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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-29 · Heft 250 (29.9.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 250 (29.9.1919)
Date
1919-09-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Londorr, 28. September. (Tel.-Komp.) Die von den 'Eisenbahnknotenpunkten in London eintreffenden Nachrichten aus der Provinz weisen darauf hin, das; bereits in der. Mitternachtsstünde vom 26. zum 27. überall die Arbeit ruhte. Viele vollbesetzte Züge konnten am Morgen des 27. aus den Londoner Bahrrhöfen nicht auslaufen. London, 18. September. Die Auzahl der Sttei-. ' kenden wird von ihren Führern mit einer halben Million angegeben. Der Streikfonds soll lVs Millionen Pfund betragen, die für vier Wochen reichen dürften. Der Ausstand werde aber nicht länger als eine Woche' dauern, da die Schwierigkeiten in der Versorgung mit Lebensmitteln die Regierung zwingen würden, nachzngeben. —- Nach anderen Mitteilungen soll sich die Zahl der Stellenden am ersten Tage nur auf 165.0OO belaufen. Die Eiserchahnerr von Truppe« bewacht. Amsterdam, 27. September.. Das Reutersche Bure<m meldet aus London, daß die Eisenbahnen von Truppen bewacht werden, daß jedoch bisher Keine Vorhchmngen getroffen worden sind, um den Bahnvermehr mit Aikfe der Truppen aufrecht Zu erhalten.. "MvSEM verbreitet sich über ganz EucjtÄÄ. London, 27. September. Ein Beamter, des nationalen Verbandes der Eisenbahner teilt dem Reuterschen Bureau mit, daß der Streik sich über das gairze Land erftrecken und für alle Bahnen im Vereinigten Königreich sowie für die elektrischen Bahnen GüÜrgkeit haben wird.; Die englische Negierung und her Streik. Amsterdam, 28. September. Das Reutersche Bureau meldet: Die englische Regierung bringt mit ihrer Haltung gegenüber dem Eisenbahnerstreilr zum Ausdruck, daß sie auf dem Standpunkt stehe, daß dem Lande im jetzigen Zeitpunkt nichts schädlicher fei als . ein großer Eisenbahnerstreik. Das Land . beginne sich gerade jetzt nach der Erschöpfung bet Kriegsjahre wieder zu erholen. Eine Stillegung der Industrie müßte natürlich im gegenwärtigen Augenblick besonders verhängnisvoll sein. Der Streik sei mit großer Uebereilung verkündet worden,, denn die Eisenbahner hätten die vollkommene Gewahr, daß die augenblicklichen Löhne weiter in Kraft bleiben. Die Proklainierung des Streiks im gegenwärtigen Augenblicke zeuge von einer großen Rücksichtslosigkeit. Jetzt, da die Angelegenheit dieses Stadium crreicht^hade, müsse der Streik mit allen dem Lande zur Verfügung stehenden Kr8ften bekam p f t werden. Die Regierung hoffe, daß diese Frage ohne Unruhen im: Inneren werde geregelt werden, sie sei jedoch entschlossen, das Werk bis zum . Ende durchzufithren. Den sich meldenden Freiwilligen werde die Regierung berihremVorgehenSchutz gewahrem . Abwehrmatzregel« der Regierung. vorgeschritten seien, baß' mit allen Mitteln und' mit allen Kräften gegen den Streik Stellung genommen werde. Es sei bereits eine große Abwehrvrganisation bereitgestellt und die Aufrechterhaltung der Lebensmitteltranspvrte gewährleistet. Man dürfe zwar hoffen, den Konflikt in RuhÄ beilegen zu können, doch sei die Regierung für alle Fälle gerüstet. Ueberall würden die Arbeitswilligen von ihr ausreichenden Schutz erhalten. Es fei dies nicht ein gegen eine Gesellschaft gerichteter Streik, sondern ein Streik gegen die Allgerneinhelt, der unter Umständen ausgebrochen ist, die von der Regierung als unredlich und unklug betrachtet werden müssen, deshalb habe die Regierung das moralische Recht, sich' mit allen Mitteln dagegen zu wehren. ' r; : '; j Flugzeuge werden in den Dienst d§^Verkehres gesteAt. r"w' London, 28. Septernber. „Daily Mail" mtzld'etr Die LnftschifsahrtsgesellschaftÄl werden iib^rlauf-en von Personen, die mangels des Eisenbahnverkehres mit dem Luftschiffe in die verschiedenen Städte des Landes gelangen wollen. Das Luftschiffahrtsministerium hält einen ganzen Park von Luftfahrzeugen für den Fall . bereit, datz. die Regierung diese rn dmrDiMt der OefsiLNt-- lichkeit stellen will. Zwischen dem Süden und. Edinburgh ist ein Flugdienst eingerichtet worbe«. Dia Compagnie Generale TrausErienne trifft besondere Verfügungen, um den Verkehr zwischen London und Paris zn erleichtern. Außer, dem bereits bestehenden täglich einmaligen Flugverkehr Paris—* London werden besondere Maschinen bereitgehalten, darunter ein Flugzeug vom Typ. des „Goliath". Zwischen der genannten 'Gesellschaft und der englischen Post- Verwaltung ist ein Vertrag über die Beförderung der , Briefpost in beiden .Richtungen abgeschlossen worden. Wahrscheinlich! wird von heute an der Betrieb der Straßenbahnen, der Omnibusse. und der Taxameter eingestellt werden. . Der „Daily Maill^ zufolge, hatte der Streik dev englischen Eisenbahner unmittelbare Folgen auch für Frankreich, besonders im Personenverkehr über den Kanal. Ueber 200 Reisende kamen gestern in Dieppe an, von Ivo sie nach England übersetzen wollten, jedoch nnikehren mußten, da der DerlLhr über den Kanal eingestellt war. Mehrere tausend denwbilisirrte Soldaten, .die über Calais oder Ostend«, nach Hause fahren sollten, mußten Zurückbleiben. y, : . ,1 Die englische PresMtzegen ven Streik. London» 28. September. Die Blätter verurteilen einmütig die Aktion der Msenbahner, wodurch dem Lande ein Zndustriekrieg gerade in dem Augenblick auserlegt werde, wo es infolge der Umnöglichteit, Waren auszuführen, vom Zusammenbruch bedroht fei. Die Zeitungen meinen, daß die Eisenbahner die Macht der Regierung und die Stärke der öffentlichen Meinung, die ihnen i feindlich gesinnt sei, unterschätzen. f ,° Atog, . 28. .September.. Holla udsch M-enws Bureau. meldet.aus London: Im Ernäyruugsmmistermm -'-M. .bereits, ^mrarstckg^Mchrnittags'^ der Befehl zur S.»-rr-stellu«g. der Lebensmil teltransporte geg-eben lvor- “foito.. @3 murBc oudf). gleichzeitig eine allgemeine Rationierung der Lebensrnittel?urrd .der.Heizmaterials beschlossen. Bis - jleht steht die Haltung, der 'Drmlsportarbeiter noch,, nicht fest, es erirheint'deshalb rwch inr'.mr die Möglichkeit gegeben, daß die Transporte von Lebensmitteln mit Lastrmtös tverden durchgeführt werden köimm. Für diese Zweckr lverden fveiwlllige Arbeiter angeworben, denen im Mtfalbr militärische Dockung zur Ber- - fügnng gestellt werden solle, es ist sogar dir Der- ■ Wendung' von Militär für Transportzwecke in Aussicht tzenonnnen. Alle Urlaube sind rückgängig gemacht- «nd die Demob ilisierung ist eingestellt worden. Die Behörden erklären nachdrücklichst, daß der Sireii voreilig ausgebrochen fei und daß keine Ursache vorliege, die seinen Ausbruch im gegenwärtigen Ärger blicke rcdFjKcvttivra wurde. Die Pflicht der Re- Gierung erjoM.rs nvuutebr. djä D.i.ng« so. wtit Die englische Presse gegen Berchtold. Amsterdam, 26. September. Die.Times" schreibt in ihrem Leitartikel, mm werde dm vollen Wert der österreichischeu Enthüllmigen erst dann beurteilen kömmr, wenn das Notbuch vomegen werde. Wenn aber die telegraphischen Zluszüge genau seien, so siehe man einer unerhörtenAngelegenheitgegelckber. Graf Berchtold werde einer Tat beschuldigt, die sich an Söhlechtigkeit nur mit dem Emser ^Tel egramm Bismarcks vergleichen lasse. Wenn Berchtold wirklich schuldig sei, gebe es keine Worte, die den Grad seiner Schlechtigkeit schildern könnten. Die Enthüllungen über die Unterredungen zwischen Kaiser Wilhelm und Gras Szögyeny und zwischen Szögyeny und Be th man -Hollweg seien zwar interessant, aber wenig mehr als eine Bestätigung lang bekannter Tatsachen. Die Berichte des österreichischnngarifchen Botschafters nach Wien geben ein entscheidendes Bild über die Haltung und die Wünsch.' des deutschen Kaisers und des Reichskanzlers. Der Streit um de« Orient. (Bmr. unserem holländischen KorrespondenLen.) Amsterdam, 10. SeptemÄdr. ' Die itt Paris' tagende Kommission zur NcurevaktioNdes Atlas von Europa hat in ihren Verhandlungen eine Pause eintreten lassen. Die Amerikaner sind abgereist. Lloyd (Äeorge ist in London, und auch Balsonr verläßt Paris * Es entsteht eine Reihe von Gedankenstrichen in der großen^ Serie der Ausarbeitungen von Friedensverträgen, von Ge--! dankenstrichen, die nach einem alten Wort immer dann gemacht werden,- wenn es an Gedanken fehlt. Und das ist kein" Zufall. Denn die nun zur Verhandlung komnrewde Frageist vielleicht die schwierigste von allen, stellt die Mrkst-e Belastungsprobe aus die Einigkeit der Ententvmitglieder dar. Das uralte Problem einer Teilung der Türkei sollgelöst werden, das so oft den Gegensatz zwischen Frankreich!- und England bis znm ■ Kriege zugespitzt hat.' Hat doch die Türkei ihr Fortbestehen seit 150 Jahren überhaupt nur dieser^ Uneinigkeit der Großmächte verdankt. Für . uns aber handelt! es sich nicht nur um dis Lösung der türkischen, sondern auM der Judenfrage. Und so ist es doppelt wertvoll, sich üöec den Stand btt Pariser Verhandlungen klar zu werden.^ . j Seit Hungerten von Jahren macht Frankreich Anspruch aus den Schutz der heiligen Stätten. Und wenn es auch längst aufgehört hat, an seiner Spitze den „allerchristlichsten". König.zu sehen, wenn auch die Kündigung des Konkordats! das gute alte Verhältnis zur Kurie arg getrübt hat, so fällt'! es, den Franzosen doch sehr schwer, die cllten Mach tan spräche auszugeben, die aus dem früheren Schützverhältnis hergeieitet. wurden. Mer die Nachfolger des heiligen Ludwig habÄr^ sich während des Krieges zn einem Abkommen bereit 'erklärt,! dessen Inhalt nicht ganz klar umgrenzt war, das aber dem konkurrierenden Nachfolger von Richard Löwenherz (so wird? heute der General Menby im „Temps" genannt), jedenfalls die.bessere und vertraglich -gesicherte Position emräumt. Und' England ist natürlich schon wegen des Suezkanals und des!! gesicherten Landweges vom Kap nach Indien nicht geneigt,! auf seine Ansprüche zu. verzichten. Denn -nach der Eroberungi Ostasrikas kmnr ja der alte Traum von Cecil Rhodes. unds -d'Jsraeli seine Ersüllung finden: ein einheitliches LritischeK Protektorat 'mit Straßenverbindung vom Ktzp^ über -dia Hilguellen nach Kairo und von ' dort ^7LbeL"MrisiÄM7Mds Mesopotamien nach Kalkutta. Diese wenigen Worte zeigen, welch ungeheuren, geradezu phantastischen Machtumsang nach dem Gewinn dieses Krieges das. britische Reich erreicht hat.' In der'letzten Zeit hat es im alten Orient viele' Reibungen zwischen' den lokalen Instanzen gegeben. Die englische Okkupationsbehvrdehat alles getan, um den Frau.» zosen die Benützung des Eiseubahimetzes in Palästina zu erschweren. Als der Emir Farsul, der sich nun König vosii Hedschas nennt, aus Europa zurückkam, hat der britische- Kommandant von Beyreuth die Franzosen höflich daran erinnertdaß nur ihm und seinen Truppen das Recht des- Cmpsanges zusteht. Der sranzosenfreund-liche Enrir Said wurde verhaftet und erst kürzlich freigegeben, als sich diese' Angelegenheit zu einem diplomatischen Zwist answuchs. Nünj ist -Menby in Marseille angekommen und hat Gelegenheit; genommen, Korresporldenten zn versichern,, daß man sich!' in freundschaftlichster Weise vertragen werde und es sozusagen! keine Schwierigkeiten gebe. Aber die Strrnmung in .Paris!! ist bedrückt, denn man fühlt sich doch' in dieser Frage ganz! abhängig von dein britischen guten Willen Und empfindet, daß zum mindesten Galiläa, auf das man glaubte, nach dent Vertrag mit England Anspruch erheben zu drirsen, wird? geopfert werden müssen. Gerade im Moment der. Aiiknuft' Ällenbys erklären die Engländer, Heimreisen zn müsse,t.! Lloyd George erklärt, daß er in Len Orientsragen nicht genügend orientiert sei, daß ein. Fachmann, wie .Menby, die Verhandlungen führen müsse. Da versteht die sranzöfische' Presse den.Zweck: es ist leichter von London aus auf Gründe „der- Sachverständigengutachten" „nein" zu sagen, als ich persönlichen Besprechungen in Versailles. England wird also das Mandat über Palästina er-! halten,, rvenn auch noch mmrche Schwierigkeiten zu überwinden sind, und das ist für uns Juden von der größten! Mchtigkeit. Denn, wie sich die Verhältnisse enttvickelt haben, stehen die englischen Machthaber den zionistischen Ansprüchen', weit freundlicher gegenüber als die Vertreter anderer Ententemächte, die historische Rücksichten nehmen müßten. Die Uugeklärtheit der Verhältnisse hat 11/3 Jahre lang jede Starblrig unserer Position in Palästina unmöglich gemacht, die Immigration verhindert, und bewirkt, daß wir ailch ans landwirtschaftlichem Gebiet nicht vorwärtsgekommen sind. Die paMstinenfische Bevölkerung hat darunter schwer gelitten und' mrr so hat die Gegnerschaft arabischer Kreise die Stärke erlangen können, die man heute konstatieren muß. Au dieser Stellung der Araber, die auch das Zirkularschreivcn der zionistischen Organisation in London seststellt, ist die jüdische Journalistik nicht ganz unschuldig. Das allzu frühe Verkünden des Sieges hat die. arabischen Kreise, und zwar sowohl Mohammedaner wie Christen, mobil gemacht und' trägt zur Erschwerung einer Arbeit der uns freundlichen, bereife bei. Weniger wäre hier mehr gewesen.' Auch vom Standpunkt einer erziehlichen Einwirkung aus die natnrgernätz ungeduldigen und beunruhigten jüdischer: Vtassin erscheint es zweckmäßig, ihnen die volle Wahrheit zu sagen: daß zwar eckles günstig steht und ein Erfolg mit giitemc Recht erhofft werben darf, daß aber von vollendeten Tatsachen noch keine Rede ist und viele Schwierigkeiten überwunden werden müssen. Ein Volk, das seiner selbst sicher ist, seines^ Willens und seiner Kräfte, kann und wird in Geduld die Zeit des Reifens 'abwarteu. Hat es doch , die begründete Hoffnung, gelingen zu sehen, was unzählige Generationen vergebens erbeteten und erhofften. Ein Vorbild bietet in dieser Beziehung die palästinensische Judcnheit selb,', die trotz Mer Leiden des Krieges mtö großer Entläuschungcn , unverändert ihre Jedale pflegt, sielbewustr die knllnrellen - WB& LMÄM.MMMM-M..Mversucht

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