Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 298 (19.11.1919)
- Date
- 1919-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kreis 40 Heller »i«r «Mt Lüstrll««- tae Hau»; - Monatttch- . . .K S.- Kt-rt-lsShvks . . * 87,- Dttibfsirrta »,»„ SS»— SchNrtSlxvks . . . „100.— Mit Postversand: Monatlich. . K S.— pfortrliSHfffg . . * 27.- AalbfLisrig « BÄ«— «imttattrf tt . . . .106— Mr die Tscherbo-Elowalet aetten obige Beziiarpreis« K> tschkchilcher Wahrim». rrnrr (Sbtftltttmpltxs: Kreis 40 Heller V»»»»«evat1on«- pvtife für Sn» Arr«lrr»Sk Monatlich . . .L IM—« tU*rtdfaHr{e 60.-» ittlhrfHIttin . . . m 60,— Van'iachvirr . . „120.— Uodaiktion «. ASininiltra» tkon: Mien« IX. tzabovttrak» .®tr. - :r Tolepho,»L:?VJtminifrPistkon 44088, Nodaktkon 48819, ai» 6 lüft abondn rtn. 16801 Voftspavirasssn-Aönto N». 1A0.6&R SS Nr. 298 Wien, Mittwoch, den 19. November 1919 1. Jahrgang Elemeneeans Sieg. > —V- W ' c n. 19. Novnnber. Noch liegen nicht alle Resultate des sonntägigen Wahlkampfes in Frankreich vor. Aber schon jetzt ist erkennbar., daß die Wahlparole des nationalen Blocks „Gegen den Bolschewismus" sich kräftig durchgesetzt hat. Während im benachbarten Belgien die Sozialisten der bis hörigen unumschränkten - katholischen Kammermajorität ein Ende bereitet haben,, find.sie in .Frankreich geschlagen worden.' Gleichzeitig ist auch der .Action Francaise", der antisemitisch-reaktionären Gruppe, ein Sedan beratet worden. Sie konnte nur ihren lungenkrästig.sten Führer Leon Daudet ducchbringen. Die Niederlage der- Sozialisten war nach ihrer ganzen. Taktik und nach den NalliierungsbestreLungen im bürgerlichen Lager' zu erwarten. Noch in lecker Stunde hatte ein. Teil der-Partei fid> offen; auf Clemenceaus Seite gestellt und seinen Frieden gutgeheißen, während die Partei die Verweigerung der Heereskredite als Qppösitionsmaßregel beschlossen und sich in allem und-jedem auf-die Masse der kleinbürgerlichen Rentner gestützt -hatte, die durch die: pessimistischen Reden des Finanzministers Klotz über das verarmte Frankreich und über die ' mangelnde Zahlungskraft der Deutschen in Bestürzung geraten war. -Wenn;diese.Masse versagte und ihre Stimmen für den nationalistischen Block abgab,- .so hat dies Elemenceau wohl' in erster Lime seiner Agitationskraft, dann aber — Deutschland zu verdanken. Die Umtriebe-der alldeutschen- Monarchisten, die offene Hetze gegen den nun einmal unterschriebenen Frieden, die Unentschlossenheit der deutschen Negierung gegenüber der Reichswehr und den im Baltikum zum Einmarsch in Preußen bereitgestellten Truppen, die offenkundige Schwache Noskes, der zu. einem-.Gefangenen stzmer-''geworden ist, T das alles hat znsammtzngewtzkt, um die heillöse Angst des frcmzösischem Bürgers vor der Pickelhaube für die Chauvinisten . und Imperialisten - nutzbar zu machen, denen der. Friede von Versailles zu zahm erscheint und die am liebsten die militärische Besetzung ganz Deutschlands durchgestztzt hatten. '. - Auch die auswärtige; Politik Deutschlands, die mysteriösen Verbindungen Berlins mit Denikin und Koltschak haben Las Mißbehagen in Frankreich verstärken müssen.' Die französischen Politiker kennen aus eigener Erfahrung die tiefgehenden Wirkungen der Revanche- Idee.- Clemönceau und Poincare, die ewigen politischen Gegner, haben im Zeichen dieses Gedankens der Rache einander die Hände gereicht, um den Frieden von Frankfurt'zu zerreißen. Diese Ideologie hat sich, durch dos Treiben der Kriegshetzer an der Spree genährt, werbekraftiger erwiesenes alle Aufrufe'Bärbusses und als alle Mahnungen der auf einen dauernden Frieden bedächten Männer, die sich der nationalistischen Phrase in den Weg gestellt hatten. , . .; Der siegreiche nationale Block, der nun wieder die Verantwortung, für Frankreichs Politik übernimmt, ist ein seltsames Gemenge von aufrichtigen Fanatikern des Krieges, von Schwerinöustriellen, die neue Gewinne winken sehen, von klerikalen Republikanern und von Monarchisten. Alle vereinigt ein wütender Haß gegen Deutschland, aber auch eine tiefgehende Abneigung gegen England, dessen Politik schon jetzt an vielen Punkten, so betreffs der afrikanischen Kolonien und des Syrien- Problems in Konflikt mit Frankreichs vorgeschützten oder tatsächlich vorhandenen Interessen geraten ist. Vertieft-wird diese Verstimmung noch durch den in der Wahlagitation oft aufgetauchten Hinweis auf den Unterschied . zwischen den Opfern, die beide Staaten im Krieg gebracht haben. Der Wahlausgang in Frankreich, der infolge der moralischen Bedeutung Paris' als Hauptstadt der stets für ganz Europa von großem Gewicht war, ist diesmal in viel weiterer Beziehung richtunggebend für das nichtfranzosische Ausland. Der Sieg des Nationalismus läßt die Zukunst in keinem hellen Licht erscheinen. Er wird zunächst in Deutschland wieder den Nationalisten neues Stroh auf die Raufe schütten, dann aber allen Reaktionären der Welt ein neues Sammlungssignal geben, nicht zuletzt dett deutschen Schreiern, die es wieder leicht haben werden, dem Volk einzureden, daß es bedroht ist. Der Nutznießer aus alledem bleibt stets der reaktionäre Monarchismus, der die Krisen des Tages als jederzeit brauchbares Agilationsmittel willkommen heißt. Der neueste Sieg Clemenceaus trägt alle Merkmale des fortschreitenden Niederganges in sich, weit mehr noch als sein Sieg über Wilson auf der FriedenskonferenL. Hindenburg vor dem NrlLersUchrmgsMKMlch. BeEn, 18. November. Das Reichs tags geb äude war heilte in weitem Umkreis von einem' starken Aufgebot Sicherheitspolizei abgei'perrt. Kürz nach 10 Uhr trafen im Auto Genera lseldrnarschall v. Hind.enburg, General v. Luh e.ndorff und He l f he r ich vor dem Reichstagsgeb^iude ein, begleitet von einer starken. Eskorte .berittener Sicherheitssoldaten. Die Menge, die, im letzten . An genblick einen Teil der Absperrung dmcho^ocheu hatte, brachte den beiden Heerführern lebhafte; Oda t i v n e n dar. Nach Eintritt der Heerführer in Pas Rc ichstagögebäude wurden die Ansannnlunc-en von der Sicherheitswehr ohne Zwischenfall zerstreut. Der Saal der Untersuchungskommission war dicht gefüllt. Der Platz Hindenburgs war mit! Blumen geschmückt. -Der .Ausschuß hatte folgende i Fragen formuliert: J 1. Bon welchem Zeitpunkt an hielt die Oberste Heeresleitung di« Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkrieges am 1..Februar 1917 für unaufschiebbar und aus welchen Gründen? - 2. Waren der Obersten Heeresleitung. die Gegengrünbe gegen eine Eröffnung bef U'-B o otkrie ges, wie^ sie sich ja besonders aus den Ausführungen der"Unterstrc>tssekretäre v. Haniel und Albert ergaben, bekannt? Auswelchen Gründen hat die Oberste Heeresleitung die gegerl den uneingeschränkten - U-Bootkrieg Vvrgebrachten Gegrngründe als 'stichhältig nicht anerkannt? ' - - Z. Ans welchen Gründen nahm die Oberste Heeresleitung,' wie es sich. ans dem Telegramm Hindenburgs: Dom 23. Dezember 191G an den Reichskanzler ergibtan, daß der Fried'ensap pell Wilsons vom 21. Dezember 1916 „durch England hervorgerusen sek" , und nicht auf die. von der Reichsleitung angeregte Friedensaktion Wilsons zurückgehe? - . . .; 4. Aaren der Obersten Heeresleitung die einzelnen Stadien der W i l s o^.n s ch en>M^.t i g.nbekannt? .Waren, ihr insbesondere mn 8. Jänner 1.917, als" der Entschluß zur. Eröffnung des U-Bomkrieges gefaßt wurde, die Berichte des Grafen ScrnfftPfff aus der Zeit vom 21. Dezember 1916 bis 9. Jänner 1917 bekannt? 5. Hat die Oberste Heeresleitung angenommen, daß England bis spätesten s 1. Iul i. 19 17 zum Frieden gezwungen werden könne, wie dies in der Denkschrift des Admiralstabes vom 12. Dezember 1916 in Aussicht gestellt war? 6. General Ludendorff "berichtet in seinen! Buche, baß am 29. Jänner 1917 bei einer Besprechung im Großen Hauptquartier von seiten der Reichsregierung ein Aufschub des Beginnes des uneingeschränkten U-Bootkcieg-es nicht ins Auge gefaßt worben sei, während Herr v. B e t h m an n -H o llw e g in seinen Aussagen vor de«! Ausschüsse betont hat, er habe eine, solche Forderung gestellt. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die beiden Generale gaben Rechtsverwahrungrn gegen die Arbeit des Ausschusses ab, leisteten aber dann den Zeugeneid. Sodann erklärte Hrickrichztrg in Beantwortung der Fragen:? Als wir die Oberste Heeresleitung übernahmen, war der Weltkrieg bereits zwei Jahre im Gange. Die Ereignisse nach dem 29. August 1916 lassen sich aber nicht loslösen von den Ereignissen vor' diesem Datum, denn der Krieg, der 1914 zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn einerseits und Rußland, Frankreich und Serbien, bald darauf auch England und Japan andererseits ausgebrochen war, hat an Ausdehnung zugenommen. 1915. griff Italien, 1916 Rumänien an der Seite unserer Gegner in den Kamps ein. Der Krieg hatte kein Beispiel mehr in der Geschichte. Die Räume dehnten sich ins Gigantische, die.Truppenmassen nahmen ungeahnte Stärke an und die Technik gewann eine vorherrschende Bedeutung. Krieg und Weltwirtschaft griffen ineinander wie nie zuvor. Das zahlenmäßige Verhältnis der Gruppenkcäfte an Menschen, Maschinen, Munition und anderer: Hilfsmitteln war für uns, und zwar von Anfang an so rmgMffitz wrie möglich. Memals wogen der Wert der Imponderabilien des Krieges, die moralische Qualität der Truppen, die Anforderungen an die zentrale und lokale Führung sv schwer. Niemals war die. Leistling der Minderheit so ungeheuer als in diesem Kriege. Diesem Grundcharakter des Krieges hatte die Oberste Heeresleitung Rechnung getragen; auf ihm ruhte unsere Arbeit. Getragen von der Liebe znm Vaterland kannten wir nur ein Ziel: : daS Deutsche Reich uni» das deutsche Vslk, soweit Menschenkräfte und militärische Mittel es vermochten, einem guten Frieden entgegenznführen. Um diese gewaltigen Aufgaben unter den schwierigen Verhältnissen durchzuführen, mußten wir reu ini^rlchüuerlick'^n Willen zum Siege haben. Dieser Wille zum Sieg war aber unlöslich' He* bunden an den . ' Glauben an nn er gutes Nscht, " _ >. Dabei waren wir uns bewußt, daß. ir in dem uw» gleichen Kampfe u n t e r l i ege n müßten, wenn nicht die.' gesamte Kraft der Heimat, auf den Sieg..auf. den. Schlachtfelde eingestellt würde und die n>oralischen. < Kräfte von der Heimat aus erneuert werden. Der Wille zum Sieg, erschien uns nicht als eine Frage der-persönlichen Entschlossenheit, sondern als Ausfluß d es : Velksw.i lle ns. Hätten wir den Willen zum Sieg nicht gehabt, hätten-wir ihn nicht als selbstverständlich angesehen beim.-Volke, so hätten wir das schwere.Amt nicht übernommen. ,-Ein General, der seinem Lande ., den Sieg nicht erstreiten will, darf nicht das Konunando übernehmen, oder poch nur beim .gleichzeitigen Aufträge » zu kapitulieren. Einen, solchen. Auftrag hatten wir micht erhalten:, wir hätten auch bei einem solchen Auftrag die Uebernahme der Obersten Heerasleitung abge- . lehnt. Der deutsche Große Generalstab ist im Sinne des großen Militärphilosophen C l a u se.w i tz erz-ogem - Wir sahen den Krieg als die Fortsetzung der.. P o l i ti k m i t nr i l i-t ä r i s ch e n M i t te.l n an - Unsere Friedenspolitik hat versagt; wir wollten keinen. Krieg: und bekamen doch den "größten., Der deutsche Kaiser wollte, ihn nicht, die Regierung.; wollte ihn nicht und der. Große Generalstab, erst recht:] nicht, denn er erkannte so gut wie jemand sonst unsere unendlich schwierige Lage - in, einem Krieg gegen dir- Entente. Daß . die nülitärische'Zentralleitung auch/aus '. die Möglichkeit eines unvermeidlichen Krieges, vorbr-! reitet war, um -dann ihre Pflicht gegenüber denk V.ater-'". lande zu tun,, rst selbstverständlich. Dazu war sie' da. Sie war verpsli'chtet, als' einM'rieg' unverrnerdlich "war, - alle uns nützlichen Ehanoen aüszunützen. Wir betrachi teten es als unsere vornehmste Aufgabe, einen Krieg durch militärische Mittel so schnell und günstig als möglich zu -beenden, .üm es der Neichsleitnng zu ermöglichen, die Geschicke des Landes wieder mit den nor- . nralen Frredensnritjeln der Politik zu bestimmen. Diese Auffassung ist natürlich nur maßgebend für die Führung ' des Krieges und bedarf keiner Erörterung. ' " '. Im Feld kriege kam die Erkenntnis dazu, daß h«s Uebergewicht -«'Feinds >an Ledr.Ai.Em iMÄ ioüem Material groß war, daß der Verlust an allen Werten etn> beispielloses Ausmaß - gewinnen mußte, daß auch bet - dem relativ günstigsten Kriegsausgang diese; Schwächung einem unglücklich verbau- : fenem Kr iege gleichkam. Wenn schon die Liebe; ziem Vaterlande nick» zum Volk uns zwang, den Krieg möglichst bald zu beenden, so wurde dieser Zwange noch dadurch verstärkt, daß wir wußten, was wir vom Heere, der oberen und niederen Führung, nicht zuletzt . vom Manne im feldgrauen Rock zu . fordern h.atten und was sie geleistet hatten. Aber trotz der ungeheuvr-U!- Ansprüche an Truppen und Führung, trotz der'-zahlennräßigen Ueberlegenheit des Feindes konnten wir den Kämpf zu einem, glücklichen Ende führen, wenn Me geschlo ssene und einheitliche'.Zufammenw i r k u n g v o n Heer u n d H e i m a t. eingetreten wäre. Darin haste:! wir das Mittel zum Siege gesehen, den zu erreichen wir den besten'' Willen hatten. Was aber geschah nun? Während sich beim Feinde trotz seiner Uebeilezenheit ein Zusammenarbeiten all« Parteien, und Schichten zeigte, so daß sie sich inp Willen zum Siege immer fester zusammeuschloisen, uitM zwar je schwieriger unsere Lage wurde, macbt-'n sich' bei-uns - . - - Parteitnteressen geltend. Die Heimat hat uns von diesem Augeuvt.cck.aN!. nicht mehr unterstützt. Seit dieser Zeit setzte auch -je heimliche Zersetzmrg vo» Heer uns Flotte! ein. Die Wirkung dieser Best.ebungen war mir während'! des letzten Krieg Wahres nicht veröo gen geblieben. D^ie \ braven Truppen, die sich von der revolutionären Einj Wirkung freihieltcu, hatten unter der Einwirkung schwer j zu leiden. Unsere Forderung, strenge-Zucht und strenge i Handhabung des Gesetzes durchzusühren, wurde nicht I erfüllt. So mußten unsere Operationen mißlingen, so mußte der Zusammenbruch kommen. Die Revolution bildete nur den Schlußstein. Ein englischer Gencral sagte mit Recht: Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.. Mo. die. Schuld liegt, bedarf Kv'.n.