Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 297 (18.11.1919)
- Date
- 1919-11-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vor dem Reichstagsgebäude demonstrierte die. von der Reaktion verhetzte Mittelschul, und Hochschuljugend für die Monarchie und gegen die „Judenregierung"; Hjndenburg, der von Ludendorff geschlagene Feldherr, stand plötzlich \ im Mittelpunkte von Ovationen, die eigentlich nicht seiner Person, sondern dem Hohenzollerschcn Regime galten. Man verhinderte ihn, vor dem Untersuchungsdusschnß zu erscheinen und seiner Zeugenpflicht zu entsprechen. Im Ausschußzimmer selbst schritt - die monarchistische Fronde zu einer spitzigen Provokation. Helfserich verweigerte dem ihm vernehmenden Nnabhängigen Dr: Cohn die Antwort und ließ sich davon auch durch eine Mutwillensstrafe nicht abbringen. Er gah als Grund seiner Haltung an, Dr. Cohn habe mit russischen Millionen die Revolution' in Deutschland finanziert. Dr. Cohn konnte diese Erzählung sofort als Lüge entlärven. Das russische Geld hatte er im Interesse russischer Kriegsgefangener verwendet und das zu einer Zeit, als die Revolution in Deutschland längst in Gang und Wilhelm bereits geflohen, war. Herr Helfserich kehrte sich aber nicht an diese Aufklärung, der Vorsitzende des Ausschusses. Herr Warnnckh, legte seine Stelle nieder und der'Ausschuß vertagt^ sich. Gestern trat er wieder zusammen und Helfserich gab melancholisch zu, ein Persehen in der Taktik habe das. Schicksal der Welt etiijifjicbcn. Ein/Vrrsehen in^dev'Mktik! Der Versuch zur^SpreugunA'des Ausschusses war' diesmal, mißglückt. Drs wohlüberlegte s Spiel wird''Her foMesetzt' Werdens sä 'lange, bis die Revolution, niedergeknüppelt werdest kann. / "'st ' .! Daß der Plan in voller Entwicklung begriffen, ist. zeigen zahlreiche . Symptome. Wie ri> Oesterreich und in Üngarn ist ein Zusammenarbeiten zwischen Kommumisten und Monarchisten deutlich beuwikbar. Gewaltsam herbeigeführte Streiks, 'Putschversuche und Straßen» Unruhen erschüttern die öffentliche Ruye. eine ins matzsose steigende Judenhetze, die vomiechts kommt, soll das Vertrauen in die öffentliche Sicherheit vernichten und die von der Republik 'geschaffen.' ihrem Einfluß aber, rasch entzogene Reichswehr, hie unter dein Vcsehl reaktionärer Junker steht, soll den Goneralsiurm auf die Republik einleiten, der dann st die im Baltikum angesammelten Landsknechthaufen, deren „Rücktransport" hevorsteht/ den Todesstoß geben- Men. So äst's ausgeklügelt und so wird's wohl versucht.werden. Ob die Urbeiterschaft, die die Revolution allein, zu verteidigen haben wird,, auf. den.< Barrikaden genügende Kraft und innere Geschlossenheit besitzen wird, davon hängt das Schicksal Deutschlands und ganz. Europa« ab.. Wird sie geschlagen,' dann gerät das deutsche Volk wieder unter hie Fuchtel der Annexionisten und des imperialistischen Pottesgnadentums. Das aber bedeutet wieder ein Heiteres. Ansehen der Hungerfessel durch die Entente, neue Wirren, neuen Krieg. Der Gewaltfrieden vov Versailles beginnt zu wirken V , ' , Diese Entwicklung, die jeder leicht voraussehen konnte, nur nicht die Staatsmänner der Entente in ihrer kindlichen Unkenntnis der politischen Stimmungen Umelenropas. kündigt .sich auch schon in Budapest gxL' Dort sind vorgestern die weißen Soldaten Horthtzs eimnarschiert,. deren' ganz offen verkünhetes Ziel, die - Aufrichtung der Monarchie ist. für die angeblich der - größte" Teil der bürgerlichen Gesellschaft Ungarns gewonnen wurde. Man kann' verstehen, daß alle anständig und loyal denkenden Menschen mit @Sel und Verachtung an die Diebe und Räuber Bela Kuns denken und eine Wiederkehr solcher gesellen verhindern wollen. Ab?r daß sie den Teufel mit Delzebub auStreiben und Ungarn in die Hände der verbrecherischen Oligarchen mit, ihren profitlüsternen Bankern und Geschäftsadvokaten, 'Hasardeuren unk Koxteschagenten liefern wollten, entspricht einem pölitischeu Sadismus, wie er. bisher nur auf dem Balkan mhause war, der sich allerdings durch die freundliche Hilfe tzer FrietzenSkonferenz über ganz Mitteleuropa ausgedehnt hat. Vollends unverständlich aber ist der Jubel, mit dem diese Truppen von der Budapester BTölketung .begrüßt wurden. $*8 sind doch dieselben Offiziere, die in allen Teilen Europas verprügelt wurden, die vor kaum einem Jahr von der Piave davongelaufen sind, Marodeure und Plünderer, die den Namen des früher SotirrNMscher Wahlsieg in BeWen. Paris, 17. November. (Korr.-Bur.) Nach den bisher bekannten Wahlergebnissen in Belgien, haben die Sozialisten eine überwältigende Mehrheit.gegenüber oeir Katholiken und besonders gegenüber den Liberalen errungen. Die neue Kammer wird mit aus zwei Parteien, „ einer starken sozialistischen nnd einer katholischen Minderheitspartci, bestehen. > Die WThZen in' Paris, 17. November. (Fimkfpr. des Korr.-Bur.) Die Wahlen sind in vollster Ruhe verlausen. Tie Listen der republikanischen Union haben an vielen Orten Vorsprung vor den sozialistischen. Im Departement Seine et Oise ist die Liste Tardieu an der Spitze,.im Tcpariemcnt Obcrrhcin die Liste Wcttcrle mit einer festen Mehr» heit gegenüber den Svzialistcn. In Metz zählt die Liste des Generals Maudhuys 60 Prozent der Stimmen. Paderewskr tritt zurNckr. hat demikNaniert. Warschau, 17. Noveniber. (Privat.) Die. Gerüchte über den bevorstehend cnNücktritt des Ministerpräsidenten Padcrcwski verdichten sich. Die uationaldemokratische Presie behauptet, das; das Expose des Ministerpräsidenten seine Position gschwächk;habe. ' Der neue Ernährung, minister SliwinZfk hat seine Demission gegeben und ist aus Warschau abgereist. Der HLnLenbzrrg-RAMmel irr Berlin. Line militärische Parave vor der Wohnung des Marschalls. Berlin, 17. November. Wie die, Abendblätter 'MMn, erschien "heilte eine Ehrenkompanie des Freikorps Lützow mit klingendem Spiel vor der Wohnung H i n d e n b u r g s. Auf die Meldung des Führers der Kompanie trat Hindenburg entlilößten Hauptes' heraus und schritt die Front der Truppe ab, die hierauf im Daradelnarsch an Hindenburg vorüberzog., ^ach einer Erklärung von zuständiger Seite sei anzunehmen, dast es sich hier um ÄnMörige des ehemaligen Freikorps Lützow handle. DiePolizeib^amten hinderten den Llnmarsch nicht, da sie glaubten, daß es sich um einen offiziellen Akt hmrdle. „ Wie amtlich gemeldet wird, betrachtet der Neichswehrminlster das Vorgehen des führenden Offiziers als Eigennlächtigkeit und hat Maßnahmen gegen ihn ergriffen. wohlgelittenen. Magyarentllms zum verhaßten Symbol -der Unterdrückullg gemacht haben. Sie führen die Gentry zurück, die den Krieg erzwungen, verlängert und verlören hat. Sie ziehen in. Budapest ein, nicht nach einem Sieg über die Numönen, sondern nach deren von der Entente erzwungenem Abmarsch? Aber sie kommen aus einem dreimonatigen Krieg gegen unbewaffnete Juden,! haben ihre Nerven in dem Stahlbad der Pogroine erholt;! ihre monarchistische Gesinnungstüchtigkeit, die im Krieg tausend Galgen gebaut hat. ist jetzt durch die Ermordung von Sozialdemokraten und — deutschen Bauern in Westungarn aufs neue besiegelt worden. Grund genug also, sie in Budapest mit Blumen und Kränzen zu ehren. Grund genug auch für die Wiener Reaktionspresie und die mit hohenzollerschem und habsburgischem Geld^ arbeitenden Demagogen, sich der Hilfe zll freuen, bie aus dem nahen Osten kommt und irgendeinen Kaiserthron wieder aufrichten will. Hier in Wien vereinigt sich alles, um dieses glorreiche Ziel zu erreichen: die durch die Not, durch Krankheit; Hunger und Kalte verschärfte Angst der Bevölkerung, die Ziellosigkeit der Entente, die Schwäche einer, jeder sicheren Orientierung' baren, zwischen den ' Extremen taumelnden Regierung, wütender Fremdenhaß, tzix Maßlosigkeit russischer Politisierer und die Gedankenlosigkeitdeutschnationaler Heldenjünglinge, die sich einen Platz in der Walhalla-Bierbrauerei erkämpft zu habeil glauben,' wenn sie einen Mann mit langem Bart und langem Rock anspucken. Und die Resultierende aus diesen Komponenten soll — so hofft man — die Wiederkehr jener Zeit sein, in der Oesterreichs " Menschen „mächtig durch des Glaubens Stütze mit weiser . Hand" in die Massengräber geführt wurden. Berlin '—Budapest wäre die erste Etappe, Wien die zweite. Der Schluß wäre dann Prag.^Und im Etappenwesen hat sich die Garde der Kaiser rmd Könige stets sehr gut aus'gekannt. Kommt die Ehose noch einmal? Die Wirkung der Reden Wilhelms. HrlfforiHr- „Ein VerfEhen fttfcötr Taktik hat Äcrs SchiÄW der Welt bestimmt."; ■ Berl n, 17. November. In der. Umgebung des! Neichstagsgebäudes hatte« sich heute vorrnittags mrehrere hundert Personen in Gruppen eingefmrden/ ßüt größeres Aufgebot von Sicherheitspolizei hielt die direkten Zugänge zum Neichstagsgebäude frei. Der .Uüdräny^ $tt‘ . der Sitzung war sehr stark. Staaisserretör Hel.jf.eri chs hat sich wieder eingebunden, ebenso der bisherig^- Bor« sitzende WarmutH, der auch weiterhin MitgsÄ Hess Ausschuss bleibt. . ' jj Vorsitzender Gothein eröffnet die' Sitzung mit einer Erklärung, in der er auf Grund des seinerzeitigen^ Beschlusses der Nationalversammlung neuerdings sest< stellt, der Untersuchungsausschuß habe lediglich ' dsu Charakter einer parlamentarischen Enquetekommission^ Dieser Beschluß seiunbedingt verpflichtend'für ällÄ' -Mitglieder des Ausschusses, ebenso, aber auch für alle Zeugen. ,-s , ' Dr. Sinzheimer fuhrt aus, die- Ztzernsrage. se^ und bleibe, warum das letzte Mittels des U-Bootkrieges, eingesetzt und warum nicht durch eine Erklärung über. Belgien eine letzte Friedens karte' ausgespielt wordeu sei. -Nur dadurch konnten wir bei den Gegnern bett Willen zu Verhandlungen schaffen, auf den "allein e% angekommen sei. Be th mann-Holl weg erwidert, eine > ErWrrmg über Delgierr tn dem Augenblick, wo die Entente, uns . Fr io d e nZ'-> bedilrgungen .'-'steM,l--.-eeirre -ZertvllGüWülrg' Deulschtcmds beceulelen, wa're pockitisichln nklug gel wesen. Deshalb habe er es damals nicht getan. Später! sei ein Augenblick gekommen, wo er im Begriffe war» ein.'-solche Erklärung öffentlich abzugeben, weil er diesen Augenblick für psychologisch richtig hielt, -st) , Dis. Helf ferich teilt >rnit: Wir hatten Wilsoy.. unter der Hand mitgeteilt, daß wir Belgien nicht annektieren würden, und Wilion hat diese MitteiluNL aföS höchst wertvoll ausgenommen. Trotzdem kam darauf die Senatsbotschaft vom 22. Jänner. ' Dr. Sinz he im er: Die Erklärung: Wir annek-s lieren Belgien nicht, genii-fle eben nicht. Das Ausland? konnte verstehen, daß-wir Teile von Belgien annektieren^ wollten. Außerdem war ja wiederholt offiziös erklärt worden, daß wir Garantien hahen müßten, daß wir! Belgien wirtsch-astlich, politisch und militärisch in die! Hand bekommen müßten. Unter diesen Uwständem konnte diese Erklärung nach Washington ke in et be-st freiende Wirkung haben. «- Vorsitzender G o t h e i it erklärt, BechmannDoll-f weg habe gesagt: die Fassung des Friedensangebotesst wäre ein Kompromiß gewesen und dadurch wäre seine-, Wirkung^ beeinträchtigt worden. Dazu komme noch, diel Rede des Kaisers in Mühlhausen vom 13.Dl>! zember. .. i Helffcrich: Ein Versehen in der Taktik! 'hat das Schicksal der Welt bestimmt. Unsere Friedensangebot ist und bleibt eine. NuhmpstaL 5e4’ deutschen Käisers und des deutschen Volkes. | Dr. Sinzheimer: Durch eine Jnchistkre^ Lion ist ' / die R^de des Kaisers durch baS Wolffsche Telegraphenburoau ins Ausland: verbreitet -worden und auf die Wirkung dieser Redef im Ausland ist zweifellos die Ablehnung unsereÄ Friedensangebotes mit zurückzuführen.^ / . j Konsul Müller: Wir haben, beim Holssschen- Purean ' wegen der Kaiferrede nachgeforscht. Es hat^ sich kein Anhaltspunkt dafür finden lassen, daß . bontz Auswärtigen Amt ein« Mitteilung über diese Rede^ an bas Wolffsche Bureau abgegangen : ist.. Das O riginal des Telegramms mit der Kc.iservede, auf welchsZf hin die^ Rede an daS Ausland, weüerg^geben wurde, ists bei der Besetzung des Wolffschrn Bureaus j durch die Spartakist»« abhanden gebammen. (Allgemeine .Hetter'seit.) Dr. Helfserich erwidert, daßbei' Wilson eine'' Völlige B:rständnislosigkcit für die deutschen Lebens-', bedingungen Vorgelegen habe, Wilfosi erkannte daS; VernichtungSprog'-amm der Snkn»r nicht als ein solches^,! Wenn ich. sagte Retziwr. de« Wilson von DersailleKs > schon gekennzeichnet habe, so. woije ich daraus hin, daß!