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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-29 · Heft 279 (29.10.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 279 (29.10.1919)
Date
1919-10-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bor wenigen Tagen ist litt St ad trat der europäischen Kultuczenlrale Wien mirgetcilt worden, daß die Leitung des ame.ikani'chen KiuderhilfSdienstes dis Aufsicht über das gesamte Kriegsküchentpesen übernehmen werbe, da die Mißwirtschaft in diesen der öffentlichen Mildtätigkeit gewidmeten Institutionen alle Begriffe Übersteige. Am selben Tage wurde die OeffentMMit angek/agt, daß sie die Wiener Freiwillige ReLtungsgefellschaft verdorren lasse/ Und vorgestern er- Erfuhr man Genaueres über eine Revision der städtischen charitotiven Anstalten, die einen glatten^ Bankerott der Humanität zutage gefördert hat. Pfleglinge und Patient feit verkommen in Hunger und Schmutz, während es sich das Wartepersonal gut ^-ehen läßt. > Es hat im Krieg Zeichen, genug gegeben, die auf ein Kompromiß des sv'iale^ humLnitären Empfindens mit der losgelassenen Mordbestie hindeuteren. Dis'.Einrjchtung der 5kriegs!üchen entstand bei uns in O'ester-. leeich nur zum geringen Teile laus .der sittlich erfaßten Verpflichtung, die Mängel der staatlichen Fürsorge-durch private Organisation ' aüSzü.gkeiljhen. - üich--' chrMheben;' An .der Hiege dieser Jnsütntionen stand in dens meisten Fällen der. Lahaien'inn des reichen Bürgertums, der ruf die AdelsiriteC; Orden und ähnliche Ehreubezeuguugen Ms Hofes rechnete. Es wab der gleiche-'Geist/'der im Frreden für Ueberschwemmtessoder für. Erdbeben-- »pfer: Tänzerüien veraustalteLe, nach Katryneisen suchte lmd glücklich'war,'wenn am andrven'^-agedie Wiener glatter! die Anwefendeu und die'Toiletten der Damen geschrieben und - die Cerclegespräche irgendeines /; Erze hdrzogS-schilderten. In dem Maße, yun, als die-Dynastie unpopulär-' wurde,- schwand^ das- Jstteresse--selbst an. dieser hohlköpfigen Fornc der Mildhexzigkeit'" 'und s mit ' dem politischen -Wnsch'wung,^ber,'-da^.H^i'seEai^.. aus Mien MtfLrtt'ts>--/.hR^ MsMdertchusG chWsM^MMH?«- nungen perschüttete, - sieht ' die -Not und -die- 'Armütnur mehr kalte Schulterst. Man steht dor eine'm vollkommenen Verfall der rein menschlichen Solidarität; -.chie. 1 bereits gegründeten Anstalten gehen zugrüude^ Beruüyft wird ltusinn, Wohltat Mage. Aber wir^sind-inchresem Falle nicht die Enkel, sorchMn die Zeitgenossen ,'nM-MitbeLrachter' einer' greulichen VerLoLterüng.^ ' . - : Wohltat mündet iünner und da§ ist noch der beste Kall -— in Stumpfheit. - ..Abxr... fi<.-wich,- .wie -hie LNgesüchrtzrn Vorfälle zeigen, auch $nf Mrrüptiou, die den. Geber und den Empfänger 'erfaßt? und dies zeigt, sich 'besonders..kraß, wenn sie. aus dem egoistischen Trieb heraus' erfolgt, den Armen und Bedürftigen-: 6 <t$ schwergestrafte Opfer einer großen Zeit, aus dem Gesichtskreis zu schasftn, hinter' Mauern zu sperren und ihn dort'seiner Kein und seinen Peinigern zu überläfsen.' Es ist, als ob sich die rusch Hei Lin, ihre Atomeapj> lösen wollte, als ob die ganze Gesellschaft in Familien zerfallen wollte, die nur, ihr eigenes Interesse' mehr kennen urch die sorglos.zuschauen,' wenn des .Nachbar« Haus brennt. . Aber der Brand kehrt sich nicht an solch schnöden Egoismus. Er greift weiter und ist längst über das Stadium hinausgewachseii, in dem er mit etwas Wohltätigkeit bekämpft werden konnte. Die Not ist zu einer Massenerscheinunggeworden, die nur mit Massenmitteln, mit der organisierten Macht des StäateZ und der Gesellschaft eingedämmt werden kann, wenn sie nicht zu einer furchtbaren, Katastrophe. lye'chen sosl,: in der. der Sinn für gesetzmäßige Ordnung--verloren geht.- Hier müßten die Elemente, die der Krieg'nicht in materielle Kot versetzt hat, ihre Situation erfentten und die Größe des.' Unglücks ermessen, an dem' sie durch Düchung des Krieges- und durch Ausschopsung seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten ein gerüttelt Maß von Mitschuld irag-cn. Sie müssen verstehen lernen, daß das Bekenntnis zur menschlichen.'Solidarität nicht nur von 6f.c einfachen Pflicht, sondern in noch höherem Grade von ihrer Position gefordert wird, die ans allen Seiten von sehr aktueller Gefahr" um spült wird. ES ist nicht Mehr Zeit., einer vergangenen Epoche nachzutrauern, in der man für ein paar Laufend Kronen, die man einem Kinderheim schenkte, sich von sozialer Pflicht koSkaufen konnte und dafür sogar noch hoffähig wurde. Es ist nicht mehr Zeit, die Wohltätigkeit als einen hübschen Sport zu betreiben, der den ,H)aiik deS Armen" und nebenbei woch irgendein« ehrende Erwähnung in einem Geschäftsbericht einbrachle. LS ist nicht mehr Zeit,,Kinder und Kranke der Pflege gewissenlosen Gesindels zü überlassen, mit den Vorräten der. Kriegsküchen 'den eigenen Tisch Ui beladen und die NettuugSgesel^chaftt die mtv einen; Ultimatum' bet ■©«reinigten Staaten ein Mexiko. Wegen des von Danditen entfüWen Konsnts in PnebLa. " " Amsterdam, 27. Oktober. (Korr.-Vur.) Ans TS a s h i rr g t o rr wird gemeldet, datz die Registrmg der Vereinigten Staaten a rr M S K i Z o e i n U l t l mir t rr m g e r i ch t e t habe, worin die Befreiung des,, von Vanditsü' .eiTtfDtisn'''.äMerikanisch,en Könsülaragente«' in Pnebla, Z e n'ft»% verlangt wird. Zm S e n n ^.^nrtze.hennMgt,/die. 'am o % ni sch e n T v up peu 5,ii m,o tz-i li ft e t'errum 'diese Fsrderu-n'g- 'hurchzusetzen. - . - Das Pretzbtireäu Äadio . erfahrt hierZn,- daß ' dienreManifche 'Regierung dem amöriftanffchen BotschäftermirtgeLeUt' Habe,-std-werde alles aüfbreteu, um Ienkins Zu retten. Der Kampf'NM dLKBUKerMyd. . ' Die Mehrheit des ameManischerr ÄeMM 'geges die Ratrfizrer«W, 'deS'F.rWe«s. Amsterdmn,- 28, Oktober. >h%\mf>“ tneTbet. Lrö-chtigen.. Derartige Angelegenheiten würberl dem Urans Wash in g ton/ baß nunmehrMm 'dpWri^■-Male-! teil des Rates , oder der Versammlung des -Bölkerseit Beginn der SenatZdebäLten ernstlich von der Mögzb und es,oder irgendeiner änderen'Vertretung des Bundes lichkeit 'gesprochen'-, wird,' baß'-Ä-mierrka tbeöer -d'eni nicht u nterliegen, noch auch der Entscheidung oder Fr i e b e ns v e r t ra g ' r a t i f t zieren n och -dem , Vö'lkerbün b beLireicn werdc. Die Möglichkeit, s daß, die Ablehnung des Vertrages von Len - Anhängern Wilsosts aus gehen wird, ist zwar erstaunlich, ab er die - Ursache dafür,ist in der, Gügner.sch aft der Me ürz heit der Senatoren gegenüber den Vorbehalten! zu suchen. - . , , Der demokrälische^ Senator Reed hat einen neuen! Vorbehalt vorgeschlagen .des Inhalts, daß..Amerika-sich das > Recht Vorbehalte, j'bi6 st zu b e.sti-nr m e n, welch Fragen "seine Ehve und seine "LeVensinteresfen Lvein-' - » irgendwelchen Anträgen irgendeiner anderen Macht. „N.ew o,rk World" bemerkt, die Annahme eines derartigen Artikels würde dir deutsche Diplomatie aus der Zeit -vor dem Kriege rechtfertigen. -Wie : Freunde Wilsons wollen lieber den Friedensvertrag ganz und,gar verwerfen,'als eine derartige Abänderung vornehmen. . * , . Der Aorrefpvrchent der „Times" glaubt, daß der . Kampf um den Vö l'kerb und jetzt erst enrstlich; beginne. - .h-.;-, . F*.6 aut VHePeLerShurg. ■ '' tif« -i-dH-M-,; -Mb MLM e-r^s -WUse"'dvA^ LSd. dSV FrvnL wirtet '.von -nÄsL-Lrch 'VÄ-N KrÄsnvfe' Sslo über Ast'Skoje S s l-S.N.A-Ä' Z'g-o t a/0?) 'bis nach Lrfinv,l MMMM füMthj vöw KreuzüngHpunkt der Mferrbahn Lssno—MLsrnfeW, swe -h efti g-s Fel.L's-chlach’U:2itirrs. ^Ärd'e'von den Weitzen TrÄpPsn g,e.rrvm.MK,tzL...I'n 's s.M,i',L's ch/HÄL arrr' meisten''-rsrrtet dem Mangel an TtanKportmitteln zn lletden.-l * ' fir Me - WieKer SHMet. . - Spende rnn 15 WaKgmis SNiLalsbehelfen. ■ Lrlahren Zmech Me anretiLanlfche ^ÄLndet^Ufsaktron folgende hocheLfrenÜche . ... "r Wir EAchÜcht:/' /„ _.////'^ '■- : ' .Das.amerikanische Note Krenz hat-,in hochherziger' Weise f ü ri.f z e h n Waggons S p i, r a! s S e h S L'f'e wie Wolldecken, ' GrrrNwihMdschntze,'ÄhetMonsinstrumente, Mrdikack.ente rrsw. zur. Linderrmg der' Wiener' SpttalKsEhsvierrgLeiten gespendet.' ,Dex Transport istin Be, -leitrmg zweier «meMmüsch^r- Majore! bererts incWren e in g e tr o ff e n. wundervoUerr GcdäMu sozialer' Einsicht entstanden ist,- zugrun^egehen zu lasseu,- weil kein crzherzogliches Auge mehr wohlwollend auf ihr ruht. Sondern es ist an der. Zeit,, daß -das Bürgertum die Gefahr erkennt, in der seine H.kiuser schweben. . Der.GehMtStW des, LschLchs-sLmVstKis ■, scheu' St^Es./ f Gestern wurde zum ersten Male der neue Festtag deS tschechischen Volkes feierlich begangen. Der 28. Oktober ist der Geburtstag der tschecho-slowalrsthen Nvpublik, der Tag, der dem alten österreichischen Staate ^endgültig den Todesstoß verseht.hat. Der Zerfall des alten Donaurcich'cs.hat. sich schon' Wochen vorher deutlich angelnndigt; trotzdem hat daS Gros der SaätSbürger, das durch nationalistische VersaminlungIredner und AriegSberichLerstatter systematisch. verblödet worden war, bis zum letzten Moment nicht verstanden,, was eigentlich vorgcht. Als der Zusammenbruch der Front als unvermeidlich fcstftand, wurde der Versuch gemacht, Oesterreich durch Perufung des edlen Dr. Lammasch, der'früher für seine tapferen Herrenhausreden gegen den Krieg besp.ien und'verlacht worden war, zu retten. Die Natronen sollten Autonomie, ja beinahe Unabhängigkeit erhalten, sie sollten jedoch in einem Verbände beisaminen bleiben. Oesterreich sollte eine Wendung zur Entente machen, -sollte in neuer Form audem Zri-- sammenbrnch hervorgehen.' Dieser pazifistisch angestrichene Plan, der sich der Tugend erst erinnerte, als'die Not schön am größten war, mußte natürlich-scheitern. Man hatte vergessen, daß Oesterteich den Völkern zum Greuel und Abscheu aeworden war, daß besonders bicstuigen Völker, die durch vier schstiere Jahre vergewaltigt, beleidigt und unter das Joch des Scharfrichters' gezwungen waren, nur die brennende Sehnsucht nach Erlösung von diesem unglückseligen Staat, kannten.. Noch kurz zuvor hat man sich darüber entrüstet, daß der .' Tschecheuführer Stanek, der offenbar besser inforunert war als Oieleitenden Kreise, im Parlament eine „hochverrüLerltzhe". Rede gehalten und zum ersten Male unverblümt die Heldentaten der Legionäre gefeiert,hat. Noch heute haben die meisten. Deutschösterreicher keine Ahnung davon, was in der Seele des tschechischen Volkes vorgegangen ist. Noch heute kann man in -Wien das Schimpfwort »Hochverräter" .gegen die Tschechen Horen. Da gab e§ keine Verständigung. Me Tschechen haben - sofort nach der Äonstituierung der Nationalräte.Wien der-l lassen und l weder das : Parlament noch die i Zentralbehörden anerkannt. Sie haben in Picäg ihre Nationalversammlung rinberufen und in einem Taumel ungeheurer Begeisterung.am 28. Oktober die lange, ersehnte . Selbständigkeit aüSgerufen, den tschechischen Staat .als -bestehend erklärst und . offen-den Anschluß''an die Entente .vollzogen.; : ■ 9 '• ' Wer jene Tage in. Prag-mitgemacht^ hat,, der .bewahrt das unvergeßliche Erlebnis der wunderbaren Auferstehrmg eines Volkes aus drückender Knechtschaft, der seltenen Manifestation eines geschloffenen, einheitlichen Vvlkswillens. Die. Revolution, die sich damals überall in Oesterreich vollzog, hatte in' Prag ausgesprochen nationalen Charakter; in dieser Bewegung, des Erwachens und des Freude»- räuscheS war wirklich Größe, Schwung, Leben. Mährerch die Deutschen des Staates niedergeschlagen abseits stand«, u<ußten gerade die national bewußten Juden, die immetz mit den Tschechen gefühlt, haben, so lange sie ungerecht unterdrückt waren, diesen Prozeß der nationalen Auferftchiucg mit

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