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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-19 · Heft 240 (19.9.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 240 (19.9.1919)
Date
1919-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Präsident Masaryk wurde ersucht, hie Einhaltung des zwischen der deutschösterreichischen Regierung und dem tschecho-slowakischen Staate abgeschlossenen Uebereinkommens durch seine persönliche Einflußnahme zu bewirken, der Präsident äußerte sich her Abordnung gegenüber, daß er die schwierige Lage Wiens anerkenne. „Wir wünschen/ sagte der Präsident, „haß das. 'Verhältnis Wiens und Oesterreichs zu uns freundschaftlich ' sei, besonders soweit es die Kvmmunikätiöns- und ökonomischen Verhältnisse betrifft." Die Unterhändler der Gemeinde Wien waren auch nach Berlin gereist, wo sie vom Reichskohlenkonimifsär Stuß empfangen worden sind. Es wurde den Vertretern dort mitgeteilt, daß man leider die im Kohlenvertrage mit Deutschösterreich vereinbarten Kohlenmengen nicht vollkommen einhalten könne, man müsse bedenken, daß das Deutsche Reich durch den Friedensvertrag verpflichtet sei, monatlich 1'46 Millionen Tonnen Kohle an die Entente abzuführen. Außerdem leidÄ Deutschland an einer schweren Verkehrsnot, welche, dem Kohlentransporte Hinderlich im Wege steht. ' Es. war vorauszusehen, daß das in der Kohlenwirischasi Europas eingetretene Chaos durch die politischen Entscheidungen der Errtente nur eine. Vergrößerung erfahren werde. Das unbestimmte" Schicksal des vberschlesischen Kohlenreoieres, das mit seiner Jahresföcherung von 50 Millionen Tonnen für die mitteleuropgischeKohlenversorgung sehr schwer ins Gewicht fällt, läßtbieArbeiterschaftdesRevieresnichtMrRuhekommen,, eine Volksabstimmung soll in Oberfchlesien'Me Angehörigkeit des Revieres entscheiden. Fällt Oüerfchlesien an Deutschland, so bleibt Deutschland auch weiterhin der Kohlenlieferant Deutschösterreichs; komntt Oberschlesien <m Polen, so wird das Schwergewicht unserer Kohlenversorguttg in Polen liegen. Das unbestimmte Schicksal, des oberschlesischen Kohlenreoieres hat zweifellos. die alliierten Mächte auch veranlaßt, die Teschener Fragen durch eine Volksabstimmung offen. zu laffen. Gelangt Oberschlesienin polnischen Besitz, so ist es wahrscheinlich,. daß die alliierten Mächte die Entscheidung d^r, Angehörigkeit des Karwiner Revieres trotz einer etwa' M die Tschechen; ungünstigen Volksabstimmung den Tschechen züsprechen würden. Diese offenen Gebietsfragen lähmen derzeit die Bergbauproduktion in den genannten -Revieren, und die alliierten Mächte haben durch die Pariser Kohlenkommission den bisher nutzlosen Versuch gemacht, für eine internationale Kontrolle .^der Kohlenerzeugung, und Kohlenperteilung Sorge zu tragen. Die derzeitige Situation des deutschösterreichischen Staatsgebietes zeigt treffend, daß die Pläne der alliierten Mächte, Deutschösterreichs Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu garantieren, sich als hinfällig erweisen müssen. Auch die Kohlenklausel im Friedensvertrage von Saint- Germain wird uns keine Rettung bringen, nur durch den wirtschaftlichen Zusammenschluß an eines der Staatsgebiete, welches iiber ausreichende Kohlenmengen verfügt, kann Deutschösterreichs Lebensmöglichkeit garantiert werden. 1 Die Zeit drängt sehr, denn süc die Zulieferung entsprechender Kohlenmengen kommt hauptsächlich nur die Sommerzeit in 'Betracht. Schon in der vergangenen Friedenszert haben sich trotz der günstigen Transportoerhältniffe alljährlich im Herbsttermine die Schwierigketten des Bahntransportes geltend gemacht. Deshalb war es im Interesse einer klaglosen Kohlen- ' Wirtschaft, die Kohlenlager schon im Sommer zu füllen, um für den Winter Vorsorge zu treffen. Für Wien fehlt derzeit der Hausbrand, der an 3600 Tonnen Kohle täglich erfordert, der industrielle Tagesbedarf Wiens wird mit 4100 Tonnen veranschlagt. Hierzu kommt noch der Bedarf der Elektrizitätswerke, der im Sommer mit 950 Tonnen, im Asinter Mit 1500 Tonnen täglich zu veranschlagen ist, und außerdem ist noch der Bedarf der Gaswerke zu berücksichtigen,«, die, im Sommer 1200 Tonnen , und im Winter 2500 Tonnen täglich benötigen. Wien steht vor einer Katastrophe, die kaum mehr aufzuhalten ist, denn für die ausreichende Kohlenversorgung Wiens ist der Zeitpunkt verspätet, und es kann sich deshalb nvr noch um eine Reüuuasaktion der lckweraevrütten Die Kohlennot auf dem Höhepunkt. Die Stellungnahme der Gemeindevertretung. — Bevorstehender Zusammen-« brnch der städtischen Finanzen.—Schwache Hoffnung ans Hilfe in letzter Stunde? Kaum einige Tage nach dem Friedensschluß wird Wien mit einer traurigen Botschaft überrascht. Wir haben bereits gestern mitgeteilt, vor welcher Katastrophe wir durch die aus den Höhepunkt gelangte Kohlemrot stehen. Alle Bestrebungen, eine bessere Kohlenzufuhr zu erwirken, blieben, wie unsere „Kohlendelegierten" nach Prag und Berlin in der vorgestrigen Konferenz beim Staatskanzler Dr. Renner berichteten, erfolglos. 8 Uhr abends zu sperren, bereits ab Sonntag, 21. b. M., in Wirksamkeit tritt. Höchstwahrscheinlich ist, daß auch ball) die industriellen, gewerblichen und Zeitungsbetriebe vorn Bezug der Elektrizitatskräft ausgeschlossen werden. Esgilt jetzt kerne Vogel-Strauß-Politik spielen. Wir befinden uns mitten in der Mhlenkatastrophe, die einem Volks» ZitsamureriLruch letzter Stunde Hilfe. Sie wollen abermals versuchen^ mit allen Argumenten auf unsere Nachbarn einzuwirken, daß sie einerseits die Kohlensendungen erhöhen,; anderersetts uns die Aushilfe von anderer Seite nicht unterbinden. Denn die Polen wären bereit, den nütz ihnen abgeschlossenen Kohlenlirferungsvertrag einzu-i halten, doch die Tschechen obstruieren die Verwendung einer größeren Zahl von Waggons aus dem gemein-., samen Waggonbestand für diesen Zweck. j Um nichts unversucht zu lassen, werden schon 'in den nächsten Tagen Staatssekretär Z er di k, Sektionschef Schüller und Hofrat Dr. Kloß sich wieder uachs Prag begeben, um von den Tschechen schleunige Kohlen^ Hilfe zu erbitten. Von dort werden sie sich auch wachs Berlin begeben, um eine Erhöhung des von Deutsch-, land zu liefernden Quantums — jetzt sendet es uurj 40 Prozent der vertragsmäßigen Menge — durchzusetzem Das ist vorläufig wieder unsere einzige Hoffnung, die Uns schon so oft im Stich gelassen. ‘ > \l . Und noch eine Hoffnung blüht uns': Staalskanzltt Dr. Renner hat vorgestern an Clemenoeau ein«; dringende Depesche nach Paris tzestndet, worin er die! Folgen der Kohlenkrise schildert und unr Abhilfe Bittef; * ' - "'l - A Wiens Kohlenvorrat ist vollständig erschöpft, so daß der folgenschwere Beschluß, den gesamten Straßenbahnverkehr, ferner die Gast- und » Kaffeehauslokale sowie die Haustore um , gleichkommt, wie Hofrat Kloß vom Staatsautt für Handel und Gewerbe bemerkte. Wien hat. einen Kohlenb^darf von 72,000.000 Meterztntuer, das ist pxo Tag von 20 0.0 00MLter-zentner, zu decken. Der jetzige tägliche Einlaus beträgt kaum den vierten. Teil. •: /' . m;..- . .fczgestrigen SLadtratssitzung die katastrophale Kohlennot zugeben, welche eine St:lüMMahnre der GemerndevertvcLmvgi zu den erwähnten schwerwiegenden Beschlüssen in der Konferenz beim Staatskanzler erfordert. Der Stadtrat beschloß einstimmig die Maßnahmen. Es ist bezeichnend, daß, nachdem Stadtrat Daügoin sein Bedauern darüber ausgesprochen hatte,'.daß Wien von alll.t Stellen, die Hilfe versprachen, im Stiche gelassen tmwde, der Tschechischnationale Sirotekdie Erklärung abgab. auf die laudsmännischett Bergarbeiter enrwirken zu wollen, daß sie M e h r l ei st un g e n vollbringen, um größere Kohlensendungen nach Wien zu ermög-- lichen. Mit der Einstellung der Straßenbahn, die nicht nur für das gesamte Verkehrs- und Geschastsleben der Stadt ein Unglück bedeutet, ist aber auch eine Dero ute der städtischen Finanzen zu befürchten. Jeder Tag, an dem die Straßenbahn nicht verkehrt, bringt einen Entgang von 73V.WS bis 839.vW Kronen, wahrend die Lasten unvermindert fortbestehen. Da die Straßenbahn auch jetzt.trotzder Tariferhöhmrg, mtt einem Defizit arbeitet, überdies aus dem Vorjahr ein Fehlbetrag noch' unhcheckt. ist, so sind keine Reserven vorhanden, die..als Deckung für bieseir neuen Abgang dienen können und die Folgen einer längeren Betriebsstörung müßten, wenn sie auf die Gas- und Elektrizitätswerke iibergreifen, direkt zu einem Zusammeitbrrrch der städtischen Finanzen führen. ' Angesichts dieser furchtbaren Siüratwu bemwW auf eine ' ' « i'uj schwache Hoffnung i« kchler Stunvs > hürzuweisen, obzwar uns irmner wieder und' wieder die gegebenen Versprechrmgen nicht gehalten wurden, ist wohl nicht am Platze. Mer .so wie sich der Er- ' trinkende an einen Strohhalm klammert, so erwarten die maßgebenden Faktoren unserer Regierung «och in In. der gestrigen Besprechung' im Staa'tsämk für öffentliche Arbeiten, an der Staatssekretär Zerdik,! Dr. Kloß, Magistratsdirektoc Fastenbauer, Vertreter deri Landesregierung und des Jndustriellenverbandes teil-- nahmen, wurden die Details der Durchführung be§? in bet Staatskanzlei vorgestern. gefaßten. Beschlusses wegen der Sparmaßnahmen beschlossen. . " s W» Del-egMMm wr dru Prüsidentmt MasNrhL. Der Verband bet Industriellen, Kaufleirte ut^ gewerbetreibenden Deutschösterreichs hat an den Präsidenten der tschecho-slowakischen Republik, Masarpk^ folgendes Telegramm gerichtet: '!! « Herr Präsident! Wien ist am heutigen Tage ttoitj den Staatsbehörden mit der Nachricht übervascht worden,^ baß ab Sonntag den 21. d. M. infolge der unzureichen-j den Kohleneinläufe derart einschneidende Maßnahme^ in Kraft treten werden, die den vollständigen Zu-^ . sammenbruch der schwergeprüften Stadt in moralischen und wirtschaftlicher Hinsicht unmtttelb>ar zur Folge,; haben müssen, lieber die Gründe der Erfolglosigkeit der zahllosen Bemühungen unserer Staatsmänner ist nie etwas Bestimmtes , verlautbart wr-rden. Daher!! können es die Bewohner von Wien nicht begreifen^ . wie-ihre Menschenbrüder in den vom Schicksal be-! l güustigten Nachbarstaaten kalten Blutes zusehen können^ wie Wien aus seiner einstigen Pracht und Herrlichkeit zu einem Dorf geworben ist, biessen'Veivohner nunmehr; des letzten'Restes ihrer Menschenwürde beraubt werdem sollen. Pald werden auch alle Betriebe, die bisher^ mit äußerster Kraftanstrengung versucht 'haben, dass Wirtschaftsleben wieder aufzurichlen, stillstehen unrssen! Und unabsehbares Unglück wird über/die erschöpft'^ Btzvölkerrmg Hereinbrechen. Ans Gründen der Mensch^ lichkeit wendet sich der gefertigte Derb-and, die Interessen- Vertretung ehrlich arbeitender Menschen, an Sie, Herr Präsident, mit der dringenden Bttte, alles aufzubieten^ bas geeignet ist, Wien vor dem drohenden Untergang zw bewahren. Im Augenblicke der Not''muß ein Mensch', dem andern helfen und diese Hilfe erwartet Wien! von dem Volk, das Sie repräsentieren. Geben Siej Uns die Möglichkeit, daß wir Uns wieder msirichten^ können und nicht tiefer sinken. Die Kohle, die Jhrt Volk uns senden möge, wird eine.Brücke bauen zwisch^w den Herzen der Meuschmr beider Völker und'einew . Frieden begründen, den kein Staatsvertrag zu'gewähr-!! leisten imstande ist. ' .; '!! ■MBaMWMBBBBaBMBMIWMaBagMWMBMMBIIIIWnnilflWTT WW.WMIBWi Wiener Bevölkerung handeln, Wer diese Rettungsaktion muß sofort beginnen. Die Pariser Konferenz hat sich bisher als machtlos erwiesen, und wir können nicht mehr an die verheißungsvollen Pläne der Alliietten glanben, welche uns im Fnedensvertrag eine aus- . reichende Kohlenversorgung in Aussicht gestellt haben. Es ist zweifellos» daß wir zu den schärfsten Spcmnaßmhmen in der Kohlenwirtschast greisen werden müssen, aber eine Einstellung des gesamten Straßenbahnverkehres kommt nicht inehr einer Sparmaßnahme gleich, jte bedeutet den Ruin der Wiener BevÄlkemna. Und., deshalb glauben wtt, daß es den alliierten Mächten doch: gelingen muß» noch in letzter Stunde einem verzweifelten Volke zu helfen und . feine Unabhängigkeit! auch wttklich sicherzustellen. Genug der Bittgänge! nach Prag, Warschau und Berlin, genug der Versprechungen, die sich keineswegs erfüllten, das Schicksal hes deutschösterreichischen Staates muß sich ent-' sprechend seiner Lebensfähigkeit erfüllen. Die jetzige; Situatton der jungen Republik beweist wohl klar, daß die auf dem Papier sestgelegte Selbständigkeit- und UnabbänaiaKeit. nur. leere Pbraw ist..

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