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Wiener Morgenzeitung · 1919-11-08 · Heft 288 (8.11.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 288 (8.11.1919)
Date
1919-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Regierung wünscht offenbar, das Interesse der Parteien, daS sich ihr. zudiel auf dem heiklen j Gebiete der Außenpolitik konzentrierte, auf das Feld der j inneren Politik obzulenken, wozu der Wahlkampf, der schon j hn voller Schärfe zu entbrennen beginnt, reichliche Gelegenheit j htetet, aber es ist trotzdem fraglich, ob ihr dies gelingen wird. , Man hat sich in Italien allzusehr in der Rolle des Siegers gefallen, politische Parteien und Presse wetteiferten vereint in, einem, durch schöne Worte verbrämten, aber darum mcht minder bedenklichen nationalen Annexionsgeist, der Italiens Zukunft nach den geschichtlichen Traditionen zimmern möchte, hie wohl eine gewisse sentimentale Romantik erzeugen, aber sich Wenig um die politischen Wirklichkeiten kümmern. Jedenfalls? kann, der Wahlkampf in Anbetracht der völlig neuen Wahlordnung die größten Ueberraschungen bringen. Charakteristisöherweise haben sich Politiker wie Sonnino und Barzilai völlig aus der Politik zurückgezogen. In der Kampagne wird hie außenpolitische Frage nach wie vor ihren Platz behaupten und namentlich der nationalistische „Fascio", der die natio- Haler» „Maximaliften" vereinigt, wird für Skandal ausgiebig > sorgen, und dem Ministerium Nitti den Boden heiß zu macken! suchen. Auf der anderen Seite betritt Giolitti die Arena, der j seine neutralistische Politik in einer großen Rede vertreten | hat, ht. der jedes Wort der Selbstverteidigung eine Anklage j hes JnterventionismuS bedeutet, eine geharnischte Erwiderung! GalandraS hat nicht lange auf sich, warten lasten und die Ayäge der KriegSnotwendigkeit füllt post festunr die endlosen Spalten der italienischen Presse. i Der künftigen Hammer harren, bedeutende Aufgaben: ZtohieuS WirtschaftSlLbon. mutz den. gar nicht leichten -Ueber- 'gcknA' ML Friedenswirtschaft ftndey)'-welcher manche Erschütterung mit sich bringen wird, ein neues Steuersystem wird für die Stabilisierung des Staatshaushaltes zu sorgen Hrcken. Die WirtsckcstSlage Italiens ist keine leichte, t, t Küpikakbildung ist auf einem toten Punkt angelangt, die Staatsschuld 'übersteigt bereits die Höhe von 60 Milliarocn und wird noch bedeutend größer, fein, bis der Krieg endgültig Liquidiert sein wird. .Der Fehlbetrag, m der Handelsbilanz des letzten Halbjahres beträgt 7 Milliarden Lire und die Anpassung der. während des Krieges kchpssal emp arge wachsen en Kriegsindustrien an die Friedenswirtschaft bildet eine nicht seichte Aufgabe, da diese auf Einfuhr von Kohle und Rohmaterial angewiesen sind und ihre Ausdehnung für den Heimischen Bedarf zu groß ist. Auch die Einfuhr von Lebens» t Mitteln ist während des Krieges in Anbetracht des agrarischen iNharakters deS Landes unberhältnismäßig angewachsen. Gm besonderes Kapitel bildet die sozkalistische Strömung, welche ein deutliches Anwachsen des Radikalismus zeigt. Hiervon gibt der jüngst m Bologna abgehalteue Sozialisten» köngroß ein deutliches Bild. Unter den mehreren Strömungen, die auf dem Parteitag hervortroten, siegten die »Maxima« listen", die auch bisher den Parteivarstand und den »Avanti" inne hatte. So hat /der italienische Sozialistenkongreß eine Tagesordnung heschlofsen, die eine Wendung zum Bolschewismus und den Anschluß an die dritte Internationale bedeutet. Bedeutsam bleibt hierbei, daß trotz aller theoretischen Grundsätze die parlamentarische Betätigung der Sozialisten beibehalten werden wird. Also schärfster Radikalismus, aber mit Kompromissen. Wie die Dinge in Italien gegenwärtig liegen, droht trotz, hem der ruhigen Fortentwicklung des Landes die größte Gefahr pon nationalistischer Seite. Auch Ist nicht zu übersehen, daß hie . interventionistischen Gruppen nationalen . Chauvinismus mit entschiedenen sozialen Forderungen verknüpfen , und eine Tagesordnung ihres letzten Kongresses enthält unter anderem das Verlangen nach Konfiskation der Kriegsgewinne und Kirchengüter und Dezimierung der Vermögen. Inzwischen hlesbt daS Fiumaner Provisorium. weiter bestehen und bedeutet eine Verlegenheit für Italien wie für die Entente. Admiral Koch über den U-Boot-Krieg. Berlin, 7. November. In der heutigen Sitzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses wurde die Vernehmung des Admirals Koch fortgesetzt. Er erklärt, daß die Zensu r ge Walt bei der Obersten Heeresleitung und beim Oberkommando lag. Die Vorzensur befand sich beim Admiralstab. Der Vorsitzende Warmuth ersucht den Admiral Koch, sich darüber zu äußern, Ivas dieMariuebehöcden zu der Auffassung berechtigte, daß der rücksichtHlose U'Booikrieg in etwa fünf Monaten den Erfolg haben müßte, England zur Friedensbereitschaft zu zwingen. Aomiral Koch erklärt, der Zweck, Euglandanszuhungern, sei nie verfolgt worden. Es sollte durch die Schiffsrannivcrluste zu der Ueberzeugung gebracht, werden, daß Deulschland länger durchrasten könne und wolle. Nach der VerösfenAichung des Winirals Simius waren wir dazu auf dem besten Wege. Lloyd George und Ribot waren schon im Vegrisf. nach Nom zu reifen, um dort. über einen Verständigungsfrieden zu beraten. Durch irgendeinen unglücklichen Umstand fiel gerade zu dieser Zeit ein düster gefärb er M rW des Grafen Czcrnin der Entente in die Hände und erregte dort großes Aufsehen Aus diesem Bericht hat man gefolgert, daß auch Ten schland vor dem Zusammenbruche stehe. Der Ve> ständigen gSge^anke wurde definitiv fallen gelassen. Angesichts dieserUrnstände konnte die Resolution des Reichstages keine andere Wirkung ausüben als das voran e angene Friedensangebot der Monarchen. Man sah uns schon am Boden liegen. Lldmiral Koch macht sodann Angaben über die Zahl der Fvont-U-Brote, die sich zwischen 103 und 134 beroegte, und über die stekan uen Versenkungszi.ftrn in den einzelnen Monaten. Die Verluste an U-Booten betrugen im Februar 2, März 6, April 2, Mai 7, Juni 3, IM 7, August 4, September 9, Oktober 9. Abg. Dr. Sinzheimer: Graf Czerniy sblks durch seinen Bericht an den Kaiser von Oesterreich diel Friedensgen^.,.heit Englands zerstört haben. GlaubL 6er Zeuge nicht, daß England auch ohne diesen Bericht über die Zustände in Oesterreich durch Tausende vorH Agenten unterrichtet war? k Admiral Koch: Das kann ich mir lebhaft vorstellen^ aber der amtliche Bericht des Ministers des; Aeußern an seinen Kaiser ist mehr wert «ckstz tausend Agenten. 1 Abg. GotHein bemerkt: Schon im Frühjahres 1916 halte der Chef des Generalstabes Falkenhaywl die Ansicht vertreten, daß unsere Verbündeten bxßste»-i falls noch 1916 würden durchhalten können. "] Vorsitzender Warmuth fragt, ob die Möglichkeit bestand, Ende Jänner an die ausgelaufene»! U-Boote die Weisung ergehen zu lassen, mit dem?' rücksichtslosen U-Bootkrieg noch nicht zu beginnen. 1 Admiral Koch erwiderte: Den Rückzugsbefehl 8ttj geben, war technisch natürlich möglich. Eintzj Gewähr aber dafür, daß das Telegramm onMnteJ bestand nicht. Wir wären Gefahr gelaufen, die feind^ lichen Schiffe heranzulocken und unsere U-Boote z» ge.ährden. — Al g.Dr. Sinzheimer bemerkt: Eswarer' damals nur 21 U-Boote nicht im Hafen. Da halb man doch wohl alle U-Boote erreichen können. Admiral Koch: Wenn auch nur ein einziges U-2 nicht erreicht worden wäre, so hatte doch von dieser schon mancher Dampfer abgeschossen werben köm —A^g.Dr.S in z heim er: Bei einer ungeheuer wir tigen Frage, die FrKdenSvrrmittlung war angmewme», durfte nichts verabsäumt werden. > Konteradmiral von Bülow: Es handelte sich' nrW > darum, daß keine amerikanischen Schiffe versenkt tvüv- J den. sondern daß kein am er i konischer Bürger; verletzt würde oder jeinen Tod fändet DaS hätt« auch auf einem englischen Schiff passieren können. ,, Die Vorgänge in Ungarn. Da die Verhandlungen zur Bildung rmcs KoiisitiouSmini- < sterimnS gescheitelt sind, hm sich die Rrginmig Frirdnch entschlossen. mt S,r Clark Fühlung zu nehmen. Die Entente ist p linR Verständigung bereit. Sollte sie aber nicht möglich sein» dann wird die Entwirrung ohne da- Kabinett Fnedrich versucht Werden. TSRPPWWP* Eine Fntervenkion der Neparationslrommission bei den Nationalstaaten. Wien, 7. Noveinber. Die Sudkoumü^sion hat an den StawSkanüer Dr. Mcmur ein Schrecken tzerubiet, in dem sie mitleilt, daß die Mitglieder der Kommission ihren Regie» ungm über den u n m i t t e l b a r e n B e d a r..s an Nahrungsmitteln und Kohlen berichtet haben. D»e Komnussion Hai sich ferner d'ingmd an die t s ch echo-slowakische und bte S. H. S. - R e g i e r u n g gewendet, damit die mit Oesterreich abgeschlossenen K o hll e nu n d Nahrungsmittelverträge eiHiflt iverden. An! Giund der Darstcllimgcn der öster»cichischen Staotssckreiare verlaßt die Kommiiswn mit größter Beichleunigurrg ihren Bericht. Es wäre sehr zu bedauern, wenn die unrichtige . Vorstellung mlssünde, daß die Versorgung Oesterreichs durch die Beratungen der Subkommrssiou verzögert werde. ’.v ” Die Reparationskommission. Der Beucht über die Vorarbeiten der Subkommission dez Organisatwuskomirees der Reparationskommission wurde nach P afr r s a b g e s a u d t mit ..dem dringenden Ersuchen, dje darin enthaltenen Anregungen erper rhestmöglichen Lösung zuzusühren. In Fortsetzung ihrer Vorarbeiten hat die Subkommrssion den Staatssekretär sür sopcile'Verwaltung Hanüsch, den Obmann der GewersschaMom.mission Ratioualrat H u e b e r, den Obmann der E siubahnergewersschaft T o m s ch i k und den, Obmann tt Gewerlschast der M lallarbeiter Domes für Mvntag vormrtragS zu einer Besprechung erngeladen. Warnung vor Optimismus. Wie in diesigen unterrichteten Ententekrcisen versichert wird, besteht nach'wir vor die Absicht,, der Republik Oesterreich in nrer' gegeirwärtlgen schlimmsten Notlage' besiustrbcn. Es wird jedoch vor allzu weitgehenden Hoffnungen — namenlltch hinsichtlich der Gewährung großer langfristiger A u S l a n d.S a n l e i h e.n an den Staat — gewarnt. Dre Bemühurrgen des Auslandes könnten zunächst wohl nur daraus gerichtet lein, der Republik Oesterreich bei der unmittelbaren Ucbcrrvindung der Kohlen» und Ledensmrltclkrrse beizustehen. ‘ Triest, 7. November. (Privat.) Wie der *8 ö t> o r o t o r e* aus R o m meldet, ist Vrie-Admiral C a g n i zum Vorsitzenden der interalliierten Seeschrffahtt-Kyntrollkominission in Wren ev nanut worden» Ruhe in Berlin. Berlin, 7. November. Der heutige Tag, für den di Sicherheitswchr die umfassendsten Vorkehrungen getroffen hä um Ruhestörungen schon im Keime zu erstlckm, ist ruhi verlausen. Berlin, 7. November. (Wolss.') Heute haben nur verrmzeltj Arrsiimmlrmgen staitgesunden. dre leicht zerstreut wurden. Zu Znsaminenstößen rst es nirgends gekommen. ä Berlin, 7. November. Trotz des Erlasses des Reichswehr»! Ministers, der für den heutigen Tag die Abhaltung von Ber^' samrnlungen unter freiem Himnrel verbietet, hatte sich auf den von der lommunistrschcn Partei für die Versammlungen bo-j stimmten Plätzen ernige hundert Personen e i » g e f u it b t »j die jedoch der Aufforderung der Srchcrhcitswchr zum Ausemaudttgehm ohne Widerstand Folge leisteten. j Berlin» 7. November. Die Zahl der auf Grund der Verfügung des Obcrbeschlshabers Noske verhaileten Mitglieder der Parteileitung der Unabhängigen und Kommunisten beläuft sich nach einer Mrtteilrmg der »B. Z. am Mittag" aut etwa Sy, rst aber damit noch nicht abgeschlossen. '; Berlin, 7. November. Heute fand die Generalversammlung der Metallarbeiter statt. Das Mitglied der Fünsiehnerkommissio» Rusch teilte mit, daß ein Diitglied des Hauptvorstandes deS deutschen Metallarbeiterverbandes mit Minister Schlicke verhandelt habe und daß man sich noch einmal an den Verhandlungstisch setzen wolle. Der Sympathiestreik, erklärte Redner weiters, der erst vor wenigen Tagen beschlossen wurde, lasse sich nicht durchführen. Es kämen jetzt Vertreter der größeren Industriezweige, welche von der Fünfzehnerkommission die Aushebung des Symvathlestreikbeschlusscs verlangten. Man müsse alw den Tatsachen ms Auge sehen. Er empfehle, heute dem Beschluß z» fassen, den Sympathiestreik aburbrechen, doch müsse man vorerst daran denken, dre verbasielen Genossen zu befreien. Ehe die Der" hafteten nicht entlassen würden, dürfe der Streck nicht abgebrochen werden.! Schließlich wurde ein Antrag im Sinne der Ausführungen- Rusch' angenommen. Berlin» 7.November. Gestern abends wurden 27 Spartakisten verhaftet, die nackes kommnnlstische Aufrufe in ben Straßen Berlins anschlagen sollten. Haafes Mörder irrstüwig. . Berlin, 7. November. Wie die ^B. Z am Mittag" nrtfotf, wrrd der Lederarbeiter Johann Boß, der am 8. Oktober das Arwntat gegen Haase verübe hat. nicht vor Gericht gestellt werden.' Der psych-alrische Sachverständige hat gestern sein Gutachten abgesgßl, auf Grund dessen eine Anklage gegen Boß nicht erhoben werden dürjte. Wohl aber werde er als gemein» gefährlicher Geisteskranker dauernd m einer Anstalt rntcrniut werde«. H

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