Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 276 (26.10.1919)
- Date
- 1919-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nur eines kann als sicher angesehen werden: weder die äußeren .Beziehungen der meisten Staa e.i zu einander, ganz besonders in Mitteleuropa, Osteuropa Und am Balkan, können als stabile betrachtet werden, ein Gefühl, das die Allgemeinheit beherrscht und noch mehr die Staatslenker der einzelnen Staaten, die aus Besorgnis über die Zukunft der von ihnen beherrschten Länder teilweise nach innen verschiedene Koalitionen Eingehen, teilweise nach außen Bündnisse suchen, die KM Konsolidierung der derzeitigen staatlichen Verhältsniffe dieneir sollen. Symptomatisch aber ist es, daß aus wirtschaftlichen wie nationalen Gründen in Deutschösterreich und Tschecho-Slowakien, in Polen,- Ungarrt, Jugoslawien und Rumänien immer häufiger Kombinationen auftauchen und Gerüchte kolportiert werden, die auf Herstellung engerer Beziehungen, sei'es in wirtschaftlicher oder staatsrechtlicher Hinsicht, hindeuten. -..Seit vielen Monaten finden solche Verhandlungen in den-verschiedenen Zentren der üeucntstandenen Ratiomalstaaten statt, die allerdings bisher kein greifbares^ ResMat erzielten, aber immer wieder zeigen, daß'in PpM Lemberg, beziehungsweise Warschau, .Pest, Belgradund Bukarest die Erkenntnis immer mehr Platz greift, daß ja.' r under -elange Zu a rmenhän 't nichtoh.-.e schwerste. Schädigung speziell der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zerrissen werden können und daß weiters die. Zerrüttung eines jeden dieser Staatswesen iy Mttel- . und.Osteuropa die folgenschwersten Konsequenzen für die Konsolidierung devianMnzenöen^neu* entstandenen. Nationalstaaten zeitigen könne./ - . Vor kurzem brachte die tschechische Zeitung „NarodUi Politika" einen Artikel Über die Lage Polens, in dem sie'eine äußerst düstere Schilderung der polnischen Zustände bietet und darlegt, daß in dem neuentstandenen polnischen Nationalstaate Teuerung, Hunger, allerlei Epidemien als Begleiterscheinung der zunehmenden Arbeitslosigkeit im Lande erwachsen und daytzr eine militärische Absperrung Schlesiens und der SHtvakei gegen. Polen erforderlich sei. Diese SchildexMa bezweckt einerseits, der ostschlesischen Bevölkerung ÜW speziell den Teschnern darzukegen, wie wenig verlockend für diese der Anschluß an den polnischen Staat sdln sollte und ande .er eits dem tiefen Grolle Ausdruck . zu ' geben über den Kurs der gegenwärtigens polnischen Politik. In Prag glaubt man dazu , mehr als einen berechtigten Grund zu haben. ' Vor allem gilt in eingeweihten Kreisen der.Besitz von Teschen, wenn nicht in zwölfter Stunde ein unerwarteter Zwischenfall ei »tritt, für den tschecho-slowa- . fischen Staat für verloren. Darüber ift, man in Prag , um so mehr verstimmt, weil es 'daselbst nicht unbekannt geblieben ist, daß einflußreiche polnische Kreise mit magyarischen Politikern'schön seit geraumer Zeit Und wiederholt wegen einer Personalunion zwischen Polen.und Ungarn unterhandeln, wobei allerdings, in Budapest dies mit dem Hintergedanken geschieht, die Plis waker für Ungarn wiederzützewinnen und die Polen als .Gegenkonzessio'n von. magyarischer Seite den. Besitz von Zips und Arva. erlangen zu können glauben. Man beschäftigt sich in Warschau um so intensiver mit dieser Hsee, als es keineswegs so gewitzt ist, wie die meisten Wiener Blätter und die polnischen Zeitungen berichteten,; daß das- Schicksal Ostgaliziens schon entschieden ist. Bisher sind die Würfel über das Schicksal Ostgaliziens trotz entgegengesetzter Mitteilungen noch keineswegs gefallen. Sicher ist nur, wie auch immer die polnische Frage von der Entente gelöst werden wird, baßdie Ukrainer jedenfalls eine weitgehende nationale .Autonomie erlangen werden. Die stündlich wechselnden Verhältnisse in Osteuropa, die zunehmende bolschewikische Bewegung in - Polen, daS konstante Chaos in Rußland haben bisher die Entente verhindert, bar schon -jetzt zu realisieren, was die Polen scho nrealisürt glauben. Für alle Fäll« Wsllen die Polen durch ei» Bündnis mit den Magyaren, »her auch mit den Rumänen nach zwei Fronten ihre .Position sichern, beziehungsweise erweitern, einerseits gegen die Tschecho-Slowakei und andererseits accien b(e Ukrainer. Der Ankauf der NoVeMberMMgkeiLen. RLchLerNLösimg von EisenLaHrrprioritäterr. Das'Staatsamt für Finanzen erläßt folgende Kundma-chung vom 25. Oktober 1919 über die Novemberfälligketten der allgemeinen und der österrerchpsichen Staatsschuld. Die Finanzverwaltung wird die Novemberfälligkeiten der allgemeinen und der österreichischen Staatsschuld runter den in der Kundmachung des deutschösterreichischen Staatsamtes für Finanzewoom 12. Oktober 1919 für den Ankauf der Oktoberfälligkeiten bestimmten Voraussetzungen an kaufen. Vom Ankauf bleiben vorläufig die am 1. November 1919 eintretenden Fähigkeiten folgender Schuldgattungen .ausgeschlossen, und zwar: der 4prvzentigen Goldprioritäten vom Jahre .1883 der Staatseisenbahngesellfchaft; der öprozentigen Silberprioritäten der Kaiser Ferdinands-Nvrdbahn vom Jahre 1872, I. Emission; der 4prozentigen Silberprioritäten der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, vom 1. Jänner 1887, IV. Emission; der 4Pwzentigen Silberprioritäten der Kaiser Ferdinands-Nordbahn vom 1'. Jänner 1887,* V. Emission; der öprozen Ligen Silberprioritäten der/ Nordwestbahn vom Jahve 1871; der Zl/sprozentigew konvert. Nord'westbahn-Prioritäten vom Jahre 1871'' und der Zi/Lprozentigen konvert. Nordwestbahn-Priorp-! täten vom 1. Mai 1903, lit.-b. . s Hinsichtlich dieser hypothezierten Eisen- . Lahn schulden wird im Anschluß an die anläßlich^ per Oktoberfältigkeiten bereits rücksichtlich der analogen? Schuldgattungen eingele'iteten Verhandlungen mit' benj beteiligten Staaten getrachtet werden, ehestens zu einerj Vereinbarung zu gelangen,/welche die Einrichtung eines provisorischen Staatsschulddienstesj bis zur definitiven, devWederhersteltungskommission vorbehaltenen Aufteilung dieser Staatsschulden ermöglicht Die Finanzverwaltung'^ behält sich, vor, nach Abschluß dieser Verhandlungen die Anordnungen über die Behandlung dieser Fälligkeiten zu treffen, und allgemein kundzumachen. ■ " ■ y r /V Die BZsckaÄe der Ostsee. Der Schi-ffsverkehr ruhL. — Stauung der" Güter-in den Häfen. -- Der HerLntz^ .und SproLtenfang gefährdet. - Kiel, 25. Oktober. (Korr.-Bur.) Die Wirkung der O st f e e f p e 11 e macht sich , iu den' Hafenplätzen der westL'rchen Ostsee von Tag zu Tag M)Lbarer. Auch der Schiffsverkehr! zwischen den KWenplLtzen, der die Ersenbahuen wesentlich entlastet Hat, ruht vollkommen, so daß die Anstauung der zur Verschiffung bestimmte« G eZt in HM il^ML gWtzM'eM Mmfang aumwmt. Die Min e » raume r- Ver b Ln d e find'-n'M,' KMerzwür^eueu EmsteMng ihrer Tätigkeit nunmehr vollzählig iu die deutschen Häfen z u r ü ck g e k e h r t. Von einschneidender Bedeutung für die Versorgung des Marktes mit Fischen ift der Umstand, daß die Fischerflottills der Ostsee infolge der Ostseesperre an den nunmehr beginnenden Heringn n d S p r o t t e n f ä n g e n n i ch tz teilnehmen können. In Präg ist es nicht unbekannt, daß gewisse slowakische Ströinungen, die auf eine Sezession aus dem ts-checho-slowakischen Staat gerichtet sind und die eine ylutonomie der Slowaken in irgendeiner noch nicht präzisierten Form erstreben, ein geneigtes Ohr, ja noch) mehr als das,' in — Warschau finden. Ebenso' ist es eingeweihte'n Prager Kreisen nicht verborgen geblieben, daß das eben Gesagte auch betreffs jener ungarischen Ruthenenkreise gilt, die sich ebenfalls, wie gewisse^ slowakische Gruppen, , gegen den Präger Zentralismus'auf-- lehnen. Der Schreiber dieser Zeilen - weiß es von maßgebendster tschechischer Seite, daß MM die polnischen Aspirationen auf Ostgalizien und die'ukrainischen. Gebiete in der Bukowina nicht billigt, vielmehr der Meinung huldigt, daß die polnischen Ausdehnungsbestrebungen nur ans Kosten Preußens berechtigt seien. Unter solchen Umständen wollen maßgebende polnische Faktoren für den Fall, als es zu einem tschechifchükrainisehen Bündnis käme, miteinem polnisch-magyarischen und falls dies sich als unmöglich erweisen'sollte, mit einem polnisch-rumänischen, unter Umständen, sobald es «die Beziehungen-zwischen Magyaren und Numänen gestatten, durch ■ ein polnisch-magyarisch-rumänisches Bündnis sich sichern. ■ ... Ob es. zu einer dieser Kombinationen und zu^ weicher es kommen wird, das hängt allerdings von den <daran beteiligten Faktoren, aber nicht von diesen allein ab, sonder» zum nicht geringsten Teile auch von der politischen und sozialen Entwicklung in den übrigen Staaten, die auf einem Vulkan „ruhen". Bei allen Sympathien, die von altersher die Polen mit denMagyaren,, beziehungsweise ' ihre ‘ Oligarchie gegenseitig verbindet- — zum Unterschiede. von dem Verhältnis der polnischen und ukrainischen Juden zueinander —- ist man in Warschau nicht geneigt, die Zukunft Polens nur aufchitz eine Karte des Bündnisses mit Ungarn zu setzen, da man auch etwas von den magyarisch-ukrainischen Unterhandlungen gehört hat, andererseits es auch nicht mit den Rumänen, die man als Verbündete gegen die Ukrainer und, wenn es sein muß, gegen die Nüssen periodisch-braucht, nicht verderben und schließlich und endlich auch die Klärung der Verhältnisse in Jugoslawien abwarten will. Wie in Polen gibt es auch in Ungarn, Rumäniens und Jugoslawien betreffs der äußeren Politik ver-! schiedene, sich gegenseitig durchkreuzende Strömungen^ die aber alle doch, seltsamerweise den gemeinsamen Be-E rührungspunkt , haben, daß sie mitunter "auch au^ national-imperialistischen Gründen ein mehr oder minder; enges Bündnis mit einem oder mehreren Nachbarstaatenz erstreben. | In Ungarn kämpft die kleine Gruppe, welche einem Anschluß an Deutschösterreich sucht und verstimmt isy wegen des vertragsmäßig an Oesterreich fallende^. Heinzenlandes, gegen die Gruppen, welche'den Schutz des Magyarentums im Bündnis, mit SlMen unbj Romanen erblicken und von denen die einen dieHersonal^ Union Ungarns mit Jugoslawien, die anderen mit Ru-s mänien und die, dritten gar mit Italien erstreben, wo-i bei allerdings jede dieser Anschauungen sich von Hinter»! ' gedanken leiten läßt und mittels dieser Bündnisse a»j die Wiederherstellung der magyarischen Hegemonie im einem 'größeren Ungarn denkt, als die Entente es b« aVsichtigt. ' ';' 1 , Die Vertreter des deutsch-magyarischen Bündnisses träumen-von einer deutsch-magyarischen Herrschaft inj neuen Formen, die Anhänger einer Personalunion Un-j garns 'mit Jugoslawien (die unter Umständen, auch für; ein Separatbündnis mit den, Kroaten gegen , die Serben wären) wollen dies, mm den Banal den Rumäne^ und' Fiume den. Italienern zu entreißen, währen^ ^andererseits die Rumänophilen die Hoffnung Habens im. engen Verbände mit Rumänien sowohl Sieben^ bürgen als auch den Banat sich zu erhalten. Die Italien^ schwärmerwieder hoffen, 'einerseits den Jugoslawen^ andererseits ben' Rumänen Paroli bieten zu können^ In der jüngsten Zeit allerdings glaubt man Pest koie in Warschau, vor allen Feinden und allenf konkurrierenden Freunden sich am besten zu sichern^ wenn maM sich unter die Fittiche Englands und Franko reichs begibt und unter Umständen ein«nl englisch«^ Prinzen den Thron anbietet. ' i . In Oesterreich aber denkt maM genau so weniKals früher in Oesterreich-Ungarn, in den Breit«»«; Schichten der Bevölkerung an die äußere Politik,, ME ist ja froh, wenn man nicht verhungert. , «