Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 293 (13.11.1919)
- Date
- 1919-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber JEeile Ostpreußens wie auch über.Oberschlesien, dessen Kohlen» bergwerke eine Lebensfrage für Polen darstellen, wird ein Plebiszit entscheiden. Eine Volksabstimmung hat auch nächstens über das Schicksal von Ostschlesien, üher das Karwiner Revier wie auch das Tefchener Gebiet zu'entscheiden. Der Haß gegen die Tschechen ist in Polen speziell wegen der Patzschikanen und Revisionen an den Grenzen Tschechiens in Oderberg und Lündenburg sehr stark. Ein Krieg gegen die Tschechen wäre ia Polen höchst populär. \ Im Osten steht das "polnische Heer im vollen.Kampf mit den Bolschewiken. Der Krieg hat hier noch einen frisch-fröhlichen Charakter. Es wird in keürem Schützengraben gekämpft. Die TotungSmittel entbehren jeden raffinierten Charakters. Den einander begegnenden Gegnern geht jede höhere Kriegstechnik ab, die eine so schauerliche Höhe im Ringen des „zivilisierten* West» und Mitteleuropa erlangte. Die Polen haben gegenüber Großrußland ihre Grenzen bis BobrujSk und bis zur Derchinä tief nach Weißrußland vorgetragen. Gegenüber der Ukraine haben sie nach dem Zusammenbruch der Ukrainer chn Zbrucz an der ehemaligen Grenze der Monarchie 'Halt gemacht. Wegen der Zugehörigkeit OstgalizienS ist bis heute noch nichts Definitives entschieden. Die polnischen Blätter Bringen darüber die widersprechendsten Nachrichten. Aus denn Ghaos der Mitteilungen ist zu entnehmen:^ Frankreich ist für die AngliederUng an Polen, die anderen Ententemächte nehmen «ine schwanSendtz Haltung an, dcnken an.eine löjahrig? provisorische OkkupcEoy^ worauf ein-Plebiszit folgen soll, - speziell Englands Haltung in-der ostgalizischen Frage ist eine s§arf antipolnifche. England, das in Memel Fuß faßt, die Ostsee» länder alS eigene Interessensphäre ansieht, im Kaukasus die Naphthaquellen militärisch beherrscht und bei Kronstadt seine Marine und Truppen-kämpfen läßt» muß sicherlich weitgehende Pläne mit Ostgalizien und seinem Petroleumrevier haben. Die Bahnverbindungen über . das ehemalige Nord- «ngarn, Orlow, Lupkow usw. sind jetzt völlig unterbunden, die Lunnels zugestöpft, vermauert. Ueber Deutschland gibt eS Herzeit' noch leinen Verkehr nach Polen. -Das einzige Fenster nach Europa besitzt Polen nur in der Nordbahnlinie, woraus sich die . polnischen Bestrebungen nach Jtiternationalisierung fcfcr Nordbahnlinie erklären. Nach dem Innern ist das Gefüge Polens noch immer recht locker. Das ehemalige - Preußisch-Polen separiert sich häßlich von den westlichen Teilens die einst zu Oesterreich Und Rußland gehörten. Die Verwaltung befindet sich im ehemaligen Preußisch-Polen fast noch gänzlich in den Händen der bisherigen Dureaukratie und es wird auch in Posen messt immer noch'deutsch amtiert.- Die Gerichte betrachten im ganzen Herzogtum Posen noch derzeit die deutsche Sprache als Amtssprache. Die Posener Notare stellen ihre Urkunden tn deutscher Sprache aus. Beschwerden gehen noch immer an das Appellationsgericht in Leipzig, da der Friedensvertrag SJoit de» zwei Pole» der J«dr»fei»d« fchaft.- Bon Abrshastr Schwadron.*) Zwischen zwei Polen pendelt der Judenhaß: - Zuerst gast edel gilt^rr dem Hersch, dem Leib, dem Meyer, dem Sch mul. Dieser steht außerhalb der arischen Gesellschaft als Mensch einer anderen Welt, einer besonderen — sonderlichen Kaste und tragt immer seim.Ghetto mit sich, auch wenn ein solches lim Sirdtplan nicht mehr vorhanden ist. Er bleibt nach Namen, Sprache und Exterieur jedem Schusterbuben, Lausbuben, Lumpenbuben kenntlich, so dessen Hohn auSgesetzt, besset: ihn auf sich ziehend und dessen Püffe und Steinwürfe. Der wahrhaft einsichtige Arier aber — einerlei, wiediel eS solche in einer Stadt oder einem Lande gibt — hält sich zumindest passiv von derlei fern oder er greift aktiv' dagegen ein: Er hat Mitleid mit dem „Jud" oder, übt Gerechtigkeit gegen ihn; er schützt de« Armen, der ihm fremd entrückt bleibt, dev durch Schranken, Hindernisse, gleichsam Stacheldrpchtfelder, von ihm getrennt ist, der nie in seine Gesellschaft kommt, ibn nie. stört. Des Schmul Abstand vom gebildeten Arier ist zu groß, als daß da ejne Spannung von beträchtlichem Potential entstände. Die' sind Disparata. Um sich vor dem Gassenbuben und den vielfältigen formet, seiner Belästigungen oder Schläge zu schützen, entfernt der Sohn oder Enkel de» Hersch die PcjeS, legt , den Kaftan «b, kleidet und frisiert sich europäisch, spricht die ®) 9 m» dem morgen erscheinenden Indischen Rationalkalender. Almanach für daS-Iahr 8880, hcrauSgegcben von Otto Adele» und Ludwig Bato. Dir komm«; auf diese Hindenbirrg vor dem Anter? suchUttgSKASskhAtz.. EhrenkoMpastnie am- Bshühof, — Truppenparade. — .Masters HEchter!" PrügelfzeneK. Berlin» 12. November. (Korr.-Bvr.) ist GeneraLfeldmarschM v. H l « % » n. hm *.**, der vor dem ANreLfvHvkHÄskÄ V'. eiKvernommen rverden foK, Fm Bahnhof war' e i n e E h r e rr'k s m p a g.ir i e' ausgestellt. H'niöeuburg begrätzts zunächst General' Lud e'u d v r f f und , tu anderen zum Emp-an^e Erschienenen. Gas Publikum brachte H o ch r u f e auf Hindenburg aus. Auch beim Verlassen des Bahnhofes wurden dem Feldmarfchml stürmische Ovationen bereitet. H!ndenbur^ schritt die Front der Ehren Kompagnie ab und nahm den Vorbeimarsch der Truppen entgegen. Sodann begab er sich ins Hotel. Wie die Blatter melden, kam e§ nqch der Abfahrt des Feldmarfchalls zu P r L g e lsZenen» weil einige Personen von .,M a s s e n s ch l ä ch t e r" sprachen und Hochrufe auf die InLernationale ausbrachten. Die Ordnung wurde von den KsMStzKschautursoldaten wiederhsrLestellt. Die BMHervZken sn AMeriKa, . Paris, 12. November. (Korr.-Bur.) Aus Washin Lau wird gemeldet r Anläßlich, des Jahrestages des Lolfchetvikifchen Staatsstreiches in Rußland batten amerikanische B o l s ch e w i k e n Anternehmungen geplant, welche dre SL ch erh eiL z u gefä hrden schienen. Die Regiernng l»at st r e n g e G e g e nmatzregeln getroffen. AuLaussrrd anTeri° Lauische Pölichewiken sollen verhastet worden fern. Mehrere tausend MLogramm revoLuLrouärer Drosch 2 ren wurden beschlagnahmt. Man glaubt^ daß der Ksn 'retz ein- Gesetz beschUetzM werde, das die Einreise nach Amerika sehr erschwert. noch nicht ralisiziert wurde und völkerrechtlich Posen noch dem Deutschen Reiche angcyört. NüS Rücksicht auf dar dominierende Amtsdeutsch im Posenschen wurden in der letzten Zeit zahlreiche jüdische Advokaten aus Galizien wegen ihrer Kenntnis der deutschen Sprache zu Richtern im ehemaliges Preußisch-^ Polen ernannt. Das Herzogtum Posen hat seinen eigenen Landesminister, der selbstmrdig und von Warschau unabhängig administriert. \ DaS aus Posen rekrutierte Heer trägt eigene Uniformen. DaS Poscnsche Gebiet hat in Berlin eine eigene. =T herrschende, die feine Sprache des Landes: Es ist dies, mit etwa Hcriaann als Uebergang, der Heinz oder Edgar oder Harry. Viele Lausbuben erkennen ihn nicht mehr und hat er .Geld oder Fähigkeiten oder „Geist", so wird er im Bürger- Hub oder in der Advokatenkanrmer oder int Arbeiterrat vom Parade, und auch Normalgoi — stichelt diesen nicht Konfeinfühlige Arier dagegen hat jetzt Gelegenheit, diesem seiner Händ^ lassen das nicht zu. DaS Ponem, die Nas' und Europäaner überall zu begegnen und kein Ort, wo Nrchtjuden zusannnenkommen, ist vor ihm sicher, auch die Kirche nicht, oder diese erst recht nicht. Die jüdische Anpassungsfähigkeit und Klugheit dieses Emporkömmlings suchen ungebärdig seine äußeren Lebensformen denen der „Anderen" lüpfelchenstreng auszugleichen — aber die Tradition fernes Kopfes, seines Herzens, seiner Stimme, seines Tonfalles, seiner Hand' lassen das nicht zu. Das Ponem, die NäS' und das Kraushaar assimilieren '.sich lange nicht so leicht alS Wunsch und Wille und Nock und Frisur. Diese fremde, ckonpülsiv anglcichungSsüchtige Art und Unart muß aber auf den feinnervigen Arier peinlich, rau^ritzend wirken. Weil diese Art, die seine verhunzte Art ist, weil dieser vnpaßling dem Arier seine eigene Grimasse, Fratze ist, weil diese Spezies in ihrem Ükcnst dem Ari,ec seine Gesichter schneidet —>der AntisemitiNnruS oder AsemitiSmu», dr^. ehrlich gesinnte, ersteht!; Je mehrder Jud^ dem Arier beinahe gieich wird, eine dest» größere Dissonanz scheuckt den differenzierter fühlende« Arier von ihm. Darum wirkt %. B. auf viele Ursprung»» fl«rke Deutsthe die Heinesche Dichtung trvmnieifellzerreißend und die „Inden in der Musik" sind ihnen ein Greuel; Bialik AÜVI« l*M« lUtMMtt UM w4C»i)Ui »nk *••<& W*A von her deS sonstigen Polen getrennte dtplomafische Vertretung^ . Die preußischen Polen haben nur das eine mit dem westlichen Polen gemein, daß sie Vertreter im Warschauer Reichstag, im Sejm haben und dort sine führende Stellung einnehmen. Der Marschall des polnischen Reichstages ist.Trompczyndki, ehemaliger deutscher ReichZtagsabgeardneter-, Der Führer der Nakionaldemokratie ist der ehemalige deutsche Äbgeördnete Korfanty. Sie bringen.in den polnischen Reichstag.jenen Junkergeist hinein, der ernst Preußen der ganzen. Welt" gegen- . über verhaßt machte und nehmen auch eine intolerante Haltung den Juden gegenüber ein. Einer jüdischen Deputation gegenüber, die unlängst bet ihm vorsprach, und darum ansuchte, dis - Sonntagsrube nicht auf den ganzen Tag erstrecken zu 'lassenda ohnehin die Juden den ganzen Sonnabend rasten, und ihre Werkstätten und Geschäfte gesperrt halten, erklärte er uuum» 'wunden, er. werde das Ansuchen der Juden nicht befürworten. So wie Posen sträubt, sich, auch Galizien mit Händen und^ Füßen dagegen, in der allgemeinen polnischen Staatseirchelt' aufzufiehen und seine ..österreichische" Sonderheit aufzugebe«. Galizien will nicht von Warschau aus regiert werden. Im ersten Eifer waren EinverleibungSversuche im Gange,, die bie polnische Liquidationskommission hätte vollstrecken sollen, dann wußte die Warschauer Regierirng in eine Errichtung, einer Cxposrtur des Approvisionierungsministeriums in Kräkctu einwilligen. Seit dem 15. Oktober amtiert schon wieder d»e Statthalterei wie früher in Lemberg. Das Verwachsen mit Kongreßpolen scheint für die Gebiete, in tzenen die deutsche Kultur bald anderthalb Jahrhunderte saß, eine Sache-der Unmöglichkeit. In Kongreßpolen gibt es überhaupt keine Berufsintelligenz. Die duldete die russische Tyrannei von bodenständiger Herkunft in. Polen nie. Polnische Beamte gingen nach Großrußland und russifizierten sich' sehrrasch. ^Die .jetzt an den. Pegietzrngsstsllen. amtierenden'Beamten auch der höchsten RangSklassen sirtd'-fast ausnahmslos, infoferne sie nicht aus Galizien stamme«, Menschen ohne jede' berufliche Fähigkeit und in übevwiegenden Fällen auch ohne jede Bildung. DaS Warschauer. Parlament besteht in der Mehrzahl aus Menschen ohne Mittel» schulzeugniS. Mehr als hundert Abgeordnete sind selbst de» . Lesens und Schreibens unkundige Bauern. Zahlreiche'Polen in Galizien sind der Ansicht, der Körper Polens werde so lange siech bleiben, bis der VerwaltungSappacat des Reiches. irgendwo andershin, etwa nach Krakau oder auch nach Posen, übertragen wird. In organisatorischer Beziehung ist Polen. cnrch. sonst schwach. DaS Kornland Polen hat jetzt für die Städte kein Brot. Brotkarten gibt es in den meisten, selbst größeren Städte« nicht. DaS Nahrungseldorado ist zu Ende. Der. Dauer will nicht verkaufen. Der Boden des Großgrundbesitzers, wurde zu großen Teilen, speziell in Ostgalrzien, nicht bebaut- Das Gelüste der fabelhaft reich gewordenen Bauern nach dem Besitze des Adels, das^ in der Abstimmung, daß kein Mensch mehr als 300 Morgen Böden besitzen darf, seinen Ausdruck fand, lähmt jede intensive Anbautatigkeit und schließt > In» vestitionen aus. Der Bauer arbeitet, auch wenn er nur 20 Morgen besitzt, kaum ftir die Ausfuhr in die Stadt. Was noch Polen in Fülle hat, das ist Butter und teil- Voltslied nicht. Und dies nicht nur> weil jener Angepatzte, als ein fast Gleicher, sich dem „Andern" um so aufdringlicher, ungehemmter, nähern zu dürfen glaubt. Es läßt sich da yämlich auch auf eine-gewisse Analogie mit der Dissonanz beim Zusammenklang zweier Töne Hinweisen. Solange bekanntlich ihre. SchwingungSzahlen weit differieren, ruft der Zusammenklang kein unangenehme Empfindung hervor. Werde« ° aber hie zwei Töne annähernd, aber nicht völlig gleich-hoch, so beginnt man bei einer gewissen kleinen Differenz ihrer Schwingungszahlen eine unangenehme Rauhigkeit zu empfinden, die sich mit sinkendem Unterschied steigert, bis bei einem bestimmten Minimum der Differenz ein MaximuÄr der Dissonanz eintritt. (Theorie der Schwebungen.) Und die Schmerzlichkeit dieser Dissonanz wächst natürlich mit der Verfeinerung der Empfindlichkeit und diese mit der «ll. . geruein in der Welt stets größer werdenden seelischen Differenziertheit. Der Rolf ben Siegmund ben Chajirn muh so dem feiner Nerviertcn unter den Ariern immer widerlicher , werden. - - Da also kommt die Entscheidung^ dad Sich-Entscheide«: Ob. einer ehrlich sein will,-indem er Hersch heißt (natürlich ist hier überall unter dem Namen die ihm. entspreche»!»« Gesamteinstellung gemeint), so vom guten Arier gut gelitten^, da für aber vom Gassenbuben verhöhnt, belästigt wird; »d«r ob er^sich durch Mimtkry schützt. Hein,, HanS, Hellmut hetW, sich nv-top kleidet, vorn Kellner und Portier mit unttv» tär.igstem Respekt behandelt wird, »ber alle« Gut« M Greuel bleibt. — Und ein »ritt«» gtSt t» allerdings: «ch dieser Unentrinnbarkeit von der Linie zwischen de» Polen zu tiesst und schrnerzlichst bewußt werde«. Somit'