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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-03 · Heft 254 (3.10.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 254 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Graziadei erörterte unter Berücksichtigung des steigenden Kohlenpreises .die düsteren Aussichten her italienischen Finanzlage, die durch die Notwendigkeit hetf bedeutenden Anfuhr englischer Kohle gegeben seien. Zu jener Hit, als Graziadei auf die enorme Lelstungsfährgkeit der deutschen ^ohleninduftrie hinyeNesen hatte, nvnren die deutschen Kohlenpreise die billigsten der ganzen Welt. Seit; diesen Ausführungen des Abgeordneten Graziadei sind die Kohlenpreise in Deutschland um. mehr als das: fünffache gestiegen. Italien, dessen Finanzlage unter' dem Zeichen des bedlmtenden . Koylenimportes vor diesem Kriege gestanden hat, ist derzeit in der besonders nnäygenehmen Situation, einen ckehr als fünffachen . Geldbedarfs für. öj< KohlenrWchr decken zu' müssen, deM/^anchKUleypreise ür' Evgland sind in einet ''MMMshMchtMssbisE^M'WchNe'vKfchirbettftM' - Umstande gegeben erscheint. , . - So viel über die Situation''Italiens, das feinen Blrhdcsgenossen gegenüber vor Abschluß des deutschen Friedensverträges innner wieder ' seine durch die Kohlene'mführ beeinsinßtc Finanznot zur Beachtung empfohlen hat.; Gleich Italien muß nun Deutschüsterreich auf die Einfuhr fast feines gesamten Kohlenbedarfes bedacht sein.' Italien besitzt den Vorteil' seiner geographischen Lage, die es ihm erleichtert, am Weltkohlemnarkt als Konsument auszutreten. Amerika und England können den Transportraum leicht aufbringen, um Italien die Mige Kohle zu liefern. Italien gleicht mit Lire, die derzeit noch eine ziemlich bedeutende Zahlungskrast besitzen. Deutschösterreich will mit Kronen bezahlen, deren fortdauernde Devalvicrung die notwendige Einfuhr ovy Rohstoffen immer weiter unterbindet. Deutschösterreich rvhrde zu einer Zeit geboren, in welcher die Minderpwdulfiion der Kohle und der fortdauernd steigende Wert dieses ' wichtigsten Produktionsstoffes das europäische Wirtschaftsleben so sehr beeinflussen. Wir wollen ausbauen und brauchen Kohle, welche wir teuer bezahlen müssen, entweder mit Geld oder mit Gütern. An Kompensatconsgüteru wird es uns bald fehlen, weil wir infolge Kohlennot nur. wenig produzieren können. Hierdurch sinkt unser Geldwert, der uns wieder hindert, Kohle zu bekommen. So schließt sich der Kreis von der Kohlennot zur Not unserer Valuta, die hauptsächlich durch unsere Armut an Rohstoffen gegeben ist, unsere Produktion lahmlegt und unsere Finanzlage so katastrophal beeinflußt.;,, Gleichzeitig beginnen sich aber bereits die Vorteile der reichen Rohstofferbett der alten Monarchie Gestung zu verschaffen. «Kohle ist Leben für uns, Hohle ist alles für uns," so rief Lloyd George den Berg- Meitern gelegentlich eines Streikes zu. Die Tschechen svnd bereits im glücklichen Besitze reicher Kohlenlager, hie Entscheidung in der Teschener Frage wird von ausschlaggebender Bedeutung für den Kohlenreichtum der beteiligten Staaten — Polen und Tschecho-Slorvaker 7-- sein, und der Besitz des Teschener Revieres wird auch in valutarischer Hinsicht auf die Wirtschaftslage dieser Staaten besonderen Einfluß üben. So äußert sich der Besitz eines Landes an natürlichen Kraftquellen auf feine valutarische Situation in bedeutendem Maße, insbesondere zu einer Feit, in welcher die Welt so ganz verarmt ist und jeder Versuch zu einer Neubelebung der zerrütteten Volkswirtschaft bei mangelnden Rohstoffen scheitern muß. Deutschösterreich rafft sich zusammen, nm durch die plangemäße Durch chhmng eines großzügigen Finanzprojektes wieder zu einem Faktor des Weltmarktes zu werden, von welchem es derzeit aus- Wiener Auer lag, den 3. Oktober ISIS 410 H-Sr- 3tecamiss»«r<t*i0l>#- *rt»ir* fit» das Arrvlmrdl M»r»aMik» . . .K 10.— .H 80.— .»rtUtlRh^d . . . H 80.- 35an»i«lf:rtj* . , „180.- rr. AdrrriaiNva» ihm: Ntkerr, XX. Skadorftvaks» v. l —S Tsvopho», r: A&ttt iwtflhru«' Üi>n 44038, Avdaktiore 43819, ad 8 Uhr nbrrrd» U». 10801 J»vaf»avlra«s»n-So! %v, ttt«r ZSl 1. Jahrgang Die russische Räteregierimg vor dem Zusammeubruch Revolten der Bürgerlichen in Petersburg. -- Die Moskauer Regierung ÄitLei die Entente und Ruwünien nm FrLedensverhandlnngen. Berlin, 2. Oktober. (Korr.-Bm.) Das „8-Uhr-AberrdblatL" meldet aus Zürich: Wie ,^DaUy Mail" rneldetz hat B a l f o u r erklärt, daß ihm von einem russischem Friedensangebot «och keine offizielle Mitteilung aus Washington vorliege. Er wisse nur aus absolut zuverlässiger Quelle, daß die Räteregierung in Moskau unmittelbar vor dem Zusammen beuch stehe. Berlin, 2. Oktober. Das „8-Ahr-Abendblatt" meldet aus Basel: „Die Preßinformativn" erfährt ans Stockholm, daß an der finnischen Grenze Vertreter de« Moskauer Sowietregierung eingetroffen feie«, um die Verhandlungen mit den Entente gesandten in StoÄholm über das Friedensgesuch der Sowietregierung aufznnehme«. Wie ein Stockholmer Blatt meldet, habe in Rußland ein völliger Amsturz begonnen. In Petersburg hätte« sich die Bürg erlicheu in den Besitz mehrerer Staatsgebände gesetzt. Wetters berichtet die „Pretzinformation" aus Budapest: Der rumänische Oberkommandierende teilt mit, daß die Moskauer Sowietregierung sofortige Friedeusverhaudl«ngen bei Rumänien beantragt habe. Die Vorgänge in Ungarn. Fortdauer des weißen Terrors. — Die Mission des Grafen SsMSsich. Man muß wohl sagen, baß die Frist, die die Entente der Regierung Friedrich bisher gewährt hat, lang genug war, um die Unfähigkeit des gegenwärtigen. Kabinetts zur .Wiederherstellung.geordneter VerhÄtmisse in Ungarn zu dokumentreren. Friedrich und seine Freunde haben bis heute nur .bewiesen, daß sie dieselben Verbrechen, wenn nicht wochi größere zu verüben imstande fiitb wie einst Bela Kün' und Tibor Sza muelh. Was diese im Zeichen des toten das verüben jene im Zeichen des weißen Terrors. Die Verbrechen der Horthy-Offiziere haben nicht den Charakter einer vorübergehenden Erscheinung, sondern dauern weiter an, wenn auch Friedrich und seine Ministerkollegen die Situation jo darstellen, als ob in Ungarn die Judensrage wieder vom Schauplatz der Ereignisse' verschwunden wäre. Vor einigen Tagen hat der heute Ln Wie» wellende Minister des Aeußern, Graf So ms sich, erklärt, daß voir einer akuten Judenfrage in Ungarn überhaupt nicht die Rede sein könne. Wenn sich der gute Gras der Mühe unterziehen möchte, jene Vorkommnisse zu untmisuchen, die gerade m den letzten Tagen aus Transdanubien gemeldet wurden, würbe er Zweifellos, wenn e« so viel Objektivität aufbringt, sich der Einsicht nicht verschließen können, daß das Schicksal der Juden in Ungarn heute dringender denn jo der Lösung bedarf. Der ungarische Mnister des Aeußern weilt heute hier, nm mit unserem Staats Kanzler Verhandlungen darüber zu pflegen, ob Westungarn, trotz des Beschlusses der Friedenskonferenz nicht doch bei Ungarn verbleiben konnte. Graf Somssich verspricht den Deutschen in Westungarn alle Rechte einer nationalen Minderheit im Sinne der Pariser Friedenskonferenz. Kann man diesen Versprechungen auch nur im geringsten Glauben schenken, wenn man bedenkt, wie schmählich sich die ungarische Regierung gegenüber der nationalen Minderheit der Juden benimmt? Gerade in Westungarn haben sich in den letzte» Tagen die weißen Offiziere in der Verfolgung unschuldiger Juden ausgezeichnet. Hohe Mllitärs haben sich sogar dazu verstiegen Erpressungsversuche an den Juden zu verüben, indem sie den um ihr Leben zitternden Menschen erklärten, haß sich die Kvmmandanteu für die Aufrecht-erhaltung der Ruhe^ einsetzen werden, , falls die Juden Westungarns einige Millionen für die Gagenzahlung vorstrecken wollten. Was soll man übrigens zu der uns.mitgeteilten Der fügung der ungarischen Grenzpolizei sagen, daß die die ungarische Grenze bei Sauerbrunn passierenden Juden Ungeachtet ihrer Staatszugehörigkeit auf das rücksichtsloseste behandelt werden sollen? Hoffentlich wird der Staatskanzler Gelegenheit nehmen, den ungarischen Minister des Aeußern darüber um-Aufklärung zu ersuchen, was diese Verfügung, die bisher vor allem dmrtschösterreichischen Staatsbürgern gegenüber gehandhaüt wurde, bedeuten soll. Auch darüber möge der ungarische Außenminister Aufklärung geben, mit welchem Recht in Raa b und in vieler: anderen ungarischen Stationen jüdische Reisende deutschösterreichischer Staatsbürgerschaft ihrer Habe beraubt und von den Bahuhosofsizieren mißhandelt wurden. Das sind wohl Vorrommuisse, die Ungarn zu einem , asiatischen Gemeinwesen stempeln, mit dem die demokratische Republik Deutschösterreich nichts zu tun haben sollte, so, lange ihre Staatsangehörigen dort beraubt und mißhandelt'^ werden. , Der ungarische Minister des Aeußern dürste bei feiner Heimkehr uaü), Budapest seinem Kabinettsches nicht gerade über günstige Eindrücke aus Wien berichten können. Friedrich! mag sich bann darüber Gedanken machen, daß es nicht angeht, die öffentliche Meinung Europas irrezuführen und unterdem Mantel von Dementis den weißen Terror-Offizieren m Transdanubien bei ihren Judenverfolgungen weiterhin freie. Hand zu lassen. Aber auch aus Brldapest selbst kömmen in den letzten Tagen beunruhigende Nachrichten, die von Vorbereitungen zu Pogromen zu erzählen wissen. Die„Move" und, die „erwachenden Magyaren", die weißen Terror- Organisationen Friedrichs, entfalten jetzt eine Tätigkeit, der die Entente-Missionen mit steigender Beunruhigung Zusehen. Vor allem sind es die Amerikaner und Engländer, die das Material über die dunklen Machinationen dieser beiden Organisationen eisrigst sammeln, um an der Hand dieser Tatsachen nach Paris über die Unhaltbarkeit des Friedrich'schen Regierungssystems zu berichten. So geht es jedenfalls nicht weiter. In der Judenfrage Ungarns muß so rasch als nur möglich eine . Lösung erfolgen und zwar; entsprechend der Tatsache, daß dort ungefähr IV2 Millionen Juden, also eine nicht zu unterschätzende nationale Minorität,. lebt, die bald hier bald dort nm das. Schicksal ihrer! Angehörten zittern muß. In den nächsten Tagen« wird eine e n g l i s 'ch e M i s f i 0 u in Transdanubien eintreffe,r, um sich an Ort und Stelle von den dort herrschenden Zuständen zu, unterrichten. Was übrigens die heute vom Grafen So m s sich eingeleiheten Verhandlungen über Westungarn betrifft, erfahren wir, daß der ungarische Außenminister nebst einem weitgehenden Kompensationsvertrag auch die Räumung der uns zugesprochenen Gebiete von . den dort befindlichen weißen Truppen in Aussicht stellte. Der. Staatskrnzler zeigte jedoch für das magyarische Anerbieten kein besonderes. Interesse. D'Annunzio erklärt den Jugoslawen den Krieg H a a 8,2. Oktober. (Tel.°Komp.) Hollandsch Nienwsburean meldet ans London: D'Annmrz) t %at den telegraphischen Verkehr zwischen Fiume und Agram abgebrochen und der französischen Mission mitgeteilt, daß er sich mit Jugoslawien im Kriegszustände befinde. geschloffen erscheint. Arni an eigenen Rohstoffquellen, braucht Deutschöstttreich das Vertrauen der Rohstoffgläubiger der ganzen Erde. Dieses Vertrauen wird durch den Willen und die Fähigkeit erworben, das entliehene Gut entsprechend verzinsen zu können. Mit ExpenmentalpvMk lätzt sich das Vertrauen des internationaleir Kapitals, auf dessen Gnade wir jetzt angewiesen sind, keineswegs rechtfertigeir. Trotz ‘ aller der menschlichen Gefellschaft wohlmeinenden Versuche, durch eine Neuordnung des staatswirtschaftlichen Organismus die Pforten einer besseren Zukunft zu eröffnen, vermögen wir nur den kalten Egoismus aller Völker dieser Erde zu vcrspüren. Auch die kommende Zeit wird sich von Sentimentalitäten nicht recht leiten taffeu; die kapitalistische Wirtschaftsordnung wird sich auch weiterhin die Bi'l^k-r dienstbar machen.

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