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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-30 · Heft 280 (30.10.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 280 (30.10.1919)
Date
1919-10-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Debatte wird sich an die Beratungen der letzten Konferenz der Arbeiterräte anschlichen und in gewissem Sinn eine Generalabrechnung der sozialdemokratischen Partei mit den von ihr in die verschiedenen Regierungsstellen entsandten Funktionären bringen. Von Seite der Wiener-Neustädter Parteigenossen liegt der Antrag vor. die Partei solle die Beteiligung an der Regierung ausgeden und wieder ihre alte oppositionelle Stellung beziehen. Dieser Antrag begegnet in den Kreisen der Sozialdemokraten ebenso starkem Beifall wie Widerspruch. Entscheidend für das Schicksal dieses Antrages wird natürlich die Haltung der sozialdemokratischen Regierungsmitglieder sein. Es scheint sich hier eine grundsätzliche Aenderung Zu vollziehen. Während der eigerttliche Wortführer dieser Gruppe von Funktionären, der Saatskanzler Dr. Renner, bisher von einem Ausscheiden aus der Regierung nichts wissen wollte und das Koalitionsprogramm in der Nationalversammlung und in Meetings verteidigte, scheint er nunmehr anderer Ansicht zu werden. Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis bezüglich des Koalitionsprogrämms ist zu ausfallend, als daß der StaatskanZler darüber hinwegkommen könnte. Die christlichsozialen Agrarier beharren auf ihrer Weigerung. Wien mit Lebensmitteln zu versorgen und wollen aus der Notlage Wiens noch weiter Geld'herausprefsen. Die . Reparationskommission, die dieser Frage ihr Augenmerk zugewendet hat, versucht, die Resistenz der Ländervertreler zu brechen und hat Gelegenheit genommen, die Folgen eines solchen Verhaltens ungeschminkt darzustellen. Sie hat die Ländervertrete? daraus aufmerksam -gemachh'- daß - ihre Obstruktion zu einer Katasttophe für Wien führen müßte. Diese Aeußerung wird nun dahin ausgelegt, daß die Entente eventuell willens wäre, ihre Hand von Wien abzuziehen und die Stadt ihrem Schicksal zu überlassen. Die Regierung verfügt über. kein einziges Mittel, die Länder zur Einhaltung ihrer. Pflichten zu zwingen. Sie hat die Verwaltung den Landeshauptleuten ansgeliefert und sich durch die Aufhebung der Slatthaltereien jeder Möglichkeit begeben, die Verwaltung her Länder zu kontrollieren. In den sozialdemokratischen Kreisen ist nun vielfach die Ansicht vorherrschend, daß Dr. Renner aus dieser Situation seine Konsequenzen ziehen und mit seinen Parteigenossen die Regierungsbank verlassen wolle. Ob nun bann die bürgerlichen Parteien die Regierung übernehmen könnten oder ob es zu einem Appell an die Wählerschaft kommen würde, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Möglich aber ist, daß der sozialdemokratische Parteitag sich vollständig der Anschauung der Linksradikalen anschließen würde, die dahin geht, die politische, Herrschaft für das Proletariat zu reklamieren. _ Die Anklage gegen CaM§mx. Bor dem Ausbruch dr§ Krieges saß Madame Cärllaux als Angeklagter vor den Richtern. Eie hatte den.Dirrktor deS „Figaro^, Calmetle, erschossen und ihr Prozeß wre ihre Freisprechung bildeten keine geringe Sensation. Nunmehr, da der Krieg zu Ende ist, sitzt der Gatte, .Herr Caillaux, gewesener Minister in drei Kabinetten. auf der Anklagebank und die Anklage lautet auf Gefährdung der äußeren Sicherheit des Landes und Unterstützung des Feindes. Dre überallumfangreiche Anklageschrift geht von Nyei Artikeln der „Neuen Freie', Presse" von 1914 aus, in denen von den Hoffnungen der ljentralmächte aut Caillaux die Rede ist. Auch rn den Ausschiiffen deS derNi'cheu Ne'chsiageS soll man sehr aut Caillaux als Friedetrkbrmger gerechnet und auf seine Mmister Präsidentschaft gehofft haben. v Da8 drnt'che Vertrauen am den Ex-Minister begründete bch ans seine Haltung m der Marokko-Affäre, in welcher er sich eigenmächtig und mit Umgehung deS fraiichsischrn MinrsterratrS im Dmne einer demsch-franzosischen. Annäherung bemühte. Als knvor dem Kriege zur Föiderung dieser. Bestrebungen Alinereyda de« „Bonnet-Rouge" gründete, beteiligte sich Taillaux nnt einem Betrage an dem Blatte. WeiterS werden ihm Beziehungen zu dem gleichfalls als Verräter Perm teilten Bolo Pascha und Lenoir, dem erst letztens Hingerichteten. zm' Last gelegt. Vom November 1914 biS zu Anfang 1015 weide Caillaux m diplomatischer Mission itt Südamerika, wo M bei' diplomatischer Vertreter Gral Lrrxemlmrg tätig war, der, wie erinnerlich, verschwinden mußte, nachdem sein »mschankrmndlick« Rat an dieAuliuer Beüörde bckavnta»» Der Einfuhrbedarf Deutschösterreichs an unentbehrlichen Lebensmitteln. GesamtaufWand rund 20 Milliarden Kronen« Der Direktor des Stautsamtes für Vokksernährung, Abg. Par rer, beziffert den Einfuhrbedarf für die Zeit vom, 1. September d. I. bis 1. August 1980 mit Berücksichtigung der eigenen Ernte bei Ausgabe einer Wochenration von 2545 Gramm Mehl an Schwerarbeiter und 1660 Gramm Mehl an sonstige Nicht-- selbstversorger wie folgt: Getreide für den menschlichen Verbrauch (Wci.en, Roggen, Mais) 483.000 Donnew Industriebedarf (Vrauinbustrie, Kasseesurrogate, Malz, Kinder nährmtt-el und Krrßhefe-JnLnftrie) 114.390 Donnen (der Frirdcnsbedar7 betrug 218.000 Donnen). Getreide für Futterzwecke (Futtermais und Futtergerste — normaler Friebensbedarf 1,490.000 Tonnen) mit Rücksicht auf Transport-- und sonstige Schwierigkeiten 745.000 Donnen. Die Kostenbetragen 119,294.978 h-oll. Gulden für den menschlichen Konsum, 30,885.300 holl. Gulden für den Industriebedarf, 150,241.465 holl. Gulden für Futterzlvecke. Hülsenfrüchte.- Einfuhrbedarf bei einer Ausgabe einer Monats- Kopfquote von i/2 Kilogramm 37.900 Tonnen. Die Kosten werden mit 20,433.750 holl. Güldem ^zifstrt. Kärösffeln. Einfuhrbedarf bei einer WrSgäbv' einer JahreZbopfquote von 60 Kito^ranim an die 9Uchtselbftvexsorger beträgt,272.450 Tonnen. . Bei her Ausgabe einer FahreSDPfquote von 100 Kilogramm an die Nichtselbstverforger 501,850,000 Minnen, wobei nicht berücksichtigt sind der Bedarf der Äarboffeltrocknung, der KarLosselstärle und der Spiritnsindustrie. Die Kasten wechen, beziffert mit^ 20,433.750, Mark. Reis., Bei einer Monatskopsquote'von.Vs Kilogramm beträgt der Einfuhrbedarf 97.900 Tonnen. Die Kosten 'B^ftpr27:667^ü^ AuZgab keiner Wochenkopfquote von einem Ächtelkilogramm beträgt der Einfuhrbedarf 32.400 Ton.neu. Die Kosten 51,840.QOO holl. > Gülden. Fett, und . Zwar Schweinefett und) Pflanzenfett. Der Einfuhrbedarf ist bei der Ausgabe einer W^enquote von 18 Dekagramm 45.600' Tonnen. 5Die Süffcen beziffern sich - auf 91,200.000 höE Gulden. Kondensmilch. Der Bedarf beträgt an gezuckerter Milch: 360.000 Kisten, jede Kiste mit 48 Dosen oder an ungezuckcrter Milch: 445.000 Kistens Die italienischen Anbote beziehen sich auf die amerikanische Einfuhr. Die Kosten betragen 3,690.000 Dollar. Zucker. Der Einfuhrbedarf an Konsum- und worden war, man möge amenkawsche Schiffe ,spmloS" vrrscnken. D'.eier gab semrr Regnnmy gtinftige Informationen über Caillaux und warnte: Unsere Lobsprüchr verderben ihm seine Sullima?' In Südamerika soll er mn t new deutschen Agenten namens Mmotto verkehrt haben; weiters werden ihm Beziehungen zu einem yewrffen aus Ungarn stammenden Lipicher zier s?ast gelegt, die erst^ abgebrochen worden seien, als die Post einen Brief geöffnet hatte. Aus Lipscher folgte, der Anklage zufolge, Bankier Marp aus Mannheim, der den „Bonnet Rouge" ^sinanz-erte. Schließlich soll Caillaux in Italien seinen Brieffvechiel mit Marx und Lw^chcr deponiert hahrn nebst einem „Die BerantworÜ-chen" betitelten Memorandum, welches er nach Frankreichs Niederlage, m>t der er rechnete, veröffentlichen wollte. Auch habe er sich in Italien als Driaitrst betätigt, mit Neuiralisten und Deutschsreundcn verkehrt und zu einem Separatfrieden Italiens und Frankreichs hinaestrebt, der ihm die Min sterpräsidentschaft bringen sollte. Dies sind dir wesentlichsten Punkte der Anklage. Inzwischen ist der Piozeß vertagt worden. Wie wenig sich aber Carllaux besiegt gibt, geht daraus hervor» daß der des BaterlandSverrates Bez'cht'gtr sich anS dem Gefängnis um einen Sitz in der Kammer bewirbt. / In Deutschland hat man mit allen Mitteln gegen Frankreich Krieg geführt. Und wie sehr der Offensive der Waffen die der Spionage folgte, haben die vielen BrrratSprvzesse bewiese«, welche daS Mißtrauen gegen Deutschland ungchc-uer vermehrt haben, daS schließlich hinter jeder vermiitelnden Stimme btn lauernden Derrat zu sehen glaubte. Der Prozeß Caillarw bildet den Höhepunkt dieser Affären und man darf gekannt sein auf die Einblicke, rvelche er eröffnen und daS Nesrütat. ^das er zeitigen wird. , Die Beschießung von KronftaÄt. Paris, L8. Oktober. Der Berlchtrrstatter de4 „Duly Erpreß" meldet aus HelsingfarS. der Monitor ErednS habe dir Beschießung von Krasnojä Gorka und von KronsiaLt aus wridtraaenden GeichM» bkaonuenl. Das Krurr werde, erwidert Jndustriezucker bei. Ausgabe einer Mvtmtsqupte v«» % Kilogramm in de« Städten, 14 Kilogramm auf dem flachem Lande beträgt 111.600 Donnen.-, Die Kosten beziffern ''ich auf 223,200.000 franz. Franks. Eier. Einfuhrbedarf. wenn für jede Person wöchentlich Zwei Eier in Wien, 1 Ei in der Provinz gerechnet werden, 100.090 Kisten zu 1440 Stück. Die Kosten sind ^88,000.000 deutschösterr. Kronen. Käse. Einfuhrbedarf 12.000 Donnen. Die Kosten find 39,040.000 holl.- Gulden. Fische. "Der Einfuhrbedarf betragt 6000 Tonnen und die KvstTN 108,000.000 deutschösterr. Kronen. Seefische, beziehungsweise Konserv-rn (Sardinen) sollen eingeführt werden in der Höhe von 12:000 Tonnen, mit einem KostenbLtrage 1 von 12,000.000 Mark. Die Kosten für die Seefische werden mit 12,000.000 Mark berechnet, für die Sardinen und andere Fi'chkdnserven mit 24,000.000 franz. Franks. Spiritus. Der Einfuhrbedarf wird ohne Berücksichtigung der Trinkzwecke mit 43.000 Hekioliter und der Kostenbetrag mit 233,000.000 tschLcho-slow. Kronenberechnet. Wenn man die Ausgabe für Trinkspiritus dazu rechnet/ würde der 5dostenbetra< 545,000.000 ausmachen. Melasse. Für die Preßhefe- - industrie, für technische Zwecke und die Futtermittel-! stelle beträgt der Einfuhrbedarf 7700 Donnen, Kosten- -betrag 7,700.000 Kronen. Melasse wirb aus der Tschecho-Slowaket eingeführt. Bohnenkaffee. - Angenommen wurde 'eine Jahreskopfquote von 1,65 Kilogramm und der Einfuhrüedirrf,von 11.500 Tonnen. beziffert sichauf 1.472.9k 6 Gterling: - D ie Kosten d t s " Ge samt heb ar"fes - der"' Ein führ an LebeNsmitteln und wich tigen f Beda'cfsarrikeln werden mit BerücksichtigunA . der Paluta, wonach der holl. Gulden (im Frieden,1.88 ' Kronen) , jTtzt 25.6 Kronen, bas englische Pfund (im? Frieden 24 Kronen) heute 280 Kronen, di; Dottär (im"Frieden 4.93 Kronen) heute 70 Kronen, die Mark (im Frieden -1 Mark gleich 117 Heller) 'heut; 1-Krone gleich 33 Pfennige, beträgt, so baß sich ein; üDtSQQto unserer Krone bis zu 1300 Prozent ergibt, erfordern einen Gesamtaufwand van . 19.886,485.000 Kronen, also rund LOMilliarben Kro n« n. Moskav, 49. Oktober. ^Funffpruch.) FrontbeMt: An der Nvrdtront dauert unser Vorrücken an. Im Gebiet von G a t s ch r n a für unS günstige heftige Kämpfe. Ww beseSken B e r d i t s ch e w. Bei K r e w und T sch e fit ig 0 w keine Veränderung. Im Gebiet von Kursk besetzten wir Dmitrowsk und Kremy. Berlin, 29. Oktober. Die ZeÜMg ,P r i s y w" meldet: Front deS Generals I u.d e n i t s ch : Unsere Arrnee hat nach dem ersten Ansturm des GegnerS Halt gewonnen und hält die Lmre S t r j e ln a (an der Küste, 16 Kilometer von Petersburg), Zarßkoja Slawianka—Lisino südwestlich von TvSno. Der Feind führt heftige Angriffe gegen rmferen rechten Flügel bei Lisino, die bisher mit großen Verlusten für ihn ad gemehrt wurden.^Westlich von Pskow gingen estnische Truppen M energischen Gegenangriffen über. Die «meManische Krise. Die Konferenz, von der, vielleicht Amerikas nächste ^nturid abhängt. drohte bereits avseiiianderzngelsen. E;n bricfficher Ävvrkl' Wilsons, emm letzten Versuch zu einem Uebereintomm^l zu machen.^ da das Mißtrauen zwischen Kapital und Arbeit ^klemvarikg ernem nationalen Unglück pleichkomme, scheint «rchr viel gesiuchtet zu haben, da dir Arbeitrrvertcetec au d-L Konsereni nicht mehr anwesend waren, so daß sie verschobenwerden mime. Darüber herrscht in New-Bsrk große BesorpnlS. Allgemein wird dir Verschiebung als ein empsindlrcher Schlag aufgesaßt, der alle Soffnungeu ans eine be? trikdigende Beilegung der gegenwärtigen Konflikle schwinden ließ. GZ wurden große Anstrengungen gemacht, um das Scheitern zu »erinnderx. GsmperZ batre angeliindigk, daß die ArbeiterpNitti beschloffen habe, erne neue Reiolutron bezüglich der kollek» tiven - Uiitrihandlnngen auSmardeitem Sre schnür «doch «echt hinreichend gewesen zu iem, mv beiden Selten zu ermöglichen, zu ckner Verständigung zu gckangen. Der S t a h l t r u st hatte eure feste Haltung nt dn- Kr«,e der kollektiven Lerhavölungen bewahrt und eabgelehnt, mit d«? Arbeitern außerhalb er Wer sie M verhandeln. Laue, der Sloottd sekretär des Innerv, lehnte eS ad. dir Kons?^r>i als keenbet »« berrgchteu, odwobl di« Arbeiterpartei sich zurückzog und damit jii , verstehen gab. daß der Präsident eine nme Arbeitergnrvpe ememwu ift A11 r.,d L ü e r.

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