, die ihrethalben floffen, mit goldenen Tüchern auftrockncn. Natürlich kommen üe damit nicht zu Stande, duS Material ist zu spröde/