Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 284 (4.11.1919)
- Date
- 1919-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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In Len letzten Tagen war Sktionschef im Finanzministerium Jirak mehrere Male im Ministerium des Aeußern erschienen, uin zunächst mit dem Sekretär des Ministers des Aeußern Dr. Venesch, SLrüm pe l, - vertrauliche Beziehungen anzuknüpserr. Da er während des Gespräches mit Strümpell verschiedene bedeutende materielle'Vorteile hervorhob, wurde Dr. Venesch auf das verdächtige beginnen Jiraks aufmerksam gernächt. Er empfing den Besuch Jiraks und verhandelte mit ihm am Donnerstag Len 30. Oktober. Nach längeren Ausführungen über finanzielle Fragen und.inSbesonders über den geplanten Verkauf von Zucker ins Ausland erklärte der Sektionschef seinen Wunsch, daß das große Zuckergeschäft. durch seine Vermittlung mit dem holländischen Baukenkonsortium abgeschlossen werde, und beutete seine Vereirwilligkcit au, einen großen Geldbetrag auszuzahlen, wenn das.Geschäft zustande komme. ... ... Dr. Venesch empfing ^schließlich die Ueberzengung, baß es sich um einen Bestechungsversuch handelt, und lud Seklwnschef Jirak ein, in den nächsten Tagen einen. Scheck mit dem angebotenen Betrag zu überbringen. Gleichzeitig verständigte Venesch die Polizei. Jirak. erschien am 81. Oktober ohne Scheck, bot aber andere Garantisv. die bie Auszahlung eincA Betrages von mehrere nMill i o n e n Kronen für den Fall, daß Las Geschäft, zustande käme, gewährleisten sollten. Dr. Venesch verließ nach diesem Angebot das Zimmer, in .welchem er Jirak lpu.pfangen hatte und ließ ihn durch Polizisten, die im Nebenzimmer bereit standen,' verhaften.. Da Jirak sich jm. Verlaufe seines Angebotes quf einen Bankdirektor ^uma berufen hatte, wurds,auch.dieser verhaftet. Beide wurden dem Gerichte eingelsefertv Webisherige Unter-., hrchung hat ergeben-' daß^M^iMMgMgenhMMu^ schließlich, auf diese beiden.Perfonen beschränkt .und daß hie Bankinstitute als solche anidep ganze» Angelegenheit, keinen Anteil haben. Dr. KraMLrsch PrKW^L der rEMe«' RchEL?. Prs§» 3. yimmbtr. (Tel.-Avmp) DaS AbrndMlt bÄ „C-Slr Slows" bringt nechsieheiiLe. Mrkdkmg avS. . An pvtiiiscben mid nn'srkii-i-Kche-i die hinter Dkmku steh«,' Äfiät sich dir ernfte Absicht, Dr. Kramarfch zur Ordnung Vrr mruren SSexfeäÜmffe deS neuen Rußland zu verwnrden. G? wurde ibm von einer demokratischen Gnwpe HÜrgasicher Pofiäker hie P r ä s r d e n t s ch a s r der r u s s t s.ch e n Republik «mßebslen. Der Standpunkt, . dm - Demstn btnst^ech dmser Kombination eiummmt, ist beider mchtk«k«nut. Mit derTe lohnte Dr. Kranearsch' am TtaaiÄHin« des si'mstigen Ku§w«d mvü S*«r-' stimmt gerrchnet werden. Auch die m»n«ri^strlch .Kreise des rn-Dchch Reiches denken dann,.' Diele wollen d«n Dsktvr ütemnarsch anbieten, er moste das. Ministerin assdim« ein»8 monmchcstischen Kalnnet'.s sitrernehmen. D'.e Kard dntur des Dostvr Kr?.marsch ans eine führende Stelle M Nunland ist Heer heute allgemein hclsunt. Mit seiner Neve nach Nunland besossen sich alle Lürgerlichm Krelle und bereiten chm eme fdeiltdje B»- WÜbung vor. _ Deutschlgnv liefert an DettMMftsrreich KsW.' Salzburg, 8. November. tTes^-Komp? Aus den bape*ischen E'-senbahnen sowie auf den der g»oßen..^iaaiSnsenbahs stehen ströme Delkebrsemsiellimgrn unmiAilbar bevor. Wie wir aus;une,l8ssi-er Quelle erfabtcn. sind diese Ber^hrLeinstrllmigrn dasu.ch begründet, daß dre deutsche ßhsenbahnvrrwattnng ihre Grsenhabulinien fiir »mfanstrrtche KahlvUtranSporte auö dem Saargebwle rrfcrvierm mußte. DaS Demfche Reich d«t von der Entente den Au!trast nhtlten, einen Großteil der an Frankreich chl'zulrcfrrudcn Kohle an Deutschösteiieich abzutrcten. Verh^ft«ugen. BrrdapLst, 3. November. (Meldung des Ung.Del.- Kvrr.^Bur.) Im Zusammenhang mit der Angelegenheit der Ermordung des Grafen Stephan Tis za wurde gestern abends im Ostbahnhof in einem zur Abfahrt bercitstehcn>en Zug der Chemiker Mareell Gärtner verhaftet. Gädmer hatte am Tage nach der ErmavLung Ä^iszas dem Advokaten Rudolf Lever erzähl, er sei am Vormittag des kritischen Tages i» der Billa Rvtzeim gewesen. Außerdem hatte der Gerichtsne.tar Vitiss bei der Polizei mitgeieilt, Gärtner habe sich gerüchtweise gerühmt, er habe Tis za aus dem Wege geräumt-. Dies uw) noch arrLere Moment« brachten Gärtner in den Verdacht, daß er a» d«e Ermsrdun- TiSzaS deilgenommen habe, weshalb sein« Verhaftung augv-rdn-t wurde. Der Deklarationstag. Die PalAstLnaforÄerung des jüdischen Volkes. — Die MinoriLAsbesLiMMMgeW . des Friedensvsrtroges. Arthur Balfour, der vor wenigen Tagen von seinem Amt als Minister des Aeußern geschieden ist und als Präsident des Geheimen Rates dem Kabinett angehört, hat seinen Namen tief in das Herz des jüdi> schen Volkes eingeschrieben. Er ist der Autor der Botschaft vom 2. November 1917, die, an den Lord Rothschild gLrichtet, wörtlich besagt: „Seiner Majestät Regierung . betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in., Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und j wird die größten Anstrengungen. machen, um die Er- ( reichuyg dieses; Zieles zu erleichtern, wobei Klarheit darüber herrschen muß, daß nichts getan werden soll, i was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender , 1 nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen konnte^ Ich bitte Sie, diese Erklärung zur Erkenntnis der Zionistischen Föderation zu bringen." Diese Deklaration, die dem politischen Rechtsgefühl eines Mannes ihr Entstehen verdankt, der das Seine tun wollte, um „das älteste Unrecht der Geschichte" gutzumachen, ist die Grundlage für die jüdische Politik geworden, die auf die Konzentration des Judentums in Palästina hinstrebt und gleichzeitig'die Anerkennung des Judentums als gleichberechtigte Nation überall dort fordert, wo Juden wohnen.! In eindrucksvoller Weise demonstrierte am Sonntag daS jüdische Volk Wiens für diese Forderungen. Im Ronachersaal fand. eine massenhaft besuchte Volksver- : sammlung statt, die der Jüdische Nationalrat einberufen - hatte, um im Zusammenhang mit der Balfourschen - Bstfchaftf die jüpWe Oeffentlichkeit über die Minder». heftsrechte auszuklären, welche den Juden DeutschösterreichS nach den Bestimmungen des Friedensvertrages zukommen und um zu den Quertreibereien bestimmter »ssimilatorischer Kreise gegen Die jüdischnationale Bewegung Stellung zu nehmen. Die Versammlung, zu der leider ein sehr großer Teil der Erschienenen wegen Ueberfüllung des Saales keinen Zirtriti finden konnte, erhielt durch das grundlegende Referat des Oberrabbiners Dr. C h a j e s und durch die Auseinandersetzung des Abgeordneten Stricker mit den jüdischen i Assimilanten erhöhte Bedeutung. Der Vorsitzende, Herr ' Dr. Ifkboe Marzuttes, der. die Versammlung namens des Präsidiums des Jüdischen Aqtionalrates begrüßte, verwies einleitend auf die B a l f o u rsche B o t s ch a f t vom 2. November 1917 (Beifall und Händeklatschen), welche das Recht des jüdischen Volkes auf die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina anerkennt und die Unterstützung England? zusagt. ' Er behandelte sodann die im Abschnitt 5 des FriedcnSvcrtrageS, insbesondere in den Artikeln 67 und 68 enthaltenen Bestimmungen über den Mnontatenschutz. Er betonte, daß die jüdische Delegation in Paris gleich«, zeitig den Schuh der anderen natiottalen Minderheiten übernommen habe und sich daher der gesamten Oeffentlichkeit gegenüber für die bezüglichen Bestimglungen der Friedens- Verträge verantwortlich , fühle. Am wichtigsten fei, daß fürderhin in Deutschösterrcich keine gesetzliche Bestimmung beschlossen, keine Amtshandlung borgenommen werden könne, welche dem im Friedensvertrage gewährleisteten Schuhe unserer Minori-! tätenrechte.widersprechen. Aus den StaatSgrundgcsetzen, die! Judenrechte betreffend, sind Wcltgründgesehe geworden. In-! haltlich entsprechen die Bestimmungen des Friedensvertrages i durchaus den programmatischen Forderungen des Jüdischen! RatronalrateS (stürmischer Beifall). Sodann ergriff Herr Oberr»bbiner Dr. Ehajes da« Wort und führte aus: Dem Rufe des Jüdischen National»! rateS über die Minderheitsrechte der Juden gemäß den Be-! stimmungen des^FriedenSvcrtrayes öffentlich zu sprechen, komme j ich schon deshalb gerne nach, well ich an der Ausarbeitung der :■ jüdischen programmatischen Forderungen teilgenommen habe. ES ist eine traurige.Tatsache, daß die Bewohner. Deutschöster- ' reichS keine Ahnung von dem Friedenövertrage haben, während; zum Beispiel in Deutschland bis in die Volksschulen hinunter , bas Friedensdiltat der Entente genau besprochen und eine! wirklich gediegene Aufklärungsarbeit geleistet wurde. Ich will, i was wir erlangt haben, in einem Worte ansdrücken: Bis jetzt hatten wir die jüdischen Rechte auf dem Papiere,! von nun ab steht Las Recht der jüLische» Minorität im Staaty i unter internationalem Schutz. s ES tzibt kein Land auf . der Welt, und wäre es das fteicsie, i wo sich die Juden als Staatsbürger absolut sicher fühlen, i Man denke nur an den furchtbaren Wandel im einstigen? „JudonelLorado- Ungarn. Welche Rechte hätten jetzt die nngarischen Juden, wenn nicht im FrieLenSvertrage die jüdischen ' UinamtätSreÄte Lntbatton wären? Dreie Rechte sind) 1. Die international geschützte GlerchSerechtigunrg nnd.,2. Ssy. kulturelle Schutz der Minoritäten. ' . Neber die Unversehrtheit dieser Rechte wacht , der Völkerbund. Wohl enthält der Friedensvertrag 'tim .empfindlich^' Lücke. Die Minoritäten der einzelnen Staaten können nämliÄ nicht direkt beim Völkerbund vorstellig'werden, wenn sie sich verletzt fühlen. Aber jeder Staat, des Völkerbundes hat dosff, Recht, die Klagen einer nasionälen Minorität, also in i-nsere«ü. Falle, der jüdischen, für diese Minorität vyr dem Völkerbund zu vertreten^ Das ist schon jetzt geschehen. Als Morgens t.h.a u nach Polen kam, um'die Verletzungen der jüdische«! Rechte zu prüfen, hat er ausdrücklich erklärt: Ich bin nichÄ nur im Namen Amerikas hier, sondern vor. allem im Name« des Völkerbundes. Ebenso haben die Vertreter der Entente. t*j Budapest nachdrücklichste erklärt, daß sie nicht Vertreter ihreL Staates, sondern des Völkerbundes seien. Ganz unsinnig H die von einem Teile der Judenschaft geäucherte Sorge vors der Prozentnorm. Daß man die Juden in die Aemter, zum Aerztcstand, zum Kaufmannsstand nur im Verhältnis zu dev jüdischen Bevölkerungszahl zulassen sollte/ ' ist nach den« Friedensvertrag völlig ausgeschlossen. Die Prozentnorm eine Verletzung der Minoritätsrechte und wer sie fsirchtM zeigt, daß er den Friedensvertrag nicht kennt. Ebenso irri* sinnig ist die Angst, daß jeder Jude gezwungen sein würde/!- seine Kinder in die jüdischen Schulen zu schicken/' Wir habeirE wohl das Recht auf jüdische Schulen, aber keineswegs -dies Pflicht, sie zu errichten und ausschließlich benützen. ,) ES ist unsere Schande, daß ein Teil'der JudenschaM mur immer um die „Gleichberechtigung" bettelt. Es ist PfliM des Staates, uns möglich zu machen, nicht nur als „gleich-!.- berechtigte" Staatsbürger, sondern als Juden im Staate zD leben und wir sind von wer Ueberzengung durchdrungen, daK wir dem Staate und der Menschheit besser dienen, wenn wi^ als bewußte Juden leben und wirken, j denn als farblose Staatsbürger. Dre Juden, die uns kämpfen, sind sozusagen Journalistennaturen, die . nur an den, Augenblick denken und nur. immer besorgt sind, was die öffent«l liche Meinung, die Tagespresse, zu den Ereignissen sage. Sie», machen uns den Vorwurf, daß.wir die Äbfallbewegrlng förderM Das mutet uns so an, wie die Vorwürfe einem'Arzte gegen«- . über, der zu spät operiert, weil der-Patient sich nicht rechts zeitig um seine Krankheit gekümmert -chat. Schauen Sie siD die letzte Generation an. und urteilen Sie selbst, ob wir dei^ Gesamtheit nicht besser dienen, wenn wir unsere Kinder) jüdisch' erziehen. Die nationalen«- Minderheitsrechte nach dentz FriedcnSvertrage garantieren uns die Gleichbcrechüguug un^ ' den Kulturellen Schutz, sie ermöglichen, Üdah jene Anstalten^ wie Krankenhäuser, Blindeninstitute, die w,r bis jetzt alleiris erhalten mußten, vom Staate" miterhalten werden müssen, fiel bewirken die Klärung und Versöhnung, sie richten aber kenÄ Mauer zwischen Juden und Nichtjuden auf . (großer BeisaM Sooann führte . Ü Abgeordneter J«g. Stricker > folgendes aus: Während des Krieges haben beide Parteien' immer wieder vom „Selbstbestimmungsrecht" gesprochen und dieses Wort war wohl nur ein Mäntelchen für die beider^ seiligen Aspirationen. Aber eines stehr fest. Das Wort „Selbste bestimmungsrecht" kommt nicht mehr aus der Diskussion und die bedrückten kleinen Völker, j auch die Juden werden ihr Selbstbestrmmunssrecht bekomme^ . Der Kampf nach außen hin ist fast beendet und vo» größter Wichtigkeit ist es, daß die internationale Sozial» demokratie uns das Recht auf die eigene Nation zuerkanrft hat Notwendig aber ist der Kampf rm Innern. Ein Teil oer Juden tritt gegen uns auf, weil sie nicht wissen, um waS. es'sich handelt. Diesen jüdischen Gegner wollen wir aufklären. Vor aller Oeffentlichkeit aber wollen wir mit jenen abrechnen, welche uns aus k ra s s e m Egoismus be» kämpfen. Ihnen gegenüber stellen wir fest: Als der Krieg begann, haben die Assimilanten jede Gemeinschaft mit de» Juden der anderen Länder abgeleugnet und waren durchaus. im Lager der chauvinistischesten KriegSverlängerer. Wir hin» . gegen haben wohl unsere Pflicht dem Staate gegenüber, er» ' füllt, aber^im ärgsten Kriegstoben den Zusammenhang mit , der Judenschast der gesamten Erde nicht verloren und wen»; jetzt die amerikanische Judenschaft so unendlich viel für . dis. 1 jüdischen Opfer Europas leistet, so ist dies nur der starker^, j Nationalisierung der amerikanischen Juden zu verdanke^' j Auch um die Judenverfolgungen nach dem Kriege haben'sich j riicht die in ihren Ehrenstellen sitzenden Assimilanten gskümmert, die jetzt plötzlich schreien, daß wir. das Juden- ' tum in Gefahr bringen, sondern wir allein waren eS, welHsj das Gewissen der Welt auf die entsetzliche« Vorgänge im Oste« aufmerksam gemacht haben. Die Herren jüdischen ProfefforM sind nlcht fiir die jüdischen Hörer eingctrctcn, als man sir vertreiben wollte, sondern wir allein und jene Herrert welch», in der Presse jetzt gegen uns auftretcn,. haben sich nicht u« das Schicksal der Wiener Juden gekümmert, als die Pogrou»-. gefahr auftauchte, sondern wir haben es getan und haben aklq Eigen Vorsorgen getroffen. Man muß feststellen, daß die Antisemiten jetzt selbst ft* Forderung des freie« Bekenntnisses anerkannt haben und-niHt mehr den Zwangskataster wollen. Wir wollen nichts als die Wahrheit, und wenn die. Antisemiten sie auch wollen^ ist es uns recht. Die ^Assimilanten. waren immer Vorläufer und Dien« der änderest und unter ihrer Aegide mutzte das jüdische Volk neben und unter dem Gesetze vegetieren. Wir Jude« können nur-als anerkanntes jüdisches Volk.weiterlebs«, gehen wir physisch und moralisch zugrunde. Die Redner sprachen unter . unuuSgesetzt«.- Mnm» sckjer Zustimwung nu£> der Beifall, der ihr»n Au»«.