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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-31 · Heft 281 (31.10.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 281 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Fanfaren , der russischen gegenreoolutionären Ärmeesührer scheinen verfrüht gewesen zu sein und Zudemtsch, an dessen Vormarsch auf Petersburg sich größe Hoffnungen knüpften, sah sich genötigt, seine Mißerfolge einZugestehen und um fremde Hilfe zu bitten. Die Situation der Bolschewiken^ scheint doch nicht so verzweifelt' zu sein, wenn sie cm mehreren Fronten ihre Stellung behaupten und sogar mit Erfolg die Offensive zu ergreifen vermögen. Es ist eine längst allgemein bekannte Tatsache, daß sich die gegenrevalutionären Armeeführer der Unterstützung der Gntente erfreuen, nichtsdestoweniger aber scheint man auch auf der Seite der Entente nicht mit . vollem Herzen zu den verschiedenen geFenrevolutionaren Führern zu stehen, deren Zukunftsabsichten augenscheinlich in.Paris wie in London einem gewissen-Mißtrauen begegnen. Trotz allem haben sich die Weltmächte bisher nicht entfchüeßen können, den Bolschewiken Fe-snüber andere Methoden einzuschlagen und den Weg zu einer wirklichen Verständigung zu suchen. Man weiß. heute» daß solche Versuche namentlich v»n amerikanischer Seite unternommen wurden, ebenso, daß sie an dem Widerstand der Machte gescheÄsrt sind. Namentlich hat sich/ der amerikanische Unterhändler Bullit in dieser Richtung bemüht und seine Berichte über hie russischen Verhältnisse klingen immerhin anders als manche GchauermLrche«. die von Zeit zu Zeit durch die Blätter gehen. Erst vor wenigen Tagen hat in London Asguith in einer Nede energisch gegen die bisherige Einmifch««^ Politik in Rußland Stellung gensmmen und Pr)W«at Mafaryk hat sich in seiner Festrede z«r ersten Iaherrfeier der tkchecho-slowMsche« Republik zu Ken gleichen Grundsätzen bekernnl. - Bisher hat dkfe'PrMk nüt^ -M DÄMgekÜng der Weichenden Krise zur Felge, in der sich die unglkek-- sichen Länder des ' europäischen Ostens befinden. Während es heißt, der KriegsMaad in Euro»« beendet ist, sind weite Länder vrn allen Schrecke« Rn und her wogender Kämpfe durchwühlt. der Krutale Kampfgeist mit seinen bestialischen Folgeerscheinungen erfährt; beständige Stärkung. Mord, Raub und Plünderung stehen ans der Tagessrdmmg. Für die Instinkte verwilderter Herden gibt es reiche Möglichkeiten und die Juden in der Ukraine wissen da»»« ein gar trauriges Lied zu singen. Die Entente fR«htet, die Flamme des bolfchewlmschen Aufruhrs könnte nach dem Westen hinüdergreifen und möchte sie mit allen Mitteln ersticken, die .Westmächte haben Milliarden Schulden von Rußsand zu fordern, aber je länger das Chaos dauert, uw so mehr vermindert sich naturgemäß Rußlands Zahlungsfähigkeit . . Man kann über den Bolschewismus verschieden denken und wir halten ihn für ein Unglück für Europa, das den Weg zur internationalen'Ordnung finden muß und durch all das Gewaltsame und Ueber-. stürzte in das Chaos zurückgeschleudert wird, dem als natürliche Reaktion der Bolschewismus entsprossen ist. Aber ein von allen Seiten gehetzter und angegriffener Bolschewismus, der sich heroisch seiner Ham wehrt, wird auf die radikalisierten Massen viel größere Anziehungskraft üben, als einer, de« man in Ruhe läßt» bis er. an sich selbst zugrunde geht. Auch in . dem ökonomisch unentwickelten und primitiven Rußland sind die WidnstÄcke der Realität: stärker als alle verstiegenen Ideologie«, und . Lenins System mußte, bereits manches K««ipr»rniß eingehen. Würbe sich emnral Rußland der Welt öffnen, der Weg der Verhandlungen beschritten werden und ein klarer Einblick «t hie dortigen Verhältnisse zu gewinnen sein, so . würde bald der romantische Nimbus des Bslschewikentums schwinden und ma« wikde sehen, wie »iel Elend und Zerrüttung .sich unter diesem romantischen Schlier birgt. Eine Beruhigung der Massen wäre auf diesem Wege leichter zu erzielen als auf dem bisher eingeschlagene«, ber immer deutlicher in eine Sckckgaffe mündet und ber gefährlichen Reaktion willkommene Gelegenheiten darbieteL Die kommunistische Agitation würde auch in Deutschland bald « ruhigere Bahnen eüüenken und brr bas Militarismus, , der dort noch krnnar s»he l»b»vdiG ist, würde »ine msekliche Abkühlung erfahr»«. Huropa kann nicht zur Ruhe komme«, so l««gr die Waffe« wüte«, welche seine .Wunden fcnittif wirb« von neue« «cheißim. Eine neue Rede Nenners gegen die KsMMKsistM Eine bewegte Versammlung in Währing. In einer Versammlung, sprach gestern Dr. Nenner > über die Lage, wobei er von den Kommunisten oft unterbrochen wurde. Wir brauchen -- sagte der Redner — heute nicht mehr theoretisch zu reden, heute haben wir die ungarischen und russischen Erfahrungen hinter uns, heute können wir bis Tatsachen sprechen lassen. Es fällt 'mir nicht ein, den Genoffen fremder Länder einen Vorwurf zu machen. Sie haben sich vor dem eigenen Lande zu verantworten. Anders verhält es sich mit jenen, die uns daheim belehren wollten, wie wir es zu machen haben. Monatelang haben wir uns gegen Versuche, welche nicht nur mit Argumenten, sondern. auch mit barem Gelde von Arbeitern gegen Arbeiter vorgebracht wurden, wenden müssen. (Rufe: So wie in Graz.) Wenn da jemand sich über Graz beschwert, kann ich die beruhigende Versicherung geben, bckß die Grazer Genossen G-edukd haben bis' an die äußersten Gren-en, aber auch das hat ein Eiche. Es ist wohl begreiflich, daß sie sich von.einer Minderheit unverantwvrtlicher Leute nicht terrorisieren lassen werden.. (Rufe: Noske-Trab an ten! Gegen rufe : Bet ielheim! Hinaus mit ihnen! Lärm.) Dc. Renner (den Spektakel riberEnenb): Wenn ein Genosse drohend die-Hand schwingt gegen mich wegen der Grazer Vorgänge, so rufe ich ihm zu: Ich war derjenige, der die Grazer Kvmmunisben aus dem Gefängnisse her«uSgrbr«cht und ihnen die Freiheit gegeben hat. Diesen Worten folgten nun iumultuarische Vorganze, die die Fortführung der Versammlung einige Zeit lang fraglich erscheinen ließen. -— Don alle«Seite» wurde er»egt die Entfernung dex Zwis-chenrufer auS dem Saale verengt. Einzelne von ihnen wurden gewaltsam aus dem Saale gabränzt. Gegen diejenigen von ihnen, bie sich zur Wehre setzen, rvanb»r stch die Wut -ifcer' iKchrAe,-'. rblS'--.rüm; Äeuherst«» stiege «kS ein, Ordner eine.Berletzung am Kopfe erhielr.. Frauen und Männer suchten in dichten Gruppen Zu»- flucht auf der Tribüne. — Der Vorsitzende sah sich veranlaßt, die Versammlung za unterbrechen. Aach einixen Minuten, die ärgsten Schreier waren mit Brach ialgclvalt aus dem Saale entfernt worden, gelang er Dr. Lanner wieder, sich Gehör zu verschaffen. Sr besprach das Zkoalitionkprogramm, die tristen wirlschastlichLN Verhältnisse der Republik und die Errungenschaften* der Sojiajdemolrajen aus posisischein, sosialem und dem .BerwaltungSgebiete. „Indem S>e von ber bommunistrsche« Partei, die von den Arbeitern selbst' gewählten Funktionäre beschimpfen, diskrebiiierrn,. geben Sie das Gtichw-ort für die Reaktion (mit erhobencr Stimme): Wenn jene, die altes besior wissen, ihr Werk vollbringen könnten, dann würden sie. nicht die Nutznießer sein, sondern jene, die an den Grenzen warten, um wieder die Herrschaft der. Habsburger aufzurichten. Die Arbeiter, die ihre Vertrauensmänner beschimpfen, spuken sich' selbst ins Gesichts. (Zwischenrufe seitens der Kommunisten. Neuerliche mi^ nutenlange Lärmszenen, in deren Verlauf einzeln^ Schreicr wieder aus. dem Saal e'ntsernt. werden.) Als die Ruhe wieder hergestellt war, apostrophierte der Staatskanzler die Kommunisten: Ich bin nicht dazu ‘ da, die Urb-eikrkla'se zu schwächen, sondern nach bLsten< Wissen Hu leiten. Nach meiner Auffassung ist die Aehres die Sie ausgestellt haben,, nicht die von Marx und! nicht dbe des Sozialismus. Sie wollen dis» Klaffe-n Herr schüft, die Vergewaltigung? ivir die Demokratie. Die Kommunisten verlangen vor. mir, daß ich die Diktatur aufrichte, UnderSdenkenden meinen Willen aufnötige, ohne Rücksicht daraus, oU sie in der Mehrheit sind — natürlich soll ich auch in« einem Aufwaschen über Nacht den Sozialismus dekretieren/ Datz ist ungerecht und unmöglich. '(Lebhafte! Zusiirnmung.) Die Nachahmung der. absislu'tist Aschen, zaristischen und betyaristischen Methoden.P nicht jb einfach. Haben wir diese Methoden nach-, zumachen? (Allseitige stürmische Rufe: Niemalst) Wik'; kämpfen mit den Mitteln der Auflärung, der Orgrnisatvon! Ueber -Nacht kann man dis Sozialisierung niM machen» da nützt keine Diktatur. (Zustimmung.)- Der Staatskanzlsr sprach schließlich über die Z u-: kunft Oesterreichs. Wenn uns, sagte er, rein». Möglichkeit gegeben wird, zu leben,' dann wrroe« ^di» Massen — jeden Widerstand brechend — den Anschluß an Deutschland stürmisch fordern, von selbst sorder«. D-aS sage ich im vollen Bewußtsein meiner fözttmfcc Wartung. Es muß nicht so kommen, und ich darf hssfe^ daß die Ententemächte ihre Pflicht tun^ werden. UK habe meine Politik darauf' eingerichtet: Wir ‘ künftighin Bölkerbundpolitik und nicht Änschl»tz- ' urch^ nicht.Revanchepolitik machen.- Heute^ kann-man' mitftigen: 'Die ' Welt wird zur Ruhe kommen^ - u nd - nuLchrder Herrschaft der vier Ententemächte wird dieMeihM deS PerLehres wiedcrhergeftellt wer e r. Durch die MaM" ktS1 Völkerbundes wirb der. Verkehr von Staat z-n.StaÄ.. wieder ermöglicht rverden. Wir werden zwar ein klrinm St^at sein, aber wir werden arbeiten und ^ben können^ und den fürchterlichen Zusammenbruch überwinden. DaH ist bas Tor, ■ das die Entente uns offen gelassen hat,? An dem Tage, an dem wir in den Völkerbund eirlLretsn,j \ werden wir die Freiheit des Verkehres, die Freiheit j des Anschlusses an Deutschland verlangen. Wir wollen! aufbauen, einig sein, stark und klug und nicht einer? \ kleinen Gruppe von Leuten auf den Leim gehen. Di^ j österreichische Arbeiterschaft wird nicht den großen Fehler begehen, auf blutige Schlagworte zus hören,: nicht von der Leidenschaft allein, auch vom Vorstands wo len wir uns beherr chen lassen. Dp. Renner schloß unter anhaltende» stürniischen Kundgebungen mit einem Appell zur Einigkeit. DttilMlMd gegen die russische Blockade. DLe Antwort an die Entente. Destt«, U». Oiwörr. Me die Blatter melden» wird heule die Antwortnste der ReickSresiemns mff die Anforderung der Entente rar Diockrde von S,wienuilar>d Gergrbrn werden. In drr,N»te wird auSretührt, daß «uch m Deutschland bolschcwikische; SttSnnmzm WVawfcr*, die «t< Erfolg worden seien. Hierdurch habe Dmtsch^lnd »önr -ewisse Ersatznmg in diesen Dingen und l» schr öS zrmedsa^ich «it der Entente übereinsd«n«k, daß der Dollchcw»rm«r bekämpft werden müsse, kSnnte es doch «ne H « n g e r d l o ck a d « n i ch t als das r i ch t i g t 9Jt i{j tc [ anerkennen. Deutschland sei zu Bechandlangen Üder die notwendigen Maßnahmen bereit. . Vor AuSheSun, der L>Aseed(ockade» die Deutschland r» jedem Handrtli unstihU «achr, Krone eine starke ttt«erftützu«st von Deutschland nicht Wade». Die Erfolge der BolscherViken. Schwere Niederlage Iudenitsch'. . Moskau, 89..Oktober. (Funksprnch.) Bericht über"dir 5>.M vor Petersburg: Der Kampf ist ' in eme neue Phase getreie»» deren Beendigung die Ausroklung der feindlichen NordwestsroM sein wird. In für die Roitruppen günstigen Gefechten haben sich diese bis auf 5 Werst nvrdost von -Garschura herangearbeitet, des infolge deS gleichreitigen Druckes von Süden, längs der Windau»« Eisenbahn, vom Gegner geräumt werden mußte. Unser Druck a« der baltlfchrn Bahn bei Manenburg bedroht die Verbindung d« feindliche« Front mit seiner Nückmgslrnie. —. Von den andere» Fronten nichts WesenrbcheS. Der Vormarsch dMrrt an. südlM von Worvnesch haben Rot« Kavallerietruppen den Don Übersetzt.- Ekre Nstse TMLfcherins m Deutschland. Berlin» SO. Ostsber. Wie die Maver melde», hat Tschdscherm an die de«»che Aegrmmg einen Funkspruch gerichtet, wvrm er die Deteibgang Dentieblands an der Blockade von Eow,etr«ßla«d «tt «ne« rsrbedachtm ftindstliae» Akt ansrhen müßte. Bre Tow-ktregHrrrnz-siet ontschlvisrn, m «arm solchen Falle mit «ttprechmde» V'g«»«<rbwgr1n »»t»«Lrhe«. Sic »ev° waire M die derusche Neß enm, dir F,ldettmg der die «sne Pe.hdhmrnr der itemmrarL» Vorderungen d« Gertzchzsbett.s.ei.M4t ei»-.' orte« werde. Pawls, 8S. Oktober. (Funkspruch.) Aus Stockholm ’rou gemeldet, daß sich die Armee Iudcnitsch infolge der he'tigr Angriffe der Rottrupve» zurückziehen und -Zar-kojr Pawlvwsk md Kratznoje Selo räumen mußt-. , Dr« Angriff uns Petersbnrg seschEM. Haag, SV. Ott»der. Eel.-Komp.) Vir tmdW »ttl, i I« A,gnff auf Petersburg endgültig gescheiter \ A»ch DenckmS Truppen sollt« sich aus einer Front von »»Mckr! «r| dem Rüchnge deüntzW.

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