Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 309 (30.11.1919)
- Date
- 1919-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kreis 40 KeNee tttn« fft SttRdbMo M Ha,»: .. ,x «w « » Ö'S’^r— gatbfaljrrig , » » „ 58.— . . . ..100.— ■’ Mit Pvftversand: . „t_ , - . LL S»-— Ur^ciiäl.rvis i , « 4 m B8*—** i M®*" tffti bU Tfltze<d^«o»akt . «elim »big, fit tf&AUAer «Bdöna*«. orgenMMg SM» ZeW ftviuttmtvatlon** pttift kü» v»» . , .X MW. •Vl*rt«!tair'*8 „ «W «jtaWXHrt« . . mW Q3«»tf5Jrtrtg » m 130.—» gtrtxiotüon n, tim; NW, Vc. «adorKraA» Nv. k»-« V»i»pt»»«v: Av«r<»kkva» «on 44NSS. Nsdaktia« '48818, #b S ffJtr atam>«4 Voftteatr Ji «r ft«. 15 0.6 oft WmUWilMWWiUM Nr. 309 Wien, Sonntag, den 30. November 1919 1. Jahrgang ■Säfk. Keine Bünduispolitik. —y Wien, den SO. November. Die Nationalstaaten, die das Oktobermanifest deS Kaisers Karl geschaffen hat, waren entgegen dem Willen 'dieses Staatsaktes von allem Anfang an entschlossen, ihre Unabhängigkeit recht deutlich zu dokumentieren. In dem Bestreben, die Tatsache der neu errungenen Freiheit ihren Völkern recht tief und unverwischbar einzuimpfen, Waren sie bis zur völligen Negierung aller Beziehungen gu Wien vorgeschritten, das sie ganz mit Unrecht als den Nachfolger des bureaukratisch-zentralistischen Oester- «ich onsahen. Diese Taktik beginnt jetzt nach dem ersten Jahr ihrer Uebung ihre schweren Schäden zu zeigen. Die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Staaten und Völker erweisen sich doch weit stärker als alle politisierende Eisenfresserei und die Notlage, in die Oesterreich geraten ist. wirkt auch auf die Nationalstaaten zurück und zwingt ihre Staatsmänner, sich mit dem Gedanken einer wirtschaftlichen Annäherung zu befassen. Diese Stimmung zwingt auch Dentschösterreich zu einer gründlichen, Revision seiner bisherigen Haltung. Der Staat hat sich einerseits zu sehr in die Rolle des Almosenempfängers und .Bittstellers hineingelebt, Andererseits aber doch eine auswärtige Politik getrieben, die ihm nur Mißtrauen eingebracht hat. Man hat sich eine Zeitlang angestrengt, den Antagonismus zwischen Italien und Jugoslawien auszunützen, um Südtirol der Republik zu erhalten. Aber das müßte mißlingen, weil die französische Politik darin und. in der zur gleichen Zeit betriebenen Anschlußpropaganda eine Stärkung Deutschlands argwöhnte. Man hat schwere Fehler gegenüber der Tschecho-rÄowakei begangen, die sich einmal sogar dis zum Abbruch per diplomatischen Beziehungen durch Prag verschärften.' Es ist 'deshalb gut> daß der Staatskanzler Dk' Rennerder 'jetzt das .Auswärtige Amt leitet, in seiner letzten Rede'vor dem Ausschuß für Aeutzeres die Richtlinien der Politik dahin festgelegt hat, daß die Republik nur Wirtschaftspolitik, Völkerbundpolitik betreiben dürfe. Unsere Politik darf kein anderes Ziel höben, als das der Neutralität. Diese Neutralität ist für jeden Bürger ein hohes Gut, da sie den Staat für alle Zukunft gegen die Gefahr schützt, irgendwie in europäische Verwicklungen zu geraten. Dre romantische Idee eines Bündnisses Oesterreichs mit der einen oder anderen Gruppe seiner Nachbarstaaten würde, wenn durchgeführt, die schwerste Gefahr für die Republik bedeuten. Bündnis ist Krieg, ist Gehenndiplomatie, Bündnis bedingt, ' daß die beteiligten Staaten die Freiheit des Handelns verlieren und auf die Bundesgenossen Rücksicht nehmen müssen. Oesterperch würde durch ein Bundesverhältnis mit 'beii Tschechen in einen Konflikt mit Ungarn und Polen, hurch ein Bündnis mit Jugoslawien in einen Konflikt' mit Italien geraten und möglicherweise' sogar gezwungen werden, in dem Streit zwischen Agram und Belgrad Partei zu nehmen. Ganz abgesehen davon, daß ein Bündnis uns dazu führen müßte, einen neuen Militarismus zu schaffen und eine unsere kargen Mittel noch mehr erschöpfende Armee zu hallen. Dr. Renner hat die Politik Oesterreichs auf den einzig möglichen Weg gewiesen und sich auch darin als der kluge Kopf gezeigt, als welchen ihn die Entente in Saint-Germain kennen und schätzen gelernt hat. Aber Las Streben nach einerausschließlich von wirtschaftlichen Bedingungen erfüllten Politik wird der Republik erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht, solange ihre Isolierung fortdauert. Wir müssen die engste wirtschaftliche Verbindung mit den Nachbarstaaten an streben und für die Wiedcrberstellung des durch den Krieg atomifierten großen Wirtschaftsgebietes Mitteleuropas eintreten, das den Anfang zur Bildung des europäischen Staatenbundes bilden würde, der allein in Zukunft eine so fürchterliche Katastrophe wie den Weltkrieg verhindern kann. Aber die Entente muß dies möglich machen, indem sie Dentschösterreich hilft, die Politik auszuführeu, die Dr. Renner mit den Worten umschreibt: Kohle, Brot und Arbeit. Die Entente muß Oesterreichs materielle Existenz srcherstellen und ihm Arbeit geben. Nur dadurch können ungesunde und gefährliche Phantastereien beseitigt werden. Aber eine solche Politik muß nicht nur ausgesprochen werden, sondern auch in das Bewußtsein des Volkes übergeben. Wenn Dr. Renner die Orientierung nach dem Westen als politische- Kredo ankündigt, dann darf seine Regierung kein Prinzip der Demokratie verletzen, die für alle öffentlichen Funktionen eine gesetzliche BasiS verlangt und für die die Freizügigkeit der üta IW Gebot Die Ententehilfe für Mitteleuropa. Oesterreich benötigt 30 Millionen Dollar. Amsterdam, 89. November. „Telegraaf" meldet ans London: In einem Leitartikel, der von dem Umschwünge der Stimmung gegenüber den ehemaligen Feinden handelt, .nennt die „Times" die Erklärung Lloyd Georges im Unterhause, wonach man die Wirtschaftslage Mitteleuropas durch umfassende Kredite bessern müsse, die wichtigste Antwort auf alle an den ersten Minister gerichteten Fragen. Das Blatt schreibt: Für Oesterreich sind bis zur nächsten Ernte 20 Milli» onen Dollar nötig. Die amerikanische, Regierung wird sich dem Werke der Barmherzigkeit nicht entziehen können, das in Mitteleuropa verrichtet werden muß. Insbesondere Oesterreich mutz von der gegenwärtigen Hungersnot gerettet werden. Man muß jedoch der Möglichkeit Rechnung tragen, daß die Vereinigten Staaten auf ihrer Weigerung verharren. Dadurch entsteht die dringende Frage eines engeren Znsammenarbeitens aus wirtschaftlichem Gebjete zwischen Deutsch, land, der Tschecho-Slowakei, Oesterreich und dem südslawischen Staate mit Unterstützung und Ermutigung seitens Englands und Frankreichs. Es ist eine Pflicht der Alliierten, mit der Wiederherstellung Mitteleuropas zu beginnen, ohne welche so gut wie keine Aussicht bestehe, daß irgendein Donaustaat wieder zu Wohlstand gelange. Auch der Lloyd George nahestehende „Daily Chronicle" begrüßt die Erklärung Lloyd Georges, daß Mitteleuropa durch Kredite unterstützt werden müsse. Diese Unterstützung werdet nicht nur den Alliierten, sondern auch den früheren Feindes, land, zuteil werden. Deutsch lrmd! lehnt dseFmedexunge« dev ~ " '.'EuteW' ad."-' -"" " Berlin, 29. November. Nus d'em Kabinett nahestehenden Kreisen vernimmt die „Deutsche Allgemeine Zeitung",, daß die Reichsregierung fest entfchloffen fei, in der Frage der Ablieferung von 460.600 Tonne» Dock-, Bagger- und Schiffsmaterial nicht « a ch z ug e b e n. Es handelt sich hier nicht um eine Prestigefrage, sondern darum, daß die Aufgabe des geforderten Materials Deutschlands wirtschaftliche Existenz schlechterdings unterbinde. Ebenso unannehmbar sei für die Reichsregierung die Klausel des Anerkennungsprotokolls, wonach es in daS Belieben Frankreichs gestellt wäre, jederzeit in Deutschland einznmarschieren. Die Reichsregierung, schreibt das Blatt, will den Frieden, aber nicht die einseitige Fortsetzung des Krieges. Als selbstverständliche. Voraussetzung wird es angesehen, daß die in Frankreich befindlichen Kriegsgefangenen zurückßefnhrt werden, so wie der FriedenSvertraS es Vorsicht und nicht nach den neuen DedÜMNgpn. Die fhtait$ieOe Hilfe Amerikas. Paris, 29. November. Nach hier eingetrosfenen Meldungen aus Washington hat sich dort ein Nationalkomitce für die europäischen Finanzen gebildet, um den europäischen Staaten die Gewährung langfristiger Kredite zu ermöglichen, damit sie in den Vereinigten Staaten Einkäufe vornehmen können. Deutschland verhandelt mit Sswietrrchland. , j j ZArich, 29. November. (Privat.) „Presse de Paris" berichtet, daß von deutscher Seite in Kopenhagen durch Vermittlung L i t w i n o w s mit den Bolschewiken verhandelt würde. '■< Vor einer polnischen Offensive gegen Rußland. A m st c r d' a m, 29. November. Die „Morningpost" meldet ans Washington: Die Alliierte« haben Polen ermächtigt, eine große Offensive gegen Sowietrutzland zu eröffnen. Die polnischen Militarsachverständrgrn hoffen, Moskau und Petersburg in drei Wochen befreien zu köjMy. .-- " <v\ | ' Bürgerkrieg in Mexiko. j Amsterdam, 29. November. Die „Times" meldet ans Texas vom 28. d. M.: Jn Mexiko ist der Bürger- : krieg auSgebrochen. Präsident Caranza ist aus der Stadt Mexiko geflüchtet. In Washington geht daS Gerücht um, baß der Abl brnch der diplomatischen Beziehungen zwischen den Ver- ' einigten gjptcit und MeM bMrstehc« Don der internationalen Arbeits-f Konferenz.!! In der letzten Sitzung der internationalen AtbeiKsi konferenz wurde die Errichtung eines ständigen inte« nationalen Arbeitsamtes besprochen, das sich am Sft des Völkerbundrates befinden soll und Material jeder Art in Bezug auf Arbeitsverhältnisse, Unzukömmlich! keiten, Teuerung usw. sammeln und für künftige Dev Handlungen redaktionell verarbeiten wird. Regierungsj Vertreter in dieses Arbeitsamt werden senden: Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Schweiz Spanien, Holland, Argentinien, Deutschland, Kanadi und Polen. Die Vereinigten Staaten und Dänemark haben noch nicht zugesagt. Die Arbeiter werden vertrete, sein durch Jouhaux (Frankreich), Ordegeest (Hoß land). Stuart Dunning (Großbritannien), Lind et quist (Schweden). Deutschland und Kanada sollen mh der Wahl ihrer Vertreter bis zur Nennung der treten durch die Vereinigten Staaten zuwarten. : Die Arbeitgeber haben genannt: Sir Ellen Smitl (Großbritannien), G u e r i n (Frankreich), P i r e l l i (Jt« llien), C a r t i e (Belgien), H o d a c z (Tschecho-Slowaketz Die Unternehmer der aderen Staaten haben noch Leim Namen verlautbart. Es sind jedoch Vertreter aller dre« Arten Plätze Vorbehalten worden, unter anderen «ruidj für einen deutschen Regierungs- und einen Arbeitevj Vertreter. China und Indien hatten gegen die List! protestiert, China dann seinen Posten zurückgezoge» Indien begründet seinen Probest damit, daß sich ta Völkerbundrat noch nicht wegen des ursprünglichen Kyo, testeS gegen die Driginalliste ausgesprochen habe. Tstt Vertreter der amerikanischen Lateinstaaten überreicht^ einen Gesamtprotest gegen, bas Unrecht, daß \m 20-amerikanischen Staaten mit 24' Vertrebern nur Hßy einziger in bas internationale Arbeitsamt gewählt W<M den sei. Dieser Protest wurde von -I u st i z .(Kubm und Garcia (Ecuador) in der Vollsitzung begründet und verlangt, daß die Liste geändert würbe, da fj§( latein-amerikanischen Staate« sonst gegen sie stimv«:» müßten. Hieraus erklärten auch die Dextreter @ü5Qt afrisaH, sich dem lycotsst anzuWießsw. /H 1 ,* Washington, 29. November. (Funkspruch.) Gestern wurtx Albert Thomas (Frankreich) zum Generaldirektor der internationalen Arbeitsamtes ernannt. -Der Grundsatz dq Anpaffang des Achtstundentages an die befondern Verhält» niffe der einzelnen Länder wurde endgültig gutgeheißen, daff Verbot der Beschäftigung von Personen unter 18 Jahren i« Industrien mit Nachtarbeit wurde beschloffen, und aller, Ländern der Beitritt zur Berner Konvention empfohlen, dü die Verwendung von weißem Phosphor in der Zündhölzchen>< erzeugung untersagt. Endlich wurde über den Ausschuß bericht beraten, welcher die Beurlaubung von Frauen sechs Monate vor und nach der Entbindung und die Gy Währung von Geburtsbeihilfen vorsieht. Lord Curzon über die Lage in AeghpLe». Lord Curzvn sprach im Unterhause über dst Lage in Aegypten und führte aus, daß die Landj bevölkerung vollLommen ruhig sei, nur die Arbeiter M den Städten seien wegen der Teuerung unzufrieden mtä benützten dies als Vorwand zu Angriffen gegen du Regierung. Im Frühjahr hätten die ersten Unruheij begonnen, die jedoch vollständig abgeflaut seien, bÄ plötzlich im Oktober die falsche Nachricht verbreitet tun»«* den sei, daß der amerikanische Senat die volle Unab^ hängigkeit Aegyptens anerkannt habe. Die Mission Lorlj Milners habe alle Ursachen der Unzufriedenheit zu t», heben. England denke nicht an eine AnnexÄ^ Aegyptens, sondern nur an die Schutzherrschaft, d es jedoch wegen des afrikanischen Ueberlandweges der indischen Landverbindung unhedingt aufrecht halten werde. Aegypten sei.weder genügend stark, noÄ genügend politisch entwickelt, um sich selbständig regiere^ zu können. Die Interessen Aegyptens und der Welt feieij durch die britische Schutzherrschaft über Aegypten ani besten gewährleistet. Jede politische Berbindit AMPtewr mit der Türkei sei ßür.immer. 8* 3 " 1 Im Oberhaus schilderte Lord Curzon dke'Dc^l in Aegypten. Die Bewegung habe wirtschaftliche Gründcl und sei hauptsächlich der Verteuerung der Lebenshaltung zuzuschreiben. Aber diese Agitation werde politisch aM geschlachtet und die ausländischen Sozialisten zögen daraus Dorteil. Die Regierung habe alles getan, m» berechtigten Ansprüchen der Arbeiter gerecht zu werdet indem sie ihnen bessere Arbeitsbedingungen zugeftchert