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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-23 · Heft 244 (23.9.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 244 (23.9.1919)
Date
1919-09-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dieser Vertrag verpflichtet die tschecho-flowakische Regierung Zur Lieferung von monatlich 62.509 Tonnen böhmischer Braunkohle, 259 Tonne« Rosfitzer Schmiedekohle und 2256 Tonnen Ostrauer Koks für die Versorgung der Bevölkerung, weiters von 27.599 Tonnen Ostrauer Gaskohle für die Wiener städtische« Gaswerke u«d 23.999 Tonnen böhmischer Braunkohle für die Wiener städtischen Elektrizitätswerke./ Die trostlose Kohlenlage Wiens erfahrt durch die Ratifizierung des Vertrages augenblicklich noch keine Besserung; eine solche wird erst eintreten, wenn ans Grund des Vertrages dauernd dis vollen BerLragsmengs» aus de» tschecho-flowakischen Revieren zur Verladung gebracht werden. Staatssekretär F e r d i t reist Dienstag früh mit Sektionschef Dr. Schüller nach Prag, wo sich ihm, von MährLsch-Ostrarr kommend, Ministerialrat Dr. Klotz anfchließen wird. Es ist zu hoffen, datz die Verhandlungen des Staatssekretärs Ferdik mit der Prager Negierung zu einem günstigen Abschluffe insoferne führen werden, datz die erhöhten Verladungen auf Grund des neyerr Vertrages unmittelbar ei«setzen und Wien in Hintrmst beffer beliefert werden wird als auf Grund der abgelaufenen Vertrage. Vo« Prag reist Staatssekretär Ferdik mit den genannten Funktionären nach Berlin weiter, um auch dort bei de« maßgebenden Stellen aus eine bessere Belieferung Oesterreichs mit Kohle hinzumirken. Sultan Mehmed über den, Krieg. , P a^r4 s, 22. September. In » hinter dem Korrespondenten des ,,Journal des gewährten Unterredung wies S n l L a n M e h m t b Tty daraus hin, daß er seit seiner Thronbesteigung das unter dsutschem Einfluß stehende Komitee sür Einheit nnd Fortschritt lahmlegen wollte und Latz er durch den damals noch nicht am Ruder befindliche» Ferid versucht habe, mit den Engländer» «nd Franzosen behufs Abschlusses des Friedens iu Verbindung zutreten, was den Frieden vor drei Jahre« zur Folge gehabt hätte. Erst nach der Ankunft des englischen Generals Townshend konnte« die Hindernisse, die sich den Bemühungen des Sultans entgegen- : stellten, überwunden werden. Der Krieg der Türkei sei das Werk einer Handvoll Verbrecher gewesen. Der Sultan beklagte fich, datz mitten im Waffenstillstand Gebiete d^s türkischen Reiches von Fremden besetzt werden, die der Türkei niemals denKrieg erklärt hätten. Vor allem fei es notwendig, datz türkische Unterhändler bald «ach Paris berufen werde«. Die Türkei fürchte «ichtsals Verfügungen der Konferenz, ohne selbst gehört zu werden. „Journal des DebaLS" bemerkt hierzu, datz es ein Fehler war, die Aufstandsbewegnng in Kleina sie« zustande kommen zu lassen. Man habe die Türkei nicht niederwerfe« können, sondern nur jene lahmgelegt, die der Sache der Westmächte hätten diene« können. ■ Der Minoritätenschntz in der Tschecho-Slowakei. Prag, 22. September. (Privat.) Ihr Korrespondent erfährt über den Fuh alt des in Paris geschloffenen Minoritätenschutzgefetzesr Die de«tscheu Minoritäten in, der Tschecho-Slowakei erhalten volle Autonomie ans dem Gebiete des Schulwesens, der kulturellen Angelegenheiten und der sozialen Fürsorge. Die Kosten werden aus den staatlichen Mitteln gedeckt, wobei die Minoritäten Steuerhoheit erhalte«. Die Schulautonomie gilt für Volks-, Mittel- und Hochschulen. Vor Gericht ist die deutsche Sprache in den von Deutschen bewohnten Gebiete« der tschechischen Sprache gleichberechtigt. Die Minoritäten erhalten ein B e s ch w e r d e r e ch t v o t einem in t e r- - nationalen Gor i ch t s h o s. '! Balfour tritt zurück. Paris, 22. September. Die Blätter melden aus London: Der „ S « ndrry T i m s oh zufolge werde» die Veränderungen im englifcheuKabinett geringfügig sein. Rothermere bleibt Kriegsminister. E n r z o n wird der Nachfolger B a l f o « r s. Lloyd George; sei entschloffe«, die irländische Sache energisch zu behandeln. Dom Wese« der GeheimdtploMatte. —I Wien, 23. September. . Am Eingang des Weltkrieges steht das Gefecht von Ternesch-Kubin. Am 28. IM 1914 hat der k. u. k. Minister des Aeußern dem Kaiser Franz Josef einen Bericht erstattet, in welchem er von chm die Untersertigung der Kriegserklärung erlangte. Dieser Akt nghm Bezug auf eine Meldung des vierten Korps- Kommandos, wonach serbische Truppen am Tage vorher — also noch im Frieden — bei Temesch-Kubin die Feindseligkeiten eröffnet hätten. Am folgenden Tag. also am 29. Juli, teilte Berchtold mit, daß die Nachricht von dem Gefecht sich als unwahr erwiesen und daß er deshalb aus eigener Machtvollkommenheit aus. der Kriegserklärung den bezüglichen Passus entfernt habe. Ohne dieses Gefecht hatte aber in jenem Augenblick die Kriegserklärung gar keinen Sinn. Trotzdem ist sie erfolgt und der Krieg begann mit . einer Lüge. Was für ein Stümpeiwerk ist doch die von Bismarck vorgenommene Umredigierung der Emser Depesche gewesen, die »aus einer Schamade eine Fanfare gemacht" hat. Bismarck hat einen Beistrich in einen Punkt verwandelt, Graf Verchtold aber hat ein ganzes Gefecht erfunden. Er ist damit freilich nicht aus der Rolle gefallen. Er hatte sich schon Zwei Wochen früher ein ähnliches Stückchen geleistet, indem er am 3. IM dem deutschen Botschafter in Wien nütteilte, es feien aus Senüm zwölf Männer unterwegs nach Berlin, um ein Attentat auf Kaiser Wilhelm zu versuchen. Diese Erzählung,, die durchaus eine Lüge war, hatte den Zweck» in Berlin die Zustimmung zum Krieg zu erhalten. , Man fielst-sie alle vor sich, . . di^ LeM die, in Wien, in den schicksalsschweren Tagen des Juli 1914 die Macht in Händen hatten, diese ganze Gesellschaft von hochnäsigen Grasen, die auf die Übrige Welt mit Verachtung herabblickten. Man hört sie reden und sieht sie an der Arbeit, wenn man das neue Rotbuch durchblättert. Man hatte feit jeher in der ganzen Welt ein üefbegrilndetes Mißtrauen zu den Fähigkeiten der österreichischen Diplomaten und schon während der Annexionskrise hatte der damckige französische Minister dch Aeußern, Herr Pichon,. zörmg ansgemfen, man Könne mit Oesterreich nicht verhandeln, well dieser Staat selbst nicht wisse, was er wolle. Aber daß die Methoden dieser Leute, die so stolz sind auf ihren Reichtum und auf ihre Welterfahrenheit, ganz dieselben gerissener Winkelschreiber sind, das erfährt man erst icht aus dem Aotbuch. Um nur eines heraüszugreifen: Das Protokoll des gemeinsamen Minifterraies vom 7. Juli 1914, in welchen: Tisza seine Einwände gegen eine militärische Mion in Serbien vorbrachte» wurde dem Kaiser Franz Josef erst am 16. August zur Kenntnisnahme vorgelegt; das Protokoll vom 19. Juli aber, in welchem Tisza dem kriegerischen Vorgehen zustimmte, erhiett der Kaiser schon am 6.: August. Das eben sind die Methoden der Geheimd.iplömatie, die ohne Kontrolle arbeitet und sich jeder. Kritik unter Berufung auf ihre bessere Kenntnis der Tatsachen entzieht. Es ist das Wesen der Geheimdiplomatie, daß sie jeder öffentlichen Erörterung und Verantwortung ausweicht. Das zeigte sich gerade damals. Das Parlament war durch eine mysteriöse Obstruktion der radikalen Tschechen, in deren Benützung Graf Stürgkh Meister war, lahmgelegt und zum Schweigen verurteilt worden. Es hätte übrigens damals auch kecke Krttik versucht und wäre in Loyalität erstorben, weil die Lakaien vor: unten ganz des Wesen der Lakaien von oben angenommen hatten ruck well insbesondere die Deutschnationalen den Krieg als eine heilige deutsche Sache ansahen. Hatten sie sich doch sogar vom Grafen Stürgkh, einreden lassen, er werde die deutsche Staatssprache einführen, die Südslawen expropriieren und durch deutsche Kolonisten ersetzen! In Bosnien war der Landtag geschloffen, in Böhmen durch die deutsche Obstruktion, in Innsbruck durch die italienische, in Lemberg durch die ruthenisch« mr Arbeitsunfähigkeit verurtellt. So konnten Berchtold, Stürgkh, Krobatin, Konrad und Tisza tun, was. ihnen beliebte. Der Staat ist zugrunde gegmmen, aus der großen Monarchie ist eine kleine Republik geworden. Haben sich aber die Arbeitsmethoden geändert? Man muß dies sehr bezweifeln, wenn man die Dürge, die jetzt Vorgehen^ ansieht. Die Hauptstadt Men wird von Hunger und Kalle gewürgt. Man müßte die gmrze Oeffentlichtzeit zur Mitarbeit auftufen und ihr alles sagen, was geschehen ist. Aber die Regierung sitzt einsam in ihren Palais, die Nattonalversammlung ist vertagt urrd wenn sie Zusammentritt, dann wird sie sich über die Bundesverfassung unterhallen. Fallen wir nicht wieder in die Gebeündiplomatie? Weshalb erhält die Oeffentlichkeit, die so schwer leidet und doch . im besten Willen zu Vertrauen und zur Arbeit hat, keinen Einblick in das Tatsachenmaterial? Die- Geheimniskrämerei hat in der Frage des Älnschluffes - an Deutschland schon Unheil genug gestiftet. Sie hat einmal zu ernenr sehr schweren Konflikt mit den Tschechen gefühtt. WE me Aeaierrma Verdacht und Mißtrauen wecken? r

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