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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-27 · Heft 248 (27.9.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 248 (27.9.1919)
Date
1919-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Regierung hatte durch den Schritt des amerikanischen Geschäftsträgers, der doch nicht ohne Zustimmung der anderen Wiener Ententestellen erfolgt sein konnte, Kenntnis von der Stimmung jener Kreise erhalten, auf deren Wohlwollen die Republik angewiesen ist. Demgemäß mußten die verschiedenen Hetzer selbst zur Mäßigung aufsordern und vie^ Elemente, die sich schon auf ein bißchen Plündem gefreut hatten, auf einen späteren „Zahltag" verweisen, an dem die „Abreisendmachung" der Ostjuden von der Bevölkerung selbst durchgefiihrt werden solle. Wir nehmen dies zur Kenntnis und die Maßnahmen, die für den Donnerstag getroffen worden waren, bleiben weiter in Kraft. Die Wortführer der neuen antisemitischen Koalition haben, ideell genommen, den Ruf des deutschen Volkes schwer geschädigt und der Widerhall ihrer Hetzereien in der ausländischen Presse, die dem Deutschtum seit jeher feindlich gesinnt ist, wird sie darüber belehren, daß wieder weite breite Bolksmassen das Deutschtum für kulturell rückständig gnsehen. Aber es ist möglich, daß ein Volk in. Not sich um das Arteil seiner Nachbarschaft nicht kümmert und sie verwirft, wenn es sich materiell zu helfen vermeint. Glauben aber die Führer des Deutschen Volksrates im Emst daran, daß die Entfernung von ein paar, taufend Flüchtlingen die Not Wiens lindern könnte? Diese Not, die durch die Verbrechen der Stürgkhschen Regierung, durch die Blockade Wiens entstanden und durch die eigentümlichen Praktiken der Agrarier verschärft worden ist? Gerade in den letzten Tagen ist wWer bekannt geworden, daß die Agrarier, also, die ILkiML..... BMSgenojsen des Deutschen Volksrates, eine MuerWe Erhöhung des Preises für inländisches Getreide um 100 Krorren pro Meterzentner fordern. Wird die Entfernung der Flüchtlinge an dieser, Forderung etwas ändern? Das Fluchtlingsproblem ist eine durch den Krieg r~ an dem die Juden wahrlich keine Schuld trifft —- entstandene Angelegenheit der internationalen europäischen Politik. Sie kann nur unter diesem Gesichtspunkt gelöst werden und ihre Klärung ist nur eine technisch-politislHe Frage. Wenn der Krieg in Mitteleuropa ' beendigt sein wird, wenn Ostgalizien, das von Russen, Deutschen und Maayaren in der , entsetzlichsten Weise verwüstet wurde, wieder ausgebaut sein wird, wenn die Pogrome im Osten aushören werden, dann ist diese SLngelegenheit automatisch erledigt und die Flüchtlinge werden das gastfreie Wien gerne und mit tausend Freuden verlassen. Nicht die Juden haben diese Frage geschaffen, sondern die europäischen Kriegsverhältnisse, ' und nicht die Juden können hier Abhilfe schaffen, sondern — eine internationale Eisenbahnkonferenz. Es handelt sich also hier garnicht um eine jüdische Frage und ihre Bereinigung würde das Verhältnis '■ zwischen Juden und Nichtjuden in keiner Weise tangieren. Die Juden macht man in Wort und Tat für die gräuliche Verlotterung der Wirtschaft verantwortlich. Aber selbst die dümmsten Deutschnationalen wiffen, daß die Maxime „An allem sind die Juden schuld I" keine tragbare Basis für ein politisches System bilden kann. Wenn sie trotzdem ihrer tiefinnerlichen Hochachtung vor jüdischer Energie und Vitalität durch Pogromhetze Ausdruck geben, so sind sie doch nur Schachfiguren, die in dem großen Kampf zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen geschickt vorgeschoben werden. Man schreit gegen die Juden und meint die Sozialdemokraten. Man hetzt gegen die Flüchtlinge, die politisch überhaupt keine Rolle spielen, und will die „Judenregierung" treffen, in der.sich Schwarze und Rote brüderlich in die Aemter gesellt haben. Gegen dieses Changement verwahren wir uns. Wir dulden nicht, daß der Kampf zwischen den Staats- Parteien von armseligen, denkunfähigen, gemieteten derüschnationalen Schreiern auf dem Rücken der Juden ausgetragen werden soll. Die Herren sollen ihre „Ideenpropaganda" unter und gegen einander austragen. In der Regierung sitzen keine Juden als Vertreter von Juden, sondern nur zwei oder drei Männer jüdischer Abstammung, die das Judentum stets verleugnen. Daß sie ihre Aemter übernommen und sich dadurch zuweit in die Oeffentlich- Ltit ^cn iü für. die jüdische All-- Eine Untersuchung gegen Wilson. Paris, 25. September. (Korr.-Bur.) Die „Tribüne" erfahrt aus Washingtoner amtlicher Quelle, daß der Kongreß die Angelegenheit der Geschenke untersuchen wird, die W i l s o « während seines Aufenthalt esinEnropa erhalte« hat. Washington, 26. September. (Funkspruch.) Im Repräsentantenhaus hat Abgeordneter Rodenburg den Antrag gestellt, daß der Rechtsansschnß beauftragt werde, die Gerüchte zu prüfen, wonach Präsident Wilson eine große Anzahl von Geschenken in Europa entgegengenommen habe. GegebenenfaAs soll ein Inventar der fraglichen Gegenstände ausgenommen und dem Hause vorgelegt werden. Sollte« fich hingegen die Gerüchte als unbegründet erweisen, so müsse ihm öffentlich Genugtuung widerfahren. Die italienische Krise. Mailand, 26. September. Nach dem „Corriere della Sera" haben sich die Teilnehmer am Kronrate *u strengem Stillschweigen verpflichtet. Immerhin will das Blatt wissen, daß Giolittis Erklärungen folgende fünf Punkte umfassen: Volles Vertrauen in die gegenwärtige Regierung, schleunigeDemobilisierung, Besetzung. Fin meSdurch reguläre Truppen, A u f l ö s u n g d e r K a m m e r und Festsetzung allgemeiner Wahlen airf den 3. November. Nach dem „Secvlo" bezogen sich die Vorschläge Giolittis nur auf die Wahlen. „Corriere della Sera" erfährt ferner, Bissolati habe eine radikale Lösung, nämlich die Vereinigung Fiume-Z mit Italien vorgeschlagen. .Einer Bereinigung seien ferner geneigt gewesen Barzilai, Meda und Fedcrzoui.' Alle vier wandten sich geg^n einen Ausruf an das Land, der die Schwierigkeiten nur ver- Das Ergebnis des Kronrates. großem würde.. Nach einer weiteren Meldung des „Corriere della Sera" beschloß der Kronrat, vor die Kammer zn treten. Mailand, 26. September. (Korr.-Bur.) Dem „Corriere della Sera* zufolge erhielt Clemenceau von Wilson eine Rote, wonach das Ueberemkommen von Claire-Fontaine nicht ratifiziert werden soll. Dagegen werde die Wiederinkraftsetzung des ehemaligen Vorschlages der italienischen Friedensdelegation verlangt, wonach aus Fiume ein selbständiger Staat unter Verzicht auf die Volksabstimmung zu bilden sei. Der Vorschlag Wilsons werde der italienischen Kammer unterbreitet werden. Ministerpräsident Nitti erhielt ein Schreiben von Turatr, worin letzterer erklärt, Abenteuem abgeneigt zu sein, da sie immer von der Militärhegemonie ausgeheckt würden. Ec sei Anhänger offener internationaler llebereinkommen.!*mi> und Amsterdam» 25. September. (Korr.-Bur.) Zur Frage der Errichlmig eines deutsch-britischen Clearinghauses in Berlin wird weiter berichtet: Die Wirtschafts- und Lebensmittelämter sollen unter Aussicht von britischen Beamten gestellt werden, so daß ohne Genehmigung des betreffenden Staates keine Waren nach Deutschland ausgesührt oder aus Deutschland eingeführt werden können. Der Plan wird demnächst dem britischen Handelsminister zur Billigung vorgrlegt werden. Wegen der tietstehenden Valuta. wurde deutscherseits vorgeschlagen, daß die Bczahlrmg der Warm nicht in barem Gelde, sondern in Naturalien erfolgen soll. Die englischen Geschäftsleute mögen Rohstoffe nach Deutschzwischen England. land senden, die, in den Fabriken bearbeitet, in einer neuen Form aus Deutschland zurückgrsandt werden. Die Fabriken würden gegen diese verarbeiteten Produkte neue Rohstoffe erhalten. Der Vorsitzende der britischen Handelskommission erklärte, es wäre eine. Dummheit, darauf zn bestehm, daß England mit Deutschland keinen Handel mehr treiben dürfe. Deutschland war von icher der beste Kunde Englands und würde es auch stets sein. Der militärische Geist in Dmtschlaud sei vollkommen getötet Md die neue Negiemng sei fest mtschloffm, eine vollkommen pazifistische Politik zu verfolgen. gemeircheit peinlich, weil für ihre Fehler nicht ihre Person an sich, sondem das Judentum engagiert wird. Wir anerkennen es, daß es eine Grenze des politischen Taktes gibt, die gerade ein Jude niemals überschreiten darf. Daß dies aber möglich ist, ist eben eine Folge der furchtbaren politischen Verwirrung und der Nichtanerkennung des Judentums als nationalen, gleichberechtigten Faktor. Hätte das Judentum die Möglichkeit, im eigenen Rahmen seiner Nation ein politisches Leben zu entwickeln, hätte es die Möglichkeit, sein Tun und Lassen selbst zu bestimmen, dann könnte es auch jedem, der nach politischer Betätigung strebt, die Gelegenheit hierzu schaffen. Dann könnte es auch jeden zur Verantwortung ziehen,, der die Grenzlinie überschreitet und könnte als geschloffenes Ganzes verantwortlich an der Regierung teilnehmen. Man gebe uns diese Möglichkeit aus Grund der Ergebnisse eines Ausgleiches von Volk zu Volk. Die große und maßgebende bürgerliche Partei Deutschösterreichs, die christlichsoziale, nimmt in der gestrigen „Reichspost" unseren in Nummer 245 gemachten Vorschlag eines Ausgleiches auf. Wir meinen, daß es bevollmächtigten Vertretern des deutschen und jüdischen Volkes nicht schwer fallen könttte, in ehrlicher, freier Aussprache von Mensch zu Mensch zur Herbeiführung eines modns vivendi zu gelangen und das durch niederträchtige Verhetzung vergiftete Verhältnis zu klären. Wir stellen diese Forderung nicht bloß für Wien, wir erstreben diese Aussprache auch für Polen, für Rußland, für die Ukraine, für Ungarn, für jedes Volk, mit dem wir Zusammenleben und Zusammenarbeiten. Wir verlangen, daß das jüdische Problem als das gewertet, behandelt und gelöst wird, was es i!t: als eines, integrierenden Bestandteiles der mmemmm—mmammm Menschheitsftage überhaupt. Die jüdische Sorge ist eine schwere, dornige Angelegenheit. Sie beseitigen, hieße viel zur Entwirrung der unerträglich gewordenen Zustände bettragen. Aber diese Beseitigung ist nicht durch Pogrome, nicht durch eine rabulistische Unterscheidung zwischen Ost- und Westjuden zu erreichen, sondern nur durch eine öffentliche, internationale Besprechung. Solange die Politiker, ob hierzulande, ob anderswo, nicht verstehen, daß das Judentum als Nation unverjahrbare Ansprüche auf sein eigenes Land, auf Recht, Freiheit und eigene Entwicklung besitzt, solange kann und wird Europa keine Ruhe finden, weil Unrecht stets nur Unrecht erzeugt. Solange die Völker nicht verstehen lernen, daß die polittsche und wirtschaftliche Abschnürung des Judentums, das so wie jedes andere Volk ein nach freier politischer Entfaltung strebender Organismus ist, explosive Spannungen erzeugt, so lange besteht die Gefahr, daß wertvolle Elemente des Judentums in den politischen Radikalismus gedrängt werden, weil eben die Nerven des jüdischen Volkskörpers durch den ewigen Bereitschaftszustand, durch die unaufhörliche Notwendigkeit der Verteidigung erschöpft sind. Daß die Judenfrage ungelöst ist. bedroht uns. Daß sie ungelöst bleiben sollte, bedroht die ganze Kulturwelt, weil die RechÜosigkett und Pariastellung einer durch gleiche Abstammung, gleiche Geschichte und gleiches Streben verbundenen Gemeinschaftden Bau einer jeden Gesellschaftsordnung erschüttert. Die Existenz des jüdischen Problems und ihre Auswirkungen in sozialer Richtung lind ein Schulbeispiel dafür, daß esi in der Kontinuität und dem logischen Ausbau der, demokratischen Entwicklung kein Vakuum geben darf.! Nur wenn uns unser Recht als Volk zuteil wird,! kann von einer jüdischen Verantwortung die Rede sein.! Uli’»"— ■ . -! i ' -v

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