Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 267 (17.10.1919)
- Date
- 1919-10-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Zwischen Kommunismus und Reaktion. s : (Don unserem Berliner k>Mitürbriter.) j In der deutschen Nationalversammlung, die nun-! mehr misder den Weg nach Berlin gesunden hat, hat vor einigen Tagen die große politische Debatte begonnen, welche sich, wie üblich, an den Gat des Reichs- Kanzlers knüpft und die Gegensäße sind alsbald mit der größten Deutlichkeit hervorgetreten. Die Regierungssozialisten haben wohl das Bedürfnis gefühlt, der Koalition die als notwendig empfundene breitere Grundlage zu geben und es 'ist ihnen gelungen, die demokratische Fraktion zum' Wiedereintritt in die Regierung zu bewegen. Das politische Chaos, das Deutschland seinen Stempel in den Verflossenen Monaten auWrückLc, ist jedoch keineswegs beseitigt. Der Gegensatz zwischen Kommunisten und Unabhängigen' auf der eilten und den Regierungssozialisten auf der anderen Seite hat nichts von feiner Schärfe eingebüßt und Scheidemanns Lockruf zur Einigkeit begegnet auf jener Seite lautem Hohn. So viel man auch gegen die unaufrichtige und grpndfatzlvse Politik der Mehrheitssoialisteu einwenden mag» die sich im Unrechten Momente an die Macht klammerten und durch einen schmählichen Pakt mit dem reaktionärsten Militarismus das Fortwuchern des ' alten Seivallgeistes auf dem Gewissen haben, der dadurch um nichts sympathischer wird, daß er gegenwärtig durch die Koalition der Junker im Soldatmkleid und Nosk?s verkörpert wird, so sind auch die Unabhängigen nicht frei von Schuld insofeme, als sie es bisher nickt verstanden haben, ein klares Programm > hermisZuarbeiten und sich allzusehr in einem unfruchtbaren Radikalismus gefallen» so daß man oft nicht zu entscheiden vermag, wo die Kommunisten aufhören und die Anabhängigen be- , ginnen., Propaganda der;. am-w^EesW, Mrks - - stehenheirHchteiev, die^WEditzMid ckfnr PüMWWc; kokettieren, fördert vir Wwrßr DlvsKrs heraus, der sich wie in Deutschland .natürlich, militärischer »Formationen bedient, m deren erzreaktionärem und vielfach monarchistischem Charakter kein Mersch zweifeln kann. . Noske, der sich bisher als rin sehr gelehriger Schüler des militärischen Draufgängertums erwiesen hat, verbindet die scharfe Tonart nach links merkwürdig gut mit der rücksichtsvollsten Duldung der '■ reaktionären Umtriebe in der Armee und die allem-,' kalben entstandenen Bürgerwehren und ähnliche- Gevilde bestehen auch nicht aus starren Republikanern, i So häuft er Mißgriff auf Mißgriff. Die jüngst erfolgte , Einstellung der unabhängigen „Freiheit" .für drei Tage ist hierfür ein deutlicher Beweis. Den^ Grund des Verbotes bildete ein Aufruf der Unabhängigen ans Proletariat, in welchem mit, Bezug auf das Älterttat auf Haase behauptet wurde, daß es in Deutschland. Mörderzentralen gebe, die hochbezahlte Mord hüben suchen. Die Behauptung mag wirklich unwahr sein; aber sie geht nicht von dem Blatte aus. sondern von der Parteiorganisation, welche über das Blatt zu verfügen hat. Auch darf man nicht vergessen, das; solche Aeußerungen jenem ungeheueren Mißtrauen . entspringen, 'welches die mysteriöse Ermordung Liebknechts, der Luxemburg und .anderer gezeitigt und das sehr merk» würdige Prozeßverfahren noch verstärkt hat. Der Kampf der Mehcheitssozialisten^ den Noske nach links mit solcher Schärfe führt, hat hingegen gegen die immer ungenierter werdende Reaktion bisher nennenswerte Erfolge nicht erzielt. In den Aemtern fitzen vielfach die'alten Organe, an deren monarchistischer Gesinnung sich nicht das geringste geändert hat und die sich vielfach in einer passiven, wenn nicht einer aktiven Resistenz gegen die Regierunaserläfie gefallen. Oberst Reinhard, der dineue Reichsfahne eine »Iudenfahne" nannte, sich offen als Monarchist gibt Md nach seinen eigenen Worten gegen alle Streiks das Muster Gallifets kopieren, das heißt sie im Blute ersäufen möchte» ist nach wie vor der Mann, der Noskes Vertrauen besitzt. Daß in. den Schulen offen reaktionäre Propaganda betrieben wird, kann weiter nicht wundernehmen, .und neulich mußte Hanifch, Preußens sozialistischer Unterrichtsminister, einen LchAerstreik beschwichtigen» der als Protest gegen die Entfernung .der Kaiserbilder ausgebrochen war. Der Sprecher der-Kationalistm hat letztens im .Reichstag die Wiederkunft der Monarchie voraurgesagt, deutschnational» Parteitage vergessen nie das Huldi-' rungstelegramm an Wilhelm U: und eben vecofientliLt Auslösung der Friedenskonferenz. . Ein Äat der Botschafter. Aew- Porst» 16. Oktober. (Tel.-Komp.) Die „Times" meldet,»daß, sobald die Rati« fLk atio n des FriedensabKommens erfolgt sein wird, was infolge verschiedener B^rzogerungen erst in der nl chsten Woche geschehen dürfte, d i e F r i e d e n s k o n f c r cn z aufgelZ ft^und drrrch einen R a t d s r Botschafter in Paris unter Vorsitz P ich o n s ersetzt werden wird. Marfchak F och wird dem Rate als Sachverständiger angehören. Die Deuikinscheu Banden geschLage«. K a m e u e tz - P o d o l s k» 16. Oktober. sUkr. Pressedienst.) Ukrainische Truppe« haben die von D r r z n l a ans unternommene Offensive der Freiwiüigentrnppen D e «i k i u s zum Stehen gebracht. Boi R n d n i e ä wurde der Feind aufs Haupt geschlagen und Zieht sich in Anordnung geren O l g o p o l zuräckr. Die frisch rekrutierL^N Truppen gehen massenweise zu den Petlfur a-Trupp en über. Dsmkin warf seine Kerntvuppen auf die ukrainische Frontwodurch er ssinT Front gegen die Bolschewiken schwächte, so düst es diesen gelingen konnte, am 15. Oktober um 5 Ahr früh in Ki ew wieder ernzudringen. Der BorMKrsch gegen Petersburg.' H e l f i n g f o r s, 16, Oktober. Nach hier Vorliegenden Meldungen hat die Nordroests armee P r e v L r a s ch e n s k a Z a und G & t? ch i n a genommen. Die Bolschewiken Leisten nur schwachen Widerstand. Der Angriff schrsitet gut vorwärts, doch wird mit einer zähen BerteiÄLgnttg Petersburgs gerechnet.; ' ~ Die der EuteuLearMeeK in -' DeuLschLand- ' - . / MhMch ZLrsts . /BerM», PK. ^Ky,xr..--B2x.) - Drs M e:r -inih -MPMMSstchtkch''' tzWr Mstte -dernäHftrrr - zwei: NeVsüoachrmgSauSschüsse. in -Mr'ir-i emtreffen iverdrn^Mr^ deren Nnterdrrrmnns vier grSste -HoLekS und dis Militärische Akademie in Aussicht genommen seien. Der Miniftrp - Mb zugleich- ' Lekmr.'i^//dafr die Kostender Nntsr- Haltung der gesamten Bc-sehungSärmeen der Miierten schätzungsweise insgesamt zweie irr halb b r S drei Milli ft-.f b t n' W-« 1.1 jährlich betragen. - Diese Mrttellnirg tief tm Ausschuß gllgecheine En t- Minifter . bemerkte, daß dieses Bor» ÄuSsaugrmg. deutscher K«plt>alSkr»st drei MiNarde«. r t fifl ’t u g herdor. Der, gel)LN.:.eme LedaNerliche. dachüllr.. Der /Berktz^rsttMr,'' Abgeordneter. G'ti! Uten (Sszlsldemokrak), erklärte, die Ansprüche der Entente gingen weit über daß Maß der Slllrgkeit h!n«us. Solche Bedingungen mirßtei: den K u i it, D e u t sch I« x d r gut Folge hadrn. Jrn Anschluß ^i?r«n wies Abgeordneter F * 11 (D'ernokr»t) aus das nnrnaßettbe Verhalten der Offiziere und der Soldaten der Alliierte« in den besetzte« -Gebiete« hin. Es werde fltr deutsche Rechnung ungeheure Verschwendung getrieben. Die MätzMMg des Baltikums. f SSctiltt, 16. Oktober. (Korr.-Dur.) Dem Dericeter de-3 MarschallL F »ch ist heute eine Note übergeben worden, in der die deutsche Negierung neuerlich die Tatsachen ,'Us mm nsr ft, bi", bewüs n, daß 'ie ke i n e Veranlassung gegeben habe, daß von der Entente so einschneidende Maßnahmen ergriffen werden, wie sie in den Noten der alliierten und assoziierten Negierungen vorgesehen sind.. Ferner wird daraus hingewieseir, daß Graf von der Goltz endgültig abberusen und nach Berlin befohlen worden' ist und General von Eberhardt als sein Nachfolger den. - Befehl übernommen hat. - .-Schließlich beißt es: Die politischer und miliLLrischc« ^Pläne der Generale Awalow und Zermondt iocw&n in keiner Weiseg^b ill igt. Deutschland hegt'.weder i gegen Lettland noch gegen das russische Volk irgendwelche sriegerische Absichten. Die deutsche Negierung nimmt gerne davon Kenntnis, baß bis oftitecten und assoziierten Negierungen eine interalliierte Kommission «ach den!b.altischan Provinzen entseirdett wollen. Sie bittet, - diese Kommission so bald als möglich abreisen und zu- Besprechungen mit den hiesigen Stellen einen kurzen Anseni- . halt in Berlin nehmen zu lasse«. die »KreuzzeitlMsi" ein Antworttelegramnr Wilhelms, das von seinem Obechosmarschallamt erlassen ist und ganz im alten Stile mitteilt, „seine Majestät der Kaiser und König.haben geruht", dem deutschnationalen Landesparteitag m Breslau »den Ausdruck Allerhöchst Seines aufrichtigen Dankes zu übermitteln." . Die Sozialisten in der Regierung haben es nicht verstanden, den Weg zur Versöhnung mit den Linksradikalen zu finden, Noskes Gewaltmethoden gießen immer neues Oel ms Feuer und die Folge ist eine Streiklust, die nicht Zur Ruhe kommen will. Augenblicklich droht m Berlin der Metallarbeiterstreik die größten Dimensionen anzunehmen. Die Regierung hat versucht, die Eesahr der beständigen Störung des Wirtschastslebrns. das sich langsam wieder erholen will, durch die „technische Nothilfe" zu bannen. . Diese soll lebenswichtige» gemeinnützige Betriebe wie Gas-. Wasier-, Elektrizität-, Eisenbahn-, Post-, Telegraphie-, Berg- und Hüttenwesen und Landwirt-' schaft aufrecht erhalten und im Notfälle alle Hand- und Kopfarbeiter sämtllcher Bevölkerungsschichten herbeirufen können, die sich durch Handschlag' zu äußerster Pünktlichkeit und unweigerlicher Arbeitstreue den Führern gegenüber verpflichten. Es wird verlautbart, daß die technische Nothilfe auf streng ziviler Grundlage aufgebaut ist und mit dem Militär nichts zu tun hat, wogegen eine Geheimverfügung des Reichswehrgruyvenkvmmandos^ ausdrücklich sagt, die techni-; scheu Nothilsen seien ein Teil der Zeitfreiwilligen- Verbände und ' mit diesen der Reichswehr unterstellt. Auch .der Befehl zum Einsatz soll Meist nach Verhängung des Belagerungszustandes durch die Reichswehrbrigade erfolgen. So nimmt es kein Wunder, chaß man auf linksfoziaMscher Seite in der technischen :Rothilfe nur eine behördlich vorbereitete Streikbrecherorganisatton größten StUes sehen will, welche sich des' Belagerungszustandes und dex Maschinengewehre bedient. So wird die Nothllfe» die als ein GeneralhilfsmUtel gedacht ist. zu einer neuen Gefahr. Mit den alten Gewaltmethodenwird Deirtschlrmd 'schwerlich zur Ruhe kommen.' Und während nt«« hi (der Entente das Wiedererwachen des deutsche« Militarismus nach wie vor befürchtet, ist die deutsche Republik von einer wirklichen inneren KonsslidierunZ noch weit entfernt. Der alte Gewaltgeist laßt sich s« schnell nicht ausrotten und wieder?eigt es sich, daß Revolutionen nicht gemacht werden Können, so lange das Volk für die Umkehr nicht reif ist. Rur me Regierung von sittlicher Größe, erfüllt von wirklichem Verständigungswillen, die imstande wii«, in de« ausgewühlten Mafien Vertrauen zu erweckech mSre g# eignet, Deutschland den Weg zur ruhigen Entwickluntz zu gewährleisten, die gleich weit entfernt ist von der Reaktion wir von umstürzlerischen EWerimenten.