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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-05 · Heft 255 (5.10.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 255 (5.10.1919)
Date
1919-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Kreis 40 Hrller mm tott früäm *»* A»0»a»ttch. •* *♦“" Tt-rMsShrk, . . « Ä7*- chüldssthris » — C8‘“" Ekmrisy-rs .. .«100.- .' Mt Postversand: .j>t< Mmratlich. . Ä yr»-»-Iföh-io . . « S7.^ «-MAn-r« .»» * _ _ etmtfUrrt« * •' «1°«.- «fttfcteS!'ÄÄ ” ■ rw*fÄ . Wiener /«ÄüaüwwKtattr'"' Arrks «O Ar««» vvrtf» Mr da» A»»Ur»d>L Monatlich . . L 10.-« MerteÜKhpis » »« 80.—? HnU^Sirrig . it!» M-00,—< » . «ISO«—!, Kodasttts» «. ZAmMtra*; trorr: | NNr». x*. Gv.r^-o / Talopchono: Ad-mLnichen-. . thm 44038, Nodaktkani. ‘48310, ab « Uhr abtnVal’ N-. 16301 Nr. 255 Wien, Sonntag, den 5. Oktober Isis 1. Jahrgang .Der neabesteltte itakenische Minister Md präsumptive Ge- 1 sandte Italiens m Wie» M a r ch e je T o rr e tt a hat Sester»! dew/ Slaatskan-ler Dr. Reu »er ftmr» Antrittsbesuch gepraA Marchese T o r r e t t a erllärte dem Staatslanzler, daß er den Auftrag bade, die n o r ma 1 e» 3 e zi eh »» g r» »mische» Wie» v»d Rom h erzustellen. Die italienische Vertretung werde sofort, nachdem der Friedensvertrag ratifiziert ist, in eine Gesandtschaft umgewandelt werde»' Der italieuische Minister erwartet, daß sich die BeziehuüM Mischen den Leiden Staaten freundschaftlich gestalten. Nach Leu neuerlichen MtterLungen des Bürger- Meisters m der Freitagsitzung des Gememderates ist die Kohlensituation andauernd.trostlos. Er har dis Gefahr einer abcrmaligru Etnstellvng des Straßenbahnvarkchrs. dis trostlose Lage der Ga§- und Elektriziist^swerke sowie die Gefährdung des Hausb. Land es. zugegeben. Wir stehen also vor einem Winter, welcher, wenn nicht noch in letzter Stunde eine Besserung eintritt^ für Wien der Gipfelpunkt LeL Elends werden wird. , Die Kohleuzufuhren sind, wie an zuständiger Stelle versichert wird, geradezu trostlos. So erhielt das Gaswerk vorgestern, aus Ostrau 57 Waggons, fpuftige Verbraucher 33 Waggons. Llus Ober--. Schlesien erhielt die Gemeinde Wien 2 Waggons, die Gas- und Elektrizitätswerke je 2 Waggons, und sonstige Verbraucher 56 Waggons- Von Polen kamen 3 Waggons, aus Böhmew» sehr geringe Einläufe. Am schlechtesten hat das Elektrizitätswerk aB*; geschnitten. Es wird weiter versichert, daß schon seit langer Mt keine so geringen Einläufe gekommen sind und daß der ohnehin schon so starkbeschränkte Bedarf kaum. rloch gedeckt werden kann.. Es werden daher neuerlich aiißervrdsutlich verschärfte Spartimßnahmen ‘ geplant, welche für/den ganzen Winter in Kraft bleibchi ''werbe«..,' Der Staats kanzle« betonte, daß Deutfchösterreich de» Borsatz habe, dm Frieden von Saini-Genuaiu redlich durchzusühren trotz drs Schmerzes, dm jedem Deutsche» im Lande der Verlust D'euts chs üdtirols bereitet habe. Der Staatskanzler geleitete sodann de» rtaliemsche» Mmister i» die Pra s i d e» t s ch a ft. Präsident S e i tz empfing, de» italimischeu Minister und sprach die Hoffnung aus, daß es chm gelingen werde, an de« Werk der Wiederversohuung zwischen ' Deutschen uud Atalieneru mit Erfolg zu arbeiten. 'Zu diesen verschärften Sparmaßnahmen soll die vollständige Einstellung des Sonntags- Verkehrs der Straßenbahn gehören, und an Wochentagen soll der Betrieb ausschließlich in den Früh stunden geführt werden. Dieser Man wird vorläufig < allen Ernstes erwogen. Ferner ist eine weitere Drosselung des Kohlen- Verbrauches durch die Sperre der Gast- und Kaffeehäuser sowie sämtlicher Theater-unv Ber gnügungs lokale um .8, beziehungsweise 9 Uhr abends in Aussicht genommen. Selbstverständlich ist an eine Auflassung der Haustorsperre um Z Uhr nicht zu denken. ' Es wird auch der Plan erwogen, die Arbeitszeit in den Fabriken, Werkstätten, Betrieben und Bureaus so einzurichten, daß die Mittagszeit hindurch gearbeitet wird rmtz ein früherer Betriebsschluß erfolgt. i,¥iyV’ Die Einstellung des SrnnNMvÄehrs auf den Bahnen. steht bereits außer Zweifel. Noch ist wohl die Entscheidung nicht getroffen, doch dürfte der Sonntagsverkehr voraussichtlich auf die Früh- und Abendzüge beschränkt bleiben, welche die Arbeiter und Angestellten in‘ ihre Arbeitsstätten befördern sotten. Heute Sonntag bleibt der Verkehr ber Staatsbahnen noch' im'', bisherigen Umfang aufrecht. Vom nächsten Sonntag ab w^en jedenfalls die PersoMnsernzüge auf den StaaishMen eingestellt. Die Zndenschutztrnppe. —Y S i c », 5. Oktober. \ Der Wiener Kreisarbeiterrat hat am Freitag übet Antrag des Dr. Friedrich Adler beschlossen, der Kundgebung der Reaktionären am 6. Oktober keine. Beachtung zu schenken. Gemeint ist die vom Deutschen Volksrat für Wien und Niederösterreich einberufene Antisemitenversammlung, und die Begründung für den Beschluß lieferte der Landeshauptmann von Niederösterreich Herr Sever, der nicht den Anschein erwecken möchte, als seien die Sozialdemokraten eine Iudenfchutztrüppe. Es dürste wohl in der Geschichte der Sozialdemokratie zum erstenmal geschehen fein, daß man einer. Kundgebung von Reaktionären keine Beachtung schenkt. Aber der Beschluß ist von einer Partei gefaßt worden, die alles, nur nicht sozialdemokratisch ist, die durch ihre Koalition mit den Christlichsoziallen langst den Charakter einer proletarischen, sreiheittichen Partei verloren hat und sich auf eine nationalistische Taktik festgelegt hat, die ihren Beschlüssen jede Glaubwürdigkeit nimmt. Durch die freitägige Resolution verliert der Kreisarbeiterrat jede moralische Berechtigung, indem Kampfe gegen den Rückschritt als ernster Faktor gewertet zu werden. Denn der Beschluß! ist ein Ausfluß elendester Feigheit. Die antisemitische Parole ist eine Maske, hinter der sich die alten Kriegs-! Hetzer verbergen, die die Zeit für gekommen erachten^ die revolutionären Errungenschaften nicht bis zum ersten! Geburtstag leben zu lassen. Die Ostjuden, schreien fie,j alle Juden meinen sie und unter Juden verstehen sig nicht etwa eine konfessionell oder national abgegrenzte Schichte von Mitbewohnern, sondern alle, die für eine freisinnige, alle produktiven Kräfte auslösende Entwicklung der Republik, für ihre geistige Orientierung nach den Grundsätzen der Demokratie eintreten und arbeiten wollen. Die Entfernung der Fremden und die Aechtlosmachung der Juden überhaupt wäre ja nur das erste Stadium in dem Streben, wieder das alte Regime mit ihrer Korruptton und Schlamperei heraufzusühren und .mit frecher Hand alles zu erdrosseln, was sich, dieser Tendenz entgegenstellt. Diese Strömung greift weit über die Juden hinaus und hat durch geschickte Benützung der .durch die . Verbrechen des monarchistischen, militaristtsch-bureaukratischen Systems entstandenen Not Bevölkerungsschichten unter die Suggestion ihrer Demagogie -gestellt, die sich sonst ablehnend verhalten hatten, wenn die Sozialdemokratie rechtzeitig durch AuMarung ihre Pflicht erkannt hatte. Aber die Sozialdemokratie kapituliert vor den „Argumenten der Straße". Sie tut so, als wüßte sie. nicht, daß sich, letzten Endes der Kampf gegen ihre auf Völkerverföhuung und Völkerbefreiung gerichteten Grundsätze wendet. Ja, die Sozialdemokratie Oesterreichs hat die steche Lüge aufgegriffen, daß die jüdischen Flüchtlinge durch die Bank verkommene Schieber und Kriegswucherer wären, sie hat in der „Arbeiter-Zeitung" gegen die unproduktiven Elemente aus dem Osten gehetzt und in der ganzen schamlosen Agitatton die Führung er^ griffen. Sie glaubt, durch das billige Miltelchen desj Nichts hören wollen die Gefahr, die ihr selbst droht, zu bannen und macht der Urstn-Kunschak-Sedlakschen Sippschaft die. Eskamotage nach. Sie setzt in die Gleichung ebenso wie jene die Juden als die Unbekannte ein und schenkt der Reaktion keine Beachtung, weil sie keine Jndenschutztruppe sein will. Weiß Gott, wir flehen weder bei diesem jänmrer-; lichen,Zenbild, einer sozialdemokratischen Partei, noch! bei irgend jemand anderem um Schutz.' Wir lehnen! das Schutzjichentum. unter allen Umständen als unwürdig und charakterlos ab. Werden wir angegriffen.' so schützen wir uns schon selbst und wir werden jetzb und in aller Zukunft die Konsequenzen aus dieser! Anschauung zu ziehen wissen. Die Not des Augenblickes! zwingt uns, schärfer als je auf der Wache zu stehen. Aberes werden andere Tage kommen, in denen wir auf! die Zeit von heute zurückschauen und unsere Haltung! freier und unbefangener werden bestimmen können.! Wir werden dann daran denken, daß wir Jttden das' erste und am heftigsten angegriffene Objekt der! Reaktion waren und daß Adler und Sever im' schlotternder Angst sich nicht als Iudenschutz-i kuppe stigmattsieren ' lassen wollten. Wenn! die Freiheit Oesterreichs solchen Händen anvertraut ist,; dann muß jedem bange werden, der die Aufmärts-j entwicklung der Republik und ihren Eintritt in die- Liga .der. Völker wünscht. Die französischen Sozialisten gegen die Stärkung der Reaktion. Paris, 4. Oktober. <Korr.-Bur.) Sn der Erklärung, die der Abgeordnete Lafon t im Name« der sozia l f st ifchen F r a k t i o n in der Kammer verlas, heißt es znm Schluffe: Die sozialistische Kammerfraktion gibt ihrem Bedenken über den Geist Ausdruck, ist dem die Anstrengungen, die die Demokratie und der Sozialismus in Deutschland «ud Rußland machen, um sich von den Fesseln der Vergangenheit zu befreie«, in den alliierten Länder« ausgenommen worden find. Es ist zu befürchten, daß die gegenwärtige Politik dazu führen wird, über alldieReaktionzu stärke«. Daher muß die sozialistische Kammersraktion den bürgerliche» Parteien die volle Verantwortung für de« Friedeusvertrag überlaffe«. Italiens schwerste Krise. Haag, 4. Oktober (T^Kornp.) Genfer Nachrichte» »ufvlge steht Stalieu vor der schwerste« Krise» die es fe dürchgemacht hat. Die Sozialisten werde» in ihrer Haltung immer droheuder» die Zustände im Heere verschlechtern sich immer mehr uud die Dieustverweigeruugen «erde« von Tag zu Tag zahlreicher. Der Ansstand in Kleinasten. Amsterdam, 4. Oktober. Der «Times" wird aus Konstantinopel gemeldetr Musta ph a Ke mal P as cha und andere Führer der sozialistischen Bewegung in AnaftiUk, habe« damit begonnen, Steuern siuzutreibeu und Rekruten a u S z u h e b e m Außerdem haben fie türkische und erbeuLete russische Waffe« und Munitiou von Erzerum «ach dem Westen tvansportieren lasseu. Mit der Regierung von Äser- Heid schanfvllrn steeinen politischen Vertrag geschloffen habe«, um die Lebensmittel z nMh nem f ü r Koustau t i« o pela b zusch n e i d e «, .Ms Mt Lentralregirrung das fti^fcUae Verhütte« ihnen gegchrübet «lcht anfgebe« sollte. Der italienische Gesandte bei Dr. Renner. Keine Kohle und kein Verkehr. Die Kohlenlage andauernd trostlos. — Außerordentliche Verschärfung der Sparmaßnahme» in Sicht. — Die Einstellung des tzsuntagsnerkehres ans de« Bahne«.

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