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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-15 · Heft 265 (15.10.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 265 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Koalttionsparteien haben sich über die Grundzüge der Verfassung geeinigt und das neue Staatsgrundgesetz soll schon zst Weihnachten den Ländern vertraulich mitgetellt werden. Die werden sich äußern, dann wird man mit den Parteien von neuem verbandeln. Dann wird man die Nationalversammlung befragen und die wird ein SübKomitee des Verfassungsausschusses wählen, welches mit den Ländem eine Enquete durchführen soll, auf Grund deren an die Nationalversammlung zwecks endgültiger Beschlußfassung berichtet werden wird. Wie mau siehtz eine etwas gründliche, fast zu gründliche Methode, von der man nur hoffen kann, daß Deutschösterreich ihren Erfolg erlebt , und in Freuden die neue Verfassung begrüßen kann. Denn die Dinge, die sich außerhalb der Herrengaffe ereignen, sehen verflucht ernst aus. Die Länderkonferenz hat einen Bericht des Staatssekretärs für das Ernährungswesen eNtgegengenomm^n, der außerordentlich trist lautet. Der Bericht deckt sich mit dem bereits bekannten Referat vor dem Ernährungsausschuß, geht aber in den schweren Anklagen gegen die Länder noch darüber hinaus. Ein Mitglied der Regierung erhebt den Vorwurf, daß die Landesverrvaltungen, beit Ernährungsdienst erschweren und hurch die Einhebung von Ausfuhrzöllen das ohnehin zwerghast gewordene Wirtschaftsgebiet weiter in Stücke schlagen. Die Ernähmngssituation hat sich geradezu schauderhaft, verschlechtert dank dem Patriotismus der von-großdeutschen und christlichsozialen Agitatoren bearbeiteten Bauern, die in der Anwendung der Blockade die Mtente weit übertreffen. Was das für Wien be- - deutet! Kann man aus der Bemerkung des Staats- Kanzlers erkennen» daß die Agitation gegen die Ablieferung einem Verbrechen gegen das Volk gleichkommt und daß sogar die Gefahr des Bürgerkrieges heraufbeschworen werde. Die Umwandlung Deutschösterreichs in einen Bundesstaat nach dem Muster der Schweizerischen Eidgenossenschaft setzt vor allem das Bekenntnis zum Staat voraus und die selbstverständliche Erfassung der Pflicht, daß sich die Glieder dem Ganzen ein- und unterordnen. Dieser Geist ist, wie» man steht, bei uns nicht vorhanden. Aber er könnte doch geweckt werden», wenn die Länder, die sich zum Bundesstaat zusammenschließen wollen, doch wenigstens menschlich miteinander harmonieren würden. Das ist nicht der Fall und zwischen der Republik und der Tschecho-Slowakei könnten die Beziehungen kaum mehr gespannt fein als zwischen Wien und Innsbruck Das sind natürlich in erster Linie Wirkungen des furchtbaren Fxiedensvertrages, dann aber Symptome der Zersetzung, die sich aus der fortwährenden Stäatspielerei ergebemDeutschöslerreich steht vor dem Bankerott und solange es nicht den Mut besitzt, dies offen einzubekennen, solange es die Vermögensabgabe hinausschiebt und die Notenwirtschaft fortfrettet, solange wird Wien weder in Graz, noch in Paris Vertrauen und Kredit finden. Der Lebensmittelbedarf Mens, das ja der wunde Punkt dieser ganzen .staatlichen Konstruktion ist, könnte leicht von den demschösterreichischen Ländem gedeckt werden, wenn irgendeine Autorität sie dazu anhalten und ihr deutsches Brudergefühl mit vollwertigem Geld oder mit Rohstoffen stützen würde. Diese Autoritätist nicht in Wien und wird es lange nicht sein. Die Reparativ nskommission der Entente wird den Friedensoertrag nur so aussühren können, daß sie Deutschvsterreich zum Ausatmen bringt und ihm ein bißchen Erhtzfung schafft. Das ist nur möglich, wenn sie die Eisenbahnen iwernimmt und ausbaut, einen Transitverkehr einrichtet, der Wien zu einem Weltumschlagsplatz macht, wenn sie sich der niedergebrochenen Industrie annimmt und mit dem Kapital ihrdr Austtagsstaate.n in unser wirtschaftliches Leben den Impuls der Aktivität bringt. Dann wird Deutschösterreich gesunden können und den Agrariern, die nur durch ententistische Kontrolle zur Raison gebracht werden können, für ihr Mehl und ihre Kartoffeln zahlen können. Vielleicht wird sich dam jenes Gefühl mistepen, das die Basis für einen Föderativstaat bildet. Die Mweltliche Zionistenkonferenz. Voraussichtlich in der Schweiz. Z ü r i ch, 14. Oktober. (Privat.) Der Londoner'Korrespondent der Jüdische» Preßzentrnle Zürich telegraphiert: Die zionistische Ia^reskonfereuz dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach im D e z e m b e r oder Jänner in Basel oder Bern pattfinden. - (Die ,„IahresKonferenz" ist jene zionistische Delegiertenoersammlung der Weltorganisation, welche statutengemäß in jenen Jahren stattzufinden hat, in denen Kein Kongreß abgehalten wird. Nach dem geltenden Statut soll der Kongreß alle zwei Jahre zusammentreten. Infolge des Krieges wurde jedoch seit dem elften Kongreß (Wien 1913] kein Kongreß mehr abgehalten. Auch die „Iahreskonferenz" konnte natürlich während des Kruges nicht Zustandekommen. Die Red.) 20.000 Mann deutsche Truppen im Dienst der westrusstschen Regierung. Rotterdamm, 14. Oktober. (Privat.) Die „Times" meldet, daß die westrussische Regierung den Arbertritt von 20.000 Man« deutscher Truppe» zur weftrnsstsche» Armee bekannt gibt.; Die Lebensmittelblocha-e Deutschlands. Englische Schiffe aufgehalten. Haag, 14. Oktober. (Privat.) „Daily Matt" weist z» berichte«, hast an die englische» Hafenbehörden der Befehl ergangen ist, die Abfertigung von Lebensmittelschiffen nach Deutschland zu unterbrechen. -■ Bauernrevotteu in Sizilien. B e r l i«, 14. Oktober. (Tel.-Kqmp.) Der „Abend" meldet ans. Rotterdam: »Marly tzerald" berichtet aus Romr Mach Depeschen aus Sizittett ist es r» RrefiznBWWMngSkp gekommen, wobei 7 Bauer» getötet' und 20 verletzt wurden. Me Unruhen fanden «ach einer Versammlung von 5000 Bauern statt, welche über die Besitzergreifung der großen Güter berieten. Der Sekretär der soziattstrschen Parteiorganisation in Riest war drei Tage vo*> her von den Behörden verhaftet worden. * „Zentral Rems" melden dazu, daß die Truppen und Behörde« sich zurückziehertz mutzten und Riefi in der Gewalt der Dauer« sei. fe.' J Die Krise dauert inzwischen fort und die Zeit drangt. Wenn unsere Regierung nicht bald erkennt, daß sie nicht mehr zu regieren, sondern nach Paris zu referieren hat, wird es zu spät sein. Und die Zustände, die dann in Wien einreißen werden, können sich leicht zu einer Katastrophe für ganz Europa auswachsen. . Deutschland und das mitteleuropäische Chaos. , Eine Mahnung Morgeuthans. Henry Morgenthau, der ehemalige amerikanische Botschafter in der Türkei, welcher soeben von seiner Reise durch Zeniraleuropa zurückgekehrt ist, hat der Preß" gegenüber sich itt folgender bemerkenswerter Weise über die Zustände, welch; er in Deutschland und dev neugegründeten Staaten vorfand, geäußert: „Deutschland ist aus dem Kriege als eine vollkommene Kraftmaschine hervorgekommen. Seine menschliche und militärische Macht ist praktisch genommen fiu groß als je. Seine 65 Millionen Einwohner sind durch die Prüfungen geschult und gekräftigt worden, ■ si: haben Wirtschaftlichkeit und Selbstverleugnung gelernt. .Die Nation ist in eine konzentrierte, mit Energie überladene und sich mit zentripetaler Kraft bewegen! e. Masse zusammengeprcßt worden, während Deutschlands Nachbarn, welche sich herumstreiten, sich zersplittern und zcntrufigale Kräfte darstellen. Wenn unter den Nachbarn Deutschlands dieses Auseinanderstreben anhält, kann dies nur eitt Ergebnis haben: Ich zweifle, ob Deutschland seine eigene Kraft voll zu schätzen weiß. Jedenfalls nti'fj es, wenn es ruhig dasitzt und die Zänkereien zwischen den neuen Staaten beobachtet, welche die großen Prinzipien aus dem Auge verliefen und sich übe: kleine Landstreifen herumstreiten, eine grimmige Gmugtuung empfinden. Und ein Deutschland, das ducch derartige Zwietracht zwischen schwachen, miteinander streitenden Staaten ermutigt wird, wird zweifellos b'nn-en wenigen Jahren wieder zu den Waffen greifen und das verlorene Gebiet wieder gewinnen. Was wird die' militärische Clique verhindern, in. Deutschland wieder Macht zu gewiiuren, wenn Europa fortfährt, Kriegern so locLnde Preise zu bieten? Emtz derartige Situation kann. Deutschland nicht aneisern-l feinen Handel durch friedliche Mittel wieder zu erobern und Entschädigungen zu bezahlen. Die deutschen Militaristen werden 'nicht zu den Fabriken zurückkehren wollen, wenn ihre kriegsgeschwächten Nachbarn sich weiter. schwächen und sich selbst als Opfer für den preußischen Geist darbieten. Europa treibt einer Situation zu, welche eventuell zu einer Koalition zwischen Rußland, und Deutschland und der gänzlichem Vernichtung der vielen neu geschaffenen Staaten führet muß, .wenn nicht unverzüglich Schritte dagegen unternommen werden. Meiner Ansicht nach ist «in starker Völkerbund das einzige Mittel, ein solches Unheil abzuwenden und er muß bald kommen und die loyal«: Unterstützung sowohl der großen als der kleinere' Mächte haben. .;i Griechenland, Italien, Jugoslawien, Tschecho-'Slo^^ r wakei, Polen und die anderen europäischen Länder, welche den Krieg mitgemacht haben, sind in einem > ‘ traurigen Zustand der Schwäche und bedürfen der Unters , stützung> einer Organisation, welche ihnen ein geeignetes Tribunal für ihre Zwistigkeiten bieten und sie "bei den Bemühungen unterstützen wird, ihre Völker von dem Gedanken abzubringen, daß Krceg das einzige Mittelist, um Gerechtigkeit zu erlangen. Es muß eine großem Erziehungskampagne geführt werden und große und kleine Staaten müssen sich dabei betriligen. Es ist unmöglich. Staaten als Schutzwelle gegen Bolschewismus , und Militarismus zu schaffen, wenn diese neuen Staaten ihre Streitigkeiten fortsetzen und sich so schwächen, baß sie keinem Feinde, geschweige einer großen, nichterschöpften Macht gleich Deutschland widerstehen können-' ' Deutschland hat es klugerwerse vermieden, mit den' Vereinigten Staaten den . Kamps bis zum letzten zu führen. Es zog sich in guter Ordnung an einen; sicheren Platz zurück, wo der Krieg seine Fabriken nichil ruiniert hatte und alles für die Wiederaufnahme der. Friedensind ustrren bereit ist. Deutschland hat ange< fangen, zu arbeiten, was für viele Teile der andereai Länder) wo Deutschland absichtlich die Maschinen zor- . störte und kestre Rohstoffe vorhanden sinbk uvmögli^

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