Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 287 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zum Grafen Tisza, der zuerst Widerstand leistete und dann doch in die Laube ging, gesellte sich der Graf Berchtold, der die Kriegserklärung mit einem erfundenen Gefecht begründete. Und jetzt hört man aus Berlin von den Taten des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg und des Staatssekretärs Zimmermann. Die Sensation der bisherigen Vernehmung des früheren Reichskanzlers Bethmann-Hollweg und des früheren Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Zimmermann vor dem Untersuchungsausschuß der Nationalverjammlung war das nunmehr zeuyeneidlich festgestellte Doppelspiel, das die beiden leitenden Staatsmänner zur Zeit des Friedensangebotes der Mittelmächte im Jahre 1916 getrieben haben. Zwar versuchten beide sich zu drehen und zu wenden, aber sie kamen über die Tatsache nicht hinweg, daß sie auf der einen Seite der Friedensaktion Wllsvns zuvorzukommen versuchten, andererseits aber n.icht bemüht waren, den Friedensschritt zu fördern. Insbesondere wurde dem Staatssekretär Zimmermann unwiderleglich nachgewiesen, daß er ein bösartiges Doppelspiel gespielt und zu diesem Zwecke sogar nicht davor zumckgeschreckt ist, die deutsche Presse in einer streng vertraulichen Konferenz in schwerster Weise hinters Licht zu führen. Bethmann-Hollweg suchte sich damit zu entlasten, daß er auf das Uebergewicht der Obersten Heeresleitung hinwies, die noch vom Kaiser gestützt wurde. Gegenüber diesen Stellen habe sein Wort nichts bedeutet und auch feine Demission hatte daran nichts Lndem können. Das enthebt ihn aber nicht der Verantwortung für die von ihm betriebene Politik, die mit dem v-Boot-Krieg tändelte und durch unaufhörliche Reizungen die öffentliche Meinung Amerikas, die durchaus nicht einheitlich auf den Krieg eingeschworen war, erbitterte? Man muß daran erinnern, daß die Wiederwahl Wilsons zum Präsidenten tiuf der Plattform des Friedens erfolgt war. Erst die „Lusitania"- Affare und die von den Militärbehörden betriebene Verschleppung belgischer Arbeiter nach Deutschland steigerten die Empörung in Amerika bis zum Kriegstreiben. Trotzdem versicherte Bethmann, daß diese Maßnahmen die Wilsonsche Aktion nicht gestört hätten. MM weiß nicht, was man mehr bewundern soll: Die politische Schwäche dieses feiner Umgebung rettungslos ausgelieferten Kanzlers, dessen persönliche Ehrenhaftigkeit sich gegen die Militärkamarilla wehrte, öder die Ahnungslosigkeit der Generäle, die den Krieg schon als verloren sahen und trotzdem die amerikanische Gefahr mit Achselzucken abtaten. Der Phantast Ludendorff sagte: „Machen wa och noch!" In solchen Händen lag das Schicksal des deutschen Volkes, seiner sich verblutenden Bundesgenossen und der ganzen Welt. Wenn Wilsons Schritt gelungen wäre, so hätte Deutschland den Krieg nur mit dem Verlust des Elsaß, Oesterreich mit dem Verlust von Trient beenden können. Dies mußte vereitelt werden, und deshalb einigten sich Bethmann und Burian auf einen Vorschlag, der die Annexion kurländischen und estnischen Gebietes, den Besitz des Erzbeckens von Longwy und Vriei) und die Einverleibung Luxemburgs an Deutschland als Friedensbedingungen aufstellte. Das mußte natürlich den Schritt Wilsons, der sich gegen Annexionen und Kontributionen wehrte, paralysieren. Fälschung am Beginn, Zweideutigkeit in der Mite. Der Zusammenbruch mußte das Ende sein. Es kam aber auch offene Lüge dazu. Denn wie der Vorsitzende der Untersuchungskommission feststellte, hat Herr Zimmermann in der kritischen Zeit nach Wien telephonieren lassen, daß Wilson den Zusammentritt einer Friedenskonferenz verhindern wolle. Damit hat man Oesterreich, / dessen auswärtige Diplomatie das Höchstmaß an Dummheit leistete, noch stärker fesseln wollen. Seine Friedensbedingungen, die nur von geringen Grenzkorrekturen gegen Rußland, Serbien und Italien sprachen, bezeichnete die Oberste Heeresleitung als"— Übertrieben. So schätzte man schon damals Oesterreich ein, das stets nur ein Objekt mitleidiger Verachtung war. Und so vollendete sich dar Schicksal. Die Monarchie ging in die Falle. Verrat im Innern, Lüge von außen. Da» hindert aber unsere deutschnationalen Mauljwfififri? nicht im geringsten. Wich yui» neue Klage- Wie der Wilson-Friede hintertrieben wurde. Konfrorltatianen vor dem Berliner Untersuchungsausschvb. — Wien «nrde belogen. Berlin, 6. November. In der heutigen Sitzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses erfolgte die Vernehmung des Admirals Koch, des ersten Mitarbeiters des verstorbenen Chefs des Lldmiralstabes von Holtzendorsf. Der Vorsitzende Warmuth ersuchte um Beantwortung folgender Fragen: 1. Was bestimmte das Drängen nach dem rücksichtslosen U-Bootkrieg, welche Gesamtlage schien dies ersoroerlich zu machen? 2. Was rechtfertigte die Zuversicht in die Leistung deS rücksichtslosen U-Beotkricges? 3. Welches war die Ursache, daß der mit Sicherheit angenommene Erfolg ausblieb? Schließlich wird noch die Umfrage gestellt werden: Wie war technisch die Möglichkeit gegeben, den einmal. ins Leben gesetzten rücksichtslosen U-Bvotkrreg wieder rückgängig zu machen? Admiral Ko ch führte aus: Wider Erwarten hat, England auf eine Seeschlacht verzichtet; denn England selbst konnte wohl nicht annehmen, daß die. schwächere deutsche Flotte den Feind an seiner .»igenen Küste aufsuchen würde. England ging auch nicht zu einer völkerrechtlichen Blockade über, im klaren Bewußtsein, daß es einen großen Teil feiner Flotts in d.»rS Blockade verloren haben würde. Statt einer BlosaÄe nach internationalen Regeln eröffnet« es eine solche, die allem Völkerrecht Hohn spricht.. Cs^Mmte mit leichten Strcitkräften die Zugänge zur Nordsee, abspe.ren und durch wirtschaftliche und physische Ausbunge, ung des dt'ut chen Volkes den Frieden erzwingen unter gleich ei.iger Vergewaltigung der Neutralen. Auf diese Weise entstand die sogenannte Hungerblockade. Da erstand in der U-Bootwaffe das gegebene Mittel, um Englands Wirt'chaftZleben und damit schließlich seiner Polnischen Macht und der ges-i nten Kriegführung der Entente in Gestalt oer Verringerung seines Frachtraumes Schaden zuzusügen. Iw Herbst ISIS sei es immer klarer geworden, daß die physischen und die wir.schastlichm Hilfsmittel Deutschlands und vor allem setner Bundesgenossen binnen absehbarer Zeit zur Neige gehen werden. Eine Aussicht auf eine günstige En scheidung im Landkrieg sei kaum noch vorhanden gewesen. In der Denkschrift des Mmi alstaües. die die An,ich en Holtzendorsf^ hierüber festgelegt habe, heiße es: „Da? Ende des Krieges mußte unter allen Umständen baldigst herle'gesührt werken . wobei auch die Folgen - einer amerikanischen Kriegserklärung nüchiern abzuwägen waren. Es blieb nur die Wahl zwischen zwei Uebeln, von denen das eine sicherer Unlergang war. Die Antwort auf das deutsche Friedensangebot hat gezeigt, daß unsere Feinde es auf die Vemichtung Deutschlands abgesehen hatten." Bethmann-Hollweg erklärte, er habe dem Udmiral Holtzendorff wiederholt ängebeutet, daß Deutschland darauf hinwirke, Wilson möge einen Friedensap pell veranlassen. Holtzendorff habe jedoch diese Mitteilung immer mit Zweifeln erwidert. Auf die Frage des Vorsitz"nden Warmuth, ob die Oberste Heeresleitung auch darüber, orientiert war, daß WilsonS Frieden?ak.ion von Deutschland angeregt war, antwortete Bethmann-Hollweg: In dieser Beziehung möchte ich auf den Inhalt der Akten Bezug nehmen. WaS in den Akten steht, ist genau formuliert: — Vorsitzender Warmuth: ES handelt sich doch um so markante Dinge, daß ich glauben möch e, daß Sie hierüber auch aus dem Gedächtnis au'Ssagen können. Die Tatsache, daß dar Friedensangebot WilsvnS von uns angeregt war und ge'ördert worden ist. ist in der ganzen F ie'enS'rage so einschnei end. daß ich er n'cht unterdrücken kann, zu sagen, daß eS Ihnen auch jetzt noch möglich sein muß, sich' aus dem Gedächtnis darüber zu äußern. Wir möchten, nur wissen, inwieweit Sie . der Obersten Heeresleitung von diesen Dingen Kenntnis gegeben haben.; Bethmann-Hollweg: Ich bin als Auskunfts-7 Person geladen und werde unter Zeugeneid vernommen. Meine Aufgabe kann nur sein, dem Ausschuß in jenen Fällen, wo er sich nicht aus den Akten unterrichte^ kann, Auskunft zu geben. Einstweilen stehe idf' noch nicht als Angeklagterhier, sondern alss Auskunftsperson und Zeuge. Zeuge verliest hierauf Telegramme, aus denen die Verständigung H'ndcrrvurgs und HoltzendorffS bezüglich des Versuches, Wilson zur Erlassung einest Friedensappells zu veranlassen, sowie bezüglich des Umstandes, baß Wilson einen Friedensappell zu erlassen gedenke, hervorgeht. Auf die Frage Dr. Sinzheimers, ob in der kritischen Zeit vom 26. Dezember bis 9. Jänner die wichtigen Telegramme Bernftorffs, wonach Wilson um. vertrauliche Mitteilung der Friedensbedingungen bitte, der Obersten Heeresleitung« und dam Admi.a.'stab mitgeteilt wcrben seien, antwortete Staats'ekretär a. D. Z i m m e r m a n n, alle wichtigen Telegramme seien mitgeteilt worden. Dr. Sinzheimer fragte, ob die gleichen Mit> teilungen nach Wien telephoniert worden seien. Darüber bestünden Aktenvermerke. Am' 26. November wurde sogar telephoniert, Wilso« suche die Konferenz zu verhindern, was tatsächlich unrichtig war. Zimmermann erwiderte, er habe diese Ansicht aus den Telegrammen des Grafen Bernstorff gewonnen. « Bethmann-Hollweg: Die Skepsis der Obersten Heeresleitung bezüglich der Politik Wilsons war ungeheuer. Ueber diese Frage können wir aber erst verhandeln, wenn ein Vertreter der Obersten Heeresleitung gehört wird. . Der Vorsitzende teilte nun mit, daß die Ver^ nehmung des Generals Lndentiwrff in Kürze in Aussicht genommen sei. Hierauf wurde Staats sekretär a. D. HelfferiG vereidigt und sodann die Vernehmung des Admirals« K^ch fortgesetzt. Er erklärte, was den Zeitpunkt deH U-Bootkrieges anlange, habe Holtzendorff folgendere, maßen argumentiert: Wenn wir Ende 1919 fertig sein wollen, so müßte die kritischeste Azit für das englisch^ Wirtschaftsleben hün, die Wirkung des U-Bootkrieges; gewählt werden Mb das wäre die Zeit zwischen bei4; beiden Ernten, im August. Etwa sechs Monate wären erforderlich, um den U-Bootkrieg vorzubereiten, unb somit müßte man spätestens anfangs Februar beginnen.. Abg. Dr. Sinzheimer führte aus. in denAkten-, seien Feststellungen des RrichskanzlerK von Bethmann-, Hollweg vorhanden, wonach im Mürz 1916 rund 3$ Boote zur Verfügung standen, im Mai etwa 50. Diese' 38 Boote waren aber nicht alle seebereit. Ueber die« Zahl der U-Boote am 1. Februar lasse sich nichts Bestimmtes sagen; eS kann angenommen werden, daß. etwa 120 Boote damals zur Verfügung standen, aber auch nicht ^.lle seebereit. ■*; Admiral von Capelle erklärte auf eine dies»j bezügliche Anfrage: Wir hatten an U-Booten 10 Typs.. Bei der Angabe der U-Bootzahl kann sich der Laiel eigentlich gar nichts denken, und derjenige, der die Angaben macht, wird meist selbst so konfus dabei, daß' er sie selbst nicht versteht. (Heiterkeit.) Dr. Sinzheimer bemerkte, die Akten ergeben,-- daß Bethmann-Hollweg monatelang kämpfen mußte, um zweifelsfreie Auskunft über die U-Bootstärke zu bekommen. Holtzendorff verharrte auf dem" Standpunkt, dazu sei er nicht verpflichtet. lieber darüber anzuslimmen, daß die deutsche Heeresleitung nicht rechtzeitig Herr über die Monarchie wurde. Das hindert aber auch unsere Sozialdemokraten nicht, die Anschluhpropagcmda an ein Druschlaich sortzusetzen, da» noch heule in der MeMMät dieser wilhelminischen Kamarilla steht. Und. d« w«nßeS man sich über das Mißtrauen der Entente, dir & nicht verstehen kann, daß Oesterrench «ich nicht M die eigenen Füße stellen und von allen romanckschm Loüaungen Abschied nellmen will.