Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 241 (20.9.1919)
- Date
- 1919-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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September.; ' Wenn man die europäische Lage im allgemeinen find in Mitteleuropa sowie am Balkan im besonderen objektiv betrachtet, so muß man vor allem die überaus traurige Tatsache konstatieren, daß die europäische Krise, die im Jahre 1914 zum Weltkriege führte, nicht nur nicht beendet ist, sondern stets neue Verwicklungen zeitigt. Der Umstand, daß SEreitfcageir, die früher nur Gegenstand der inneren Politik der einzelnen Staaten badeten, nun, wie die Teschener und Fiumaner Frage, allgemein europäischen Charakter annehmen, kompliziert nur die gesamte europäische Situation und macht aus innerstaatlichen Krisen universell europäische Komplikationen. ^! Will man beit eigentlichen Urgrund der nicht e'nbenwollenden Wirren erkennen und sich über die Mittel zu ihrer endlichen Beseitigung klar werden, so darf man die Tatsache nicht übersehen, daß einer der Anlässe zum Weltkrieg auch der war, daß einerseits die Maatslenker in den meisten Staaten außerstande waren, ihre sogenannten Regierungsprogramme zu verwirklichen, die Wünsche der Volksmassen, besonders inökonomischer Hinsicht, Zu befriedigen, daß aber andererseits viele Jahre vor dem Kriege bereits in den meisten europäischen Staaten^ der Parlamentarismus infolge der Progrämmlosigkeit und Zerklüftung der bestehenden Parteien versagte, die Bevölkerung des öffentlichen Lebens überdrüssig war, so daß Regierende und Negierte — wenige Ausnahmenabgesehen — vom Kriege die Lösung jener verwickelten Probleme erwarteten, welche die Stäatslenker und Gesetzgeber im. Frieden nicht zu lösen vermöchten und die nun auitzder WöltKrieg nicht loste. - - - Nach eiriÄK endlosenfünfjährigen Kriege Änd ebenso endlosen drewierteljährigen Friedensverhcmdlungen ist nun erst mit Deutschland und Oesterreich ein sogenannter, »Friede" abgeschlossen, der nicht nur, wie selbswerständlich, weitgehendste Entrüstung in den Staaten der Besiegten hervorruft, sondern, was immer deutlicher, hervortritt, auf den Widerstand weiter Kreise der Bevölkerung in den Ententestaaten stößt, zwischen denen immer neue Differenzen austauchen. Die Illusion, ein bloßer Wechsel der Regiemngen in den einzelnen Staaten könnte hier Wandlung schaffen, wird durch, die Tatsache ad absurdum geführt, daß fast das gesamte parlamentarische Parteiwesen aller Länder mit seinem durch die Entwicklung überholten und . durch .: die Ereignisse widerlegtest nationalen, religiösen und sozialen Parteiprogrammen gleichmäßig durch sein Tun und Lassen in der Vergangenheit und Gegenwart-an -diesen zum Ruin Gesamteuropas führenden Zuständen Schuld trägt. Statt nun an die Revision der alten Parteiprogramme im Sinne einer modernen Kultur- und Wirtschaftspolitik und zu diesem Zwecke zur Ueberbrückung der nationalen, religiösen und sozialen Gegensätze zu schreiten, wird die. alte Machtpolitik vor dem Kriege, die eine Hauptursache des Weltbrandes bildete, insbesondere in Mittel-Osteuropa und am Balkan fortgesetzt und. auf diese Weise die Konsolidierung speziell auch der neuen svgenannsen „Nationalstaaten" verhindert. - Der Versuch, mit Hilfe sogenannter Koalitions- Ministerien,in welchen dieVertreter der entgegengesetztesten Anschauungen ruhig nebeneinander sitzen, in Deutschösterreich, Tschecho-Slowakien, Ungarn und Jugoslawien geordnete Zustände hcrbeizusühren, ist bisher gescheitert,' die alten Parteigegensätze, die durch Jahrzehnte * in den verschiedenen parlamentarischen Vertretungskörpern tobten, bestehen ungeschwächt, in mancher Hinsicht sogar in verschärfter Tonart in den Sukzessionsstaaten des ehemaligen Donaureiches weiter und führten bereits in den verschiedenen Staaten zu Straßenexzessen in mehr oder minder großem Maße. Diese. Tatsachen sind um so unverständlicher, da ja der Zusammenbruch des dualistischen Oesterreich-Ungarn sowie der fünfjährige Weltkrieg und die sozialen Umwälzungen bereits gezeigt baden sollten, daß kein Volk auf die Dauer, auch nicht »ach einer Niederlage, vom Sieger vergewaltigt werden kann. Die geographische Lage und die wirtschaftliche Not zwingen gleichmäßig heute die sogenannten Nationalstaaten, so wie früher die Völker Oesterreich-Ungarns, über die Kopfe aller chauvinistischen und reaktionären Parteien hinweg ist zwölfter Stunde endlich zum Zwecke einer positiven, großzügigen Wirtschaftspolitik sich eng aneinander zu schließen. Die Staatslenker und Gesetzgeber der neuen. Nationalstaaten sollten sich aber wybl^hüten, die aus- Gestern wurde in deu Straßen Wiens ein Flugzettel folgenden Inhalts verbreitet:/ ~ „Trotz der in Wien täglich znM'menbeir W'oh-- nnngs- und Nahrungsmitbelnvt werden.die zugewanberün Fremden zuin Hohn aller Ausweisnngsberfügungen nicht abgeschoben. Zehntausende jüdische Faulenzer und Preistrerber prassen und wuchern auf Kosten der arbeitendem Bevölkerung. Unsere Heimkehrer und die aus slawischen Gebieten vertriebenen Volksgenossen irren wie Bettler rmterstanöslos herum. Wir fordern von der beutschöfferreichischen Regierung die unverzügliche und ausnahmslose Abschie'builg aller seit Kriegsbeginn zugetvanöerteu Ostjudlen. Jeder, der dieser öerechtigten Fordenmg zltslirnmt, erscheine bei der großen NvlfsknnbgcSung am Donnerstag den '25. September B Ufji; nal)» mittags in der Volksh'stlle des neuen RathiUrses. Hinaus mit den galizischen, polnischen und ungarischen - Schmarotzern!"!; . 1 ■’ i! Das ist! fretf- Erfolgs &cB’ •' S c schien Ausweisungsbefehles. Die Fremden können nicht aütranspvrtiert werden, weil unsere Bahnen nicht imstande sind, einer' solchen Ausgabe zu genügen. Die meistendieser Fremden haben sich in das Wirtschaftsleben der , Stadt so eingebürgert, baß die vielen .gesponnenen Fäden nicht so ohne weiteres burchrissen'werden können, wenn man nicht eine neue Katastrophedes geschäftlichen -Lebens'vhviMMschMveft/DMi. Bielen Non - - ihnen ist auch das Vermögen M:Ääjtzevher zum.Mil . beschlagnahmt worden und bevor diese., Angelegenheit nicht geregelt ist, wird man keine der betreffenden Personen zur Abreise veranlassen können. Mer der Befehl, dessen Unsinn igkeit heute jedermann klar ist, hat den Haß gegen die „Fremden" — die Bevölkerung versteht darunter nur die galizischen Flüchtlinge — noch weiter verschärft, so daß sogar der deutsche Volksrat für Niederösterreich, dessen Politik bei den letzten Wahlen überall Schiffbruch gelitten hat und dessen Mitglieder von ihrem eigenen Volk von der Kandidatentribüne hinweggejagt wurden, es wagen kann, mit einem Aufruf zu arbeiten, dessen Ziel ganz zweifellos die Herbeiführung von Straßennnruhen polnischen oder magyarischen Charakters ist. Der Versuch zu solchen Unruhen, hinter denen übrigens auch der monarchistische Pferdefuß sichtbar ist/ würde sofort das bißchen politische Unabhängigkeit, das der Friedens-- vertrag Deutschösterreich noch gelassen.hat, vernichten, da die Entente das stärkste Interesse daran hat, in dem Mittelpunkt Zentraleuvopas keine Unordnung einreißen zu lassen. Aber solche Erwägungen kümmerir weder den deutschen Volksral für dticderösterreich, dessen Vorsitzender der Landtagsabgeordnete Riehl erst vor kurzem durch seine Sokolkräwalle auf dem Nordwestbahnhof ein paar tausend Deutsche in der tschechoslowakischen Republik geschädigt hat, noch Herrn S e v e r, der weltentrückt in der Herrengasse sitzt und keine Ahnung davon hat, wozu ihn seine Beamten mißbrauchen. Die soziaMmvkvrüschen 'Hausherren des Rathauses ' Haben die Bolkshalle den Arrangeuren dieser Pogromversammlung zur Verfügung gestellt. Damit tun sie dasselbe, yst»as ihre Parteigenossen, dein Dr. Lueger so arg verübelt haben, daß er nämlich ein städtisches Lokal für Zwecke der Aufreizung der'Bevölkerung mißbrauchen ließ. Reumann als Nachfolger und politischer Erbe der Luegerei! ' - Eine Anfrage der Gemeinderäte Dr. Leopold Plaschkcs, Dr. Jakob Ehrlich und Dr. Bruno Pottak. In der gestrigen Sitzung des Wiener Gemeinderates wurde folgende Anfrage Überreicht: D^r bekannte Nusweisungserlaß unserer Landesregierung, welcher nach dem Zugeständnis des Landeshauptmannes.• S-ever' ein Stück russischer Willkür darstellt, ist völlig nNdurch-> führbar und nur geeignet, die Wiener Bevölkerung,! welche sich bisher gegenüber den Fremden gut benommen, hat, in Aufruhr 51t; versetzen und besonders..g e g e n. die jüdischen^Flüchtlinge anfzureizen..'' Sie werden gewissernräßek vor der ganzen. OLffentlichkeik als. diejenigen.gebrandnlarkt, welche den/ Hunger.UM die Wohnungsnot berschlllden, olnvohl doch jeder Einsichtige 'genau weiß, 'daß n ür De'r irnselige Ätieg, welcher fast alle Bewohner ohne Unterschied der BÄlkszügehörigkeit und Heimatszuständigteit hart betroffen hat, diese fürchterlichen . Zustände. veriirsachtd/ ° 'J.. '';. j Wir wollen aber nicht von dem ganz unmöglichen Inhalt des' Erlasses sprechen —. viele Tausende, die sich! fteiwillig zur Abreise gemeldet haben, können nicht befördert werden sondern von seinen veroerblichen Folgen fiir unsere Stadt. Wagten schon seit Monaten reaktionäre Pogromhetzer niit imnler neuen Schnrähschriften gegen die Juden, niedrige Angriffe, die der Herr tBüngMüeifter,-in GffenKöher - Ge»n-Lftcherats,itzunA mit. Elitschiedenhert 'zurückgewiesen hat, 'so/Äehineu">sD. in Wien seit einer Woche zahlreiche verhetzte Personen das 'Recht Hevaus, gegen. Juden, seien sie'Flüchtlinge oder nicht, gewalttätig vorzugehen. Uns kommen, täghichi rnehrere Mitteilungen zu, daß Juden auf den beleb testen Straßen überfallest, verspottet, angespien, an Ohren rmd ' Bärten gerissen, mit Steinen beworfen oder in anderer Weise mißhandelt werden; ja sogar mit Ermordung werden manche bedroht, falls sie sich nachdem 20. September noch in Wien zeigen sollten. Daß man in Wohnungen .von Flüchtlingen eindringt unv. ihnen unter Beschünpfungeu mitteilt, am 20. September würden sie hinansgewvrfen, ist durchaus keine Seltenheit. -Einige städtische Wohnungskommissäre fordern für den 20. September die,armseligsten Flüchtlingswohnungen' an. / Durch . Flugschriften hetz-t der deutsche Bolksrat für Wien und Niederösterreich-ununterbrochen zum, Hasse gegen die Juden auf und beruft für Donnerstag den 25: d. M., den, erstell Tag des jüdischen ^Neujahrsfestes, in die Bplkshalte des Nachauses eine Versaminlung mit ausgesprochen hetzerischer Tagesordnung ein. Wer erwägt, daß die, Heimreise der Flüchtlinge bei den vbgeschilderten Verhältnissen in den nächsten- Wochen geradezu unmöglich ist, was übrigens auch das heutige . Communique der Regierurrg andeutet,» wird' alles tun müssen, um als treuer Bürger dieser Stasi die durch Behörden fahrlässig.gesteigerte Aufregung.der Wiener einzndämmen und Vorfälle zu. verineiden,. welche das Ansehen Wiens herab setzen könnten,,, und zwar noch mehr als unüberlegte Erlässe.; , Wir fragen den Herrn Bürgermeister, ob er bereit ist, öffentlich auf die Wiener BevöRernng in beruhigendem Sinne emzuwirken, damit alle Nnzukörrnnlichkeiten gegen Fremde, insbesondere gegen die jüdischen Kriegsopfer-aus -Galizien und der Bukowina, vermieden werden, ftrmer ob er geneigt ist, die B-erfngungstellung der Bolkshalle für die Hetzversammlung voin 25.S-epftmber znrückzunehmen. »» getretenen Pfade der alten österreichisch-ungarischen Regierungs- .rmd ParteipolitiL — . welche vorwiegend von der gegenseitigen Verhetzung der Nationalitäten, Konfessionen und Stände lebte — förtzusetzen, statt endlich neue Bahnen einer modernen Staats- und Bolkepoljtik zu betreten. Es ist doch einfach unglaublich, daß man, anstatt die beiden wichttgsten Probleme, die. Völkerverständigung und den-Mb.au der Lebensmittelpreise vor allem durch Beseitigung des Lebensmlltelwuchers mit vereinten Kräften in Eingriff zu nehmen und speziell statt die wirtschaftlichen Absperrungen zwischen und innerhalb der einzelnen. Staaten auszuhrben, durch Einschränkung der Ver-- kehrsfteiheit die wirtschaftliche Not innner nicht steigert und schließlich die Beziehungen, zwischen den einzelnen Nationen durch gegenseittge Ausweisung der „Ausländer" immer von neuem vergiftet. - Eine solche Politik widerspricht nicht nur dem Grundprinzipe eines modernen Kulturnationalismns, eines wahren Christentums, einer echten Demokratie und eines konsequent internationalen Sozialismus sondern sie erschüttert das Fundament. eines jeden Staates und führt zu stets imtm inneren Krisen sowie äußeren Komplikationen, wie die Rufe „Lar von Wien!", „Los von Prag!", „Los von Pest!" »Los von BAgrad!" usw. beweisen.