Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 257 (7.10.1919)
- Date
- 1919-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mancherlei Schmutz hat man auf diese Weise entdeckt, mancherlei Spinnen schreckte der Besen ach, Staub wurde in 3ta&eu aufgewirbelt. Und im Munde genommen war es nicht einmal pour 6e roj ^äs frv886. Die aufgeschreckten Spinnen wurden interivöewt, dLmentierten und krochen alsdann wieder in ihre Schlupfwinkel zurück, der aufgewirbelte Staub senkte isich, nachdem er einigen Menschen Brechreiz verübt 'hatte, wieder auf jciic zahlreichen Winkel, die man ivotsichtig unangetastet gelassen hatte — kurzum, der Msen, fe« man zu diesem Orößreiuemachen. gewählt hat, war nicht aus Eisen, sondern aus biegsamem DMmni. '! - i Mnrnit man nun alles in allem, jo hat sich nichts ergeben, was der Geschichtsschreibung neue Wege weisen könnte. Daß man in Wien diesmal unter allen Umständen losschlagen wollte, war' bereits bekannt und die Einzelheiten' Barch told scher Regiekünstelei haben nur kroch Mietdotöninteresse. Nur wer immer noch -des tHlaubens ist, daß weltgeschichtliche' Entscheidungen 'Einzelpersonen zur Last gelegt oder zum Verdienst cm». gerechnet werden' können, wird sich verleitet fühlen, in Berchtold numnehr den alleinigen Sünde nbock zu erkenmn, dessen Berurteüimg oder Hinrichtung allein aus- «reichend sei, die-übrige Menschheit von ihrem Schuldgefühl zu erlösen. Darum ist es'auch nicht minder unwichtig, zu wissen,ob der rätselhafte Herr vouTschirschky wirklich gehetzt oder ob BethMann nur verabsäumt habe, rechtzeitig zu bremsen. Denn daß man in Berlin diesen Krieg gewollt hat, ist gleichfalls schon seit geraunstr Zeit bekannt und wird selbst in diesem Rot- . Auchr,. das' alle "Schuld auf Berchtold . Mddie Habsburger türmen will, nicht widerlegt. Denn bas ist das Entscheides«: der Gesamtwille. An ihm gemessen, verlieren einzelne Briefe ihre Bedeutung. Schließlich unterliegen auch Diplomaten den Stimmungen, die aus den Ereignissen reifen, und wenn von Berlin, als es schon zu spät war, die bekannte schroffe Mäßigungsdepesche «mch Wien geschickt wurde, so beweist das nur, daß der völlig unerwartete Abfall Rumäniens und einige andere Dinge in der Wilhelmstraße die Einsicht dämmern ließen, wie man sich verrechnet hatte, als nran von der denkbar' günstigen politischen Augenblickskonstellation sprach. Das Entscheidende ist der Gesamtwille. Und dieser verlangte in Wien einen Durchbruch gegen Südosten, wo sich seit dem Balkankrieg eine abschnürende Barriere vor die Monarchie legte. In Berlin verlangte er einen Durchbruch rrach mehreren Richtungen gleichzeitig, und der nach Südosten befand sich auch darunter. Denn jede weitere Verschiebung aus dem Balkan mußte die Fäden zwischen Berlin und Wien lockern. DieAdonarchie unterlag von Jahr zu Jahr mehr der slawischen Beeinflussung, das Wort von vcr deutschen Monarchie erwies sich mehr und mehr als Fiktion, Deutschland stand vor der Gefahr, daß feine einzige Stütze aus dem Kontinent entweder an Kraft verlor oder aber eine Neuorientierung vornahm. Eduards Versuch, eine solche einzulewen, war an Franz Josefs Persönlichen Empfinden gescheitert — aber Franz Josef war alt, und bereitete sich irr der Monarchie nicht ein ähnlicher Umschwung vor wie in Rumänien, wo sich die Wertlosigkeit einer nur auf die Person gestützten Poliik erwiesen hatte? Man ahnte wohl in Berlin: Würde die Entente einmal Deutschland angreifen, so wäre es wohl mehr als fraglich gewesen, . ob die Monarchie Nibelungentreue gehalten und ihre ganze Kraft für Deutschland eingesetzt hätte. Wenn man. es «her so machen konnte, daß Oesterreich-Ungarn seinerseits selbst in den Krieg ging, so daß es an Deutschland tvar, mitzuhalten. dann war die Situation für Deutschland ungleich günstiger! Das hat man in Berlin gewußt, hat darum in der Eruwrdung des Thronfolgerpaares den Anlaß gewittert, derdie verschlamperte Monarchie endlich zur Aktivität aüfstacheln mußte, hat das seine dazugetan und sich dabei doch genügend im Hintergrund gehalten: denn der österreichische Soldat mußte ja denken, daß er für seine Dynastie in dssn Krieg zog, er durfte nicht ahnen, daß er nur als Bundesgenosse geopfert wurde." Der Gesamtwille: Er verlangte in Wien und in Berlin eine DeräiÄerung des Status quo und. ging hierbei von der Mächtegruppierung ans, wie sie noch offiziell bestaicki Der Kardinalfehler, fceu er beging, lag' nun darin, daß er zwar' sah, wie sich diese W.rMiPiermrLlau.Mm. ftfcfc Mio ^WMnAst.DL.uE' Keine Derhandümgen der Entente mit der Negierung Friedrich. Paris, 5. Oktober. (Havas.) Entgegen den Nachrichten gewisser Blätter sind keine Verhandlungen mit Angarn int Ganges Der Rat befaßte sich auch nicht mit der Frage der Berufung einer ungarische« Delegation nach Paris, um die Friedensbedingungen der Alliierten zu übergeben. ' Der Kampf um Fiume. Die Amerikaner gegen Italien. D'Ammnzio befestigt Fiitwe. Berlin, 6. Oktober. Die Abendblätter berichten von der Schweizer Grenze: „L'Jnforrnation" meldet aus- Fiumer D'Annunzio hat die Verhaftung jugoslawischer und amerikanischer Staatsangehöriger in Fiume verfügt mid läßt Internierungslager errichten, Die Befestigungsarbeiten von Fiume schreiten vorwärts. An der Peripherie hat d'Anuunzio schwere Artillerie mw.SchiKkanonen auffahren lassen. Berlin» 6. Oktober. Das „8-Uhr>.Abendblatt" berichtet aus Basel: Einer Meldung der Zeutralagentur aus Paris zufolge ist an der dalmatinischen Küste weitere amerikanische Marineinfanterie gelandet worden. Es liegt ein Befehl des amerikanischen Marine«, sekretärs Daniel vor, wonach die amerikanischen M a t r o s e n d e n K a mp f m i t d e n I t a l i e n e r n aufzunehmen haben, falls diese ihren Vorstoß gegen Trau, Spalato oder andere adriaüsche Häfen erneuern. England gegen Italien. Die ungesetzliche Situation irr Fiume. Mailand, 6. Oktober. (Korr.-Bur.) Die Blatter bringen ein Telegramm der Agenzia Stefani aus L o n d o n, wonach es inoffiziellenKreisenfeststeht,daß d t e britische Regierung die Absicht habe, der italienischen Regierung ihr Erstaunen über die Verlängerung der ungesetzlichen Situation in Fiume auszusprechen. Die englische Regierung ist der Ansicht, daß die Ausdehnung eines solchen ungesetzlichen Zustandes Italien dem Risiko aussetzen könnte, aus dem Bündnis a u s z u s ch e i d e n. Ekne italienisch-rumänische MiliLärkorrveutio *t. ' Berlin» tz. Oktober. Einer Meldung der „Täglichen Rundschau^ aus Zürich zufolge,- berichtet die „Neue Züricher Zeitung* aus Agram, daß zwischen Jiaüen und Rumänien cm Müuärabkommen getroffen worden sein soll, wonach Rumänien verpflichtet sei, im Kriegsfälle gegen Jugoslawien gleichzeitig Operationen vorzunehmen. Italienische TruppenverschLebungen gegen die südslawische Grenze. Innsbruck» 6. November. Heute ist das, italienische 65. Irr» fanierieregiment. wie verlautet, an die jugoslawische Grenze ab- Gegangen.-An seine Stelle ist das 8. italienische Grenadierregiment rn Innsbruck «ingerückt. Die ALMderungen an dem FrledensVertrag. A m st e r d a m, 6. Oktober. „MaandagochLeyblad" wird ans Rew-Bork gemeldet: Man erwartet allgemein, daß der Friederrsvertrag mit folgenden Eittschränkungen angenommen werden wird: 1. Ausdrückliche Bestätrgnng der Monroelehrex 2. der Kongreß mutz das Recht haben» darüber zu entscheiden, ob die Truppen in Europa gebraucht werden dürfen» 3. der Völkerbund darf nicht das Recht haben, sich in rein innere 2lngelegenheiten der Vereinigten Staate» eivznmengen. Die MiMardensincht aus Deutschland. 20 Milliarden ins Ausland verschleppt. München, 6. Oktober. (Tek-Komp.) Wie die „Münchner Post^' mitteilt, hat die Bayrische Notenbank für etwa 70 Millionen Papiergeld ausgegeben, davon sollen etwa nur zwei Millionen im Lmlanfe sein. Die übrigen 68 Millionen find ans dem Verkehr verschwunden, sie können also nur gehamstert oder ins Ausland verschoben worden fei». An deutschem Papiergeld sollten im ganzen etwa 20 Milliarden durch KaMalschiebet und Steuerflüchtige ins Ausland gebracht worden sei«. —w lands verschob (seit 1890: Verlust der russischen, ru^ manischen, italienischen Freundschaft-, drohende Neuformung in der Monarchie), daß er aber gleichzeitig' die offizielle Gruppierung rings um den Dreibund noch .für widerstandsfähig genug hielt, um auf dieser Basis eiste kriegerische Auseinandersetzung zu wagen und durch sie vielleicht das locker werdende Gefüge wieder zusammenzuschweißeu. Wenn Deutschland nun tatsächlich, wie es wähnte, einer „Einkreisung" cursgesetzt gewesen wäre, die nur noch eine schrittweise Abschnürung, keinerlei Ausweg mehr hätte möglich erscheinen lassen, so wäre man immerhin noch in der Lage, die Berliner Kriegspvlitik als eine Politik der Verzweiflung, als Desperadopolitik zu begreifen. Aber unter den vielen Dokumenten, ,die jetzt ausgegvaben werden, befindet sich eines, das der ganzen weltpolitischen Lage vor Kriegsausbruch ein neues Gepräge verleiht. Sir Edward Grey, eine der stillsten und würdevollsten Erscheuiungen der damals Verantwortlichen Diplomatie, setzte alles in Bewegung, um den Ausbruch des Krieges zu verhüten. Am 30. Juli erhielt nun der englische Botschafter in Berlin von ihm folgende Weisung: „Wenn wir über diese Krisis hinwegkommen und den , Frieden* wahren, werde ich mich bemühen, ein Abkommen zu erlangen, das Deutsch-, land miteinschließt und ihm die Sicherheit gibt, daß j lÄtli# Md. LiLmMA. - weder einzeln noch gemeinsam, eine ihm oder seine»! Bundesgenossen - feindselige Politik treiben werden. Solches Mkommen wünschte und erstrebte ich' schon während der letzten Balkankrisis; und weil Deutschland' damals denselben Wunsch hegte, wurde die Besserung, unseres Verhältnisses fühlbar." Mer damit wäre j« die ganze Gruppierung DreibnrrL-Triple-Entente entfallen! Deutschland hätte den Verlust Italiens, dier Släwisierung der Monarchie nicht mit solcher Sorge zw verfolgen brauchen mrd in ruhiger Aussprache mit Paris und St. Petersburg wäre es dann geduldiger Arbeit doch Wohl gelungen, wieder in die feit 1890 verlassene Bahn der Kontinentalpolitik einzuschwenken. Dazu hatte es eines Bismarck bedurft. Deutschland' dagegen mit seiner stets nur patriotischmr, nie aber historischen Geschichtsschreibung und Legend-enbildung behielt vom Kanzler nur in Erinnerung, daß er der „Eiserne" genannt wurde, und daß er mit „Blut und Eisen" bas Reich zusammengeschweißt hatte. Generation interPretkerL ihre Heroen nach ihren Wünschen. Me deutsche Generation war militaristisch, -nicht staats--. männisch.^ Daher sah sie in Bismarck nur-den Krieger' und vergaß, daß in ihm stets der Staatsmann allesj andere überwog. Daherbesaß sie im kritischen Äugend blick einen Reichskanzler, dev dieses entscheidende englische - Angebot überhaupt - nicht mehr beantwortete. «BM»