Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 266 (16.10.1919)
- Date
- 1919-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kaiser Karl forderte in dem von Hussarek gegengezeichneten Akt die Mitglieder der nationalen Parteien des Abgeordnetenhauses auf, sich als Nationalräte der von ihnen vertretenen Völker zu konstituieren. Es sollte damit die Umwandlung der Monarchie in einen Föderativstaat vollzogen werden. Für diese Absicht kam das Manifest zu spat. Oesterreich-Ungarn hatte bereits aufgehört, zu leben, und nur die Armee, die an der Piave-Front mit letzter Kraft das Vordringen der durch französische Hilfstruppen verstärkten Italiener aushielt, gab noch Zeugnis für den Staat, der in Wirklichkeit nicht mehr vorhanden war. Dys kaiserliche Manifest hätte eine unerwartete Wirkung. Schon am folgenden Tage brach in Prag die Revolution aus, die zur UnabhängigLeitserklärung der Tschechen führte. Ungarische Minister erschienen bei. der Armee im Felde iund forderten die magyarischen Truppen aus, sich nach Hause zu begeben. Mit diesen verließen alle slawischen Truppen ihre Linien und es kam zu dem furchtbaren 'Zusammenbruch des Heeres, dass ohne Führung seinem Schicksal überlassen blieb. Cs begann jenes furchtbare Schauspiel des . wirren Zurückflutens des Militärs durch das Hinterland. Die staatliche Ordnung löste sich vollständig auf. Die Ungarn erklärten unter Karvlyi ihren Anschluß an die Entente, freilich ohne damit auch nur das geringste zu erreichen. Polen und Jugoslawen rissen sich los und die historische Gemeinschaft der Kronländer, die durch Jahrhunderte wie ein unverrückbarer Begriff in der Geschichte Europas stand, hatte aufgehört. Die Deutschen Mtschloffsn sich nur langsam und zögernhE bkt'üeuen MMfion Stellung zrtnehmem Das Parlament blieb aber ohne die Slawen. Es gab einige Sitzungen, die einen seltsam trüben Charakter trugen und mehr dem Abschiednehmen galten als irgendeiner ^gesetzgeberischen Tätigkeit. Das Herrenhaus verschwand sang- und klanglos und schließlich trat eine Woche nach dem Manifest des Kaisers Karl die provisorische Nationalversammlung der deutschen Abgeordneten im Landhaus in Wien zusammen. Den bürgerlichen Deutschen lag die Revolution nicht. Die Straße erst vollzog das Urteil der Geschichte an bei Dynastie, deren letzter Repräsentant, willenlos und schwach, ein Gefangener der ihn umgebenden verbrecherischen Koterie geworden war. Während inderTschecho- Slowakei der Umsturz am 28. Oktober äußerlich beendet war, eifolgte in Wien erst am 12. November die .Pwklamierung der Republik Deutschösterreich. Kaiser Karl wanderte nach Eckartsau und dann nach der Schweiz. In dem Jahr, das seüher abgelanfeN ist, sind wir Augenzeugen so gewaltiger, erschütternder Vorgänge gewesen, daß uns heute noch die Möglichkeit fehlt, uns mit der Geschichte des Manifestes vom ^6. Oktober näher zu beschäftigen. Die Weltkarte hat sich gründlich geändert, der große Weltkrieg ist durch Friedensverträge beendet worden, die aber keinen Frieden schaffen. Das politische, wirtschaftliche und soziale Gefüge Europas ist in Unordnung geraten und Deutschösterreich, der letzte Rest der Monarchie, . ist mit dem Schutt und den Trümmern der zusammengebrochenen habsburgischen Lande so belahen worden, daß es kaum atmen kann, und es ist von der Entente für alle Sünden der Monarchie verantwortlich gemacht und gestraft worden. Aber auch die anderen Nationalstaaten sind mit der Erbschaft Oesterreich-Ungarns belastet und können zu keiner freien, aufsteigenden Entwicklung kommen. Die Tschecho-Slowakei, die polnische Republik und das dreieinige Königreich der Jugoslawen kämpfen schwer um ihre Existenz und sind in Konflikte verwickelt, deren Ausgang' niemand bestimmen kann. Sie sind von inneren Krisen erfaßt und suchen den Ausweg, durch ■ das Aufwerfen außenpolitischer Fragen. Zwischen Tschechen und Polen steht der Kampf um Teschen, die Jugoslawen, deren staatliche, Einheit durch den alten Antagonismus zwischen Kroaten und Serben sehr schwer bedroht -ist, stehen mit den Italienern in einem erbitterten Streit um die Adriaküste» mit den Rumänen im Streit um das Banat. - Der Zerfall der Monarchie ist eine schwere Sorye für die Mächte geworden, die' den Frieden herbeiführen, wollten, aber doch nur Reizungen erzeugen, hie dieWAdes Arlchens nickt LeilhaM werden la üen. Fünf Milliarde« Defizit. Das . Der, Nationalderfammlung ist gestern der Entwurf, den. Für Polizei und Gendarmerie werden -164 Mills» des Finanz ge setz es für das Perwaltungsjahr j onett, für Heerwesen 258 Millionen, für Kriegs^ 1-919/20 zugegangen. Per Entwurf, ,der apf die finanj Maßnahmen (Unterhaktsbei'.räge, Heimkehrerfürsorge^ ziellen Rückwirkungen des Friedensvertrages natur-; etwa 320 Millionen; für das.Sch ulwesen, das unter, gemäß noch nicht' Rücksicht nehmen,-hrnnte,. .setzt die „Inneres und Unterricht" figuriert, erscheint die Staatsausgaben auf 8442 -MiHHO.-Hst, wovon Riesensnmme von 36. Millionen eingesetzt. Pie. Einnähmen'Nus den Monopolen setzen sich zusammen: aus 328 Millionen für Tabak, 47 Millionen für- Salz,, 15 Millionen für Süßstoffe und 66 Millionen für Staatslotterien, zusammen also 456 Millionen.; j Am Liquidationsetat ist DeutschösterrKcA mit^ ,1.2 Milliarden Ausgaben, denen 67 Millionen- Einnahmen geg-enüberstehen, beteiligt: Die Einnahme«! aus den öffentlichen Abgaben sind, mit etwas > üben e i-ster Milliarde geschätzt, davon 545 MMonem hirekP Steuern, -67 Millionen Zölle, .188, Millionen Verbrauchssteuern und 229 Millionen GeMyrep, ,, , . Zum Vergleich, sei angeführt, daß das Deffzit der' Tsch e ch v-'Sl owaker.. 4r/g' Milliarden, jenes. deA S.H?S.--SLaates' 2.6 .Milliarden, Po len s -2Mlliarden Mark betrügt.. D eu Ls ch la nb hat 'eiMN'-Mga-M von' 7 MMarden Mark,' E n gland 275.6 MWvNEN^ (Pfund» Rußland 31- Milliarden Rubel, II a Neu 2.2 Millia rden Lire, Fra n t r eich 12 Milliarden Francs.- Au diesen Ziffern drückt sich 'derganze Jammer - des Krieges^ äus. -Mer.-wich Md,'- diese Mtaa-ien. Arbeit nnsi deshalb- Kredit/ finden, -steht Deutschösterreichvor , einer ' ttd? werteten Krone, vor stillgelegten Betrieben^ ohne HiM und was das Schlimmste ist,' ohne -Mut und -Arbeitsfreude da. öV» Milliarden auf die Verwaltung Deutschösterreichs um 1.9 Milliarden aus das verlorene Gebiet entfallen. Die Staatseinnahmen werden mit 3454 Millionen präliminiert, wovon Zr/e Milliarden aus Deutschösterreich, 906 Millionenaus demverlorenen Gebiet fließen sollen. Es verbleibt also ein unbedecktes Defizit von fast fünf Milliarden. - Das Finanzgesetz spricht für die Regierung ' die Vollmacht an, für die Bedeckung des 'Defizits durch Kreditöperationen zu sorgen und die in. der Verwältungsperiode fälligen Beträge dev StaatSschul,d zu prolongieren oder umz.umaptM'bn.- Ferner wird die Ermächtigung, verlangt, über das. in - Deutschösterreich befindliche - Eig-rntumI^Md'VW-/FHrherungender gewesenen österreichischen und gÄneinspmen Regierung zu verfügen, unbewegliches StäaLseigeyffcm,. soweit es für Kriegszioecke erwörLeu ,wurde, , zrt vcräutzerir, sonstiges unbewegliches BtääMeigeni um bis zurrt Gesamtwert' von 2 Millionen zst verkaufen..'dis znm Gesamtwert von. 400.000 .KponLn zü belasten. . Im Gesetz wird für die Natwn-albersäinnrlung ein Betrag von 3.9 Millionen, für bie Zuläge des Präsidenten der Betrag von, 24:009 Kranen eingesetzt. Die Staatsschuld ist mit 161^2 Millionen v'errechrter,' an die Länder'sollest 36 Millionen' überwiesen wer- Finanzen. Aus parlamentarischen Kreisen geht uns abends folgende Mitteilung zu: Die Frage der Sanierung der Finanzen Deutschösterreichs tritt in das akute Stadium. Die Finanzstellen arbeiten daran, Deutschösterreich im Ausland einen größeren Kredit zur Sanierung seiner Valuta zu beschaffen, die Warenpreise zu stabilisieren, die Kronenwährung im neutralen Ausland zu stützen und die dringend notwendigen Lebensmittel zu versorgen. Gestern war in den Bankkreisen das'Gerücht verbreitet,. daß in den nächsten Tagen sämtliche Bankkonti gesperrt werden und eine Abstempelung der Kronennoten auf zwanzig Prozent' erfolgen soll. Gleichzeitig soll eine durchgreifende Vermögensabgabe eingehoben werden. Der Sanierungsplan, der in parlamentarischen^ Kreisen bereits bekannt ist, geht dahin, mit Hilfe de^ nach Paris abgereisten französischen Botschafters Allizä euren Kredit von drei- bis fünfhundert Millionen Franks pi erlangen und für diese Summe Rohmaterial für die. Industrie und Lebensmittel anzukaufen. Allrz5 hat. diese Mission unter ' der Bedirrgung ttbemommen, daß der Plan der Sozialisierung eingeschränkt, die Arbelterräte. aufgehoben und eine Regelung^ der jetzigen tristen inneren Verhältnisse eintrete.' Er hat angeblich auch den Rücktritt des Sozialifiemngsmimsters Doktor Bauer verlangt. Die Koalitronsverhandlungen zwischen den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten betrafen alle diese Fragen und sind auf dieser Basis beendigt worden. Das Resultat ist m elf Punkten niedergelegt, die im Laufe des heutigen Tages veröffentlicht werden. Die Mission des Botschafters Allizö in Paris betrifft, auch noch verschiedene andere Fragen der Nepnblik Deutschösterreich. Hauptsächlich soll er die baldige Ernennung der Reparationskommission betreiben.. „ . Finnland lehnt das Friedensangebot Sowietrußlands ab. H e l s i n g f o r s, 15. Oktober. (Korr.-Bur.) Die finnische Regierung befaßte sich mit dem Friedensangebot Riiterutzlands und beschloß, dem Reichstag einen ablehnenden Vorschlag vorzulegen. r Wenn die Monarchie nicht bestünde — hat einmal Bismarck gesagt — so müßte man sie schaffen. Es scheint, als ob dies wahr sei. Eine so alte Schicksalsgemeinschaft läßt sich nicht so ohne weiteres aufheben, und Wirtschaftsverbindungenl die aus einer alten Tradition, aus. em^r staatsrechtlichen und verwaltungstechnischen Organisation solchen Alters erwachsen sind, können nicht zerrissen werden ohne die Gefahr des Ausblutens der beteiligten Länder. Die Völker, die einstmals in der Monarchie vereinigt waren und durch das Manifest des Kaisers Karl die Basis für. ihre Freiheit erlangt haben, sind durch tausend Faden, miteinander verknüpft gewesen und die Wirtschaftsgeschichte unserer Tage beweist mit der grausamsten Deutlichkeit, daß dieses von Jahrhunderten gesponnene Netz in irgendeiner Form wieder hergestellt . werden muß. Man sündigt nicht ungestroft gegen den Geist der Geschichte, die es nicht dulden kann, daß die in einem großen Wirtschafisverband ausgewachsenen Völker MiUelemovas nebeneinander ein kümmerliches Dasein führen, statt vereint unter voller Wahrung ihrer nationalen Selbständigkeit zur Blüte zu gelangen und in gemeinsamer Arbeit die Liquidation des Krieges durchführen. Oesterreich muß in irgendeiner Form, sei es als Donausöderation -7 gegen deren Ausrichtung sich insbesondere die Tschechen hefttg wehren sei es als ein Bund der Staaten Mttelemopüs, rekonstruiert werden; die freien Völker muffen zu einem Handelsj politisch kräftigen Wirtschaftsorganismus sich Zusammenschließen. Diese Erkenntnis ringt sich schwer durch, aber ihre Richtigkeit ist heute schon in weite Kreise gedrungen. Wenn sich die Regierungen der beteiligten Staaten ihr anpaffem dann werden sie die Zukunft ihrer Völker sichern können. Begeisterung ist! bekanntlich keine Heringsware, die man einpökelt auf! viele Jahre. Schließlich stößt sie an die unerbittlichen- - Realitäten des Lebens und ein veruiinftiges Kompromiß ' ist der einzige Ausweg aus dem Chaos, das Kaiser! Karls Manifest und der Fnedensvertraa cxmmt haben?