Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 245 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Bevölkerung möge diesen Schwierig- 'Een Rechnung tragen und die bisher an den Tag gelegte gastfreundliche Haltung weiter beobachten. Diese Regierungserklärung bemüht sich also, die überstürzte Handlungsweise der niederösterreichischen Landesregierung wenigstens äußerlich gutzuiriachen. Diese Absicht muß von jedermann gebilligt werden und ihre Äeußerung enthebt uns der Mühe, an dieser Stelle die juristische Unhaltbarkeit des ganzen Erlasses mit Rücksicht auf die genau und präzis lautenden Bestimmungen des Artikels 228 des Friedensvertrages nachzuweisen. Wir stimmen mit der Regierung darin überein, daß das heikle Problem der Flüchtlingsfrage gelöst werde, und das so rasch als möglich. Aber wir fordern, daß diese Lösung im Geist der Gerechtigkeit, Billigkeit'und vor allem Menschlichkeit erfolge. Wir müssen aber betonen, daß zwischen der traurigen Lage und der Flüchtlingsfrage überhaupt kein Zusammenhang besteht. Die Stadt' Wien leidet unter der passiven Resistenz der Landbevölkerung, die ihre eigenen m das Häusermeer der Millionenstadt eingepreßten Landsleute gleichen Blutes, gleicher Sprache und gleichen Glaubens als Geschäftsvbjekt betrachtet. Die Entfernung der Fremden würde der Bevölkerung von Wien. nicht die geringste Erleichterung bringen, nicht eins Ei und nicht ein Kilogramm Mehl mehr würde in die von den Fremden befreite Stadt gelangen. : Die Elemente, deren Tätigkeit es gelungen ist, die - Mhnütige Md schlichte Wiener Bevölkerung unter die PrMon des demagogischen Schlagwortes vvn der Schädlichkeit der Fremden zu stellen, sind dieselben, die schon einmal, im Hochsommer des Jahres 1914, die Wiener Bevölkerung in den Kriegstaumel hineingehetzt und unter die Pression eines Schlagwortes gezwungen hatten, das zum Tod der Monarchie führte, i Diese Elemente, deren Politik in einem Meer von Blut und Elend ertrunken ist, streben wieder hinauf und ■ auf ihrem Wege ist ihnen die Anwesenheit der Fremden ein willkommenes Mitteh um Unruhen zu schaffen und den Bestand der. Republik, ihre Ehre Md ihre Sicherheit zu gefährden. Die Niederlage und der Zusammenbruch der Monarchie hat sie politisch unterstandslos gemacht und nun find sie daran, sich mit Hilfe der letzten Straßeninstinkte aus den zertrümmerten jüdischen Existenzen ein neues Heim zu bäum und von dort aus die Entwicklung der demokratischen Republik zu stören und zu entwurzeln. Es find dieselben Elemente, die im Kriege den guten Namen des deutschen Volkes bei allen Slawen und Romanen verhaßt gemacht haben und sie wollen nun auch aus das deutsche Volk Wiens Schande laden Und es der Sympathien berauben, die es im Ausland mit Recht genießt. Sie sind die Träger von Tendenzen, welche darauf hinausgehen, einen irreparablen Zustand zu schaffen und das Derhältstis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk für ewige Zeiten unheilbar zu vergiften. Die Hetze gegen die Juden ist ein Teil jener Strömung, die sich angemaßt hat, die ganze Welt mit Feuer und Schwert zu unterjochen und gegen die die ganze Welt aufgestanden ist. Es ist die fremdenfeindliche Stimmung des Siegfriedlers, die heute gegen Juden, morgen gegen Tschechen oder Italiener sich richtet, die die Rechtsgaraniien der staatlichen Gemeinschaft aufzuheben wachtet und die Fremden rechtlos machen will. Auf dieses gewissenlose Kreiden muß die Aufmerksamkeit der ganzen gesitteten Wett gerichtet werden und es muß gesagt werden, daß hier in Wien ein Ansteckungsheer der Anarchie, sich bildet, für die das Dasein der jüdischen Flüchtlinge den Anstoß bietet, das deutsche Volk der Gesetzlosigkeit zuzuführen. Durch die Tätigkeit dieser Leute hat das deutsche Volk alles verloren, was es sich in einem halben Jahrhundert redlich erarbeitet hat und ist in Schuldknechtschaft gefallen. Nun. will man ihm noch seinen guten Namen, einen Sinn für Ordnung und Rechtmäßigkeit nehmen. Wenn es wirklich Differenzen und Mißstimmungen zwischen dem deutschen und dem Mischen Volk gibt, so sind sie aus dem Wege einer Aussprache von Volk zu Volk leicht zu klären. Niemals Uber durch Akte der Gewalt, der generellen Verdächtigung und der Ausweisung. Vor der Demission der italienischen Regierung. Wilson antwortet nicht auf den italienischen Vorschlag. Paris, 23. September. (Funkspruch.) Präsident Wilson hat bis fetzt auf den ihm von den Italienern übergebenen Vorschlag über die Lösung der Fiumaner Frage »och nicht geantwortet. Wenn Wilson diesem Plan nicht zustimmen sollte, wird die italienische Regierung sicherlich demissionieren, und es ist sehr zweifelhaft, ob das italienische Volk Bedingungen annehmen wird, die de« Jugoslawen gleiche Rechte über die Eisenbahnen und Docks im Fiumaner Hafen zusprechen. Tittoni will zurücktreten. Kritische Lage in Italien. Mailand, 23. September. (Korr.-Bur.) Amtlich wird gemeldet: Die Einberufung eures Kronrates hat lebhaftes Aufsehen hervorgerufen. Der „Corrrere della Sera" nennt diesen Schrttt in der italienischen Berfaffungsgeschichte außergewöhnlich. „Popolo d'JLalia" fragt, ob der Kronrat zur Kabinettskrise oder zum Regime Stellung nehmen muffe. Die katholische „Jtalia" lobt den Beschluß Niltis auf Einberufung des Kronrates. . Der „Avanti"' erklärt, die italienische Bourgeoisie stehe infolge der Fiumaner Meuterei außerhalb des Gesetzes. Das Blatt meldet, daß auch Turatr als Vertreter der Sozialisten eingeladen worden fei. Turatr erklärte in „Tempo", er werde am Kronrate nur mit Zustimmung der Partei teilnehmen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Tittoni Md Nittt verschärfen sich zusehends. Dem „Givmale d'Italia" zufolge beabsichtige Tittoni zu bßmtffiqnieten., Der „Secolo" beschuldigt die Gegner Nittis, die Meuterei d'Anunzios nach Monte Citorio gu versetzen, um das Ministerium zu stürzen. Der Bericht der Delegierten des »Joint Distribution Committee". SlewAork, 28. September. (Privat.) Am 26. v.M. fand im ,n New-York ein vsm PoeplzsS Relief CMinlttee veranstaltetes Massenmeeting statt. Gegen 3000 Personen waren erschienen, um die Berichte, der Vertreter des «Joint Distributwn Committee^, Mrx P.pe Banuy Zuck? cn>§ rin, über ihre Wahrnehmungen iti den Judenzentren Osteuropas entgegenzunehmen. Als Erster sprach Max Pi ne. Er entrollte einschreckliches Gilb der Lage dxr Juden m Galizien und. der Flüchtlings in . Wien, Er. schilderte auch den Pogrom in Lemberg und fordert« schließlich zur Zeichnung von" Spenden für den Wie de rau fbau-' fondr auf. Viel umfassender war der Bericht ZuckermannS über die jüdische Lage in Polen, in der Ukraine und m Rumänien. Die Zahl der hungernden. Juden in diesen Ländern bezifferte er mit 1,260.000.; Ergreifend war feine Schilderung der Synagoge in Brest-Lrjowsk> diin ein jüdisches Kranken- und Siechenhaus verwairdelL wurde. Im Zusammenhang mit der materiellen Not schilderte der Redner die politischen und geistigen Pogrome und bemerkte zum Schlüsse: es bereite sich eine ungeheure Katastrophe vor und es müsse allen^ die dieser Hölle entfliehen wollen, die Möglichkeit hierzu geboten werden. ' . , i Nach einem begeisterten Appell des Dr.MagneU würde die Sammlungfür.. den Zwanzig-! Millionen^ Wiederaufbaufonds eingeleitet. die jedoch, ' zur allge« meinen Ueberraschung, das verhältnismäßig geringe &>. sultat von bloß 15.000 Dollar ergab. Diese unerwartete kühle Antwort des versammelten Publikums' veranlaßt« Louis Mars hall zu einer Strafvede unk zu einem neuerlichen Appell, der hoffentlich seine kung nicht verfehlen wird. Generalstreik der Stahlarbeiter in den Vereinigten Staaten. Rew-Iork, 23. September. (Reuter.) Der sich über das ganze Land erstreckende allgemeine Stahlarbeiterstreik hat um Mitternacht begonnen. Meldungen aus Pittsburg, Chicago, Cleveland und anderen Orten besäßen, daß Tausende die Arbeit niedergelegt haben. Paris, 23. September. (Korr.-Dur.) „Chicago Tribüne" meldet aus New-Dork, daß der Streik in der amerikanischen Stahlindustrie 145 Fabriken mit 880.000 Arbeitern umfaßt, wovon fast 200.000 auf Pitt?burg und der Rest auf Cleveland und Chieago entfällt. Er ist sowohl, was die Anzahl der Beteiligten als auch die prinzipielle Bedeutung und die Folgen betrifft, der größte industrielle Kampf in den Bereinigten Staaten seit vielen Jahren. Rew-Aork, 22. September. (Reuter.) Heut« mittags gab der 4 ekretär des NationalwmiteeS für die Organisierung deS Streiks der Eisenuird Stahlarbeiter, Foster, eine Zusammenstellung heraus, wonach 284.000 Arbeiter streiken, davon 60.000 in Chicago Md 30.000 in Cleveland. Amsterdam, 28. September. Dem „Telegraaf" zufolge meldet die „TiineS" aus New-York, daß sich hunderttausend Arbeiter den heute in den AuSstand getretenen Metallarbeitern anschließen werden, wodurch die gesamte Industrie lahmgelegt werden wird. Seitens der Stahlgesellschaften wirb jedoch' versichert, haß' nrchk mehr als 35 Prozent der Aufforderung, die Arbeit niederzulegen, Folge geleistet haben. Die Fabriken werden geöffnet bleiben, da versucht wird, chren Betrieb wie bisher aufrechtzuerhalten. Die Bürgermeister der Städte, in denen die Auswirkungen fce§! Streik zur Geltung kommen könne», haben Hunderte von Sonderpolizeibeamten eingestellt und bekanntgegeben, baß Unruhestifter. sofort verhaftet werden. In weiten Kreisen befürchtet man den Ausbruch ernster Unruhen. Eine der größten Stahlgesellschaften hat sich mit zwei Millionen Dollar gegen etwaige Schaden, die sie durch die Streikunrnhen erleiden könnte, versichern lassen. PittSburg, 22. September. (Reuter.) Der Streik im Distrikt PittSburg ist gestern nachmittags mit einem Zusammenstoß zwischen Staatspolizei und einer Menschenmenge, die eine Versammlung im Freien abhalten wollte, eingeleitet worden. Augenzeugen behaupten. baß in Clarion eine Versammlung, die einen geordneten Verlauf nahm, durch Polizisten angegriffen wurde, worauf sich die Menschenmenge zerstreute. Die Menge begann bann bi« Polizisten mit Wurfgeschossen zu bewerfen, worauf die Polizisten mit Knütteln gegen die Menge vorgingen. Es wurde aber niemand erv^- lich verletzt. 19 Personen wurden verhaftet. , Mobilisierung in Armenien. Rott erd am. 23. September. ^Weuws van den Dag" meldet ans Londonr Das armenische Parlament hat an alle ausländischen Parlamente einen Bericht gesendet, in de« gesagt wird, daß die armenische Republik gezwungen sei, alle Männer Zu mobilisieren, mn das Land vor den Türke», den Kurden und den Tataren zu retten. Zn dem Bericht wird gesagt, daß die Hilfe der Alliierten vollständig unzureichend sei, «m Armenien vor einer Katastrophe, in bewahren. 3n dem Bericht wird weiters an das Rechtsbewußtsein Mtr Länder avvelliert. i