Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 239 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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« Nr. 23S Men, Donnerstag : Wiener MorgenzettrmA 18. September 1919' Seite 5 Bühne und Kunst. Beginn der Konzertsaison. Die Ukrainer haben die neue Saison ebenso eingeleitet, wie sie die alte beschlossen haben: mit einem vollen Erfolg ihrer Konzerte, den sie der von uns netdvoll bestaunten inneren Organisation und künstlerischen Leitung zu danken haben. Ihr Erscheinen wirkte erfrischend, wie jede Berührung mit einer fremden Kunstwclt und brachte Anregungen, die hoffentlich nicht ohne Wirkung auf unsere Gesangvereinigungen bleiben werden, die ähnliche Ziele verfolgen, aber mit weitaus größeren -Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wo fände mau aber auch einen Mäzen, der eine Sangergesellschast so großzügig subventionieren wollte, wie der ukrainische . Staat, der 2 MMoncri Franks, also ungefähr 26 Millionen Kronen, für dscse Kapelle aufgewendet hat! Und wie anders können diese Sänger ihre künstlerischen Aufgaben bewältigen, als unsere armen Dilettanten, die ihren Dirigenten schon zufriedenstellen, wenn sie sich die-Zeit absparen, um zwei bis drei wöchentliche Proben besuchen zu können! So wird das Wunder der Wirkung dieses Chores verständlich und die unvergleichliche Präzision, die sorgsame dynamische Äbschattierung, die Sicherheit in der Beherrschung jeder Note findet in der intensiven Probenarbeit ihre ausreichende Erklärung. Frerlich steht ein Künstler an der Spitze der Bereinigung» der mit seinen Leuten auch etwas auzufangen weiß Herr K o s ch h H j ist ein Dirigent von Routing Geschmack, Energie und Temperament. Er kann diesen Sängern Wirkungen abringen, die man auf dem Gebiete der Vokalmusik kaum für möglich gehalten hätte. Es ist schade, daß der Wiener A esxsIla-Chor, den Eugen Tl)omas leitete, schon so lange seine Tätigkeit eingestellt hat. Es wäre intereffant, Vergleiche mit den Leistungen der Gäste anzuftellen, doch glauben wir auch aus der bloßen Erinnerung entscheiden zu können, daß die Wage sich auf die Seite der Gäste neigen müßte. * Es zeigt sich also, daß auch in Fragen der Kunst der Kapitalisnius ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Nie wurde dies so demlich fühlbar, als in diesem Jahre, wo inmitten der allgemeinen finanziellen Bedrängnis die Not der Künstler laut lun Abhilfe ruft. Soziale Krisenstimmung hat sich auch des Musiklebens bemächtigt und läßt ernste Sorgen für den nahenden Winter'aufkommen. Zu der als id<5e fix© alles bedrohenden Kohlensrage gesellen sich die Lohnkämpse der Orchestermusikcr deren Gagen mit der herrschenden Teuerung längst nicht mehr im Einklang stehen. Eine Schrift des Orchestervorstandes des Konzertvereines*) wirft Helles Licht auf die finanzielle Lage der wichtigsten Träger unserer Wiener Musikkultur» Man erfährt, daß rin Solist bis K 15.000 pro Abend bekommen kann, während das Begleitorchester K 1350 erhält, obwohl sein Tagesetat K 1800 bis K 2000 beträgt! Der Orchester* musiker verdient bei angestrengtester Arbeit K 450 bis K 500 monatlich, ein Betrag, der heute als Wochenlohn des Handwerkers gilt. Die Kino- und Kaffechausmusiker -sind dem Zug der Zeit entsprechend weitaus besser gezahlt und erhalten,^ wie es heißt, doppelt - soviel als die Philharmoniker! Es ist ein öffentliches Geheimnis, . daß so mancher ' Zögling unserer Meisterschulen beim Kino seinen Lebensunterhalt erwirbt und da wir heute in der Beurteilung solcher Dinge so weit sind wie Amerika schon seit langem, wird ihm niemand darüber Vorwürfe machen. Der neue Kollektiv- Vertrag des Musikerverbandes setzt allerdings Minimalgagen von K 900 f bis K 1000 fest, aber tote solche Beträge aufgebracht .werden sollen, ist keinem der Beteiligten klar, besonders da Versuche, die Erhöhung in vollem Ausmaß auf das Publikum zu überwälzen, nach emxm Vorfall der letzten Tage bereits als gescheitert betrachtet werden können. « Trübe Aussichten also, wohin man auch blickt. Der Zuzug ausländischer Künstler ist durch unseren Wahrungstiesstand . gehindert der Weiterbestand unserer einheimischen Institutionen gefährdet. Und doch wäre es übel angebracht, den Mut sinken zu lassen. Die Devise „arbeiten nnd nicht verzweifeln" kommt dem Wiener Optimismus gerade recht, man war noch selrcn so unternehmungslustig, als in dieser Zeit allgemeinster Behinderung. Wenn alle Musikerträume reifen sollten, müßten wir noch rasch ein zweites Kouzerthaus bauen und eine dritte Oper dazu. Alle Säle bis zmn Frühjahr gesetzt, eine Unzahl von Verträgen abgeschlossen. Das wertvollste Alte nnd Neue in Vorbereitung, zum Enrpfang der Konzert- .sasson ist alles gerüstet. Sie möge kommen md mit erhöhtem Glanz und Gelingen allen berechtigte» und unberechtigten Pessimismus zu schänden machen! Dr. Konrad Mari!. Die Lohnbewegung der Bühnenkünstler. , Der Stand der Lohnbewegung unter den Bühnenkünstlern wird am besten dadurch gekennzeichnet, baf): sich der Präsident des Oesterreichischen Bühnenvereins, -Herv F v t e st zum Rücktritt entschlossen hat und baß auch andere Vorstandsinitglteder demissioniert haben. Herr Forest legte sein ^lmt nieder, weil er die Haltung'der Lokalverbaude an den Wiener Bühnen bei den Verhandlungen ’ mit b«n Theaterdirektoren mit seiner Person nicht decken wollte.. Die schlagfertige Organisation der technischen Verbände hat nämlich für die technischen Theaterhilfskräfte solche Erfolgei erzielt, daß diese Hilfskräfte weit besser gestellt sind, als das dar st eilende Personal. So, soll das Gehalt einer Garderobesran größer sein als die Gage mancher Schauspieler. Im Bühnenverein gibt man sich alle Mühe, Herrn /Forest von seinem Rücktrittsvorhaben abzubringen. Die Mitglieder des Orchesters der Oper, die wegen Erhöhung der Bezüge an ihre Direktion herangetreten sind, *) „Die Krise der Wiener Konzertorchester" von Friedrich W e d l. Wim. me Selbstv^lgg des Verfassers, haben, wie wir erfahren, gute Erfolge erzielt. Die Verhandlungen sind dem Abschlüsse nahe und es soll ein großer Teil der Ansprüche der Mitglieder des Opernorchesters befriedigt worden sein. Aus den Theatern. Operntheater. Herr Dr. Schipper ist von seiner Indisposition noch nicht so weithergestellt, um am Donnerstag den „Fliegenden Holländer" singen zu können. Es wird daher diese Vorstellung abgesagt und gelangt an Stelle des „Fliegenden Holländer" „Tannhäuser" zur Ausführung. Die für den „Holländer" gelösten Bilette haben für „Tannhäuser" keine Gültigkeit und werden an der Tageskasse, I., Bräunersiraße 14, respektive Abendkasse zurückgenommen. Für „Tannhäuser" werden neue Karten (gewöhnliche Preise) ausgegeben. — Morgen Freitag ■ wird „Ca rmen" aufgeführt. Anfang 6 Uhr. * Heute Donnerstag. 7 Uhr, populäresOrchesterk o n z e r t des Konzerivttein-Tonkünstler-Shmvhomeorchesters im großen Konzerthaussaale. Dirigent: Anton Konrath. Mitwirkend : Herr Angrlo Kekstssoglu (Klavier). Karten an der Konzert Hauskasse und bei Kchlendorfer. ■ *. Morgen Freitag den 19. d. M. findet der e r st e i n t i m e Abend der „W i e n e r K a m m e r k u n st" im Kammermustksaale de8 Musikvereinsgebäudes statt. An diesem Abend wird das Alt-Wiener Kammcrquartett (Machek-Hüttner-Tautenhapn-Zittritsch) alte und neue Wiener Musik in der Besetzung »für zwei Geigen, Akkordeon und Gittare zum Vortrag bringen. Besonderen Reiz gewinnt der Abend durch die Mitwirkung der Konzettsängerm Klara Musil. Karten bei Kchlendorfer (Krugerstraße) und im Musikvereinsgebäude (Karlsplatz). * Im I o h a n n.S trauß-TH eater gelangt übermorgen, Va3 Uhr, als erste Samstag-N a ch m i t t a g- Vorstellung „D i e F 8 r st e r ch r i stl" zur Ausführung. * Im Burgtheater gelängt morgen Freitag den 19. d. M. das Lustspiel „Renaissance" zur Ausführung. Anfang Va7 Uhr. — Wie w-r vernehinen, haben Karl Forest und Traute E a r l s e n mit Direktor Heine vom Burgtheater einen Vertrag abgeschlossen, der das Künstlerpaar vom l. d. M. an aus mehrere Jahre für die Staatsbühne verpflichtet. Die Leitung der hosärarischen Verwaltung hat den Vertrag genehmigt. Fernes wurde Herr Karl E i d l i tz, ein gebürtiger Wiener, der bisher an rerchsdeutschen Bühnen tätig war, als jugendlicher Heldendarsteller an das Burgtheater verpflichtet. * ImDeuts chen Volkstheater gelangt Samstag den 20. d. M. das dreiaktige Lustspiel „Meine Frau die Hofschauspielerin" von Alfred Möller und Lothar Sachs zur ersten Aussühmug. Spielleiter Dr. Heinz Schulbaur. * Am Wiener Stadttheater wird morgen Freitag der Ibsen-Zyklus fortgesetzt. Es gelangt „Stützen der Gesellschaft" mit Hans M a r r und Haust Niese in den Hauptrollen zur Aufführung. » In der N e u e n W i e n e r B ü h n e geht Samstag den 20. d. M. die deutsche Uraufführung der Komödie „D i e gelbe L i l i e" von Ludwig B i r o mit, den Damen B e r g n e r, W e n g e r d t, V i e r a uns» den . Herren M e n d e s, I w a l d, Lessen, I e n s e n. Stärk, Hendrichs, S ch r e i b e r, L o v r i c in den Hauptrollm in Szene. Die Vorstellung begimtt präzise 6 Uhr. Spielleiter Ludwig Stark. _ »Edom." Das neue Mittelalter, in dem wir leben, bringt dem jüdischen Volke Verfolgungen, wie sie das Zeitalter der Kreuzzüge kaum kannte. Nebcr jene Unglücksperiode berichtet da§ Buch „E'd o m" mit jener Anschaulichkeit, die nur den Zeugnissen von Zeitgenossen eigentümlich ist. Diese tragischen Dokumente werden den Sinn für \>it historische Erfassung des ewigen jüdischen Leidens schärfen. Preis gebunden, mit Buchschmuck von Josef Budke, K 15.—. Zu beziehen durch R. Löwit, Buchhandlung, I., Rotenturmstraße 22. Zu den jüdischen Feiertagen erscheint der Jüdische Nationalkalender 5680 5. Jahrgang * Herausgegebe« von Otto Abeles und Ludwig Batö Umschlag und Buchschmuck von Jakob Löw Dieses zionistische Jahrbuch wird unter anderem Beiträge enthalten von: Schalom Asch, Ch. N. Bialik. Uriel Birnbaum, Max Brod, Z.P. Chajes, L. A. Frankl,Artur Freud, Eugen Hoeflich, Hermann Kadifch, Leopold Kompert, Gottlieb von Leon, Anitta Müller, Ernst Müller, I. L. Perez, Marek Scherlag, Abraham Schwadron, Ernil Stein, Robert Stricker, Robert Weltsch und Arnold Zweig K««nrvo»te. / Reicher Bilderschmuck. / Preis bei Borausbesiellung K.O./Bestellungen sind zurichten an den Verlag Jüdische Zeitung Wien, 2. Bezirk, Taborstratze t Schreib Leopold Steinhart, Wien, I.,Viberstraße 9. «-schilt« Größte Auswahl! Billigste Preise! 1 Die Ernährung. Der Marktbericht. Der Besuch der Markte war .gestern schwach, irotzden,:. konnte mit den zur Verfügung stehenden Mengen an G.cmüst nur knapp das Auslangen gefunden werden. Sowohl hie An-; fihtfle an feldmäßig gebautem Gemüse als auch an Gartncrwar» waren gering. Reichlich find nur die Ankünfte an Mais alv Kolben und Zwiebeln. An O b st gab es wieder nur Aepfel und Birnen. Die Großmarkthalle war nahezu ohne Fleisch' angebot, bloß Reste von Rindfleisch standen für die Nachzügler -' zur Verfügung. Auf dem F i s ch m a r k t e kamen Schellfische, Brachsen und Weißfische zum Verkaufe. Der Naschmarkt verfügte auch über eine klein: Sendung Geflügel, bestehend aus Enten und Gänsen, die aber zum Teile recht minderer Qualität waren. Eier kamen nur in kleinen Mengen zum Verkaufe. Heut« dürfte sich die Eierversorgung besser gestalten. In der Vlktüalicnhalle im dritten Bezirke werden für dm heutigen Verlauf ungefähr, 80 Kisten z»r Verfügung stehen. Rudolf Feldschuh, ll.» Praterstratze 54,_ Zucker* abgabe für Juli, Schokolade, Tee, Kakao, Tischweine, Sardinen usw. Geöffnet von 8 bis 12 und bis 8 Uhr abends.' Sport. Zn Aussig fand Sonntag ein Auswahlspicl zwischen •< Schlesien und Böhmen statt, das die Schlesier, für die die komplette Mannschaft des D. S. V. Troppan spielte, 3:1 (1:1) gewannen. Die Berliner Auswahlmannschaft schlug über»' rcischmderweise das Münchner Team 3:1. ' f / (• y f in allen Preislagen. Reparaturen unter Garantie, Farbbänder fnt alle Systeme, erstklassiges Material: ‘ Leop Kurzer, Wien, M., Westbcihnstraße 23, . Telehpon 31587. sea Gerichtssaal. Linsen statt Saccharin. Vor dem Obersten 'Gerichtshof fand hellte unter Vorsitz' des. Hofrates Dr. Beisser die Kassationsverhandlnng über eine Nichtigkeitsbeschwerde des vom Landesgerichte zn drei Jahren Kerker verurteilten Ferdinand Kreith n t r statt. Kreithner hatte unter anderem , an der .Besitzerin des! Hotels Sacher in Gesellschaft eines gewissen Bögler einer: eigenartigen Betrug verübt. Der Angeklagte begab, sich in Gesellschaft eines Komplicen, der Uniform trug und des Friseurs Jäkvb Paschke in bas genannte Hotel und! bot der daselbst angestellten Korrespondentin, Stefanies! Pragersdorser, 41/2 Kilogramm Saccharin zum Presse von 1000 Kronen pro Kilogramm zum Kaufe an. Paschte bemerkte, er habe gehört, daß die Besitzerin des Hotels den.; Süßstoff zn kaufen sucht. Vogel stellte den Rucksack, in welchem sich angeblich das bezeichnet« Quantum befinden sollte, auf den Boden. Die Pragersdorser erklärte sich zum Kaufe bereit. Sie griff ben Sack an nnd sprach den Verdacht ans, daß der Sack Linsen enthalte, da sich der Inhalt wie Linsen ansuhle. Vogel riß hierauf den Sack an einer bestimmten Stelle arrf, wo sich tatsächlich einige Dekagramm Sacchavin'be-- fanden. Alle andere»: vernähten Stellen, die jedoch fieüt: Verkaufe im vernähten Zustarrde verblieben, enthielte,: Linsen. Die Pragersdorser bezahlte fiir die wenige:: Dekagramm Saccharin und für 41/3 Kilogramm Linsen 4500 Krone». Der Angeklagte bestätigte den Empfang des Geldes, mit dein Namen Baron Renner von Kr 0 mp holz. Nachdem sich der Angeklagte mit dein Soldaten Vogel entfernt hatte, kam der Schwindel auf. In der von denr Angeklagten erhobenen» Nichtigkeitsbeschwerde wurde ausgeführt, daß er selbst von dem Betrüge keine Ahnung hatte; denselben habe Vogel ansgeführt. Kreithner habe bereits mehrere solche Saccharingeschäste mit VvLel.gemacht und diese ftien alle in ganz korrekter Weise verlausen. So habe er unter arideren: dein Besitzer des (Lass Westend ge»neinsau: mit Vogel Saccharin verkauft. Es liege ein Nichtigkeitsgrnnd deshalb vor, weil der Anttag, über diese korrekten Geschäfte Zcilge,: einzuvernehmen, abgewtesen ivorden sei. Kreithner hatte keine Ahnung vor: der „Konstruktion dieses LchmiigglerrucksackeZ"^ Der Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft bcrnerkte, daß di« Zeugen höchstens aussagen könnten, der Angeklagte, habe früher reelle Geschäfte gemacht-, diese Aussage siehe aber i» keinem Zilsamntenhang mit dem gegenständlichen Peltügsfäktum. Daß ec früher die Säccharingeschäfte ordentlich.ab« wickelte, schließ« nicht ans, daß er diesmal betrogen habe'. Der Oberste Gerichtshof hat die Nichtigkektsbeschweroe i> c rw 0 r > c:^. ' .!@"@!H