Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 289 (9.11.1919)
- Date
- 1919-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nun wird schon seit zwei Monaten referiert und relationiert, in den Bureaus der 'Zentralkommission in Paris häufen sich Gutachten, Berichte und. Referate. Aber die Hilfsaktion kommt nicht vom Fleck. Die Kommission hat sich ganz das alte, divtornatische Verfahren zu eigen gemocht, bei welchem man vor lauter Bäume den Wald nicht sieht. Sie hätte bis häute schön zu-festen Entschlüssen kommen müssen und diese Entschlüsse hätten schon längst in rettende Tat umgesetzt sein können. Wozu referieren die Unterausschüsse voch werter? Es ist nicht nötig, noch länger Beratungen niit den Vertretern von Berufsschichten abzuhalten. Jeder Dlonsch, der durch irgendeine Straße einer mitteleuropäischen Stadt geht,-sieht so viel, daß eine weitere Expertise unnötig ist. - Und wenn nun in Paris berichtet wird, was geschieht Weiter? Die Friedenskonferenz steht vor ihrer Auf- Mung. An wen werden die Berichte der Unterausschüsse geleitet? .Welche Stelle ist kompeteirt, ihre Ausführung onzuordnen und -zu überwachen?- Gibt es eine solche stelle'überhaupt? Es scheint,- als ob . diese Frage zu verneinen wäre. Der Oberste ,Rat hat die Aufgabe, Frredensverträge. abzuschließen, das heißt zu bestimmen, pni; welches Gebiet die besiegten Staaten kleiner und jl’rrf welche' Summe sie ärmer werden - sollen. Gewiß Weht die, Friedenskommlssion /aus warmfühlenden Mesischen,. aber sie sind' vosit;'&m Armutsviertel Europas so weit entfernt, daß das Elend zu ihnen nur 4us Akten spricht oder die' Rvt -rlirer Heimat redet iWer 'zu ihnen. Liegt nicht Mfmevceäu datz von den AstLenbirrgoffizierLn rasierteGebiet Nordfrankreichs. nAer, ist ' nicht Belgien — unperschüfdet, vom- Krieg verwüstet, worden? - M': Das kann aber natul-iich " kein Argument für - eine -Verschiebung des Hilfswerkes sein. Entweder man bekennt sich üneingschränkt und vorurteilslos zur Menschlichkeit oder man tut es überhaupt nicht. Auf jeden 'Fall aber ist eS ein Zahler, wenn Wien, feine Sache vollkommen auf-nichts Hellt und jede eigene Tätigkeit unterläßt. Man hält sich m- Wien noch immer für den Mittelpunkt der Welt, man glaubt daran, daß die Entente-in'ihrem Bestreben, eine Stätte der Weltkultur zu schützen,-einzig und allein nur ,Wien denken tonne. Aber weiß man in Wien, daß me Entente auch mit Berichten über die fürchterliche Lage p?r türkischen Bevölkerung überhäuft wird? Man gibt .sich in Wien keine Rechenschaft darüber, daß sich die politischen Schwierigkeiten der neuen Nationalstaaten ebenfalls nur aus ihren wirtschaftlichen Krisen herleiten. Gewiß ist die Not Wiens außerordentlich. groß. Es ist sv weit gekommen, daß die Kindes in den Spitälern vor Hunger und Kälte sterben. Aber .daran trägt neben der Pariser Diplomatenmethode auch die mißglückte politische UoNstruktion Oesterreichs Schuld. Die Lebensmittel Ahns kLpnten zum größten Teil aus den reichen Ländern herbeigeschofft werden, die ihrerseits mit ihren finanziellen Bedürfnissen auf die Wiener Kassen angewiesen ftnh. Es wäre nicht nötig, daß Wien in eine Krise gärat, weil in Jugoslawien durch einen Streik die Geleifx verstopft sind und die LehenSnnttelzüge aus Triest sticht.rollen können. Die Entente brauchte sich nicht besonders anzustrengen, um die Landesverwaltungen von Salzburg und Linz an ihre Pflicht zu erinnern. Wenn sie dom durch seine Valuta, Lurch Wäggonnot und die Durchschneidung der lebenswichtig sten Eisenbahnadern isolierten Dentschösterreich wirklich helfen will, dann brauchte cs keines schwerfälligen I-urcaukratischen Apparates, sondern bloß einiger Männer der Tai. Wir haben in Wien gesehen, wie rasch und heberst Herr Hoover eingegrifsen hat, um wenigstens einem Teil der Kinder ein bißchen warmes Essen zu schaffen. Einige solche hKänner, die nicht aus der Schreibstube, sondern aus dem praktischen Leben selbst kommen, würden genügen, hie Absperrung der Länder und Bezirke anfzuheben, die mörderische Sabotage des Staates chnrch die Landbevöl-. kyrung abptsteklen und durch vernünftiges, nicht von Politik beeinflußtes Verhandeln mit den Nationalstaaten Kahle und Waggonnach Wien zu bringen. Vielleicht würde dann die Vettwrai« von Wien weichen und die Mergie der Arbeit wieder erwachen. Die Pariser herrisch österreichische Vertretung an die Entente. Eine Bitte um Hilfe gegen Pavis, 7. Novembrr. (Verspätet emgctroifcn.) Aus Anlaß der Verschärfung der Kohlen- und HungerkatastropheinWren wurde sofort nach Emlangen der Nachricht hierüber bei der österreichischen Vertretung in Paris m später Nachtstunde rin de lügender Appell an die Machte gerichtet, der ihren Vertretern in der NeparatronSkommlssion noch vor der morgigen Sitzung vorliegen wird. Die betteffeuben Noten sind an den Präsidenten des O b e r ft e n R a t e S. an den Präsidenten der Nepalationskonnnission, den franwsi'chen Minist-cr L o u ch e u r und an den a m e r l k a n i s ch e n, den englischen und den i t a t i schen Beltrcter ergangen. Es wurde m nachdas Killte- «md Hungerelend. drücklicher Weise die Bitte um Hrlfe gegen das Kälte- 'und; Hungerelcnd gestellt und aus die schweren Gefahren hirrgewiese»,' denen bie LcbensmöglichkeU eines tüchtigen Volkes und der soziale Friede ausgesetzt sind. - Die Reparatrorrskommission. . Die Reparationskom Mission hat gHerw vormittags mit den Vertretern der Kriegsgetreidevexkehrsanltalt und dem Gesandten des jugoslawischen Staate S eine Sitzung betreffs der Lebevsmtttelversorgung Wiens gehalten.! ' Noske über die Lage in Deutschland. Berlin, 8. November. In einer von der mehr-? Yeitssvzialislischen Partei einbcrusenen Versammlung in Chemnitz erklärte Reichswchrminister Noske, daß von der Erfüllung der Aufgaben, die ihm gestellt worden i seien, das Schicksal von mehr als 6 0 Mil I io ne n Me u; che n abhänge. Aus dein Bewußtsein dieser ungeheuren Verantwortung erkläre such sein Handeln. In Berlin, wo! 160.000 Manschen arbeitslos auf der Straße liegen, j suchen Narren ober Verbrecher durch einen wahnwitzigen Generalstreik Unheil zu stiften. Er habe fest zugepackt und gegen Pe sonen. die zu einem Verbrechen gee« bas deutsche Volk auffordern, Haftbefehle erlassen. In Besprechung der-Finanzlage ^agle Noske: Einstweilen müsse das ganze deutsche Volk,, mü^e jeder Einzelne sein Leben darauf einftellen, daß weniger verbraucht und mehr gearbeitet/werde als vor dem - Kriege. Pflicht der Fährcr sei es', dem Volke die Wahr- - heit zu sagen. Wer den Leuten etwas anderes sagt, sei nücht Führer, sondern Verführer. Sodann erklärte Noske: An polirischen Rechnen ist alle) erreicht worden, | was wir erstreb.en. Aber mit. politischen Rechten allein r bringt man kein Brot auf den Tisch. Wir haben die j Sozialisierung auf eine andere Weise emgeleichk:. JE diesem W in er werden dem Reichstage Gesetzesvo.rlagew zugehen, nach denen die großen Unternehmer mit75Poo--. zent besteuert werden. Die Besitzer großem Unter«! nehmungen. werden tatsächlich damit zu besser bezahlte« Angestellten ihrer Getriebe. , 5 Die völlige Sozialisierung kann erst erfolgen, weM das deutsche Wirtschaftsleben wieder Blut und LÄ>enl hat. Einstweilen ist es Aufgabe der Arbeiterschaft, dafü^ zu sorgen, daß die großen Rechte, die ihr mit denff; Bet«iebsrätegesetz in die. Hand gegeben worden srnd^ vernunftgemäß an gewendet werden. An die Weltrevolu««;. tion. schloß Noske, glaube ich im Augenblicke' nichts un>) wenn sie kommt, kann sie uns nicht helfen^ .Eine; Revolution in Amerika müßte zur Folge haben, daß Millionen von Menschen bei uns mit dem Tode be-s droht werde». Auch ich bin der Ansicht, daß-die Arbeiters Parteien sich wieder zusammenfinden werden und müssend Das wird von selbst kommen, wenn wir Erfolg habend In einer sodann einstimmig angenommenen QstriN schließung wurde der Mglerung und dem Reichswehr-! minister vollstes Vertrauen ausgesprochen, Tschechische RMMalVersaMMlung. Meister Benesch über de« Frirde«»vertrag. — Die Bestech«ngsaffLre ZirM Prag, 7. November. In der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung ergriff Minister des Äetlßern Doktor Denesch daS-Wort und führte unter anderem aus: Leider muß man feststellen, daß die Friedenskonferenz. nicht das erzielte, was sie wollte. Die Idee des neuen politischen europäischen und Weltsystems, daim Völkerbund äu-gedrückt ist, ist vorläufig l«ur ein theoretisches Thema geblieben. Nach den Friedensverträgen von Versailles und Saint-Germain, durch die gerade das pangermanifche System entwurzelt werden sollte, stehen wir in Europa vor einer nicht geklärten politischen Situatton. Die ganze auswärtige Politik aller Staaten ohne Ausnahme ist durch Erwägungen der inneren Politik diktiert und darnach bildet sich eine besondere politische Konstellation in ganz Europa. Unter diesen Umsiäuden verfolgen die Westmächte mit außergewöhnlicher Änfmeclsainkeit nicht nur unsere künftige Politik, sondern auch die Aussichten, die wir ihnen ^bieten können, und inwiefern sie mit uns und mit den anderen mrserer Nachbarn rechnen können, um die Konsolidierung in ganz Europa rasch herbeiführen zu können.; Aber zugleich bemerke, ich, daß unsere Lage.bedeutend besser ist als die derjenigen, die sich in gleicher 5lage befanden. Mit allem Nachdruck mutz hier festgestellt werden, daß der Friedensvertrag mit Nngirrn vor unserer?lbreise aus Paris in der Tat bereits fertig war. Alles waS im Prinzip im österreichischen FriedeuSvertrag enthalten ist. besonderbezüglich der Verkehrs-, Finanz- und Militärfragen, ist auch in dem Friedensvertrag mit Ungarn avfgenomrnen. Mit Rücksicht auf unsere Slowaken,, besonders bezüglich der ungarischen Grenzen, ist es wichtig, hervorzuheben,' daß die Bestimmungen der Friedenskonferenz endgültig, sind. Man kann leider an ihnen nichts zu unserem Vorteil, aber auch nichts zu unserem Vorteil ändern. DeS weiteren muß betont werden, daß laut Note vom 21. Juni 1919, die Ministerpräsident Clemenceau der magyarischen Räteregiccung und außerdem auch amtlich alten Staaten, namentlich den Nachbarstaaten Ungarns, übermittelt hat, alle Schäden, Verwüstungen und Gewaltakte, die 'an Personen oder Eigentum in der Slowakei verübt wurden, durch die magyarische Regierurrg gutgemacht werden müssen. Der Minister schloß: Die Mestmächte haben die Völker in Zentraleuropa birher nicht für ferilfc Silier gehalten. Sie behaupten, daß diesen Völkern der Vinn ftr das Weltmännische und für die Objeküvität fehle. In diesem Mime jmuteUe» sie pnK namentlich nach der rvückßtzrstlichen Seite. Diesbezüglich müssen wir uns von dem alten Erbe Oesterreichs befreien. Gerade die Ratifikation der Friedsns« Verträge muß uns vom Standpunkte der auswärtigen Politik dazu führen, vom breiten europäischen Gesichtspunkte nicht nur die nationalen Minderheiten bei uns, sondern auch unsera Nachbarn, mit denen wir ein nedeS Leben beginnen müssen/ zu beurteilen, seien es di.e Magyaren, Oesterrercher, die Polest; oder andere Nachbarn.! ' DaS HauS beschloß sodann einmütig die Ratifikation Id»; Friedensvertrages. Ministerpräsident Tusar sprach sodann über die wirtschaftlichen und die Ernährungsschwierigkeiten und mahnte zst intensiverer Arbeit. Wir sehen, sagte er, zwei Großstädte,- wo das Elend in den schrecklichsten Formen zutage tritt: > . Wien und Budapest. Bei uns wird nun das Getreide um jeden Preis angekaust werden, m»d der Schmuggel dorthin geschieht bereits in solche» Fornren, daß die.Regierung gezwungen war, die radikalsten Maßnahmen treffen, um Misere Grenzen besser zu schützen. Wenn wir dm Grenzen öffnen wollten, wie wir es alle wünschen, würden wir diesem Schmuggel Tür und.Tor öffnen. ES wird heuer ein böser Winter fein, aber nicht bloß für unS, sondern für alle Staaten Europas, ob groß oderklein. Ich appelliere nochmals an alle, sich nur ein Ziel vor Auge» zu halten: Um jeden Preis den ruhigen und ungestörte» Gangder 'wirtschaftlichen Maschine zu sichern, damit unsere Entwicklung sich in Ruhe und Ordnung vollziehe. , , . In der , » Angelegenheit Jirak nahm Justizminister Vcsely daS Wort und führte aus: Jira? wird beschuldigt, der Person des Ministers Denesch und nicht, für den Dispositionsfonds 20 Millionen §lroncn angetragen zu haben, um den 3^'inistcr zir bewegen, daß er gegen das zwische» der Präger'Kreditbank und den holländischen Banken abzu-- schlietzcnde Zuckergcschäft nickt Stellnng nehme,' Außerde« wurde dem Sekretär des Ministers,. Dr. Strimpel, als Be»', stechnng enn ßroße Arczahl von Aktien der Prager Kreditbank angebote» -£*< gerichtliche Untersuchung wird schnell geführt, lieber - h. * Angeklagte ist vom UttiersnchnngSrichter: die Unterfnck«n-«haft verhängt Warden. DaS Strafverfahren Wird bis zu allen Konsequenzen dnrct>ge.sühri werden, und eS wird auch nach etwaigen. Nkiischuldigcn eifrig nachgeforfcht. Die Regierung wird in diesein an» in jedem anderen Falle mtt. «Iler Strenge gegen die Korruvli»n Vorgehen. Außerdem h»t sich beranSgeriellt, daß Jiraf-Pesckäite betrieb, dio sich rm der Würde seiner Lieuung nickt tvetrugeu. Die NoiionalvrrsavuLlung LvurdL stdanv ans den lb.N»-- pember pulast. fi